Freitag, 27. Januar 2012

Dilemma 1826

Den Stein des Anstoßes gab der Herr des Hauses vor ein paar Tagen, als er kritisierte, dass der Stoff, den ich mir für die üppigen Ärmel aus meinem Stoffvorrat ausgesucht hatte, nicht recht zu dem Kleid aussehen würde. 
Seine Kritik bezog sich zwar eher auf die Farbwahl (ein Blaugrau), aber dennoch veranlasste es mich eifrig über dem Original zu brüten. Die Ärmel des KCI 1826 haben - wenngleich in der Beschreibung von Grün die Rede ist - einen blaustichgen Farbton, der allerdings so gar nicht zu den anderen Farben des Kleidungsstückes passt...
MOMENT!
Nicht nur die Farbe wiederholt sich nirgendwo auf dem Kleid, auch die Ärmel haben doch eine merkwürdige Form für 1826...allmählich dämmerte es mir!
Im Nachfolgenden stelle ich meine Vermutung dar, dass das Kleid im Laufe der Zeit zweimal verändert wurde.
Ich hoffe, meine Erklärungen sind am Ende dieses Beitrags nachvollziehbar.
The confusion started with a remark of my dear husband a few days ago, who critisized that the fabric I had chosen from my stash wouldn't match the dress. Although his remark referred merely to the choice of colour (a greyish blue), I started pondering about the complete original dress once again. The sleeves of the dress -  mentioned in the description as being a green colour - have a blueish colour, which doesn't match to any other colour on the dress...
WAIT!
Not only the colour doesn't match, the sleeves also have a strange shape for being 1826...gradually it dawned on me!
Following I'll try to explain my speculation about the dress being altered at least two times.
Aber zunächst nochmal ein Blick auf das Original...und da fallen sofort die Ärmel ins Auge, wenngleich das Ensemble harmonisch wirkt und durch seine ungewöhnliche Art gleich gefällt. Vielleicht war es diese Tatsache, die meinen Blick ein wenig verschleiert hat, obwohl es doch derart offensichtlich ist, dass vieles nicht zusammen passt.
First another look on the original dress...the sleeves are one of the details that pop into the eyes at once, although the ensemble harmonizes in detail and it's attractive due to being unique. Maybe it was these emotions, which blinded my eyes, though it's evident that some details just won't match.


 Also, wo fange ich nur an?! Vielleicht mit der Entstehung des Kleides und darüber gibt uns das Rockteil Aufschluß, genauer gesagt die Ornamente. Glücklicherweise existieren viele Modekupfer aus dieser Zeit und, wie ich in einem früheren Beitrag bereits erwähnte, gewähren uns die eine hervorragende Möglichkeit ein Kleidungsstück zeitlich einzuordnen. Zu welchem Zeitpunkt waren in den 1820er Jahren Applikationen in Blätterform auf den Röcken zu finden?
Wir landen im Jahr 1824.
But where to begin?! Maybe with the actual origin of the dress and here a closer look at the ornamented hem of the skirt is quite helpful. Luckily a lot of fashion plates from this decade  exist, and as I've mentioned in a previous post, these happen to give us the possiblity of an exact order. In which year of the 1820 do ornamented leaves and flowers have been in fashion?
We end up in the year 1824.



Das Kleid ist also irgendwann 1824 oder 1825 entstanden, denn in späteren Jahren war als Zierde der Röcke eher der Gebrauch von Rouleauxs oder üppigen Rüschen bevorzugt. Im Hinterkopf sollte allerdings bleiben, wie aufwändig die Anfertigung der Bordüre war, denn schließlich bleibt sie dem Kleid als Erkennungsmerkmal erhalten. 
Beim Anblick der Bilder fallen einem unweigerlich die schmaleren Ärmel auf. Von 1824 bis 1825 begannen sie allerdings ein wenig üppiger zu werden: Beleg
Eine andere Tatsache springt ins Auge: die Ärmel hatten die gleiche Farbe, wie der Rest des Kleides!
The dress was without doubt made between 1824 and 1825, because in later years the hems would have been decorated with rouleauxs and frills/ruches/pleats. But keep in mind how very tedious the work with the leaved hem has been, and this hem remained a hallmark of the dress throughout the years.
First thing to notice are the smaller sleeves. Between 1824 and 1825 they started to become slightly bigger: see here.
Another detail is evident: the sleeves always had the same colour/fabric as the dress!

