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Dienstag, 3. Mai 2016

1802, Costume Parisien "Witterhorn Hut"

Manche Ideen zu einer Nacharbeitung eines Modekupfers begleiten mich eine lange Zeit und reifen, ehe sie dann tatsächlich umgesetzt werden.
Ein solcher Kupfer ist der Costume Parisien 405 "Chapeau de Paille a font Satin" aus dem Jahre 1802. Obgleich ich schon seit langer Zeit ein vergleichbares Kleid in meiner Garderobe habe, ließ der passende Hut auf sich warten.
Some ideas for a recreation of a certain fashion plate linger for a long time and develope, until I finally realize them.
Such a fashion plate is Costume Parisien 405 "Chapeau de Paille a font Satin" of the year 1802. While I have a similar dress in my wardrobe for quite a while, the matching hat took it's time.
1802, Costume Parisien (405) Chapeau de paille a font Satin. Fichu-Gimpe (Quelle/source: Sceneinthepast)
Bei den frühen Ausgaben des Journal des Dames et des Modes waren fast immer Begleittexte zu den Modekupfern vorhanden, also begab ich mich auf die Suche, aber leider fehlte die Ausgabe sowohl in der Sammlung Gunka Bakuen als auch bei bnf Gallica.
Glücklicherweise waren die Modejournalisten im Jahr 1802 emsig und so fand die neue Mode (und der Kupfer) Erwähnung im Journal des Luxus und der Moden im September 1802.
Der Text der Modennachrichten bezieht sich auf den oben abgebildeten Modekupfer aus Paris, den 21sten Thermidor oder 9.August 1802.
The early issues of the Journal des Dames et des Modes usually come with accompanying texts to the fashion plates, hence I searched for it, but unfortunately it was missing in the collection Bunka Gakuen as well as bnf Gallica.
Luckily the fashion journalists of the year 1802 have been known to be busy as well as smart, so it's no wonder that we find a mention of it in the Journal des Luxus und der Moden in September 1802.
The text of the Modenachrichten is linked to the fashion plate shown above from Paris, 21st Thermidor or 9th August 1802.

1802, September, Journal des Luxus und der Moden, Modennachrichten (Quelle/source: thulb Uni Jena)
Transkription:
Tulle wird noch sehr häufig um Hüthe und zu Garnituren an den Kleidern getragen. Aber die allgemein herrschende Mode sind seit 3 Wochen die schwarzen Bast-und Strohhüte, wovon die elegantesten sich wie ein Witterhorn (Anmerkung: Widderhorn und nicht etwa das Berner Wetterhorn) gefurcht in die Höhe drehen. Sie werden häufig mit Jonquille und Pistaziengrünen Bändern garniert oder auch mit einem rothen Tuche unter dem Kinn aufgebunden. Viele sind hinten von einem Ohre zum anderen ganz ausgeschnitten, so dass man den Nacken völlig sehen kann.
Translation:
Tulle is still worn on hats and as decoration for dresses. But the common fashion in the last three weeks is ruled by black bast or strawhats, of which the most elegant point upwards like a ram's horn. They are most often embellished with jonquilla yellow or pistacho green ribbons or are closed with a red kerchief under the chin. Many are cut in the back from one ear to the other, so that the neck is entirely exposed.

Obschon im Modekupfer und im Text des Journals von einem Strohhut die Rede ist, entschied ich mich dagegen, denn meine Fertigkeit in Sachen Stroh ist noch nicht so weit fortgeschritten, als dass ich mir die Konstruktion zugetraut hätte. Zudem ist es recht müßig gefärbtes Stroh zu finden und es selber Einzufärben ist schwieriger als man denkt, denn das Stroh ist von einer natürlichen Wachsschicht umgeben, ein Umstand, der einen umständlichen Färbeprozess vorraussetzt.
Ich entschied mich also für ein Gerüst aus Steifleinen und Draht.
While the fashion plate and the text mention that it is a straw hat, I decided against using straw, because my skills are not that advanced, that I would have mastered this construction. It's also difficult to find black straw braids and dying straw at home is challenging, because the straw has a waxed surface and knowledge about dying is essential.
I rather went for buckram and hat wire.

