Dienstag, 9. Dezember 2014

Von alten Schachteln und Marotten

Dem Titel zum Trotz dient dieser Beitrag selbstverständlich nicht dazu, das Repertoire zeitgenössischer Schimpfworte zu erweitern, vielmehr hat es sich in den vergangenen Jahren eingebürgert, dass ich die letzten Wochen des Jahres mit Vorliebe nutze, um den Blickwinkel vom Nähtisch auf das alltägliche Leben zu erweitern.
In den zurückliegenden Tagen, als ich damit beschäftigt war, einen Hut umzuarbeiten und eine neue Haube zu fertigen, lenkte die Tätigkeit meine Aufmerksamkeit auf die damaligen Putz- und Modehandlungen.
In the past years it gradually became a habit to spend the last few weeks of the year with the focus a bit beyond the sewing table and concentrate on different aspects of period daily life.
In the previous days, while altering a hat and sewing a new cap, my attention was suddenly pushed to the life and work at a millinery shop.

1807, Le Bon Genre, Atelier de Modistes (Quelle/source: Dames a La Mode)

Wir sehen Hüte, Bänder...und Hutschachteln. Und fünf Damen - vier davon kopflos im Kaufrausch und eine Dame mit erhobenen Haupt: ein sogenannter Haubenkopf oder auch Marotte.
Um Hüte und Hauben auszustellen und aufzubewahren, waren diese wunderbaren Schmuckstücke unbedingt vonnöten.
Hutschachteln und Marotten also!
We see hats, ribbons...and hat boxes. Five ladies - four of them headless in a shopping frenzy and one lady holding her head up high: a so-called milliner head or marotte.
To display and store hats and caps, these beautiful items were essential.
Hat boxes and marottes, here we go!

1804, Bandboxes, Cries of London
William Marshall Craig’s Itinerant Traders of London in their Ordinary Costume with Notices of Remarkable Places given in the Background,
(Quelle/source: Bishopsgate Inst. via Spitalfields Life)

Die Schachteln wurden aus Pappe geleimt und mit Papier beklebt, es gab sie in allen Größen und Formen.
Für meine Hutschachtel wählte ich helle Finnpappe, welche durch ihre Farbe und Beschaffenheit den alten Pappen sehr nahe kommt. Für Hüte eignet sich die runde Form am besten.
The boxes were made of pasteboard and covered with paper, they were offered in a variety of sizes and shapes.
I've chosen finnish pasteboard for my box, which gets close to the original pasteboards in regard of colour and structure. Round shapes are most popluar for hats.

Die Schachtel ist ca. 45 Zentimeter hoch und hat einen Umfang von gut einem Meter.
Schachtel und Deckel sind mit Tapetenpapier und Kleister beklebt.
Ein Seidenband dient als Griff. Der Mechanismus ist so genial wie einfach.
The box measures about 45 Centimetre in height and has a circumference of almost one metre.
The box and lid are covered with wallpaper and paste.
A silk ribbon serves as handle. The mechanism is as simple as it's ingenious.

Im Deckel ist ein kleiner Schlitz...
There's a small slit in the lid...
...durch den das Seidenband, dass innen an der Box befestigt ist, gefädelt wird.
Es ist lang genug, um einen guten Griff zu sichern und dem Hut beim Herausheben nicht im Weg zu sein.
...through which the ribbon, which is attached on the inside of the box, is threaded. It's long enough to make a good handle and to be put out of way to fetch the hat.

Natürlich durfte ein Aufkleber nicht fehlen. Da ich im Journal des Luxus und der Moden des Öfteren auf die Modehandlung der Mme Oels in Weimar gestossen bin, lag es nahe ein Schild zu entwerfen, das ihren Namen trägt.
Certainly this called for a trademark label. As I've often stumbled upon the name of Mme Oels milliner shop in Weimar during the study of the Journal des Luxus und der Moden, I thought it would nice to design a label, which shows her name.


