Donnerstag, 21. Juli 2016

1796 Flor-Mantel (Omslagdoek/Sjall)

Manchmal hat das Leben andere Pläne als die, welche man sich mit eifriger Feder auf die schier endlos lange Nähliste geschrieben hat. 
Mila, die Muse am Nähtisch, mußte selbigen im Juni mit einem Kreuzbandriss räumen...und nicht nur das, mein komplettes Nähzimmer mußte ausgräumt und in ein Krankenzimmer verwandelt werden. Sechs lange Wochen Zimmerruhe wurden nach der Operation verordnet. 
Und was soll ich sagen, ohne Muse näht es sich sehr viel weniger beschwingt.
Sometimes life has different plans in mind than those you've written happily onto your oh-so-long sewing list.
Mila, my muse at the sewing table, literally fell of said table in June with a cruciate ligament rupture...which meant that I had to clear my sewing room and convert it into a sickroom.
Six endless weeks of little movement after her surgery.
And what should I say, sewing without your muse is simply not the same.
Endlich darf sie uns wieder Gesellschaft leisten. Auch die Haare an ihrem nackten Pudelbeinchen wachsen allmählich wieder.
Finally she's allowed to accompany me again. Her hair on her naked poodle leg is growing back nicely.

So viel zu meiner eher unfreiwilligen Blog - und Nähpause...aber ein bisschen genäht habe ich dann doch.
So much about my unintended blog - and sewing break...but I actually sewed a tiny bit.

1795, Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Blatt I (Quelle/source: Rijksmuseum)

Ein Kleidungsstück, das man oft auf Modekupfern oder Darstellung in der Zeit der Frühromantik sieht ist...ja, und da fehlte mir zunächst die korrekte Bezeichnung. Was genau ist das?!
Ein Schal, ein Umhang - sicherlich! Aber wie war die Bezeichnung damals?
Glücklicherweise erwies sich das Journal des Luxus und der Moden abermals als zuverlässige Quelle.
A garment, which is often seen in fashion plates and paintings of the era of early Romanticism...yes, but I lacked the propper term. What actually is it called?!
A shawl, a cape - surely! But what was it called back then?
Luckily the Journal des Luxus und der Moden was a great source once again.

1796, Januar, Journal des Luxus und der Moden, Tafel 3 (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Und wie immer gibt es einen aufschlussreichen Text zu dem Modekupfer.
And again we also have an illuminating text to go with the plate.

1796, Januar, Journal des Luxus und der Moden (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Transkription:
"...ferner einen Flor-Mantel mit breiten Blonden garnirt, mit doppeltem Zuge, und mit großen vorn herunter hängenden Enden."
Translation:
"...also a sheer mantel (cloak) with wide lace, double ties, and long ends hanging down the front."

Es gab allerdings auch noch eine eher winterliche Variante, die wie folgt beschrieben wird:
There was also a version for colder days, described as follows:
1798, Januar, Journal des Luxus und der Moden , Tafel 1 (Quelle/source: thulb Uni Jena)
1798, Januar, Journal des Luxus und der Moden (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Transkription:
"..., ein wattirter Mantel von schwarzem Taft, mit Spitzen besetzt, hinten mit rundem Kragen, und vorn mit kleinen Klappen..."
Translation:
"..., a padded mantel (cloak) of black taffeta, garnished with lace, with a circled collar in the back, small flaps in the front..."

Mir schwebte eine eher sommerliche Variante aus Batist oder Mousselin vor und so machte mich auf die Suche nach Originalen.
Augenscheinlich gab es zahlreiche Varianten (ein Blick in Heideloffs "Gallery of Fashion" lohnt sich ungemein!), manche wirkten in der Konstruktion wie ein einfacher Schal, andere wiederum eher wie ein Umhang. Schließlich wurde ich auf der Internetseite des Modemuseums Open Fashion fündig, wo eines dieser Exemplare detailliert fotografiert zu sehen ist. Beste Voraussetzungen, damit einen Schnitt aufzustellen.
I planned on a summerly variation made of muslin or batiste and started to search for originals.
Apparently there were plenty of versions (A peek into Heideloff's "Gallery of Fashion" is highly recommended!), some looked merely like shawls, others were made with a slightly different construction, resembling capes/cloaks. Eventually I found a lovely original on the website of Modemuseum Open fashion. It was introduced with many detailed photos, which allowed to take a pattern.

1790-1810, Sjall/Omslagdoek ID OBJ34177 T12/964/A137 (Quelle/source: MoMu Open Fashion)
Das abgebildete Exemplar ist aus weißem Batist gefertigt und hat zwei Züge, sowie eine Rüsche ringsum.
The shown example is made of white batist, it has two ribbon channels and a ruffle.

