Sonntag, 12. Mai 2013

Miss Maria Caroline Cubitt

Wenn ich alte Dokumente und Literatur durchforste, ist es immer wieder augenscheinlich, dass Begebenheiten zumeist mit Worten, weniger mit Bildern erläutert wurden.
In einer Welt der gedruckten Worte war ein Bild umso anziehender.
Etwas, das in der heutigen Zeit bedauernswerterweise immer mehr verloren geht: da wird gepinnt, gesammelt und eine wahre Bilderflut gespeichert. Wie oft nimmt man sich noch die Zeit, um ein Bild genauer zu betrachten?
Besonders bei Portraits, wo wir in das Antlitz eines Menschen sehen, von dem manchmal nur dieses eine Bild geblieben ist, nichtmal ein Name...und doch versteckt sich dort ein ganzes, buntes Menschenleben.
Whenever I look through historic documents and books while researching, it is evident that incidents usally were explained with words rather than pictures.
In a world of printed letters a picture was even more appealing.
Something that gradually gets lost nowadays: we pin, collect and copy pictures galore. However do we take the time to take a thorough look?
Especially in portraits, where we are face to face with a person, of whom in some cases nothing has remained than the protrait, not even a name...yet, there has been a whole, colourful human life.

Heute möchte ich meinen lieben Lesern Miss Maria Caroline Cubitt vorstellen und hoffe, sie haben ein wenig Zeit, sie etwas näher kennenzulernen.
Today I'd like to introduce Miss Maria Caroline Cubitt to my dear readers and hope, they'll enjoy getting to know her.

La Belle Assemblee February 1818

Ich habe das Frontispiz neulich erworben, denn Miss Cubitts einnehmendes Äußeres ist auch heute noch sehr gewinnend. Glücklicherweise kam der Kupfer mit dem Folgeblatt und einer kurzen Erläuterung, wie es für das Journal 'La Belle Assemblee' üblich war.
In den, für die damalige Zeit üblichen, blumigen Worten, erfährt der Leser, dass Miss Cubitt seit 1817 als Schauspielerin am Drury Lane Theatre in London auftrat, wo sie als Margaretta in dem Stück 'No song no supper' debütierte.
Schon in früher Kindheit entwickelten sich ihre musikalischen Talente. Neben einer vorzüglichen Stimme, beherrschte sie das Pianoforte. Schnell fand sie einige Gönnerinnen in der gehobenen Gesellschaft.
Sie war berühmt für ihre feine, ausdrucksstarke Stimme und einer glänzenden Zukunft sollte nichts im Wege stehen. Nicht nur mit künstlerischen Fähigkeiten reich beschenkt, schwärmten ihre Freunde und Gönner zudem von ihrem tadellosen Charakter und bedachten Sittlichkeit.
I recently purchased this frontispiece, as Miss Cubitts charming appearance is still appealing.
Luckily the engraving came with the following page, which gives a short note, common for the engravings in the journal 'La Belle Assemblee'.
With the charactaristically flowery words of the Regency, the reader learns, that Miss Cubitt started her career as an actress in 1817 at the Drury Lane Theatre in London, where she debuted with the performance of Margaretta in the play 'No song no supper'.
Already in early childhood she developed her fine musical talents. She did not only have a lovely voice, but also played the piano forte. Several of the high ranked ladies of nobility took delight in patronizing her.
She's famous for her lovely, expressive voice and life treated her with the kindest attentions.
She was not only blessed with talents, but her friends and patrons often refer to her as having a fine umblemished character of prudent virtue.

Drury Lane Theatre, London 1812 nach dem Brand von 1809
Drury Lane Theatre, London 1812 after the fire in 1809 
(Quelle/source: V & A Collections)

Nach ihrem glänzenden Debüt am Drury Lane Theatre, taucht ihr Name im Jahr 1821 im Ensemble des Vauxhall Gardens als Solosängerin auf.
Jedoch erscheint nur ihr Name, kein Hinweis zu bestimmten Auftritten.
After her brilliant debut at the Drury Lane Theatre, her name appeared again in 1821 being part of the ensemble as solosinger at Vauxhall Gardens. Only a mention of her name, no hint on further  performances.