Die Krone ist eine halbe Röhre mit Deckel, um diesen herum wird die Krempe gearbeitet. Zunächst hatte ich den Aufbau mit einem Papiermodell erarbeitet.
The crown is a half pipe with a half circle, the brim is build around it in one piece. First I did up the construction with paper, then I transferred it to the buckram.

Entlang der Ränder ist Hutdraht angenäht (dafür habe ich auf die Maschine zurückgegriffen)
Along the edges I used hatwire (which is attached with the machine)

Das Innere des Hutes. Das Hutgerüst wird mit zugeschittenem Flanell belegt, der von Hand am Steifleinen festgenäht wird. Danach ist er bereit zum Beziehen.
The inside of the hat. The base is then covered with flannel, which is stitched on the buckram by hand. Then it is covered with the actual fabric.

Der Hut wurde mit dunkelblauem Baumwollstoff bezogen, dazu fertigte ich Hutband aus gelbem Baumwollsatin. Statt des etwas grellen Jonquillagelb, wählte ich ein Schlüsselblumengelb.
The hat was covered with dark blue cotton, it is taped with sateen. Instead of the bright jonquilla yellow I went for primrose.

Zunächst überlegte ich, ob es sich bei dem Hut um eine zweiteilige Anfertigung (Hut & Haube) handelte. Nachdem ich nur den Hut fertiggestellt hatte, probierte ich ihn aus, aber selbst mit Hutband und Hutnadeln ließ er sich nicht in die gewünschte hohe Form bringen. Also trägt die Dame auf dem Kupfer keine separate Haube, sondern ein rechteckiges Stück Tuch, welches durch Tunnel zu einer halben Haube gefertigt und eingenäht wird. Ist dieses geschehen, dreht sich der Hut von allein zu einem Widderhorn in die Höhe (ohne Hutband und Hutnadel).
I primarily wondered whether the hat was made of two pieces (hat and cap). After assembling just the hat part, I tried it on, only to find out that it would not sit in place, neither with hatbands nor pins. Ergo the lady in the fashion plate does not wear two separate pieces, but a rectangular piece of fabric, which is made to a half circle cap with the help of sewn in tunnels. Once this is done and sewn in, the hat points up into the air like a ram's horn (without the aid of band or pins).

Wenn er nicht getragen wird, liegt er sehr flach.
While not worn, it lies quite flat.

Die eingenähte halbe Haube. Die oberen vier Kanäle sind nach innen genäht und mit Rohrersatz (Kunststoff) gefüllt, während die unteren beiden Kanäle mit Baumwollband verzurrt werden.
The sewn in half cap. The upper four channels are sewn to the inside and filled with plastic reed substitute, while the lower two tunnels are stringed with cotton.

Sobald der Hut aufgesetzt wird, verändert sich die Form von flach zu rund.
As soon as the hat is put on, the shape changes from flat to round.

Der fertige Hut erfüllt den Anspruch des Widderhorns. (Auch wenn die Marotte noch ein wenig fragend guckt)
The finished hat fulfills the requirement of a ram's horn. (Even though the marotte is still sporting a frown)

Die Haube ist wie geschaffen für die Frisuren der Zeit im Jahr 1802.
The cap's shape is made for the hairdos of the year 1802.

Ein wunderbarer Anblick von allen Seiten.
A lovely sight from all sides.

Wie im Journal des Luxus und der Moden beschrieben, ist der Hut weit ausgschnitten und selbst mit Haube, erhält man einen Blick auf den Nacken.
Like described in the Journal des Luxus und der Moden, the hat is cut very high in the back and even with the cap there's still the neck exposed.

