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Freitag, 20. Dezember 2013

1799/1800 Costume Parisien Robe de Couleur - Teil I: Der 'wattirte' Rock

Wider allen Gerüchten bin ich nicht etwa dem vorweihnachtlichen Stress erlegen
 und deshalb untergetaucht - ganz im Gegenteil, ich habe fleißig, aber mit der gebotenen Muße an dem gequilteten Rock gearbeitet.
Eine unglaublich wertvolle Lektion, 
denn es hat mir in den 50 Stunden gezeigt, wieviel Arbeit in einem solchen Kleidungsstück steckt.
An manchen Tagen war es wunderbar, an anderen habe ich mich zugegebenermaßen eher an den Nähtisch gezwungen. Ein wenig eintönig ist die Arbeit, aber Raute um Raute wuchs die Begeisterung für das zukünftige Kleidungsstück.
Die Zeit am Nähtisch habe ich mir übrigens mit dem wunderbaren Hörbuch zu dem Text  von K.A. Böttiger 'Literarische Zustände und Zeitgenossen' vertrieben.
Und in diesem Zusammenhang - davongetragen von literarischen Texten und für einen kurzen Augenblick ein wenig nachlässig geworden - hat sich die 'Robe de couleur' auch erstmals den Beinamen 'Robe de malheur' verdient, aber bevor ich das berühmte Pferd wiedermal von hinten aufzäume...
Against all rumours I do not suffer from the annual pre Christmas hustle and therefore submerged - in contrary, I was busily, but with a certain idleness, working on my quilted skirt.
An unbelievably valuable lesson,
which has revealed to me in about 50 hours, how much work (and labour) was put into such garment.
On some days it was bliss, on others I admittedly had to force myself to the sewing table.
But even though it somedays felt dreary, with each diamond taking shape my passion-ardour-enthusiasm for the finished garment steadily grew.
While sitting down at the sewing table I've chosen an audio book with period texts for entertainment.
An in this conext - being taken away by the literary wit and getting prone to a certain attitude of being absent minded - the 'robe de couleur' earned it's nickname as 'robe de malheur', but before I put the cart before the horse...

Wenn man den gequilteten Rock in dem Modekupfer näher betrachtet, fällt schnell auf, dass sein Gewicht nicht allein durch zwei Schulterbänder getragen werden kann. Der Kupfer selbst gibt einen guten Hinweis auf die Konstruktion.
When taking a closer look to the quilted skirt on the particular fashion plate, it's quickly evident, that it's weight could not solely be carried by two narrow shoulder straps. The fashion plate itselfs gives a good clue on the construction.

1799/1800 Costume Parisien No.171 Robe de Couleur
Im vorderen Bereich wird das Schulterstück breiter, was darauf hinweist, dass es ein dazugehöriges Rückteil gibt und das Gewicht des Rocks folglich an der Verbindungsnaht vom Rückteil hängt.
Die Konstruktion ist ähnlich wie von einem ärmellosen Kleid, wobei das Vorderteil ausgespart wird.
In the lower front the shoulder strap widens, which indicates, that there's a full back part (bodice) and that the weight of the skirt hangs on the seamline to the back of the bodice.
The construction is similar to that of a sleeveless dress, without a front piece.

Und während ich die Konstruktion zweilagig (außen Baumwollsatin, innen mollig warmer Flannel) vernähte, geschah folgendes:
An while I stitched the two layers of the bodice (cotton sateen and toasty warm flannel), the following happened:
Ups! Ein verdrehtes Schulterstück!
Was tun?! Alle Nähte wieder auftrennen??? Oh je!
Seufz!!!
Nein, in diesem Fall mußte eine andere Lösung her.
Oopsie! A twisted shoulder strap!
What to do?! Rip off all seams??? Oh no!
Sigh!!!
In this case another option was considered.

Ich beschloss ein Reststück auf die rechte Seite des Stoffes (rechts auf rechts) zu nähen.
I decided to stitch a remnant on the right side of the fabric (right side on right side).