Vauxhall Gardens 1810, Microcosm of London Plate 089
(Quelle/source: wikicommons)

Die nächste Quelle bringt die traurige Entwicklung der einst aufstrebenden jungen Schauspielerin ans Licht. Aus dem 'Bibliographical Dictionary of Actors, Actresses, Musicians, Dancers,...' geht hervor, dass Miss Maria Caroline Cubitt, geboren am 06. April 1800 in Lambeth als erste Tochter des Schauspielers William Cubitt und seiner zweiten Frau Anne Milbourne, bereits im Alter von nur dreißig Jahren am 20. Juli 1830 verstarb. Sie wurde in St.Paul's Covent Garden beigesetzt.
Ihre aufstrebende Karriere, ihr verdienter Erfolg und ihre Tugendhaftigkeit fanden ein jähes Ende, als ein Schauspieler sie sitzen ließ und sie dem Alkohol verfiel.
Nach ihrem Tod kamen Gerüchte auf, dass sie heimlich verheiratet gewesen sein soll mit einem Sohn aus reichem Haus, dessen Eltern gegen die Verbindung waren.
The next source shows the sad developement of the promising and talented young actress. The book 'Bibliographical Dictionary of Actors, Actresses, Musicians, Dancers,...' reveals, that Maria Caroline Cubitt, born on the 6th of April 1800 in Lambeth as first daughter to the actor William Cubitt and his second wife Anne Milbourne, died prematurely at the age of thirthy years on 20th July 1830. She was buried at St.Paul's Covent Garden.
Her promising career, her well-earned sucess and her virtuousness draw to a sad close, when an actor jilted her and she took to drink.
After her death rumours occured, that she had been secretly married to the son of a rich East India director, whose parents have dissaproved of the match.

Miss Maria Caroline Cubitt (1800-1830) - 
nicht nur ein Kupferstich, sondern eine junge Frau mit einer Geschichte.
 Miss Maria Caroline Cubitt (1800-1830) -
not only an engraving, but a young woman with a (hi)story.

Montag, 6. Mai 2013

'Short Stays' Studies - Schnürleib Studien

Zunächst einmal möchte ich mich herzlich bei meinen werten Lesern für ihre Geduld bedanken, die hoffentlich heute reich belohnt wird.
Ich fürchte allerdings, dass ich dem Begriff 'short' in der Überschrift nicht gerecht werden kann, denn es wird ziemlich ausführlich. Ich verspreche jedoch, dass es wirklich ausgesprochen interessant wird und es neben allerlei theoretischen Ergebnissen auch praktische Anleitungen geben wird.
Am besten ist es, sich mit einer Tasse Kanne Tee auszustatten (so wie ich es in diesem Augenblick tue) und mir in die erste Dekade des 19. Jahrhunderts zu folgen.
Kann's losgehen?!
First I'd like to thank my dear readers for their patience, which will hopefully be rewarded properly today.
I'm afraid the above mentioned term 'short' in the headline won't do, actually this will be a very long post. However I promise a whole lot of interesting news and there won't be mere theoretical studies, but also plenty of practical tutorials.
I may recommend to fetch a cup pot of tea (like I have at hand) and follow me into the first decade of the 19th century.
Ready to start?!