Von den Modekupfern des Journals des Luxus und der Moden beeinflusst, entschied ich mich für schwarzen Schweizer Batist - ein großzügiges und sehr willkommenes Geschenk von Alessandra
Inspired by the plates in the Journal des Luxus und der Moden I decided to use black Swiss batiste - a generous and most welcome gift from Alessandra.

Die Kragenpartie wie beim Original mit Rüsche und einem Zugband. Das andere Band reguliert den Sitz der hohen Taille.
The collar is made according to the original with a ruffle and ties running through the collar line. The other ribbon regulates the fit at the fashionable high waist.

Mit hochgestelltem Kragen
With dropped collar.

Für den Kragen benötigte ich ca 1,50 Meter Rüsche, umlaufend für den Mantel nochmals etwa 6 Meter. das Verhältnis Saum zur Rüsche entspricht etwa 1:2
(Ich bitte die Katzenhaare zu entschuldigen!)
Um die Streifen der Rüsche zu verbinden wählte ich einen Stich, der es erlaubt, die Enden in einem Schritt zusammenzunähen und zu versäubern.
I took approx. 1,50 Metres for the collar ruffle, and about six more metres for the other seams. The relation seam to ruffle was about 1:2
(Please excuse the cat hair!)
To connect the stripes of the ruffle I've chosen a stitch, which connects and overcasts the fraying ends in just one step.

 Die Kanten werden schmal nach links umgeschlagen, ehe die Streifen rechts auf rechts zusammengeheftet werden. Die Nadel geht unter der Umschlagkante durch den Stoff und durchsticht die gegenüberliegende Seite...
Fold the edges to the left (the smaller, the better), then attach both pieces facing right side to right side. The needle runs under the folded edge, piercing it at the top and also piercing the opposite side...

...ehe sie dort wieder unter die Umschlagkante geführt wird.
...before it runs again under the folded edge.

So sehen die Stiche von der Seite und von oben aus. Der Faden umschließt dabei immer die Kante und verhindert so ein Aufribbeln selbiger.
This is what the stitches look from the side and the top. The thread always catches the whole edge to prevent it from fraying.

Selbstverständlich sollte ein wenig Zug auf dem Faden liegen, damit die Naht nicht zu lose ist, dann sehen die Stiche wie im oberen Bild aus.
Of course the thread should be pulled a bit, so that the seam isn't gapping, the stitches then look like as shown in the upper photo.

Der geöffnete Saum von links vor dem Bügeln (links) und danach (rechts). Die Naht liegt dann sehr flach und kann nicht mehr ausfransen.
The opened seam from the left before ironing (left) and after ironing (right). The seam is quite flat and cannot fray.

Der Saum von der rechten Seite.
The seam from the right side.

Die Außenkante der Rüsche wurde ringsum mit einem Rollsaum versehen.
The edge of the ruffle was roll-hemmed.

Um einen Rollsaum herzustellen, wird die Kante zunächst zur linken Seite umgebügelt und das möglichst schmal.
To do a roll hem, iron the edge to the left side of the fabric, as small as possible.
Man beginnt den Saum von rechts, indem man unter die umgeschlagene Kante einsticht und den Faden dann über die Kante nach unten führt, wo man den Stoff (möglichst nur einen Faden) durchsticht. So entstehen kleine "V"s entlang der Kante.
You start on the right end, piercing underneath the folded edge through the top, then run the thread over the folded edge and catch the fabric (only one thread is best). This way you create tiny "V"s along the hem.
Dieser Prozess wird wiederholt bis eine Reihe von Stichen vorhanden ist, dann wird das rechte Ende festgesteckt oder festgehalten und man beginnt vorsichtig am Faden zu ziehen. Auf diese Weise klappt der Saum zu und es entsteht eine schmale Kante:
This porcess is repeated until a row of stitches is achieved, then the right edge is fastened with a pin or with your fingers, before you carefully start to pull the thread. This way the seam magically folds into a small edge:

Auf diese Art wird weiter fortgefahren.
Then continue the whole hem.

Die zusammengeklappte (gerollte) Kante von links...
The folded (rolled) edge from the left...

...und der rechten Seite.
...and the right side.

Und dann kommt irgendwann der Lohn für die Mühen.
And finally you'll get the reward for all the labour.

Die perfekte Garderobe für einen sommerlichen Ausflug in das Jahr 1796.
The perfect wardrobe for a summerly stroll into the year 1796.


Die Rückenpartie habe ich nach dem Originalschnitt gearbeitet, man kann aber auch, wie im Journal des Luxus und der Moden von 1798 erwähnt, einen leichten Bogen im Rücken einarbeiten.
I stitched the back of the collar according to the original pattern, but following the Journal des Luxus und der Moden from January 1798 you might as well add a more scalloped shape in the back.

Kommentare:

  1. Liebe Sabine,

    So ein interessantes und schoenes Werk!