Dann ein mutiger Schnitt entlang des Unterarmstücks und das Vorderteil wird aus seiner misslichen Drehung befreit.
Then a brave cut along the underarm piece to de-twist the front.
Die Originale werden wieder so zusammengelegt, wie sie ursprünglich waren, dann wird das angenähte Stück darübergeklappt.
The original pieces are put together as they once were, before covering them with the added piece of fabric.
 Dann sieht es so aus...
This is what it looks like...

Mit kleinen Rückstichen von oben annähen und zurechtschneiden. Das hat das leidige Auftrennen und eine ganze Menge Arbeit erspart! Stückeln ist zudem eine zeitgenössische Technik, wenn mal nicht genügend Stoff vorhanden ist oder der Näherin aus Unachtsamkeit ein Malheur passiert!
Next topstitch the additional piece and cut in shape. This has spared me ripping open the seams and a lot of work! Piecing is a period technique if there's not enough fabric or the seamstress accidently has caused a malheur!

Nach dieser Lektion ging es dann aber besser voran. Das Oberteil wurde schließlich ohne weitere Zwischenfälle mit dem Rockteil vernäht.
Ich entschied mich für eine Variante,  bei der das Rockvorderteil ähnlich wie  bei einem Frontklappenkleid konstruiert wird - nur ohne Klappe.
After this lesson things worked out more smoothly. The bodice was stitched to the skirt without further ado.
I decided on a similar construction as in front bib gowns - sans the bib.
An einer Seite wird das Rockstück dabei angenäht, jedoch ist trotzdem noch eine Öffnung vorhanden.
Auf der anderen Seite wird der Rock mit Haken geschlossen.
One side of the front panel is stitched to the skirt, but still with an opening.
The other side is closed with hooks.

Die Front wurde in kleine festgenähte Falten gelegt, die etwa 3 Zentimeter von der Rückseite genäht wurden.
The front is sewn into tiny pleats, about one inch long.
Die Falten wurden auch am oberen Rand flach angenäht, um dem Rock nicht noch mehr Volumen zu geben.
The pleats were also sewn flat at the top, to prevent the skirt having more body than desired.
 Auf der Innenseite wurde zusätzlich ein Nahtband angebracht.
On the inside I've added a waistband.

Ein Bild von der Rückansicht des Oberteils...
The back view of the bodice...

...und die Vorderseite mit 'geschlossenem' Rock
...and the front with a 'closed' skirt

Bei der lang ersehnten ersten Anprobe stellte ich allerdings nicht nur fest, dass sich der Kupferstecher zu einer frühen Version von Photoshop hat verleiten lassen, sondern dass der Rock durch das Quilten auch ein paar Zentimeter zu kurz geworden war.
In diesem Fall fügte ich einfach eine Blende an den unteren Saum und quiltete auch diese mit Rauten.
Robe de Malheur - nur nicht die Nerven verlieren!
Then on the first highly anticipated try-on I not only noticed that the engraver had chosen an early version of Photoshop for the plate, but that the whole skirt was about an inch too short due to the quilting.
In this case I added a piece to the hem and quilted it with even more diamonds.
Robe de malheur - don't loose your mind!
Von außen...
The outside...

...und die Innenseite.
...and the inside.

Und was hat es mit der Anspielung auf Photoshop auf sich?
Das fertige Stück hat durchaus nicht den Stand, den eine Wattierung mit Wolle hervorgerufen hätte, sondern eher den schweren, doch fließenden Fall von Schurwollstoff, aber dennoch trägt es ein wenig mehr auf als in dem Modekupfer gezeigt.
An what about the hint to photoshop?
The finished skirt doesn't have the stand/body of a garment padded and wadded with wool padding, but more of the fall and flow of pure wool fabric, nevertheless it has more shape than indicated in the fashion plate.


Aber dafür ist es wirklich wunderbar warm!
But alas it's truly toasty and cosy warm!

Und doch auch von gewisser Eleganz!
And with a certain elegance!