Zu meinem letzten Beitrag über die 'Half Stays a la Paresseuse' habe ich viele Hinweise bekommen, unter anderem, dass der Begriff 'short stays' sehr wohl in einem Patent um 1800 und später nach 1812 in einer anderen Schrift auftaucht. Durch die jetzigen Studien darf ich behaupten, dass in diesem Fall eine etymologische/semantische Betrachtung dienlich ist.
Worte und deren Bedeutung änderen sich häufig innerhalb einiger Jahre, etwas, dass wir heute auch noch erfahren. Um das im Zusammenhang mit den Jahren um 1800 zu verstehen, müssen wir uns auf die Zeit und ihre Gepflogenheiten einlassen, dann wird schnell klar, dass sich die Bezeichnung 'short' und 'long' bei dem Patent um 1800 nicht etwa auf die Länge des Stoffs bezieht, sondern welche Silhouette dadurch erzielt wird. 'Long', also lang, für den ursprünglich anatomisch korrekten Sitz der Taille, 'short', also kurz, für die Empiretaille.
Ab 1808/10 verschwimmen diese Begriffe erstmalig, denn zu dieser Zeit tritt das Korsett zum ersten Mal in Erscheinung und löste mit der Bezeichnung 'long' den Sitz der Taille ab, hin zur Länge des Stoffes in gerader Linie über die Hüfte.
Ähnliches findet sich auch in der deutschen Sprache, dazu später mehr.
I received some remarks and hints with my last post 'Half stays a la paresseuse', one of them was that there was a mention of 'short stays' in a patent from around 1800 and later after the 1812 in another publication.
With my latest research I'd like to refer to a helpful etymological/semantical examination.
Words and their meaning often change in the course of years, something we still experience today. To understand  the terms and meanings of the time around 1800 we have to understand the habits and general circumstances of life, then it's clear that the terms 'long' and 'short' in the mentioned patent are not referring to the lenght of fabric, but what silhouette the stays create. 'Long' means the anatomical correct waist, whereas 'short' refers to the fashionable high waist.
From 1808/10 onwards these terms mingle for the first time with the newly invented/introduced corset, 'long' does not refer to the waist anymore, but to the lenght of the fabric.
Something similar can be found in the German language, which I will later relate to.
Corset de Ninon, Costume Parisien 1810 (Quelle/source: SceneInThePast)

Aber was war dann mit 'short stays' gemeint? Und vor allem, wie sahen sie aus?!
Nun, zumindest nicht so, wie es uns bislang häufig suggeriert wurde. 
Wir dürfen nicht vergessen: Mode ändert sich zwar, aber sie ändert sich allmählich und wir befinden uns zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nicht im hektischen 21. Jahrhundert und Entwicklungen setzten sich nicht von heute auf morgen durch!
But what was meant with 'short stays' then? And how did they look like?!
Well, they actually do not look like those stays, which we usually see everywhere.
We have to remind ourselves: fashion means change for sure, but gradually and we're at the beginning of the 19th century, not in the hectic 21st century. Changes did not happen in a dash.

1809 La fureuer des corsets (Quelle/source: Hope Greenberg)

Bei diesem  - sicherlich so manchem Leser vertrauten - Kupferstich, sehen wir die üblichen 'short stays' oder in Deutsch 'Schnürleiber' der Damenwelt um 1800-1810. (Nicht durch den Begriff 'corset' aus dem Französischen durcheinanderbringen lassen, auch hier handelt es sich wieder um eine etymologische/semantische Entwicklung)
Die Schnürbrust des 18. Jahrhunderts hat dieser Bekleidung erst allmählich Platz geschaffen, aber es sind noch viele Gemeinsamkeiten da, aber auch einige erfreuliche Neuerungen.
This - for some readers quite familiar - copperplate, shows the common 'short stays' or in German 'Schnuerleib' of the fashionable woman in 1800-1810. (Don't get confused by the french term 'corset', this is another etymologic/semantical developement)
The heavily boned 18th century stays ('long stays' or in German 'Schnuerbrust') gradually gave way to the new stays, still there are a lot of similarities, but also lots of pleasant improvements.

Die Ärzteschaft damals war sich einig in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den Schnürbrüsten und versuchte den Damen mit allen Mitteln die 'künstliche Einzwängung' des Körpers auszureden:
The physicians back then preached against the heavily boned 18th century stays and tried to talked the female followers of fashion out of the 'artificial shaping' of the body:

1797 (London), Martha Mears The pupil of Nature (Quelle/source: googlebooks)

1804 (Breslau), Martha Mears/Elias Henschel Wohlmeynender Rat für gebildete Frauen (Quelle/source: googlebooks)

Und? 
Haben sich die Damen an den Rat von Mears, Henschel, Sömmering, Klees und anderer Ärzte gehalten?
Natürlich nicht!
What happened?
Would the women have listen to the advice of Mears, Henschel, Sömmering, Klees and other physicians? 
Certainly not!