Bei dem seidenen Hutband handelt es sich um Vintageware, die perfekt zum Satin aus meinem Stoffschrank passt - ein Glücksgriff!
The silk hatband is vintage and matches perfectly to the sateen from my stash - happy moment!

Die Kanäle der Haube sind mit winzigen Vorstichen genäht.
The channels of the cap are sewn with tiny running stitches.

Da der erste Mai mit wunderschönem Wetter aufwartete, ging es gleich gut behütet in den Garten.
As the 1st of May promised lovely spring weather, I went into the garden for a stroll.


Die Azaleen blühen und duften! Der Lenz ist da!
The azaleas blossom and scent! Spring has sprung!

Und natürlich dürfen Goethes Lieblingsblumen nicht fehlen. Die Aurikel "Zimt" steht schon in Blüte.
And of course Goethe's favourite flowers shouldn't be missed out. The auricula "Cinnamon" in all it's glory.

Der Hut passt nicht nur in den Hochsommer, sondern ist auch im Frühling recht kleidsam...und auf dem besten Wege ein Lieblingsstück aus den Hutschachteln zu werden.
The hat does not only fit into the hot days of summer, but also looks appealing in spring...and is on it's best way to become a favourite from the hatboxes.

Dienstag, 19. April 2016

1796 Pariser Aufsatz à l'Innocente, oder: Sind Kalmare auf dem Haupt nun Mode, Madame?

Irgendwie scheint mir der April ein famoser Monat für die Herstellung von Hüten, Hauben und Aufsätzen aller Art zu sein, jedenfalls ist mein Nähtisch - wie bereits im vergangenen Jahr zu dieser Zeit - übersät mit Hutmachereibedarf.
Eine große Faszination bilden da auch die Hauben, welche in der Mitte der 1790er Jahre üppige Lockenfrisuren zierten. Mal waren sie klein, dann wieder von kurioser Größe.
Im Jahr 1796 breiteten sie sich laut dem Journal des Luxus und der Moden eher einnehmend auf den Lockenschöpfen aus. Unter all den wunderbaren Aufsätzen fiel mir einer besonders ins Auge.
1796 Aufsatz à l'Innocente, or: Are squids now in fashion, Madame?
Somehow April seems to be a favourite month for assembling hats, caps and headwear, anyhow my sewing table is as covered with millinery supply as in the past year around this time.
In this regard caps are highly fascinating, especially those, which were in fashion in the mid 1790s. Some were quite tiny, some of remarkable size.
In the year 1796 the latter was the case according to the Journal des Luxus und der Moden. Among all these beautiful headwear, one caught my attention quickly.
1796 Journal des Luxus und der Moden, September, Tafel 25 Aufsätze (Quelle/source: Uni thulb Jena)
Glücklicherweise gibt es auch hier einen Text zu dem Kupfer.
Luckily the journal supplies us with a text to the fashion plate.
1796 Journal des Luxus und der Moden, September, Tafel 25 Aufsätze (Quelle/source: Uni thulb Jena)

Transkription:
No.5 ein zierliches Aufsätzchen von feinem Linon, mit blassblauem Atlasbande eingefasst, und vorn und hinten mit Schleifen von eben diesem Bande gefasst. Man nennt dergleichen Aufsätze in Paris a l'innocente, und wirklich kann man sich nichts reizenderes denken, als ein junges unschuldiges Gesicht mit einem solchen Aufsatz auf dem nachlässig gelockten Haare.
Translation:
No5. a delicate headwear made of fine linon, bound with blue satin ribbon, on the front and back bound in ties with said satin ribbon. In Paris this kind of cap is called l'innocente, and there's nothing more appealing to imagine than a young innocent face with such a cap on the curly hair.