Um 1826/1827 dann kam eine neue Zierde auf die Oberteile der Kleider und die Besitzerin des Kleides ließ es sich scheinbar nicht nehmen, diese neue Mode umzusetzen.
Auf den ersten Blick erkennt man, dass das Grün der Zacken und Paspeln ein viel dunkleres Grün ist, als das der Dekorationen am Saum.
Around 1826/1827 a new fashion was added to the bodice and the owner of the dress seem to have added that, too.
It's noticable that the green used for decoration and piping is a much darker shade than that of the decorated hem.

Und dann im Jahr 1829 schließlich wurden die Ärmel gegen die ausladendenen Ärmel ausgetauscht, die zum Ende der Dekade bis weit hinein in die 1830er in Mode waren.
Und wenn man das obere Bild vergrößert erkennt man, dass auch der Abschluß der Kante mit einer Paspel aus eben diesem blauen Stoff verziert wurde. 
And finally in 1829 the smaller sleeves have been replaced by those huge sleeves, which came in fashion at the end of the decade and remained favoured into the 1830s.
When looking carefully at the picture above, you'll notice that the piping around the collarline is the exact shade of blue as the sleeves.

Eine letzte Änderung trat dann irgendwann an den Ärmelaufschlägen ein. Hier handelt es sich aber wohl nur um eine Ausbesserung aufgrund von Verschleiß.
A final change was done on the cuffs. But this time it seems to be merely a mend due to wear and tear.

Und nun zurück zu meinem Dilemma, das ich in der Überschrift erwähnt habe.
Ich habe in letzten Tagen abermals wirklich ausgiebig nach einem passenden Farbton für die Seide der Ärmel gesucht, aber kein Muster fügte sich so harmonisch ein, wie bei dem Original.
 Und überhaupt, wäre es nicht angebracht bei der Interpretation zu versuchen das Kleid in den Zustand von 1826 zu versetzten, also der Zeitpunkt in dem die Veränderung eher gering war. Das Jahr 1824 würde sich schon schwieriger gestalten, da ich keinerlei Anhaltspunkt bezüglich der Verzierung des Oberteils habe.
Ich tendiere dazu die verzweifelte Suche nach passender blauer Seide einzustellen (obwohl die weiten 1829 natürlich reizend sind) und stattdessen den gestreiften Stoff für die (moderat weiten) ursprünglichen Ärmel zu nehmen.  
Ist das der Weg aus dem Dilemma?!
And now back to the dilemma, which I have mentioned in the headline.
 I'm afraid my search for a matching blue silk for the sleeves was hopeless to date, because no sample gave the dress the look of the original.
And furthermore, wouldn't it be interesting that I'd interpret the dress as it has been in the year 1826, that year in which the alterration have been moderate. The look of the year 1824 would be harder to achieve, as I don't have any proof about the former decoration of the bodice.
I tend to give up the search for matching blue silk (although I fancy the huge 1829 sleeves) and instead use the main fabric for the sleeves of origin.
Is this the way out of my dilemma?!

Kommentare:

  1. Also ich wäre auch für gestreifte "frühe" Ärmel, wenn ich mir die Bilder so ansehe, dann wirken die Puffärmel doch schon ein wenig als Fremdkörper und ich denke gestreifte Ärmel wären eine gute Lösung, sie sind vielleicht nicht solche Hingucker, aber scheinen mir sehr angebracht und wenn dir irgendwann doch mal die ultimative Farbe über den Weg läuft, kannst du sie ja super authentisch abändern.

    Liebe Grüße und übrigens ist wiedermal ein Brieflein auf dem Weg für dich ;)
    Cecilia

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    1. Vielen Dank für den Kommetar, Cecilia! Ich bin schon gespannt, wie das Kleid einmal ursprünglich ausgesehen und gewirkt hat, derzeit suche ich eifrig nach Inspirationen für den Ärmelaufschlag. Und die Idee mit den zusätzlichen Ärmeln merk ich mir für alle Fälle!