1810 (Wien) Christian Wilhelm Hufeland (Quelle/source: googlebooks)

(Translation) VI. Faults and failures in clothing
Close fitting, but not proper made-to-measure clothes, (espcially those, which have been worn by someone else before), tight lacings, especially heavily boned stays (Schnuerbrueste), which still aren't out of fashion, and now that the upper classes would wear them less often, are more widely spread among the lower classes...

Schnürbrust, Schnürleib, Korsett, Mieder, Long Stays, Short Stays...Ebenso verwirrt, wie meine Leser es nun sein mögen, ließ ich mich Anfang März auf der Couch nieder, um in einer Reprintausgabe des "Journal des Luxus und der Moden' zu schmökern, als ich dort auf einen Verweis stieß, der sich als wahrer Schatz entpuppte:
Schnuerbrust, Schnuerleib, Corset, Long stays, Short stays...Confused, like some of my dear readers by now might be, I settled down on the couch in March to read in a reprint of the 'Journal des Luxus und der Moden', where I stumbled upon a hint, which proved to be a rare gem:

1810 (Dresden) J.S. Bernhardt, Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen zu kleiden und zu verschönern (Quelle/source: SLUB Dresden)

J.S. Bernhardt, ein Schneidermeister, hat uns in seiner zweibändigen Ausgabe (1810/1811) nicht nur ausführliche Texte und Anleitungen zur Bekleidung hinterlassen, sondern auch Schnittmuster, denn sein Werk wandte sich vor allem an die Schneiderin daheim.
Dafür können wir ihm nicht genug danken!
J.S. Bernhardt, a tailor and dressmaker, has left us not only lots of text, tutorials in his two-volume publication (1810/1811), but also patterns, as he has written his book for the seamstress at home.
How could we ever thank him enough!

Auch Bernhardt wendet sich in seinem Buch gegen das Tragen der Schnürbrust, obschon er deren Anfertigung als Grundlage für die Schnürleiber nutzt.
Er lobt vor allem den Einfluß der Englischen Mode und damit ist er nicht allein:
Bernhardt also speaks against the heavily boned Schnuerbrust, although he uses the basic pattern for his recommended Schnuerleib ('short stays').
He is fond of the influence of the English Fashion...well others are, too:
1801 (Tübingen), J.C. Hüttner, Englische Miscellen (Quelle/source: googlebooks)

(Translation)
The english long stays (here: heavily boned stays!) or short stays are pleasantly different from the french and german stays, thus I'd like to talk about them.
They are, what almost stands for all english goods; lots of improvements, alterations, additions and embelishments of the London stays do not only amuse the ladies, but would also be appropriate to enter the publication of the Parisian Arts et Metiers.
Those disadvantages, which the physicians all over the country declare against the Schnuerleiber (here he mixes Schnuerbrust and Schnuerleib!), cannot be said about the english ones. Arguments for their stays are easy childbirths and less crippeled women.

Und nun endlich geben wir dem Schimpfen und Fluchen der Ärzte nach und begeben uns unter Mithilfe von J.S. Bernhardts Werk daran, einen Schnürleib ('short stays') nach historischem Vorbild zu nähen.
Voraussetzung dafür ist zunächst die Ermittlung der Linie 'gg' (nach Bernhardt)
And now we give in to all the arguments and curses of the physicians and start to assemble a historical correct pair of 'short stays' (Schnuerleib) according to J.S. Bernhardt's book.
First we need to find out the measuremnt of line 'gg' (after Bernhardt)


