Donnerstag, 19. Juni 2014

Von einem neuen Hut...und von verrückten Hutmachern

 Während der Herr des Hauses und ich in den letzten zweieinhalb Wochen eigentlich dem wohlverdienten Müßiggang frönen wollten und es angedacht war, dass der Nähtisch derweil ein wenig Staub ansetzten durfte, 
brachte mich der virtuelle Ausflug in das Museum of Fine Arts in Boston dazu, 
den guten Vorsatz zu brechen...
 ...und zwar mit diesem ungewöhnlichen Stück:
While the husband and I intended to spend the past two weeks with well-earned idleness, and the sewing table was actually allowed to gain a light cover of dust,
an online tour through the Museum of Fine Arts in Boston quickly made me give up that resolution...
...it was this piece, which caught my attention:
Hat, English, about 1800
Accession No. 46.702
(Quelle/source: mfa Boston)

In der Beschreibung zu dem Objekt ist die Rede von Papier (Pappe) und Seidenplüsch. 
Letzteres war ausschlaggebend dafür, dass ich mich an dem Hut versuchen wollte, denn ich hatte noch ein kleines Reststück Seidensamt bzw Plüsch, gefärbt mit Dahlienblüten.
Zudem lockte mich die Arbeit mit Pappe und Kleber, die ich zuvor schon bei der Arbeitstasche angewandt hatte.
The description of the object mentions paper (cardboard) and silk plush.
The latter was crucial for the decision to re-create the hat, because I still had a remnant of real silk velvet or rather silk plush, dyed with dahlia flowers.
I was also intrigued to work once more with cardboard and glue like I've done with my recent working bag.

Neben der Verwendung von Pappe und Seidenplüsch kam braune Seide und gelbe Strukturseide zum Einsatz. Wohingegen der originale Hut komplett aus auberginefarbenem Seidenfilz/plüsch besteht.
Statt der schmalen dunkelbraunen Verzierung aus Seide entlang der Krempe entschied ich mich für eine Paspelierung in gelber Seide.
Next to the cardboard and silk plush I also used brown silk and yellow structured silk. While the original hat is completely made of dark purple silk felt/plush.
Instead of the small silk braid along the hat's brim, I decided on a yellow silk piping.

Trotz des Seidenplüschs kam mir der Hut ein wenig trist vor, weshalb noch eine passende Straußenfeder in einem Gelbgoldton hinzukam, welcher mir in der Herstellung einiges an Mühe kostete und dazu noch einige Beutel Tee, etwas Kaffe und ein bisschen Beize.
Es waren einige Farbexperimente vonnöten, ehe die bestellte Ware in Dottergelb endlich dem Farbton des Seidenplüschs entsprach.
Actually the hat looked quite plain, hence I decided to add a matching ostrich feather in a golden yellow, which took a while and some tea bags, coffee and a bit of mordant to find the right shade.
I had to do lots of trial and error until the ordered feathers in egg yolk yellow had exactly the nuance of the silk plush.

Der Plüsch ist unglaublich, in der Sonne funkelt er geradezu.
The plush is amazing, it almost twinkles in sunshine.

Ich liebe den Kontrast.
I love this contrast.

Die Verarbeitung des Hutes von innen. Hinter dem weißen Futter erkennt man die Pappe.
The inside of the hat. Behind the white lining is a peek on the cardboard.


Aber was hat es denn mit dem im Titel erwähnten verrückten Hutmacher auf sich?
Mit dem Namen verknüpft man wohl in den meisten Fällen unweigerlich eine Figur aus dem Roman "Alice im Wunderland" von Lewis Caroll (1832-1898) aus dem Jahr 1865.
Was uns in dem Buch ein Schmunzeln abgewinnt, war aber leider noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts eine traurige Wahrheit, denn viele Hutmacher waren in der Tat verrückt.
Und das nicht etwa als Ausdruck ihrer übertriebenen Hutkreationen, sondern tatsächlich durch den Umgang mit giftigem Quecksilber in der Herstellung von Hutfilz.
 But what about the aforementioned mad hatter in the blog title?
This name is usually linked with a character from the book "Alice's adventures in Wonderland" by Lewis Caroll (1832-1898) written in 1865.
What gives s a good chuckle in the book, unfortunately was a bitter truth in the beginning of the 19th century, because many hatters/milliners indeed were mad.
And that term wasn't aiming at their bizarre hat creations, but to their exposure with contaminative mercury in producing hat felt.

