Mittwoch, 28. Dezember 2011

Zum Jahresende: 1815-1818 LACMA Woman's White Dress


An dieser Stelle mögen mir meine werten Leser ein paar einleitende Worte vorab gestatten.
Neben der häufig gestellten Frage, warum man eigentlich historische Kleidung nacharbeitet (eine Fragestellung, die mir zugegebenermaßen auch manchmal in verqueren Nähstunden in den Sinn kommt), höre ich oft, ob es mir persönlich eher liegt nach Modekupfern zu interpretieren oder nach orginalen Fundstücken aus Museen zu arbeiten.
Sicherlich bietet letzteres einen besseren Einblick in die Konstruktion, die verwendeten Materialien und die Nähtechnik, während Modekupfer ja zumeist eine Idealisierung darstellen. Aus diesem Grund schätze ich die konkreten Aussagen, die mir die Bilder (mit Zoomfunktion) der Museen bieten, außerordentlich...allerdings warten auch die Modekupfer der historischen Magazine mit einem entscheidenden Vorteil auf:
wo historische Originalkleider nur durch einen lückenlosen Herkunftsnachweis zeitlich und auch in Hinblick auf ihre Bestimmung eingeordnet werden können, liefern uns Modekupfer diesbezüglich exakte Fakten.
Kleider können auf den Monat genau bestimmt werden und zudem bekommt man mitgeteilt zu welchem Anlass das Kleidungsstück angedacht war.
I hope my dear readers allow me a rant beforehand.
Next to the question why I sew interpretations of historic garments (a question, which sometimes arises in my very own mind when sewing gets weary), I'm often asked wether I prefer sewing after  fashion plates or extant garments from museum's online collections.
Surely the latter offers a much better insight into construction, chosen materials and sewing techniques, while fashion plates are often idealized impressions. Due to this I very much appreciate the photos, which various museums nowadays deliever (with amazing zooming-in)...on the other hand fashion plates have one huge advantage:
where extant garments can only be filed with an exact date and occasion of wear when they have a complete provenance, fashion plates always deliever exact facts.
Garments can be filed precisely by year and month and we get to know clearly to which occasion a certain dress was meant.

Genau aus diesem Grund blieb meine Aufmerksamkeit an dem Kleid aus der Sammlung der LACMA hängen. Viele Details hatte ich so noch nicht gesehen. Auch die zeitliche Einordnung ist nur sehr vage. 
Je mehr Zeit ich mit dem Kleidungsstück am Nähtisch verbracht, umso häufiger fragte ich mich: 
zu welchem Anlass mag es entstanden sein?
This was the reason why the dress from the LACMA collection tickled my attention. Many details of the dress were completely new to me. The date of origin is quite vague.
The more time I've spent with this dress at the sewing table, the more I wondered:
for what occasion was this dress meant?

Der Kragen mit den vier eingenähten Kanälen, die im Nacken gebunden werden, sowie das "falsche Fichu", das an der Schulternaht angesetzt wurde
The high collar with four channels, which are closed at the back of the neck and the "false Fichu", which is sewn in on the shoulder seams


Vorne erkennt man die beiden Teile des "Fichus"
The bodice's front with the two pieced "fichu"


Ein Blick ins Innere. An der Taille ist - wie beim Original - ein Band eingefügt, das außen (an der Oberkante) mit einem einfachen Vorstich vernäht wurde. Während der Stoff des Kleides ein Streifenstoff ist, besteht das Band aus einem schlichten Baumwollstoff, aus dem auch das Futter ist
An inside view (from the back opening). There's a band attached at the high waist on the outside it is sewn with simple running stitches. While the outer fabric is a striped cotton, the band is made of plain cotton - the same fabric of which the lining is made


Ein Detail des Ärmels. Am unteren Aufschlag befinden sich vier Kanäle, während am oberen Ärmel zwei weitere Kanäle eingenäht sind. Durch die Kanäle wird ein Baumwollband gezogen.
A detail of the sleeves. There are four channels at the "cuffs", while there are two further channels on the upper sleeve. A cotton ribbon is inserted into the channels.

Für das Kleid habe ich (im Gegensatz zum Original) sehr feinen gestreiften Baumwollstoff verwendet. Ich habe ca 6.5m bei einer Stoffbreite von 0.90m benötigt. Es kam eine feinere Spitze an den Ärmeln zum Einsatz, sowie eine einfachere Häkelspitze rund um das Fichu. Der Rock besteht aus 5 Teilen.
I've chosen a superfine striped cotton (in contrary to the original garment, which is made of cotton gauze). I needed approx 6.5m of 0.90m width. There's fine lace on the sleeves, and a plain crocheted lace on the fichu. The skirt is made of 5 pieces.