    Your research really caught on to something. Here we have the longer, narrower, fluffier successor to the short mantelet of earlier decades. While a plain shawl version heralds the Frue-Romantik or Regency era.

    I wonder if many of the dresses that we think were adorned with wide collars, when worn with such shawls, actually have no collar, and we mistook for a dress collar what was actually part of the shawl.

    Back when I made my shawl, I'd only seen those without strings or shaping. They were called cloaks in English, and the term mantle came up in English as well, although I could never recall the source of that. Here are my 2011 posts researching English versions: http://zipzipinkspot.blogspot.com/search/label/cloak.

    Love, love, love the stitch that connects the pieces together. It's a dreamboat, and I think have seen it before as Abby Cox may have used a version of it on the back of an English-back dress? Also, it would be ideal for caps and other fine accessories.

    A note on achieving a very, very fine rolled hem:
    - starch the material lightly first. You might consider painting the edge with a brush. Once dry, the edge can be folded minutely.

    - you can also pull a thread and fold on that. The issue here is that many modern fabrics are sloppily made and are not "true" so that pulling a thread doesn't result in a perfectly horizontal line.

    Oh, how I love when research starts falling together!

    Hugs,

    Natalie

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    1. Thank you very much for your input on this special garment, Natalie. It was a great help on finding out more on these "mantels"!
      The stitch used to connect the fabric strips is indeed similar to Abby Cox's "weird whip stitch thingy" on the "Stay-ing Alive" blog.

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  2. Erst einmal vielen Dank für diese ausführliche Erklärung! Nun kannst du dich offiziell Meister im Rollsäumen nennen!!
    Und das Ergebnis kann sich wiedereinmal sehen lassen! Einfach wundervoll! Ich muss zugeben, dass ich so einen Mantel noch nie als Original gefunden habe, um so begeisteter bin ich nun von deinem Talent Dinge zu finden und deine Umsetzung! ich bin schon gespannt wie er dich kleiden wird!

    Liebe Grüße, Kerstin

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    1. Vielen lieben Dank :)
      Das kleine Projekt hat wirklich Spaß gemacht, vor allem weil es die Entdeckung eines neuen Stiches beinhaltet hat und das Kleidungsstück bislang doch eher "stiefmütterlich" behandelt wurde.

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  3. Mein erster Gedanke war: Ein Mantel? Jetzt, im Sommer? --- Da sieht man mal, wie sich die Definition eines Begriffes mit der Zeit ändern kann. ;-) Ich selbst habe diese Teile bislang immer als eine Art Fichu gesehen - so kann man sich irren.

    Ich hoffe, Mila ist wieder fit!

    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Dankeschön :)
      Ja, der Umgang mit den Begrifflichkeiten ist immer wieder interessant, vielleicht entsteht daraus irgendwann mal ein kleines Lexikon mit historischen Begriffen ;)
      Der kleinen Mila geht es jeden Tag besser, Danke der Nachfrage!!!

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  4. Sechs Wochen war die Katz nun krank, jetzt lacht sie wieder, Gott sei Dank! (frei nach Wilhelm Busch)
    Liebe Sabine, schön, nach längerer Pause hier wieder etwas von Dir zu lesen, ich hatte Dich bereits vermisst. Diese Nähtechniken scheinen mir überaus nützlich, ich werde sie sogleich mal erproben. Herzlichen Dank für die Anleitungen und den interessanten, meisterhaft gearbeiteten "Flor-Mantel".

    Liebe Grüße & meine allerherzlichsten Genesungswünsche an die (Sch)musekatze!

    Constanze

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    1. Liebe Constanze,
      vielen Dank für die herzlichen Zeilen zur Begrüßung :) Milas Krankengeschichte war diesmal ein wenig dramatischer als bei der letzten OP, daher sind wir wirklich froh, dass sie "wieder lacht" :)
      Meine Nähliste für dieses Jahr ist darüber arg in Verzug geraten und überhaupt gibt es so Vieles nachzulesen und nachzuarbeiten, aber wie die Muse am Nähtisch es vorlebt:immer langsam gehen lassen!

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  5. How lovely! What a sweet addition to an outfit!

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  6. Lovely and unusual, as is usual for you Sabine. It is such a decorative but lightweight garment. It seems to use much more fabric for the front hanging portions than is necessary.

    Best,
    Quinn

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    1. Thank you! It's an unusual garment indeed...you feel properly dressed for a walk, almost like being covered in a long coat, but still it's lightweight and fluffy...such fun to wear :)

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  7. Thank you for this post, I have been perusing fashion plates of a similar nature. I was calling it a shawl-thing, and wondering how to attach it. your post and construction photos are very illuminating.

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    1. Thank you! It is indeed a lovely little garment, that can change the look of a dress entirely - I hope to do a white one, too (but that will probably take a while...and the sewing list is ever growing)

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