An der Stelle der Schulter, die am weitesten nach vorne ragt, wird in senkrechter Linie ein Lineal angelegt, das hinunter bis zur Mitte des Busens reicht (grüne Linie). Von diesem Punkt aus wird Maß genommen bis zur Mitte des Rückens bzw der Wirbesäule.
Üblicherweise liegt der Wert zwischen 20 bis 30 Zentimetern. Der ermittelte Wert wird nach Bernhardt durch 7 geteilt:
beispielsweise 26 : 7 = 3,7
Dieser Wert widerum ist der Multiplikator für die folgenden Schnittmuster.
Where the shoulder points to the front, add a ruler vertically down to the mid of the bosom (green line).
From this point measure around to the mid of the back (spine).
Usually it measures 20 to 30 centimetres. This measurement is now according to Bernhardt devided with 7:
for example 26 : 7 = 3,7
The sum will be the multipicator for the following patterns.

Mein erster Schnürleib basiert auf Bernhardts Patronen 'F' und 'D', denn er gibt ausdrücklich den Hinweis, dass die Muster nach eigenem Geschmack abgewandelt werden können.
Bei beiden Schnürleibern ist die Rückenschnürung vorgesehen, allerdings verfügen sie zusätzlich über eine 'falsche' Frontschnürung, welche bereits 1801 in den Englischen Miscellen von Hüttner Erwähnung findet:
My first pair of short stays is based on Bernhardt's patterns 'F' and 'D', as he recommends to match the personal taste regarding the look.
Both stays have back closure and an additional fake front closure, which is already mentioned in Hüttner's Englische Miscellen in 1801:
(Translation)
The stays do not have more than four small rows of boning, two at the front at the lacing holes, two at the back; in the front they only reach mid bosom with additional folded cloth behind.

Eigentlich ist es doch nicht so überraschend, dass die Schnürleiber in ihrer Form noch den Schnürbrüsten ähneln, denn wie gesagt, die Mode änderte sich nur langsam.
Aber zurück zum praktischen Teil -
Das Muster wird in zwei Schritten erstellt und ausgedruckt:
Zunächst werden die Schnitte so ausgedruckt, dass das blaue Quadrat genau einen Zentimeter mißt.
Den Wert den wir vorhin ermittelt haben, nehmen wir dann als Multiplikator für die eigentliche Vergrößerung. 
Beträgt er wie oben erwähnt z.B. 3,7 dann hat auch das blaue Quadrat auf dem eigentlichen Schnittmuster den Wert 3,7.
Bei diesem Schnittmuster sind keine Nahtzugaben dabei, die müssen noch eingezeichnet werden.
Auf der vergrößerten Kopie habe ich außerdem am Rücken (CB) noch jeweils 1,5 Zentimeter extra hinzugegeben und die Träger ein wenig breiter gemacht.
Actually it isn't that surprising to find out that the 'short stays' still resembled the 18th century stays, as I've said before, fashion changed gradually back then.
But back to the practical part -
The pattern will be printed twice as follows:
Please print out the patterns in a size that the blue square measures exactly 1 Centimetre.
The number we've measured and calculated before is then the multiplicator for the actual resized pattern.
If it measures 3.7 cm like mentioned above, then the size of the sqaure has to measure 3.7 cm on the final print, too.
There are no seam allowances in the pattern - you'll have to add them.
On the final pattern I've also added an additional 1.5 cm at the back (CB) and slightly broadend the shoulder straps.

Das Schnittmuster mit Nahtzugabe und dem angepassten Zwickel. Beim Zuschneiden des Stoffes ist es von besonderer Bedeutung dem Schnittverlauf des ursprünglichen Schnittes (hier Fig. F) zu folgen, d.h. die Teile werden ein wenig schräg auf den Stoff gelegt (wie im Bild), um die Elastizität im Querverlauf des Stoffes zu nutzen.
The final pattern with seam allowance and bust gusset. When cutting the fabric it is very important to follow the layout of the pattern (Fig.F), that means the pieces are laid out like in the picture to benefit from the bias of the fabric.

Zur Verwendung des Stoffes habe ich bei Hüttner in den Englischen Miscellen noch folgenden Hinweis gefunden:
Hüttner in the Englische Miscellen gives a good advice concerning the proper fabric:
(Translation)
The fabric of choice is dimity. The stays are stitched with contrasting light grey silk thread.