In meinen Augen wirkt das Kleid wie ein Tageskleid für den Sonntag
In my eyes the dress reminds me of a Sunday's day dress


Leider gibt es von dem Original kein Bild von der kompletten Rückansicht, also habe ich nur zwei Knöpfe als Verschluss gewählt, einer sitzt wie beim Original unterhalb des Kragens
Unfortunately there's no complete view of the original's back, thus I've chosen only two buttons for closure. One button sits (like the original dress piece) close at the collar.


Bei dem Original besteht der Knopf aus einem mit Baumwolle überzogenen Ring, wobei der Baumwollstoff bestickt wurde. Ich habe stattdessen zwei alte Wäscheknöpfe (Dorsetbuttons) benutzt
The original garment closes with two buttons, which are made from a ring covered with embroidered cotton. I've taken two dorset buttons instead

Unter dem Kleid trage ich übrigens ein ärmelloses Unterkleid, ein Korsett aus Baumwolle, einen baumwollenen Unterrock, lange, weiße Strümpfe und Damenhalbschuhe von Robert Land Footwear.
With this dress I'm also wearing a sleeveless shirt, a corset made from cotton, a cotton petticoat, long white stockings and Lady's shoes from Robert Land Footwear.

Komplettiert wird das Ensemble mit einer passenden Haube aus superfeiner Baumwolle. Auf dem Bild gut zu erkennen, das angesetzte Fichuflügelchen an der Schulternaht.
The dress is completed with a cap of superfine cotton. Pictured below is also the fichu wing, which is attached at the shoulder seam.

Das ist nun auch das offiziell letzte Kleidungsstück in diesem Jahr. Im Januar geht es dann zur Abwechslung mal "Zurück in die Zukunft"! 
Wieder einmal hat mich das Kyoto Costume Institute (KCI) inspiriert und nach einem bereits zurückliegenden Ausflug in das Jahr 1820, verschlägt es mich diesmal in das Jahr 1826 - ich hoffe, meine lieben Leser sind wieder mit dabei!
Also, auf einen guten Rutsch ins Jahr 2012!
This is officially my last dress for this year. In January I'm determined to go "Back to the future"!
Once again the Kyoto Costume Institute (KCI) has inspired me and after a recent excursion into the year 1820, I'm now bound for the year 1826 - I hope my dear readers will join me!
Have a happy start into the New Year 2012!

Sonntag, 18. Dezember 2011

Fundstücke Dezember

Was bietet sich als Fundstück im Monat Dezember - 
der Zeit in der sich vor den Feiertagen traditionell alles ums Essen zu drehen scheint und die Küche nicht selten zum (Verzeihung!) Schlachtfeld wird - 
besser an, als ein Beitrag über die Eßgewohnheiten unserer Vorfahren?
In diesem Zusammenhang fielen mir die folgenden unterhaltsamen Episoden ein - zugegebenermaßen vielen sicherlich bereits bekannt, aber dennoch immer wieder amüsant!
Also los geht's zu einem interessanten, aber nicht immer ernst gemeinten, Blick in die Töpfe, Tassen und auf die Teller des Regencys:
What would be a better find for the month of December - 
the time of the year when - facing the holidays - everything is about food and not few kitchens turn into a (apologies!) battlefield -
then to take a peek at our ancestor's eating habits?
Thinking about it, the following episodes popped into my mind - admittedly some of you already know them by heart, but they are highly entertaining nonetheless!
Please join me for an interesting, but not always too seriously taken, look into the pots, plates and cups of the Regency:


Samstag, 10. Dezember 2011

1814 Redingote de Velour

Nun kann der kalte Winter kommen! 
Pünktlich zum Kälteumschwung im Dezember, findet sich in meinem Kleiderschrank
eine Redingote de Velour entstanden nach dem Modekupfer des 
Costume Parisien (No 1373) aus dem Jahr 1814.
Now the frosty winter may come! 
In time for December, there's a new addition to my wardrobe, inspired by the 1814 Redingote de Velour from the Costume Parisien (No.1373).
Zur Verwendung kamen 3.5 m dunkelrote reine Schurwolle (der Stoff liegt 1.5 m breit), dunkelgrüner Futterstoff aus Baumwolle in den gleichen Maßen, sowie ein Quadratmeter wunderschöner Kunstpelz (Fuchsfellimitat).
I've chosen 3.5 m burgundy coloured pure wool (the fabric is 1.5 m wide), bottlegreen cotton for lining and one square metre beautiful fake/faux fur (faux fox).

Die Redingote ist komplett gefüttert. Bei dem Kragen handelt es sich um einen Schalkragen.
The redingote is completely lined. The collar is a so-called shawl collar.