Die Anregung zur Marotte fand ich erst kürzlich auf Sonjas Blog Thursdays Child
In der folgenden Zeit durchforstete ich das Internet nach weiteren Quellen und stellte fest, dass Haubenköpfe durchaus sehr häufig zu finden waren. 
Und ein Kopf schöner als der andere.
The inspiration for the marotte was recently given through Sonja's blog Thursdays Child.
I spend some time to learn more about the history of the heads and even more sources and was quite amazed at how popular they must have been. 
With one milliner head more beautiful than the other.

milliner's head, mid 19th century
(Quelle/source: via pinterest)

papier-mache milliner's head, early 19th century
(Quelle/source: skinner auctions)

Die Marotten sind üblicherweise innen hohl und haben im Rücken eine quadratische Öffnungen.
Ich wollte meinen Haubenkopf auf eine Styroporvorlage arbeiten und dann herunterschneiden, aber leider ging dieser Plan nicht auf, weshalb der Kern meiner Marotte nun aus Styropor besteht.
Ich habe zwei Lagen Pappmaché aufgebracht, das genügend Zeit zum trocknen bekam, ehe ich eine Schicht Grundierung aufgetragen habe. 
Dann ging es ans Bemalen. Dazu wählte ich Acryl Gouache.
Nachdem alle Schichten aufgetragen waren, erhielt der Kopf noch eine Schicht Wachs.
The marottes usually are hollow and have a square opening in the back. I decided to work my head on a styrofoam base with the intention to later cut it open and retrieve the styrofoam. Unfortunately that didn't work like planned and I've left the styrofoam inside.
I added two layers of papier mache, which was allowed a long phase of drying, before I added a basic layer of paint.
After that the actual painting started. I've chosen acryl gouache.
After all layers were finished I waxed the head.

Eine Marotte, bereit für Hüte und Hauben
A marotte waiting for hats and caps.


Sie trägt eine leichte Chemisette zu ihrem blauen Kleid...
She's wearing a sheer chemisette with her blue gown...

...passend zu den blauen Augen.
...matching her blue eyes.

Und da ich kleine Details liebe, habe ich natürlich ein paar Seiten aus einem alten Buch ausgedruckt und für das Pappmaché verwendet.
And as I love details, I've copied a few pages of a period book and used it as papier mache for the base.

Beide Arbeitsstücke haben mir so viel Vergnügen bereitet, dass ich bereits an weiteren Marotten und Schachteln arbeite...und natürlich auch an Hüten und Hauben, aber dazu mehr im nächsten Beitrag.
Both pieces meant such great amusement for me, that I already work on more boxes and marottes...and of course hats and caps, more about that in my next post.

Kommentare:

  1. Die Hutschachtel ist ja ein Träumchen! Ich bin ja eh der Ansicht, dass man niee genug von so etwas haben kann!

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    1. Dankeschön! Und ich muß Dir recht geben, deshalb arbeite ich auch schon an der nächsten Hutschachtel ;)

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  2. Aaaa, everything together looks soo profesional. I really love it!

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  3. Mein erster Gedanke beim letzten Foto: "Ach, du hast gleich ein Museumsdisplay gebaut?"
    Im Ernst, die Stücke sind wunderschön geworden! Durch solche Accessoires wird ein historischer Kleiderschrank richtig lebendig!

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    1. Vielen lieben Dank! Und ja, das ist ein kleines Probedisplay für ein Projekt im nächsten Jahr ;)

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  4. Liebe Sabine...! Jetzt musste ich mich erst einen Moment sammeln, bevor ich Dir diesen Kommentar hinterlassen konnte. Vielen Dank für diesen Bericht, der mich ganz gefangen genommen hat.

    Die Hutschachtel ist wunderschön und die präzise gearbeitete Marotte fantastisch. Du hast ein Auge und ein Händchen für die damals notwendigen und selbstverständlichen Helferlein. Es ist immer wieder spannend zu beobachten, wie Du diese vergessenen Schätze zum Leben erweckst.

    Liebe Grüße
    Emily

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    1. Ohhhh, Dankeschön! Die Arbeit ein beiden Stücken hat so viel Spaß gemacht, dass ich den Rest des Jahres dazu nutzen werde, noch ein paar Marotten und Schachteln zu fertigen (..während ich auf Haubenstoff warte).

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  5. seufzt
    die sache mit dem kurse anbieten.....

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  6. wieso schaut die marotte denn so traurig? liegt das an ihrem doofen namen - oder am wetter?

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    1. Ja...ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ihr melancholischer Blick zu bedeuten hat, denn sie ist zudem nicht sehr gesprächig ;)

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    2. Vielleicht sieht sie, dass Winter sehr Lange und Langweilig wuerde; sie hat Sehnsucht nacht Spring!