Schnürleib aus den Vorlagen 'D' und 'F'. Ich habe den Schnitt von Fig. F gewählt, allerdings mit dem falschen Frontverschluß wie bei Fig. D. Vorne sind zwei 7 mm Stäbe Plastikfischbein eingearbeitet.
Der Schnürleib ist zweilagig. Innen habe ich festeren Baumwolltwill gewählt und für außen gechintzte Baumwolle.
Short stays according to patterns 'D' and 'F'. I've chosen the draft of pattern Fig.F with the front closure of Fig.D. At the front two 7 mm plastic bonings are inserted.
The stays are made of two layers. The inner layer is cotton twill, the outer layer glazed cotton.

Die Innenansicht mit dem ungebleichten Twill. Ich habe verschiedene Nähte ausgetestet, da Bernhardt darüber keinerlei Hinweise gegeben hat.
The inside with the unbleached twill. I've tried different seams as Bernhardt did not give any advice about it. 

Die Rückseite mit den Ziernähten aus grauer Seide.
The back with the seams stitched in grey silk.

Die Front. Der Schnürleib endet oberhalb der Hüften.
The front. The short stays reach above the hips.
Die Rückansicht mit den weit ausgeschnittenen Trägern. Und Mut zur Schnür'lücke'!
J.S. Bernhardt empfiehlt, dass bei der Schnürung eine Lücke erhalten bleiben soll (im Gegensatz zu dem, was wir auf dem dem Bild 1809 La fureuer des corsets sehen. Dort handelt es sich um eine Karikatur, die das Überschnüren anklagt)
The back with the shoulder straps reaching far back into the middle. And a lacing gap!
 J.S. Bernhardt recommends to leave a gap (in contrary to the plate
1809 La fureuer des corsets, which actually is a caricature and accuses tight lacing)

Die Brust wird nur halb umschlossen und angehoben.
The bust is only cupped half and lifted.

Und da der Schnitt auf Anhieb so wunderbar gelungen ist, habe ich nicht gezögert und mich gleich noch an ein weiteres Paar begeben. Das folgende Paar beruht auf einem Schnitt, den J.S. Bernhardt für besonders geeignet hielt.
And as the pattern worked so easily, I didn't hesitate to make up a second pair. The following pair is based on a pattern, which J.S. Bernhardt preferred and favoured.

Dieses Muster besteht nur aus zwei Teilen! Ganz wichtig bei diesem Paar ist es, dass die Rückenlinie (CB) senkrecht auf dem Stoff liegt, sodass die Front (CF) schräg verläuft, das verleiht dem kompletten Schnürleib die nötige Elastizität.
This pair is made up of two parts only! It is very important with these stays, that the back (CB) runs vertically on the fabric, whereas the front (CF) runs on the bias, which gives the stays the needed flexibility.
Mein Schnittmuster mit Nahtzugabe...
My pattern with added seam allowance...
...und den angepassten Zwickeln für die Brust und Hüfte. Dieser Schnürleib sitzt nämlich halb auf der Hüfte.
...and the bust and hip gussets. This pair of stays sits on the hips.

Von außen...
Outisde...
...und von Innen.
...and inside.

Die angepassten Zwickel an der Hüfte.
The hip gussets.

Die Träger werden im Rücken angebunden. In der Mitte befindet sich der Blankscheit.
The straps are fastened in the back. On the left is the busk.

Dieser Schnürleib kreeirt die perfekte Silhouette, die wir von vielen Kleidern kennen!
These stays create the perfect silhouette, which is familiar from many dresses!



Da der Schnürleib aus nur zwei Lagen Stoff und nur wenig Fischbein besteht, ist es sehr bequem.
As the stays are made of only two layers and very little boning, it's comfortable.

Neben Fischbein konnte auch ein hölzerner oder stählerner Blankscheit verwendet werden.
Besides boning wooden or steel busks were used for the front.