Ich fertigte meine Haube aus drei Lagen: meinem feinsten Linon, und zwei Lagen verschieden feinem Glasbatist oder Baumwollorganza. Hinzu kam ein sehr feines Seidenband, welches zum Einfassen jedoch viel zu fein war, weshalb ich auf ein Satinband zurückgreifen mußte, das ich als Schrägband von einer Meterware fertigte.
I've made my cap from three layers: my finest Linon and two layers of organdy in different qualities. I also used a silk ribbon, albeit it was so delicate, that I had to cut another ribbon from a yardage of sateen for the binding.

 
Ausgeschnitten wird ein Halbkreis und ein schmales Band, welches in der Mitte etwas zusammengefasst wird. Die zwei Lagen Organza dienen dazu, den Falten der Haube und den seitlichen Flügelchen Stand zu verleihen.
I've cut a half circle and a band, which is slightly gathered in the centre. The two layers of organdy help support the pleats and the little wings.


Der Halbkreis wird - wie im Bild gezeigt - auf die Rückseite des Bandes angenäht.
The half circle is - as shown in the picture - sewn to the back of the band.

Und nach ein wenig Stofforigami, erhält man dann...einen Kalamar...
And after a bit of fabric origami, it's finally...a squid...
 
Die Begriffe "Aufsätzchen" und "zierlich" und die fehlende Abbildung in getragenem Zustand haben mich ob der Größe vor einige Grübeleien gestellt. Sehr kleine Aufsätze sieht man im Jahr 1796 im Journal des Luxus und der Moden kaum, daher entschloss ich mich zu einer mittleren Größe für eine üppige Lockenfrisur, die zierliche Wirkung erzeilt dieser Aufsatz ganz von allein.

The terms "Aufsätzchen" (belittlement of the word "cap") and "delicate" as well as the missing picture of it actually worn, made me wonder about the size of the headwear. There are hardly any small caps seen in the 1796 plates of the Journal des Luxus und der Moden, hence I went for a medium size cap for a big curly head, et voila the delicate effect was simply happening.

Ein Blick auf das Innere. Die Falten werden mit einem Band zusammengehalten.
A view to the interior. The pleats are secured with a ribbon.

 
Ein wenig hat das Aufsätzchen etwas von einem Meerestier, ein wenig ist es ein kleines Kunstwerk. 
The cap is both, an impression of an sea animal and a little piece of art.



Die Spitze.
The front.

Aufgeblättert.
Opened up.

Der unschuldige Kalmar in Angriffstellung, bereit ein Haupt und eine Lockenpracht zu zieren!
The innocent squid ready to attack and adorn a head and curly hair!


Montag, 23. November 2015

Vernet's 1814 Merveilleuses & Incroyables: Chapeau de Paille d'Italie

Mal ehrlich, häufig sind es doch gerade die Details, welche uns für ein bestimmtes Kleidungsstück gewinnen. Und im Bann der Begeisterung findet man sich nicht selten geblendet von dem wahren Ausmaß der Arbeit.
Als ich die Modekupfer Vernets betrachtete war es der Hutschmuck aus weißen Lilien, der mir eifrig Sand Blütenstaub in die Augen streute, anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mir ausgerechnet ein Kleid mit Stickerei und einem Strohhut ausgesucht habe.
Es waren die Lilien, die mich an ein Bund weißer Amaryllis erinnerten, welche in seidener Form vor vielen Jahren von meiner lieben Freundin Linda in mein Haus kamen und seither neben den Hüten in meinem Nähzimmer ihren Platz fanden.
Lilien hin oder her, diese gewagte botanische Freiheit wollte ich mir gönnen.
Erst dann fiel mein (zugegeben entsetzter) Blick auf den Strohhut selbst:
Chapeau de Paille d'Italie.
Und wie ich bald herausfinden sollte, war dieses Italienische Stroh von allerfeinster Qualität. Glücklicherweise hatte ich noch eine Restkrone (Hutdeckel und etwa 10 Reihen) und Strohband von einem alten Hut in dieser Qualität, aber das reichte bei Weitem nicht, also bestellte ich noch weitere Meter in feinster Ausführung dazu.
Honestly, it's often a certain detail that catches our attention for a garment. And exactly this excitement sometimes blinds our eyes for the real amount of work.
When I looked through the Vernet fashion plates it was the decoration of white lillies, which bedazzled me, I can't offer another explanation, why I've chosen a dress with plenty of embroidery and a straw hat.
Those lillies reminded me of a bunch of silk amaryllis, which was given me years ago by my dear friend Linda and which was placed ever since on a shelf in my sewing room next to my hats.
Lillies, of course, but I was determined to commit this botanical faux pas.
And then I noticed (with slight horror) the straw hat itself:
Chapeau de Paille d'Italie.
Soon I realized that italian straw was always of finest quality. Luckily I had an old hat's remnant (straw hat's toplid and about 10 rows attached) and straw braid, but that wasn't enough by far. I've ordered more of the finest and most tedious variety.