An die hohe Taille angesetzt ist ein Gürtel, der im Rücken zu einer Schleife gebunden wird. 
There's a belt sewn to the high waistline, which leads into a cute bow at the centre back.

Mit Fell besetzte Mäntel und Spencer waren im Winter natürlich sehr begehrt, keine Modezeitschrift kam im in der kalten Jahreszeit ohne sie aus. Eine ähnliche Redingote wie die im Costume Parisien gibt es auf einer "Karikatur" des Le Bon Genre mit dem Titel "Le contraste en le chapeau colour de rose" von 1815. 
Coats and spencer with fur trim have been quite fashionable in winter and there are plenty of variations in different fashion plates. One similar Redingote is shown in the caricature of Le Bon Genre called 


Hatschi!!! 
Trotz wärmender Redingote und Muff (beides aus Kunstfell), sind stundenlange Spaziergänge in der Kälte nicht unbedingt förderlich für die Gesundheit!
Achoo!!!
Even with a cosy redingote and a giant muff (both made of faux fur), very long walks in the cold are not recommened!

Also umdrehen...
So, turn around...

...und schnell nach Hause...
...and hurry home...

...zu einer guten Tasse heißer Schokolade!!!
...for a steaming cup of hot chocolate!!!

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh'

Heute habe ich einen außerordentlich fabelhaften Vormittag in unserem Städt. Museum in Menden verbracht.
Die Leiterin des Museums hat mir freundlicherweise eines der wunderbaren gläsernen 
Schätzkästchen aufgesperrt!
Today I've spent an amazing morning at our local museum in Menden. The head of the museum granted me a wish and opened one of the glass' treasure chests for me!

Es war mir gestattet ein Paar wunderschöne Brautschuhe aus Seide aus der Zeit um 1850 (die noch viele Merkmale der Schuhe um 1800 tragen) nach Herzenslust und mit der gebotenen Vorsicht zu untersuchen und fotografieren. Und darüber hinaus erhielt ich die Erlaubnis das Ergebnis meiner Studien mit meinen Lesern zu teilen.
  Very much to my heart's delight, I was allowed to examine and photgraph a beautiful pair of 1850s silk wedding shoes (which still have lots of hallmarks in common with Regency shoes). And I also have the permission to share my studies with my dear readers.

Als ich die Schuhe aus der Vitrine nahm, war mein erster Gedanke, "Meine Güte, was für winzige und zarte Füße müssen einst darin gesteckt haben."
My first thought while taking them out of the glass chest was like "Oh my, how petite, delicate and tiny must those feet have been, who walked in these slippers."

Das Obermaterial der Schuhe besteht aus elfenbeinfarbenem Seidentaft (außen) und Ziegenleder bzw Baumwolle (innen). Die Dekoration besteht ebenfalls aus Seidentaft und feinster Spitze.
Die Sohle besteht aus 3mm dickem Sohlenlder.
Vorne ist der Schuh kantig geschnitten, wie es in den späten 1820er in Mode kam.
The uppers are made from ivory coloured silk taffeta (outside) and kid leather and cotton (lining).
The emeblishment is made from the same silk taffeta and beautiful lace.
The sole is made of sturdy 3mm sole leather.
The front of them vamp is cut square, which starts to became fashionable in the late 1820s.

 Die Länge der Schuhe beträgt innen 23 cm und außen 23.5 cm, das bedeutet, wir haben es mit einer heutigen Größe 36 zu tun.
The full lenght of the shoe measures 23 cm on the inside and 23.5 cm on the outside, which today's equivalent is a modern size UK3/US6.

Die Absätze (die mich ein wenig verwirrt habe, weil sie mich spontan eher ans 18. Jahrhundert denken ließen) der Schuhe sind 5 cm hoch und mit Seidentaft bezogen. 
Hinten ist keine Naht, der Schuh wurde also aus zwei Teilen genäht.
Bei näherem Betrachten erkennt man, dass die Seide des vorderen Teils des Obermaterials in Laufrichtung der Stoffkante geschnitten wurde, während der hintere Teil entgegen des Stoffverlaufs zugeschnitten wurde. Das verleiht dem Schuh einen herrlich lebendigen Glanz.
The heels of the slippers (which puzzled me big time, because they reminded me more of the 18th century) measure 5 cm in height and is covered with silk taffeta.
There's no back seam, the shoe was sewn from two parts only.
If you examin them closely you suddenly see, that the silk of the front part of the uppers is cut with the selvedge, while the back part is cut against the selvedge. This gives the shoe a lovely and lively shine.