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  7. Oh! they are both so beautiful! What a wonderful display of your millinery.

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  8. oooh, wie schön! Wieder ein kleines Wunderwerk aus Deiner Hand!

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  9. Sehr, sehr hübsch, vor allem auch der etwas sentimentale Blick der Marotte. Ja, liebe Sabine, nicht nur wir Menschen, sondern auch die Marotten haben eben ihre Marotten, nicht wahr? Mit Deinen Beiträgen bringst Du mich sehr oft auf ganz neue, eigene Gestaltungsideen...

    Liebe Grüße

    Constanze

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    1. Vielen lieben Dank! Der Haubenkopf regt zu wunderbaren Wortspielen an, nicht wahr? Die Arbeit daran bereitet wirklich großes Vergnügen und dank der Trocknungszeiten des Pappmaché und der Pulpe kann man hier auch wieder bestens die Langsamkeit entdecken - genau richtig in der winterlichen Jahreszeit :)

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  10. Wonderful! A milliner impression would be fun...

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    1. Thank you! I'm currently working on a milliner impression for a museum event ;)

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  11. Dear Sabine,
    Fantastic. The hatbox is dead on: long ago I remember a family hatbox that had the same lid function. It dated to the Fifties, I guess.

    The Marotte is great fun. Sure do hope to see more of those as you have a way with them.

    Hugs,

    Natalie

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  12. Draußen schneit es gerade, vor mir steht eine heißte Tasse Thee und ich lese gespannt deinen tollen Blogeintrag! Herrlich! Die Hutschachtel ist ein Traum! Die müßte noch nicht mal befüllt sein, und man kommt schon ins schwärmen! Und dein neues Model für die Hüte und Hauben ist so fein gearbeitet, die Detailreiche Chemisette, die du ihr "angezogen" hast! Sie wird dir sicherlich sehr gute Dienste leisten!

    Liebe Grüße, Kerstin

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    1. Vielen lieben Dank...ich hoffe, wir finden mal wieder Zeit um gemeinsam zu 'basteln' :)

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  13. Ha! Hutschachteln fand ich ja immer schon toll, aber bis jetzt wäre ich nicht auf die Idee gekommen, selbst eine zu basteln...andererseits, wenn ich mir diese angucke, ist das Niveau schon hoch angesetzt.Sieht super aus! Und ich muß gestehen, mein auf einen Luftballon gepappter, leider nur halbfertiger Haubenkopf ist eben demselben blog entsprungen :-) allerdings brauch ich mittlerweile für alles eine Ewigkeit, meinem 2jährigen Helferlein sei dank...nun ja, ich brauch ja Vorsätze fürs neue Jahr und in der Zwischenzeit schau ich mir eben die schönen Bilder der Werke anderer an. Vielen Dank fürs Teilen!

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    1. Vielen Dank :) Bei den angebotenen Hutschachteln bestand das Problem, dass sie für die hohen 1814 Hüte viel zu klein waren und nachdem ich herausgefunden habe, dass es gar nicht so schwer ist, sie selbst herzustellen, wird es sicher noch ein paar weitere geben. Eine wunderbare Gelegenheit Tapetenreste zu nutzen oder schönes Geschenkpapier...wäre Dein Helferlein noch ein wenig älter, würde es bestimmt auch Spaß am Pappmachékleben finden :)

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    2. Der Spaß ist nicht das Problem...eher die Frage, wo das Zeug dann überall klebt ;-) aber er lernt ja- und sortiert mittlerweile die Stecknadeln nach Farben, anstatt sie in den Mund zu nehmen oder irgendwo auf dem Boden zu verteilen. Da aber Nr.2 bereits "in Arbeit" ist, sollte ich mich wohl auf mehr Chaos einstellen und fleissig Babykleidung nähen :-) LG Hannah

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  14. Was für eine schöne Idee, eine Marotte zu basteln - die sehen richtig toll aus! Ich habe mich schon inspirieren lassen und auch eine hergestellt ;-)

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    1. Herzlichen Dank!
      Ich habe Deine Marotte soeben bestaunt, sie ist wunderschön und schaut viel freundlich drein als meine missmutigen Damen ;)

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