Passend zu dem Rock gibt es noch eine hübsche Fichu Chemise (wie im Modekupfer abgebildet). Mehr dazu und zu einem passenden Spencer aus dem Jahre 1798/1799 gibt es dann im nächsten Beitrag!
Bis dahin erinnere ich noch einmal:
Handsewing is bliss :)
I also have assembled a matching fichu chemise (like pictured in the fashion plate).
More on that and on a spencer from 1798/1799 for this particular ensemble in my next post!
Until then I'd like to remind:
Hand sewing is bliss :)

Donnerstag, 14. November 2013

Eine nicht eben kurze, doch hoffentlich unterhaltsame und lehrreiche Schilderung über einen wattierten Rock, baumwollenen Flanell und ein seltsames russisches Längenmaß mit mehr als vier Buchstaben

Wenn der Titel verwirrend erscheint, umso besser, denn so ähnlich erging es mir, als ich erste Erwägungen zu meinem neuen Vorhaben anstellte.
Ich wälzte gerade zur bloßen Unterhaltung den Jahrgang Nr. 12 oder das Jahr 1797 des Journals des Luxus und der Moden, als ich in den Modeberichten auf den Hinweis zu wattirten (Schreibweise 1797) Röcken stieß.
Wie mag ein solcher Rock ausgesehen haben? So wie die bekannten gequilteten/wattierten Petticoats der früheren Dekaden? Wohl kaum, denn zu dieser Zeit begann in der Mode die Entdeckung eher fließender Röcke.
Ich erinnerte mich an einen Modekupfer aus dem französischen Journal des Dames et des Modes, der bereits zuvor meine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Es handelt sich um den Modestich Costume Parisien 171 'Robe de couleur - fichu chemise' aus dem Jahr 1799/1800.
Bislang war ich mir nicht sicher, ob der Rock nun tatsächlich wattiert oder lediglich mit einem Rautenmuster bedruckt war. Des Rätsels Lösung kam mit einer hochauflösenden Kopie des Originals, auf der deutlich Stiche entlang der Rauten zu erkennen sind. 
If the title seems a bit confusing, all the better, because that is exactly like I used to feel upon my very first approach on my latest project.
I was leafing through the 1797 issues (or year 12) of the Journal des Luxus und der Moden, when I stumbled upon the mention of a quiltet/batted skirt.
What would such a skirt have looked like? Same as the quilted petticoats fashionable in the previous decades? Probably not, as in those later years of the 1790s flowing skirts were about to gain more and more popularity.
I remembered a french fashion plate from the Journal des Dames et des Modes, which hit my attention earlier.
To be precise it is Costume Parisien 171 'Robe de couleur - fichu chemise' from the year 1799/1800.
Until then I wasn't convinced wether it was truly quilted or just a diamond printed fabric.
The question was soon answered when I received a high resolution copy (Thank you so much, Cristina) of the original, on which there are cleary stitches along the diamonds.
1799/1800 Costume Parisien No.171 Robe de Couleur

Aber die Lösung der ersten Frage, warf nur noch weitere auf.
In meinem Stoffvorrat befand sich Baumwollvlies, allerdings verlieh es dem Probestück weniger die auf dem Modestich dargestellte fließende Form, denn die eines Teekannenwärmers.
Da ich keine kleinen Mengen an Wollvlies oder Seidenvlies erwerben konnte, entschloss ich mich zu einigen Versuchen mit Polyestervlies in verschiedenen Stärken bis hin zu hauchdünn ausgebrachter Zauberwatte - leider ohne Erfolg.
Zuletzt entschloss ich mich, es mit einer Lage Baumwollflanell zu versuchen...und siehe da!
Der Stoff ließ sich wunderbar quilten und behielt dabei doch die fließende Form, also konnte ich mich ans Wattieren von Hand begeben.
But the first solution, brought up even more questions.
I had some cotton batting in my fabric stash, but that unfortunately didn't give the fabric the desired look like in the fashion plate, it rather reminded me of a teapot cosy.
As I couldn't get any wool batting or silk batting in small amount and for a resonable price, I decided to try polyester batting in all kinds of sizes, up too thinly spread batting - to no avail.
My last attempt was a layer of cotton flannel...and voilá!
The sample turned out great, it had a nice shape and the unique flowing silhouette, which the fashion plate suggests. I could finally start with hand quilting the skirt.

Die drei Lagen: Atlasgewebe aus Baumwolle (Baumwollsatin), Baumwollflanell und eine Lage Baumwollstoff.
The three layers: cotton sateen, cotton flannel and a layer of cotton cloth.