Ein anderes Merkmal, das auch in der Zeit um 1800 bei Schuhwerk zu finden war, ist, dass die Schuhe auf geraden Leisten geschnitten wurden. Die Sohle am hinteren Absatz wurde angenagelt, während der komplette Schuh in einer Wendetechnik gefertigt wurde.
The slippers are constructed on straight lasts. The top piece on the heel is attached with tiny nails, while the complete shoe is made of turnshoe construction.

An dieser Stelle ein paar - hoffentlich - interessante Abmessungen:
Here are a few - hopefully - interesting meausrements:
Länge der Sohle/lenght of the sole: 23.5 cm
Breite der Sohle/Width of the sole
Spitze vorn/ square front: 3 cm
Vorn Mitte - breiteste Stelle/ front - widest part:  6 cm
Mitte schmalste Stelle/ waist: 3 cm
(Innen mißt die Breite/measurement of the waist on the inside: 3.5 cm)
Breite Ferse/ width seat: 5 cm
Der hölzerne Absatz ist eingehalten, sodass der Fuss 3.5 cm von der hinteren Kante auf dem Absatz steht. Der Absatz mißt 3.5 cm x 3.5 cm.
 Hinten hat er eine Höhe von 5 cm, vorne mißt er 3 cm. Die Sohle ist dadurch leicht gebogen.
The wooden heel is slightly taken in, thus the top piece sits 3.5 cm from the back.
The top piece measures 3.5 cm x 3.5 cm.
The back of the heel is 5 cm, while the front of the heel measures 3 cm. The sole is slightly arched.

Die Front des Schuhs (Obermaterial) hat von der Spitze bis zur Dekoration eine Länge von 8.5 cm. Von dort bis hin zur Seitenaht sind es 4.5 cm. Direkt an der Spitze von rechts nach links im Bogen sind es 6,5 cm Höhe, unter der Dekoration im Halbbogen schon 16 cm. 
Der Schuh ist vorne deshalb so hoch geschnitten, damit die Zehen Platz finden.
Die Seiten haben eine Höhe von 5 cm und zur Ferse hin etwa 6 cm.
The vamp measures 8.5 cm in lenght. From the top of the vamp to the side seam it's 4.5 cm.
The width (arch) of the vamp's front is 6.5 cm, while it measures 16 cm at the top of the vamp.
The vamp is cut that high, to give place for the toes.
The quarters have a height of 5 cm, which slightly rises to 6 cm at the back.


Das Sohlenleder wird innen von einer Einlage aus weißem Ziegenleder verdeckt. Die Dekoration besteht aus jeweils drei Rosetten aus Seide und Spitze, die in der Mitte eine größere Rosette umschließen.
The sole leather is covered with white kid leather on the inside. The decoration are six rosettes made of silk and lace, which embrace a bigger rosette in the middle.

Über den Wrist des Fußes läuft ein verziertes Band mit Seidenrosetten und einer Seidenschleife, die auf einen streifen Steifleinen und dann auf ein Baumwollband monitert wurden.
There's a strap running across the arch of the foot with further silk rosettes and a silk ribbon, altogether first mounted on a strip of buckram and then on a plain cotton strap.

Hier erkennt man genau, dass für den hinteren Teil des Futters Ziegenleder verwendet wurde, während der vordere Teil mit einem beigen Baumwollköper gefüttert wurde. Das abschließende Band ist ebenfalls aus dem Seidentaft des Obermaterials. Innen ist es mit einfachen Rückstichen vernäht.
It's recognizable that the back part of the uppers is lined with kid leather, while the front is lined with cotton twill. The ribbon, which is attached round the quarters is made of self fabric. It's sewn with big backstitches to the inside.

Dank dieses herrlichen Vormittags habe ich viele neue Dinge über die (Wende-)Schuhkonstruktion erfahren, was mir hoffentlich hilfreich sein wird, wenn ich mich demnächst an mein erstes Schuhprojekt begebe. Die Materialien liegen bereit und vielleicht kann ich dann demnächst die hier an den Füßen herzeigen.
Due to this lovely morning at the museum I have learnt a ton about (turn)shoes, which hopefully will be of use when I start with my planned, but procrastinated shoe project. Meanwhile I have gathered all the material and maybe I can show these on my feet one day soon.

Für alle, die auch von Schuhen träumen, das Abenteuer aber nicht selber in Angriff nehmen möchten, sei auf die Seiten von Robert Land Footwear und American Duchess verwiesen.
Und bevor ich es vergesse, nochmals herzlichen Dank an 
das wirklich immer einen Besuch wert ist!
For all who dream of proper shoes, but don't like to try out themselves, please take a look at Robert Land Footwear and American Duchess.
And before I forget it, I'd like to send my thanks to our 
which is always worth a visit!