Samstag, 23. November 2013

Eine neue Krone für den Zahn der Zeit

Wer bei der bloßen Erwähnung von einem Schmutzrand am Rocksaum oder Schweißrändern am Kragen, bereits gedanklich zur Seife greift, 
dem sei von dem folgenden Beitrag eher abgeraten, denn hier geht es 
um Falten, Flecken und Gilb...
...allerdings nicht deren Entfernung, sondern vielmehr das Gegenteil.
Those who notionally grab a piece of soap at the pure mention of dirty skirt hems or collars soaked with sweat, are kindly discouraged from reading the following blogpost, 
because it will be all about wrinkles, stains and yellowing...
...not the removal, but very much the contrary.

Bei der Nacharbeitung von Originalen gibt es selbstverständlich viele verschiedene Ansätze.
Persönlich finde ich es überaus spannend, wenn ein Untersuchungsobjekt Gebrauchsspuren aufweist und uns auf diese Weise ein wenig von seiner Geschichte preisgibt.
Natürlich haben all die recht, die nun einwenden, dass auch ein gebrauchtes Kleidungsstück irgendwann mal neu war.
Doch man darf nicht veregessen, dass neue Kleidungsstücke teilweise auch aus alten Resten genäht wurden, zumindest was das Futter betrifft. Es wurde geflickt und verwertet.
Hinzu kommt, dass die Materialen, sprich Stoffe, damals nicht den heutigen chemischen Verfahren unterzogen wurden und auch die Wäsche hernach von anderer Güte war, als heutige Hochleistungswaschmittel.
Außerdem gibt es Kleidungsstücke aus Wolle oder Seide, welche man - schmutziges Futter hin oder her - besser nicht waschen sollte. 
There are many different approaches in the re-creation of originals.
Personally I find it rather exciting, if the objects carry signs of wear, which reveal a bit of the history.
Certainly those are right, who now argue, that all clothing once was in a state of being new.
But we have to keep in mind that new garments sometimes were made using old remnants, especially the lining. Lots of mending and re-using.
Furthermore the fabric didn't undergo modern chemical treatment, and even the washing detergents have been of a different quality than today.
Above all there are garments made of wool or silk, which - no matter how much dirt on the lining - should better not get too close to a wash tub.

Tägliches oder häufiges Tragen hinterlässt einfach Spuren und wenn man seine historische Kleidung nun nicht ständig im Gebrauch hat, gibt es Mittel und Wege dem Zahn der Zeit etwas mehr Biss zu verleihen.
Bisher habe ich vorzugsweise auf Färben mit Tee oder Kaffee zurückgegriffen.
Ja, bisher...denn dann bin ich auf eine wunderbare Quelle gestoßen.
Daily wear simply leaves traces and there are even ways to mimic that and give the tooth of time some more snap.
Until now I usually have dyed with tea or coffee.
Well, until now...because I've stumpled upon a wonderful source.

Nagelneu gealterter Baumwollstoff als Meterware! 
Garantiert porentief rein, aber mit allem was dazu gehört, wie Farbunterschieden, Falten und Flecken.
Doch es wird noch besser, denn das Aged Muslin Cloth der Marcus Brothers kommt in vielen verschiedenen Farbnuancen daher.
Wer sich einen ersten Überblick verschaffen möchte, dem sei der großartige 
empfohlen, wo es den Stoff in zwei Qualitäten ('canvas' und 'muslin'), sowie in zwei bzw sieben Farbschattierungen gibt.
Brandnew aged muslin as yardage!
Absolutely fresh and clean, yet with all the hallmarks like discolouration, wrinkles and stains.
But it gets even better, as the aged muslin of Marcus Brothers Fabrics is available in many different colour nuances.
If you'd like to get an idea, I may recommend the amazing
where they offer two different qualities (canvas and muslin) and two or rather seven different shades.

Ich habe mich für die Farbe 'tan' entschieden, die in natura noch ein wenig bräunlicher ist als im Foto wiedergegeben. 
(Leider fordern das düstere Novemberwetter und die künstliche Beleuchtung ihren Tribut)
I decided on the colour 'tan', which is a bit more brownish in real
(Unfortunately the dark November weather and the artificial light have taken their toll)

Natürlich eignet sich der Stoff aufgrund der Gestaltung und auch der Haptik besonders gut als Futter oder Saumblende.
Due to the design and haptic of the fabric it's proper to use as linen or hem backing.