      Sabine

      P.S. Der eifrige Postillion ist schon wieder auf dem Rückweg...;)

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  2. I think interpreting it as it would have looked in a previous incarnation is a great idea! But is it just me, or are the cuffs the same shade of green as the vandycked trim on the bodice?

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    1. Oh yes, I came to the same conclusion, the cuffs are made of the blueish silk of the sleeves (with the edges piped in the green of the vandycked ornamentes) and later the green must have been added (to mend?)part of the sleeve cuffs...My guess is that the owner must have kept a lot of fabric scraps from her garments and old clothes in order to change/mend her dresses. Isn't this an intersting dress? The longer you look, the more to find out!
      Thank you for your comment,

      Sabine

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  3. Dear Sabine,
    First of all, congratulations on breaking the garment's construction down and sorting the various pieces by era.

    While I've been advocating for going with the earlier look, mostly because it would be easier, when you mentioned interpretation at a museum, I had a thought and it is this. If you did the later sleeves, assuming that you could find fabric, then you could wear your reproduction as an example of frugality and the relatively small size of most women's wardrobes. How while high fashion changed, there were many cases in which an older dress was remade, not just once, but several times, to deal with both fashion changes and wear and tear. In some ways, that interpretation may be more interesting to listeners, than seeing a "perfect" ensemble.

    So, I am on the fence now :} Those big sleeves are so fun!!

    Very best,

    an equally vascillating Natalie

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    1. Thank you very much for your respond, Natalie. I was pondering very much about the same thing, but I guess the idea of recreating the former look is more appealing. Museum visitors, who are not familiar with historical fashion, would have a hard time imagining the former look, even with thorough explanaition. It's easier to create the former look and take along a picture of the altered dress then vice versa. But I like Ceclia's suggestion to keep the eye open for blue silk and just sew "alternate" sleeves to wear over the originals.
      I've been from frustration to admiration with this project. It's really lovely to see behind the garments and meet the wearer, isn't it?
      Sabine

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  4. Du weisst ja wie sehr ich die (offenbar nachträglich veränderten) voluminösen Ärmel liebe, aber eine schmalere Variante würde die Sache natürlich viel spannender machen.
    Gehst du davon aus, dass die größeren Ärmel erst Ende des Jahrzehnts angefügt wurden? Oder tatsächlich noch im Jahr 1826?

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    1. Wenn man die Modekupfer der zweiten Hälfte der 1820er betrachtet, erscheinen die ausladenden Ärmel erst gegen Ende der Dekade also etwa 1828/29. Ich bin schon gespannt, wie das Ensemble mit den gemäßigten Ärmeln aussehen wird:)

      Sabine

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  5. I think you've hit on some very probable and good ideas here, but have you thought about the possibility that the silk may have changed color over time? I find it *very* interesting that the same green silk as the hem decoration is present in the "altered" sleeve cuffs. But those sleeves are just so obviously a later date that I can't imagine they would have used old "scraps" when altering or mending it at that point especially if they didn't match perfectly. Why then wouldn't they have made the right sleeve cuff match the left? Perhaps the sleeves and decorations were all the same color at some point but because of storage methods or even differences in dying the actual fabric that it has discolored differently? Like maybe when they were changing the sleeves at the later date the new silk they used might have matched the old silk but because of time they've aged differently and now appear as different colors? I just don't understand why they'd use such a different color on the sleeves where it's obvious it wasn't an intentional design element. Does that make sense? These are just random ramblings coming from my brain. This has me stumped! Are you also sure no conservation treatments have been done to the dress?

    I'll stop now! :P I know your version will look amazing no matter what you decide to do!

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    1. Thank you very much for your input, Carly.
      The change of a silk dye throughout the years is a very interesting point, which I haven't considered so far. Unfortunately I am only supplied with the pictures and descriptions on the KCI book and website, so no inside view of those parts that would show the process of fading colours. Still there are many aspects, which will remain a mystery as we don't know anything about the original wearer, her social status etc, maybe she has given the dress away after it was out of fashion and someone else did the changes, maybe she loved the dress so much, that she altered it again and again (with fabric scraps of this dress and other dresses)...guess we could spend hours discussing this...;)

      Sabine

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