Sonntag, 17. Februar 2013

Die wundersame Reise des Mr. Campbell, oder wie ein Gentleman gänzlich schuldlos durch höchst kuriose Umstände beinah sein Gesicht verlor

Zu den besonderen Vergnügungen zählt für mich nach wie vor der Besuch eines Antikmarktes.
Allein die Aussicht Stunde um Stunde durch die Reihen zu schlendern, die Auslagen der Händler zu betrachten und ein Sortiment vorzufinden, das vielleicht hundert Jahre, zweihundert Jahre oder älter ist, macht den Eintrittspreis zumeist schon wieder wett.
Es ähnelt nicht selten einem Museumsbesuch, nur dass man die Preziosen auch in die Hand nehmen kann.
Eben diese einstigen Augäpfel der früheren Besitzer zaubern dann das Lächeln ins Gesicht, das sie auch schon vor langer Zeit hervorzubringen vermochten.
Noch weitaus lohnender ist es aber, wenn man nicht mit leeren Händen heimkehrt oder aber wenn man eine höchst überraschende Bekanntschaft schließt.
So wie meine Begegnung mit Mr. Campbell.
Es ist der Aufmerksamkeit des Herrn des Hauses zu verdanken, der Mr Campbell in einer Kramkiste entdeckte. Ohne sich von dessen etwas heruntergekommenen Äußeren beeindrucken zu lassen, stellte er ihn mir unverzüglich vor.
Ein wissender Blick, eine gezückte Börse und Mr Campbell befand sich unwiderruflich in unserer Gesellschaft.
It's always an extrodinary pleasure to visit an antique market.
Just the prospect of lingering through the aisles and rows of booths hour after hour, gazing at the displays of the antique sellers and find goods, which are one hundred years, two hundred years or even older make up for the admission charged.
It's similar to a museum's visit, yet one can examine the precious goods carefully not only with the eyes, but also with the hands.
Those former owner's apples of the eyes never fail to bring the same smile into one's face as they did in the past.
Still more rewarding it is, if you return home without empty hands or if you've done a most delightful acquaintance.
Like when I met Mr. Campbell.
I'm very thankful for my dear husband's attention, who discovered Mr. Campbell abandoned in a junk box. Without being put off by his ragged appearance, he immediately introduced me to him.
An exchange of a knowing glance and a quickly fetched purse later, Mr Campbell found himself irrevocably in our company.

Ich habe die besondere Freude unseren Gast, Mr Campbell, meinen Lesern vorzustellen und hoffe inständig, dass auch sie sich nicht von seinem Äußeren abschrecken lassen. Eingedenk der Tatsache, dass er eine lange und beschwerliche Reise - oder sollte ich sagen Odyssee -  hinter sich hat, ist das wohl verzeihlich.
I have the pleasure to introduce our guest, Mr Campbell, to my dear readers, and I do hope that they aren't put off by his appearance either, but keeping in mind his troublesome journey - or may I dare say odyssee - this is surely excusable.
Der werte Mr. Campbell in seinem marineblauen Frack, mit weißer Weste, weißem Hemd und Krawatte.
Er kam gänzlich ohne den Schutz eines Glases oder Rahmens in unsere Gesellschaft.
The dear Mr. Campbell in his navy blue coat, white waistcoat, white shirt and cravat.
We met him without the protection of a glass or frame.

Die wunderschöne Miniatur mißt 5,9 cm in der Breite und 7,2 cm in der Höhe.
Es handelt sich um Gouache auf einer hauchdünnen Elfenbeinplatte und auf eine Pappe montiert, deren Rand geschwärzt wurde.
The beautiful miniature measures 2.3 inch in width and 2.8 inch in height.
It's gouache painted on thin ivory and mounted on cardboard, which edges have been painted black.

Ein sehr feiner Pinselstrich und wunderbar ausgearbeitete Details. Leider hat die unsachgemäße Behandlung sein Gesicht in arge Mitleidenschaft gezogen, was seinem Ausdruck aber meiner Meinung nach keinerlei Abbruch tut: wir blicken in das Gesicht eines Gentleman.
A very fine stroke of the brush and beautiful details. Unfortunately the improper handling, has done much harm to his features, but his impression is still highly elegant: we look into the face of a gentleman.

Auch der Bildrand ist beschädigt. Es scheint, als wäre Wasser in den ehemaligen Rahmen gedrungen oder unter dem Glas hätte sich Wasser gebildet. Dennoch erkennt man den wunderbar gezeichneten Kragen mit dem unverwechselbaren "M" und die herrlichen Messingknöpfe. Sowie den kleinen Knopf an der Weste.
The edge of the miniature is also damaged. It seems as if there has been some water entry to the former frame, or if there has been a developement of water under the glass. Nevertheless the detail on the collar and the "M" notch and the brass buttons are amazingly clear. There's also a tiny button on the waistcoat.