(Quelle/source: Met Museum, NY)


Aber auch in der Herrenbekleidung gibt es mögliche Einsatzgebiete, als Futter, bei baumwollenen Hosen und Kniehosen, bei Westen...
It's also versatile for men's wear as lining, cotton breeches and pantaloons, waistcoats...

 (Quelle/source: Met Museum, NY)

Ebenso kann es für Schuhe verwendet werden oder aber auch für Schürzen und (in den helleren Schattierungen) für Schnürleiber...und vieles mehr.
It could also be of use for shoe uppers or lining, or for aprons and even for stays (the brighter shades)...and many more.

Und meinen Tee trink ich fortan lieber wieder, statt Stoffe darin zu färben!
And from now on I will drink my tea, rather than stir my fabrics in it!

Kommentare:

  1. Danke für den Tipp! Für mein nächstes Mieder schwebt mir auch etwas "Gebraucht-Weißes" vor!
    Die beste - allerdings unabsichtliche - "Färbung" habe ich bisher bei einem Nürchenunterrock erhalten. Seit einem matschigen Besuch am Christkindlmarkt ist der Rock farblich mehr als 100 Jahre gealtert! Auch der britische Sommer hat auf einigen Kleidungsstücke ganz schöne Alterungsprozeße in Gang gebracht ;-)

    Liebe Grüße, Julia

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    1. Die 'echten' Gebrauchsspuren sind den künstlichen natürlich immer vorzuziehen - vor allem weil sie ja auch schöne Erinnerungen bergen ;) Ich finde, das gehört zum Tragen der Kleidung einfach dazu.
      In nächster Zeit werde ich vielleicht auch noch einen helleren aged muslin für Unterwäsche verwenden (die Nähliste wächst und wächst) - bin jedenfalls schon gespannt auf Deine 'Gebraucht-Weiß' Projekte :)

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  2. Sehr interessant! Mein Bruder hat einmal in ähnlicher Manier hantiert, um verschiedene Papiersorten einem künstlichen Alterungsprozess zu unterziehen - mit Erfolg!
    Dinge mit Patina zeugen davon, wie sehr sie einem doch ans Herz gewachsen und kostbar einzigartig sind, sonst würde man sie ja nicht so oft gebraucht und zwangsläufig schneller als andere abgenutzt haben. In England legt man darauf sehr viel mehr Wert, als beispielsweise bei uns in Deutschland. Da stört man sich nicht gleich, wenn ein Teppich mal ausgefranst ist oder ein Hemdkragen eine kleine Vergilbung aufweist. Diese Erscheinungen sind vielmehr auch Ausdruck einer langen Tradition, auf die man stolz sein kann. Wir können nur davon lernen...

    Herzlichst Constanze

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    1. Vielen Dank für Deinen interessanten und anregenden Beitrag, liebe Constanze.
      All die Spuren sind ja tatsächlich Erinnerungen, die man auf diese Weise mit sich trägt!
      Da ich derzeit an einer langwierigen Arbeit sitze, kann ich allmählich nachvollziehen, wie sehr man an einem Kleidungsstück hängt - selbstverständlich versucht man dann es auch häufig zu tragen, wobei Tragespuren einfach nicht ausbleiben. Aber es wird immer wieder gewaschen (wenn möglich) und geflickt! Material und Arbeit wurden geschätzt und wenn beides von guter Qualität war/ist, lohnt es sich, dies zu bewahren :)


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  3. Vielen Dank für diesen Post und den link!!!
    Ich kann mich nur anschliessen: wenn ein Kleidungsstück nach einiger Zeit die schönen Spuren eines getragenen Stückes erhält, hat es einfach an Charme zugewonnen. Stoffe werden weicher und fühlen sich einfach viel besser an.
    Und ja, auch die von dir erwähnte Erinnerung daran ist schön - Julchen und ich reden noch heute über von ihr oben Erwähntes. :-)
    lg, eva

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    1. Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar! Ja, ein Kleidungsstück gewinnt an Persönlichkeit und Charme, wenn der Zahn der Zeit daran nagt.
      Der Stoff der Marcus Brothers ist in Natura übrigens viel schöner und 'echter' als auf den Bildern - ich bin ganz begeistert davon und freu mich schon, demnächst einen Spencer damit zu füttern ;)

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  4. This is awesome! This is really perfect for so many of my clothes which are for reenacting purposes. Thanks!

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    1. Thanks a lot! I'm happy that the link is useful for you, your re-creations always looks so 'real' :)

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