Donnerstag, 25. Juni 2015

Mme Bettingers Post: Persönliche Briefe

Ein weiterer Brief sorgt für helle Aufregung und Empörung. Wohl angeregt durch die erwähnten Vorstellungen von losen Sitten, die durch Schriften über den Alltag in einer Modenhandlung verbreitet wurden, erreicht Mme Alessandra Bettinger ein Schreiben aus Fribourg, welches ihr zunächst eine schamhafte Röte und dann ein wütendes Rot in die Wangen steigen lässt.
Another letter causes disconcertment and indignation. Probably motivated by the recently mentioned idea of loose morals in a dress-maker shop, which is spread by some scribblings and publications, Mme Alessandra Bettinger receives a letter, which first made her blush and then provoquer un tollé.

Der Brief teilt das Schicksal aller unerwünschter Schriften und landet zerknüllt und missachtet auf dem Boden.
The letter shares the fate of all unwanted letters and ends crumpled and rumpled on the floor.

Dem stürmischen Verehrer wurden gehörig die Flügel gestutzt!
The boisterous admirer was promptly rejected!

Ähnliche Post wird Dlle Schulte-Mencken erhalten haben, denn auch ihre Wangen glühen.
Nachdem sie das Brieflein gelesen hat, verschwindet es mit einem wissenden Lächeln in den Tiefen ihres Malkastens.
Dlle Schulte-Mencken schweigt...aber vielleicht plaudert sie an dieser Stelle ausführlicher?!
It is highly likely that Dlle Schulte-Mencken received similar mail, because her cheeks have this blushing shade.
After she read her letter, she puts it into the depths of her painting box with a knowing smile.
Dlle Schulte-Mencken keeps her lips sealed...but maybe she tells more about her secret admirer here?!

Aus München erhält Mme Sabina Bettinger Post ihrer Freundin Albertine. Darin schreibt sie von einer gemeinsamen Bekannten, welche das Lehrmädchen Friederike Sethe ins Sauerland vermittelt hat.
Mme Sabina Bettinger receives a letter from her friend Albertine from Munich. She writes about a mutual friend, who has placed the apprentice Friederike Sethe at the dress maker shop.

Ach, das Friederiken!
Oh, Friederiken!
Gleich zwei Briefe sind für sie in der Post und versetzen sie in ausgelassene Freude.
Mehr zu den Briefen ihrer Freundin Constantia und Frau von Ahnen erzählt Frl Sethe selbst:
 Two letters are in the mail for her and she can't conceal her happiness.
She tells more about the letters from her friend Constantia and Frau von Ahnen here:

Aber des einen Freud ist des anderen Leid!
But one man's pleasure is another man's pain!

Noch immer hofft die Hauswirthin Frau Josephine Haussmann auf Post von ihrem Gatten, der seit der Völkerschlacht in Leipzig vermisst wird.
Es ist wieder kein Brief dabei!
Dafür ein Brief ihres Bruders...und auch der bringt keine guten Neuigkeiten.
The housekeeper Frau Josephine Haussmann still hopes to get note about her husband, who's missing after the clash of nations in Leipzig.
Again no letter from him!
But a letter from her brother...passing no good news either.

Schon der Umschlag verrät nichts Gutes...
The envelope already speaks volumes...

...statt zu Studieren, hat der Lump das gemeinsame Erbe verzecht und bettelt seine Schwester nun noch in aller Dreistigkeit an seine restlichen Schulden zu begleichen.
...instead of studying, the rascal has brought their inherited money right into the ale house and gambled and now he even asks for more money to pay his debts.

Wie soll es mit dem Nichtsnutz nur weitergehen?
How should she deal with that ne'er-do-well?

Aber es kann noch schlimmer kommen, wie der Brief an Mej. Christina Broekman beweist.
But it can get even worse. Mej. Christina Broekman's letter is proof.
Die Habseligkeiten ihres Neffen sind in der Wäschekammer ausgebreitet...
The belongings of her nephew are placed on the table in the laundry room...
(Foto: copyright Corina van der Linden)

...während Mej.Broekman versucht die Fassung zu wahren. Der junge Mann fiel in Leipzig und erst jetzt war es möglich sein Hab und Gut, das er am Leibe trug, an seine Verwandschaft zu senden.
...while Mej. Broekman tries to keep her countenance. The young man died in the battle in Leipzig and not until now they've sent off his belongings home.

