Donnerstag, 21. August 2014

...quis leget haec?

"Wer liest das eigentlich?"
Zugegebenermaßen kann ich mich nicht davon freisprechen, dass sich mir dieser Gedanke ab und an aufdrängt. 
Üblicherweise geschieht dies eher selten wenn ich Kleider vorstelle, Anleitungen teile, die Nadel schwinge - kurz: wenn es um die im Blogtitel erwähnten 'Moden' geht.
Lege ich allerdings Nadel und Faden aus der Hand und finde mich - mit brennendem Interesse - über schriftliche Quellen gebeugt, um den 'Marotten' unserer Vorfahren auf die Schliche zu kommen, 
dann hüpft mich die hinterlistige Frage an 
und trübt meinen Enthusiasmus einen Blogbeitrag über die gefundenen Geschichten und Geschichtchen zu verfassen.
Dabei ist Mode doch immer Ausdruck einer Zeit, ähnlich wie beispielsweise Malerei und Poesie - und versteht man letzere Künste nicht auch am besten, wenn man sie mit den Augen der damaligen Zeitgenossen betrachtet?
Waaaaas?! 
Diese ellenlangen Schachtelsätze von damals studieren, 
nur weil ich ein Kleid nähen will???
 An dieser Stelle verspreche ich zwei Dinge:
Erstens - es ist ein unglaubliches Vergnügen sich mit der feinen Sprache zu beschäftigen, diese wundervollen Satzgebilde auf der Zunge zergehen zu lassen, Satire von tatsächlichen Ratschlägen unterscheiden zu lernen, und in der ein oder anderen Lektüre plötzlich festzustellen, dass auch unsere Vorfahren ab und an geschrieben haben, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Zweitens - Nachdem man sich anhand der Lektüre eingehender mit der Zeit und ihren Menschen vertraut gemacht hat und durch Briefe, Zeitungen und vielleicht auch Romane über zweihundert Jahre hinweg ein wenig näher zusammengerückt ist, näht man nicht einfach mehr 'ein Kleid', 
sondern versteht, dass es da um mehr geht als nur eine Möglichkeit den Körper ansprechend zu verhüllen.
"Who actually reads this?"
Admittedly I'm not always clear of this thought, which now and then haunts me.
Maybe not so much when I introduce new dresses, share tutorials, or generally sew - in short: when I'm rambling about the term 'Moden' (fashion) mentioned in the blog title.
But any time I put aside needle and thread to delve into written sources to trace our ancestors' 'Marotten' (whims), this most sneaking question afflicts me and lessens my enthusiasm to write a blogpost about my finds.
But isn't fashion always the expression of a time, like painting and poetry - 
and isn't it that we might only fully understand it, if we see it through our ancestors' eyes?
Whaaaaat?!
Reading terribly long nested sentences, only to sew a dress???
At this point I'll promise two things:
First - it's an incredible joy to read this fine language, to luxuriate in their writings, learn to seperate satire from real advice, and learn that the people back then also were capable to write right from their mouth.
Second - After studying and becoming more familiar with the people throughout their letters, journals or even novels, and suddenly being a bit closer regardless of the two centuries, which part us, it's not sewing 'just a dress' anymore, but a deeper understanding that it's more than putting cloth on a naked body.

Die beste Nachricht aber ist die - und jeder, der sich eher mit dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit beschäftigt, würde nun begeistert hüpfen - es gibt eine unendliche Fülle an Primärliteratur!
Beinah jede Frage kann aus erster Hand beantwortet werden!
Und man muß nicht Unsummen ausgeben, um sich die Originale zuzulegen (wenngleich auch das ein großes Vergnügen ist), denn die meisten Schriften, Zeitungen, Journale, Briefe sind bereits digitalisiert. 
Und wenn man die Suche erst anfängt, wird man von einem interessanten Fund zum nächsten kommen, und die Damen um 1803, die Herren um 1814 werden plötzlich lebendig!
The best thing is - and everyone, who's researching about medieval times or the early modern age, would squeak with delight - there is a wealth of primary sources!
Nearly every single question can be answered first hand!
And it doesn't mean to spend a fortune on books (although that's fun, too), because most of the sources, volumes, letters, journals, newspapers are digitalized.
And once the search has begun, one exciting find will lead to another, and the ladies of 1803, and gentlemen of 1814 will come alive!
Februar 1810, La Belle Assemblée (Quelle/source: googlebooks)
...nun gut, vielleicht nicht ganz so lebendig, wenn es sich, wie in dem oben aufgeführten Ausschnitt aus einem Journal, ua. um Sterbeanzeigen handelt.
...well, maybe not that alive, if it's, like in the source above, a register of brith, marriages...and deaths.