 Hinter der auf Pappe aufmontierten Miniatur befand sich glücklichweise noch eine zweite lose Pappe, die in den Wirren der veragangenen zweihundert Jahre nicht verlorengegangen ist.
Dort ist handschriftlich mit brauner Tinte folgender Text hinterlegt:
 Fortunately there was a second loose cardboard still clining behind the miniature mounted on cardboard after all the commotions of nearly two hundred years.
There's a handwriting in brown ink, which reads:
"taken in the year 1820 by Mr.Campbell"

Dank dieser Beschriftung konnte wir den Namen und das genaue Datum erfahren, was bei einer weiteren Recherche von großer Bedeutung ist.
Vielleicht ist es mir irgendwann einmal möglich, die Miniatur restaurieren zu lassen, bis dahin hat Mr Campbell sein Quartier in einem Karton, ausgelegt mit säurefreiem Tuch, bezogen, wo er vor Sonnenstrahlen und weiteren Blessuren sicher ist.
Thanks to this note we have a name and a date, which will be helpful for further research.
Maybe one day I'll be able to afford a thorough restauration, until then Mr Campbell resides in in a cardboardbox with acid free tissue, out of harm's way from sunlight, water and scratch.

Kommentare:

  1. Das ist ja spannend! Danke für diese schöne Geschichte. Ich bin gespannt, ob Du noch mehr Informationen zum Leben des Herren Campbell heraus bekommst. Wie wirst Du vorgehen?

    Liebe Grüße, Deine Christiane

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    1. Leider ist auf der Pappe weder der Vorname vermerkt, noch der Ort (oder das Land) an dem das Portrait gefertigt wurde, was die Suche natürlich sehr erschwert, bzw. ein eindeutiges Ergebnis eher unmöglich macht. Die englischsprachigen Onlineregister für die Genealogie sind sehr ausführlich und ich vermute, dass Mr.Campbell auf dem Bild so um die 30 Jahre gewesen sein dürfte, zudem ist anzunehmen, dass er verheiratet war, denn die Bilder wurden zumeist für enge Familienangehörige gefertigt, was die Suche wiederum filtert. Die Arbeit ist recht fein und dürfte für damailge Verhältnisse nicht für jeden erschwinglich gewesen sein, deshalb scheiden meiner Meinug alle genealogischen Einträge aus, die mit nur dürftigen Angaben aufwarten. Mal sehen wohin die Suche führt...

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  2. Liebe Sabine,
    solch ein Fund ist immer wieder berührend. Es ist so, als würde sich die Vergangenheit auftun und diesen längst dahingeschiedenen Menschen erwecken. Man betrachtet sein Bildnis und will mehr über ihn erfahren. Ich hoffe, Du kannst etwas über ihn herausfinden.

    Miniaturmalerei finde ich ganz besonders schön. Ich wünsche Dir viel Freude an dieser Elfenbeinmalerei.

    Herzliche Grüße, Gisela.

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  3. He looks a little bit like Marcus Mumford, of Mumford and Sons!
    http://www.americansongwriter.com/2012/11/great-quotations-marcus-mumford/

    Charming find!

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  4. What a lovely and charming new acquaintance!

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  5. Was für ein tolles Stück!! Da fühlt man sich immer wie ein kleiner Schatzjäger, zumindest geht mir das immer so ;)
    Ich bin gespannt, was du noch alles in Erfahrung bringen kannst über den hüpschen Mann!
    LG, Kerstin

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  6. Dear Sabine,

    His eyes make him look like he is happy to have found a new home. You are so fortunate to have rescued him, and so is he. Many people would not have known what he was or when he was painted.

    Very best,

    Natalie

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  7. Vielen lieben Dank für die wundervollen Kommentare zu Mr.Campbell, der hocherfreut ist und ziemlich empfänglich für Schmeicheleien zu sein scheint ;)
    Many thanks for the lovely comments about Mr Campbell, who's truly delighted and seems to appreciate the admiration quite a lot ;)

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  8. Oh I love your writing style and how you described this experience! How neat to attend a market for such treasures of the past. When I lived in Texas nothing was ever that old. I need to do attend such markets here in Virginia where the treasures might be older and more fun! There is an antique shop down the road that I've yet to visit because I assume nothing is all that old in there, merely worn out. I need to investigate.
    Laurie

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