Augenblick? Baumwolle???
In der Ausgabe des Journals des Luxus und der Moden war von einem Atlasgewebe die Rede. Sicherlich war damit eher Seide gemeint, aber ich entschied mich dennoch für die baumwollene Variante, obwohl die erst ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts dank des industriell mercerisierten Fadens Verbreitung fand.
Und Baumwollflanell? Wäre da Wollflanell nicht besser gewesen? Und gab es Baumwollflanell überhaupt schon?
Wait? Cotton?
In the aforementioned Journal des Luxus und der Moden article, the use of atlas or satin weave fabric was recommended.
Certainly silk was meant, but I went for cotton, although this starts to only get widely used with the industrial mercarisation of the threads in the mid 19th century.
And cotton flannel? Wouldn't wool flannel be more appropriate? And was there such thing like cotton flannel back then?

Dank einer umfangreichen Suche stieß ich auf eine äußerst interessante Quelle, nämlich Storchs "Historisch-statistische Gemälde des russischen Reiches".
Im "Supplementband zum fünften, sechsten und siebten Theil" findet sich eine Stelle in der russische Importgüter der Jahre 1770 bis 1772 aufgelistet werden.
My research led me to this amazing source, it's Storch's "Historical and statistical reference on the Russian empire". In the supplement to the Volumes five, six and seven is a list of imported goods to Russia in 1770-1772.

 Heinrich Storch, Supplement zum fünften, sechsten und siebten Theil des historisch-statistischen Gemäldes des russischen Reiches, Druck Leipzig 1803
(Quelle/source: googlebooks)

In dem Text wird unter der Auflistung Baumwollwaren auch Baumwollflanell aufgeführt, welcher '...an der rauhen Seite wie zartes Lammfell gekräuselt, die Arsch 10 bis 25 Kop....'
Bei der Bezeichung 'Arsch(in)' handelt es sich selbstverständlich nicht um die vier Buchstaben, sondern um ein altes russisches Längenmaß.
Ein paar Zeilen darunter findet ein weiterer interessanter Baumwollstoff Erwähnung, nämlich "Kitaika", der ursprünglich (der Name deutet es an) aus China stammt und in verschiedenen Qualitäten aufgeführt wurde. Unter anderem auch als "beste, geglänzte Sorte" (Im Vergleich dazu ein paar Zeilen weiter "Gefirnisste Kitaika"), haben wir es hier möglicherweise mit einem Atlasgewebe zu tun?
The text labled 'cottons and cotton goods' lists a cotton flannel, which is "...slightly curled like lamb's skin on the rough side..."
A few lines below we find another very interesting cotton called Kitaika (which refers to it's chinese origin) and was available in different qualities. One is said to be of "best glazed/or shiny quality" (in comparison to the following mentioned lower quality as "glazed Kitaika"), could this be a satin weave cotton?

Aufregend, oder? Aber zurück an den Nähtisch, denn dort wartet noch eine Menge an Arbeit.
Das Vorderstück des Rockes werde ich in den nächsten Tagen noch fertigstellen, dann geht es an die Rückseite.
Um die Nähte gleichmäßig ausführen zu können, habe ich ein Holzmaß angefertigt, dessen Ende im passenden Winkel zugeschnitten wurde. Das Maß ist fast 1.40 Meter lang und 4 Zentimeter breit. Die Linien habe ich vorsichtig mit Bleistift auf die Vorderseite (Baumwollsatin) aufgetragen. Die Nähte aus Vorstichen verdecken die Linien später.
Exciting, no? But back to the sewing table, because lots of work ahead.
The front panel of the skirt will be finished soon, and then on to the back panel.
To stitch the seams even, I took a wooden ruler with an appropriate angle. The ruler measures about 1.40 Meter in lenght and 4 Zentimeter in width. I've marked the lines with pencil on the front of the satin weave cotton .
The seams, made of small running stitches, will hide the pencil's lines.


Ich verwende gefärbtes Baumwollgarn (Handquiltgarn) in einem rötlichen Farbton, welcher stimmig zu dem kupferfarbenen Baumwollsatin passt.
I use a dyed cotton handquilt thread, which looks lovely on the copper coloured sateen.
Links erkennt man die vorgezeichneten Linien
On the left are the pencil lines.

Die Rückseite besteht aus Baumwollstoff
Cotton backing