Journale und Zeitungen (welche oft aus nur wenigen Seiten bestehen) sind reichhaltige Quellen, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, häufig wird man in diesen Schriften auch auf umfassendere Werke weiter verwiesen...oder man genießt einfach die gebotenen Zeilen.
Journals and newspapers (often containing only very few pages) are amazing sources to gain a first insight, and they often contain recommendations to further reading.

Die Lippischen Intelligenzblätter (im Bild zwei Ausgaben Jahrgang 1804 und 1807)


Alltägliches aus dem Lippischen Intelligenzblatt 1807:
Paderborn. Einem geehrten Publicum empfehle ich mich bestens, mit dem Einsetzen künstlicher Zähne, das Herausnehmen aller tiefliegenden oder abgebrochenen Zahnwurzeln, Reinigen der Zähne von Weinstein, Plombiren hohler Zähne, und was sonst zu deren Erhaltung notwenig ist.
Auch ist gutes Zahnpulver zum Erhalten der Zähne, und Mittel wider Zahnschmerzen bey mir zu bekommen.
Paderborn den 1sten Dec.1807 S. David Examinirter und priviligirter Zahnarzt, wohnt am Kellerplatz
Miscellany from the Lippische Intelligenzblatt 1807:
Paderborn. I recommened myself to my dear audience, with applying artificial teeth, the extraction of painful or broken roots, cleaning teeth of tartar, filling teeth, and whatever is necessary to preserve a tooth. I also sell tooth's powder,and medicine against toothache.
Paderborn 1st Dec. 1802 S. David registered and priviledged dentist, Kellerplatz


Detmold. Bey Jacob Isaac allhier sind Kalbfelle und gute Wolle gegen einen billigen Preis zu haben.
(Darüber ist übrigens die Bekanntmachung eines angereisten Tanzlehrers, der Kurse bietet!)
Detmold. Jacob Isaac sells calf hides and wool for a low price here.
(Above these lines is the introduction of a new dance teacher, who offers courses to the young ladies)

Der Bericht über den Zahnarzt gibt Aufschluß über die Hygiene und kann der Anfang weiterführender Untersuchungen werden, die schließlich wieder den Kreis zur Mode schließen, wenn man beim Mirrow of Graces (1811)
The above text about the dentist reveals a bit about hygene and might finally lead to reads about fashion like Mirrow of Graces (1811)

Und wer einen wirklich exzellenten Einstieg haben möchte, 
dem sei noch folgende Sekundär-Lektüre wärmstens ans Herz gelegt:
(unfortunately this book is only available in German)
Göres, Heimliche Verführungen. Ein Modejournal 1786-1827
Katalog zur Ausstellung im Goethe Museum Düsseldorf 1978

Und nun ran an die Bücher und Briefe, die Journale, die Rezepte, die Modeneuigkeiten...
And now happy reading with all the books, letters, journals, recipes, and fashion papers...

Kommentare:

  1. Liebe Sabine,
    meine Antwort auf Deine Frage wirst Du Dir denken können, nicht wahr? ;-) Die Mode ist ein Puzzleteil des Gesamtbildes der damaligen Zeit. Je mehr man sich mit den sonstigen Belangen des damaligen Alltags beschäftigt, umso mehr ergibt sich ein Bild der Epoche - welches einem wiederum ein besseres Verständnis für die Mode ermöglicht. So geht es zumindest mir :-)

    Danke auch für den Tipp mit dem Ausstellungskatalog, den habe ich mir gleich bestellt.