Das Problem war schon im 18.Jahrhundert durchaus bekannt, wie der folgende Auszug aus einer Publikation von 1802 verdeutlicht:
The Problem was already gaining awareness in the 18th century, like the following excerpt from a 1802 publication will reveal:

1802, Anleitung zur Technologie oder zur Kenntnis der Handwerke, 
Fabriken und Manufakturen von J.Beckmann
(Quelle/source: googlebooks)

Transkription:
Jeder Hutmacher schwächet das Scheidewasser nach seiner Weise, und nennt dann die Beize ein Geheimnis.
Die es recht gut zu machen glauben, pflegen eine Unze Quecksilber in einem Pfund Scheidewasser aufzulösen; dadurch wird dieses freilich kaustischer und wirksamer, aber auch die Arbeit gefährlicher, die mit der Zeit Gliederschmerzen und Lähmungen verursachen muß.
Im Jahre 1774 klagten die Lehrlinge in Paris darüber, und als die Polizei die Sache durch Chemiker
untersuchen ließ, fanden diese, dass das Haar, was 600 Personen in einem Jahr scheren, fachen und walken, 60 Zentner Quecksilber-Salz enthalte.
 Translation:
Every hatter has his own way of diluting the aqua fortis, and calls his mordant a secret.
Those who are convinced to do it best, usually add an ounce of mercury to one pound of aqua fortis; which then certainly is more caustic and efficent, but also more dangerous, because it leads to growing pains and paralysis.
In 1774 some apprentices in Paris complained about it and when the police adviced some chemists to examine it, these found out that the hair, which 600 hatters annually cut and felt, was contaminated with 60 centner of mercury salts.

Die Rückstände dieser Prozedur (nicht nur Quecksilber, sondern auch Arsen und andere Mittel), haften z.T. noch immer den Kleidungsstücken an. 
Erst allmählich dringt dieser Aspekt des Umgangs mit 'Altlasten' in Kleidungsstücken auch in die breite Öffentlichkeit.
Dieser Tage eröffnet im Bata Shoe Museum in Toronto/Kanada eine Ausstellung zu diesem Thema, mit dem eindringlichen Titel 'Fashion Victims: The Pleasures and Perils of Dress in the 19th Century'.
The poisonous ingredients of this procedure (not only mercury, but also arsenic and other agents), partly still contaminate the garments.
Only gradually this aspect of how to deal with such agents gains more public awareness.
These days an exhibition about the topic will open at the Bata Shoe Museum in Toronto/Canada, called 'Fashion Victims: The Pleasures and Perils of Dress in the 19th Century'
 

Kommentare:

  1. Eine sehr interessante Hutkreation ist das, liebe Sabine. Was Du da nicht alles austüftelst! Das versetzt mich immer wieder ins Staunen.
    Der Aspekt der "Hutmachervergiftung" - tja, eine schlimme Sache, war mir bis jetzt nicht bekannt. Da sehe ich eine Parallele zu den Arbeitsbedingungen in den Dritte-Welt-Ländern heutzutage.

    Dir noch eine angenehme Juniwoche...

    Herzlichst Constanze

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    1. Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Übrigens litten nicht nur die Hutmacher bzw. Filzhersteller, sondern auch jene, die Seiden färbten oder Leder gerbten. Erst neulich habe ich noch online auf einem Schuhkarton aus dem Magazin des Powerhousemuseums einen Warnhinweis über Quecksilbergehalt entdeckt. Bis dahin habe ich mir auch keine großen Gedanken über die Inhaltsstoffe historischer Kleidung gemacht, aber nun ist meine Aufmerksamkeit geschärft.
      Und ja, auch heute ist der Preis für die Schönheit gesundheitlich mitunter viel zu teuer bezahlt...

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  2. Did the cardboard work by itself or did the brim need wire?

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    1. Yes, it did work by itself. I actually have chosen quite thin cardboard, but added two layers of papier maché to stiffen it (starches and bone glues were used in period). Using cardboard gives wonderfully sharp edges and it's bliss to work the fabric over it. But there's a wire glued in with papier maché on the top of the crown to secure the round shape before adding the silk plush part.

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    2. What type of cardboard did you use? Corregated or the thinner type? I need to make a bonnet for a friend and I can't find a suitable straw hat to cut up & shape so this would be useful as she will only wear it for a few days in september.

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    3. I've used a grammage of 300gr for this, plus two or three layers of papier maché.

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  3. Excellant work! Definitely not a hat to be worn on a wet day. Sabine, did they ever use felt bodies to make hats? Cheers

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    1. Thank you! Unfortunately I have no source about the use of felt as a base yet, although it sounds plausible...will keep my eyes open!

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  4. Ich bin ja schon sehr auf die Trage-Bilder gespannt :)

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    1. Dankeschön...Bilder gibt's spätestens im September...vielleicht ;)

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  5. Such a strange shape, but I like it. Where did you find the fabric? It's so good to know that cardboard can be used.

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    1. Thanks a lot :) I've bought the silk plush (pluche de soie) few years ago at Dawanda Shop, unfortunately the seller doesn't offer it anymore :(

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