Wenn man sich das Patron Fig. C nochmal genau ansieht, ist dort eine weitere Linie an der Brust eingezeichnet, eine weitere Option für einen Schnürleib.
Oftmals fragt man sich bei hauchzarten Kleidern, warum sich darunter keinerlei Naht abbildet, die Antwort ist eigentlich simpel, der Schnürleib wird unter die Brust geschnitten.
A closer look on pattern Fig. C reveals that there's a further marked line at the bust, which is another option for a pair of stays.
If you ever wondered that there's no seam showing through the delicate fabric of muslin dresses, well the answer is simple, the short stays are cut below the bust.

Statt des Blankscheits sind hier vier Fischbeinstäbe eingesetzt worden.
Die langen Träger werden bei J.S. Bernhardt, aber auch in den Englischen Miscellen nochmals genauer beschrieben. Da ich nicht die gleichen Träger wie bei dem Schnürleib zuvor verwenden wollte, wählte ich diese Möglichkeit.
Instead of the busk there are four pieces of boning. 
The long shoulder straps are described not only in J.S. Bernhardt's book, but also in the Englische Miscellen.
As I wanted a different look on this pair I decided on this variation.
Die Bänder werden auf dem Rücken gekreuzt und seitlich eingehakt.
The straps are crossed in the back and fastened on hooks at the sides.
Außen...
Outside...
...Innen.
...inside.

J.S. Bernhardt empfiehlt, den fehlenden Teil durch eine Art Chemisette zu ersetzen, welche die Brust bedeckt und festhält. Diesen Zweck erfüllt auch das Hemd.
J.S. Bernhardt recommeneds to wear a kind of chemisette with this pair, which covers and holds the bust. This purpose is also fullfilled by the shirt.

Da der Stoff im Querverlauf geschnitten wurde, schmiegt sich der Schnürleib eng an den Körper.
As the fabric was cut on the bias, the stays fit like a glove.

Der Rücken mit den gekreuzten Bändern.
The back with the crossed shoulder straps.

Abschließend bleibt mir festzustellen, dass die tatsächlichen Schnürleiber eher den Schnürbrüsten des 18. Jahrhunderts ähneln, als den heute bekannten und auf dem Markt befindlichen 'short stays'.
Es wäre wünschenswert das diesbezüglich ein Umdenken stattfindet. Sicherlich gab es immer Sonderformen wie z.B. das Leibchen im Kyoto Costume Institute, aber wenn man sich näher mit J.S. Bernhardts Lektüre beschäftigt, erfährt man mehr darüber, wie z.B. ein kranker, alter oder nicht ebenmäßiger Körper unterstützt werden kann.
Die Stays a la Pareseusse, die ich neulich vorgestellt habe, müssen näher zu den 1820ern Jahren umdatiert werden. Sie sind in der Tat Halbkorsetts (und ähneln dem Korsett de Ninon), die allerdings lediglich zu besonderen Anlässen, wie etwa Reisen, getragen wurden.
Finally the short stays look much more like the 18th century heavy boned stays, instead of the 'modern short stays', we usually see made up.
It would be eligible to try and spread the historical correct stays. However there will always be special forms of stays like the one from the Kyoto Costume Institute, but according to J.S. Bernhardt and first hand sources there always have been many ways to support the body of ill, old or those who are lacking the well-proportioned ideal of the Empire.
The stays a la paresseuse, which I have blogged about recently, will be dated closer to the 1820s. They are true half stays (having a similar design like those long stays), only being worn on special occasions like travels.

Falls einige meiner Leser sich dazu entschließen, die Schnittmuster einmal selbst auszuprobieren, würde ich mich sehr freuen, zu hören, ob J.S. Bernhardt auch in ihrem Fall mit der Kalkulation richtig gelegen hat.
Und nun muß ich mir erstmal eine weitere Kanne Tee aufbrühen...
If any of my readers decide to give these patterns a try, I'd be happy to hear wether J.S. Bernhardt's calculation worked for them, too.
And now I have to fetch another pot of steaming tea...