Alles, was von seinem jungen Leben blieb:
ein Taschenmesser mit seinen Initialen
ein Brief aus dem Jahr 1812 an seine Tante Mej.Broekman, der niemals aufgegeben worden ist
seine Aufzeichnungen über die täglichen Märsche
ein Passierschein
ein Stück seiner Uniform und ein paar Knöpfe
All that is left of his young life:
a knife with his carved-in initials
a letter to his aunt Mej. Broekman from 1812, which was never sent off
his notes and diary about the daily marches
a permit
a piece of cloth of his uniform and a few buttons

Nachdem sich Mej. Broekman gefasst hat und die Beleidsbekundungen im Hause entgegengenommen hat, sichtet sie ihre weitere Post. Wie immer ist ihr Tisch voller Briefe.
After Mej.Broekman gained her composure and accepted the sentiments of the Mesdames Bettinger and the staff, she's back to work to read her mail. Her table's usually covered in letters.
Aufträge, Dankesbriefe und persönliche Schreiben.
Requests, notes of thank-you and a personal letter.

Der Brief einer Freundin. Catharina von Jaegerstein aus Groeningen bringt hoffentlich erfreulichere Neuigkeiten.
A letter from a friend. Catharina von Jaegerstein from Groeningen hopefully shares better news.

Ein Brief von Mme Quintens aus Tilburg mit einem sehr delikaten Anliegen bezüglich eines Ballkleides.
A letter from Mme Quintens from Tilburg with a delicate request about a certain ball gown.

 Und eine schöne Stoffprobe samt Anschreiben des Herrn J. van den Lynde aus Maastricht an Mme Alessandra Bettinger und Mme Sabina Bettinger. 
Mej. Broekman macht sich artig an die Übersetzung.
And a lovely fabric sample with a letter from Herrn J. van den Lynde from Maastricht to Mme Alessandra Bettinger and Mme Sabina Bettinger.
Mej. Broekman kindly begins to translate it.

(Foto: copyright Dieter Petrich)

Kommentare:

  1. Freude und Leid in einem Haus, solche Briefe können die Stimmung beflügeln, oder den ganzen Tag runieren. Danke für's erzählen!

    Liebe Grüße, Kerstin

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    1. War mir ein großes Vergnügen und ich hoffe, ich bin mit den Beiträgen all den tollen Einsendungen gerecht geworden...schwerlich einzufangen istdas Herzklopfen, das Gelächter, das Staunen und die Aufregeung, die uns die Briefe beschert haben!

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  2. Alle Achtung, liebe Sabine, da hat sich ja zwischenzeitlich einiges an Beiträgen angesammelt, die Du hier über die "Briefaktion" nach und nach unter verschiedenen Gesichtspunkten geschrieben und eingestellt hast, und das ganz wunderbar anschaulich in Wort und Bild! Und ich kann nur immer wieder staunen, mit wie viel Herzblut sich die einzelnen Schreiber da ins Zeug gelegt haben. Jeder Brief ist für sich genommen ein äußerst kreatives Unikat an Inhalt und formaler Gestaltung, da kann jede moderne Mail nicht mithalten. Es lebe die schöne Briefkultur vergangener Jahrhunderte! Bei solch einer Fülle sollte man ja direkt noch mal eine Ausstellung konzipieren zum Thema "Mode und Briefkultur".

    Wie immer ganz herzliche Grüße!

    Constanze

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    1. Ja, die eingeschickten Briefe sind einfach die Wucht!
      Und die Freude am Spiel war auf beiden Seiten deutlich zu lesen - es hat unseren Tag unglaublich bereichert :)

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  3. nicht zu vergessen: auch das schreiben war eine Freude!

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    1. Ach, es war einfach herrlich, die Siegel knacken zu hören und wie es dann still wurde und die Augen über die Blätter flogen, um den Zeilen zu folgen...die Aufregung war im ganzen Haus spürbar!

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