    Liebe Grüße
    Emily

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    1. Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar! Du wirst das Buch 'Heimliche Verführung' lieben, es enthält wunderbare Fragmente aus dem Journal des Luxus und der Moden, die unbedingt zum Weiterlesen anregen, außerdem gibt es im zweiten Teil viele Modekupfer :)

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  2. Selbstverständlich wird das gelesen! Wenn man schon selber zu faul ist, bei "Adam und Eva" anzufangen sind diese von Dir liebevoll aufbereiteten Häppchen doch wirklich ein gefundenes Fressen :-) oder vllt. ein Appetitthäppchen, doch selber weiterzulesen....auf jeden Fall aber das Sahnehäubchen auf den ganzen ohnehin schon wundervollen Mode-Studien Deiner Seite! Danke& LG Hannah

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    1. Herzlichen Dank für Deine lieben Worte! Sicherlich gibt es noch viele interessante Kleidungsstücke und Geschichten aus der Zeit um 1800, mit deren Hilfe es gelingt, den Staub wegzupusten und die Epoche wieder lebendig und bunt werden zu lassen :)

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  3. Wie recht du hast, liebe Sabine! Sprache ist Denken und was wären wir denn ohne die Lektüre zeitgenössischer Quellen, möchten wir nur ein klein wenig intensiver dem Geist vergangener Epochen nachspüren. Wieder ein toller, mit Esprit und einem Quäntchen Witz verfasster Beitrag von Dir zum Thema "Lesefutter". Dabei scheint mir Deine Empfehlung am Ende besonders vielversprechend - herzlichen Dank für den Tipp...

    & liebe Grüße von Constanze

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    1. Dankeschön, liebe Constanze!!! Du sprichst mir aus dem Herzen! Und das Buch ist wirklich lohnenswert - ein richtiger Lesegenuss :)

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  4. Dear Sabine,
    To be inelegant, right on, Sabine. Research underlies much of what we understand about costuming. Some of us adore it. We love the hunt, the sudden find, the dipping into the strange language and syntax, and the fashion discoveries. When we can match up different citations with extant articles, that's about the ultimate. When we can make something based on this knowledge, what we make is imbued for us with what we understand.

    Others of us haven't this interest. Some people love research, others find it a slog, or truly don't have time for it, or are unskilled as yet with internet or library research -- and it is a skill -- or really are all about the sewing and the wearing. Thus patterns and tutorials.

    So when I write, I write for multiple audiences: those who share the love of research, those who prefer to learn skills, those who simply like to browse and while away a few moments. If the research posts are the less read, and they generally are, they still remain for those who will look, or who may have a need someday for some nugget. It's all good :}

    Besides, my memory being a sieve, the posts are an own personal tool, so that a thing once researched, I don't have to do it again unless I suspect there's something new to be discovered. Which there usually is.

    Hugs,

    Natalie

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    1. Thank you, Natalie. Of course I am fully aware that there are many different approaches (and intentions) in sewing historical dresses or costumes. My question was more or less a musing (though I'm really interested wether the posts apart from fashion are read, because you know that assembling a blogpost is a lot of work and research) and the content of the blogpost (with the reading recommendation) aimed to those, who want to take a deeper look at the times...and maybe it was also meant as an appetizer to reading and researching :)

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  5. Liebe Sabine - ich LIEBE Deinen Blog, Deine Beiträge - so fein geschriebenen Sätze. Ich tauche ein in die von Dir vorgestellte Welt. Ja, ich leibe die deutsche Sprache, mag es selbst ach sehr, mit Sprache zu "spielen". freue mich selbst auch immer, wenn ich ein altes Schriftstück finde und tauche dann wie Du in die damalige Welt ein.
    Danke dafür, dass Du uns die Zeit auf so wunderbare Art näher bringst und aufbereitest.
    Ich bewundere Dich dafür, wie Du den alten Kleidern und Schnitten dazu nachspürst!
    Liebe Grüße, Jacqui
    (auch wenn ich nicht unter jeden Post einen Kommentar setze: ich lesen JEDEN!)

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    1. Wow!!! WOW!!! Vielen tausend Dank, liebe Jacqui! Ich freue mich RIESIG über Deinen Kommentar und hoffe, weiterhin viele schöne Kleider und Quellen aus dieser herrlichen Zeit zu entdecken :)

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