Aber wie sah es damals bei den Hutmachern aus? Meine Quellen verrieten, dass das Flechten des Strohs, welches in bester Qualität von Sommerweizen gewonnen wurde, und das Nähen der Hüte zumeist von Frauen auf dem Land getätigt wurde. Manche Dörfer hatte sich auf dieses Handwerk spezialisiert und in beinah jedem Haus dort fand man eifrige Frauen vor. Unterschieden wurden Landhüte von einfacher Ausführung und Hutstroh für die Modehüte.
How do we have to imagine the work of a straw hat maker? My sources revealed, that it was most common that the braiding of the straw - the finest quality was made of summer's wheat - and sewing of hats was done by female workers of the country sides. Some villages specialized on straw hat making and nearly in ever house women were busily braiding straw. For country straw hats in common quality as well as for fashionable hats.
1818, The book of English Trades (Quelle/source: googlebooks)
 Und wie wurde ein solcher Hut genäht?
And how was such a hat stitched?
1806, G.C. Bohns Waarenlager (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Bei der Verfertigung der Hüte näht man die Strohflechten einzeln zusammen, und zwar so, daß die Nadel ringsherum unter den Maschen am Rande hinfährt. Den Kopf verfertigt man auf einem hölzernen Modell. Soll der fertige Hut weiß beiben, so schwefelt man ihn noch einmal in einer Trommel;
Translation:
The manufacture of hats is done by sewing the straw braids together by poking the needle along the loops on the edges. The crown is made on a wooden model. If the hat should remain white, it is sulfurated a second time in a barrel;

Leider verrät mein Modekupfer nur in einer Andeutung die tatsächliche Form des Strohhutes. Ich ließ mich bei der Ausführung daher durch einen anderen Modekupfer aus dem Jahr 1813 inspirieren.
Unfortunately my fashion plate leaves hardly any clues on the shape of the straw hat. I looked for inspiration in another fashion plate of the year 1813.
1813, Costume Parisien No.1318, Journal des Dames et des Modes (Quelle/source: sceneinthepast)
Zunächst fertigte ich ein Model aus Pappe und gestärktem Stickleinen. Da ich weder ein geeignetes Holzmodel, noch mir eine freihändige Ausführung der feinen Arbeit zugetraut habe, nutzte ich das Modell aus Stickleinen später als Unterkonstruktion, wobei auch der Schirm aus Stickleinen gefertigt wurde.
First I made a model of cardboard and stiffened embroidery linen. As I neither have a suitable wooden model, nor the skill to stitch the braid free hand, I used the embroidery linen as a base. I also did the brim of embroidery linen, closely following the paper modell.

 
Die Krone mißt 17.5 Zentimeter und entspricht dem Verhältnis der Länge zur Krempe, wie sie auf dem Costume Parisien Modekupfer angegeben ist.
The crown measures 17.5 centimetre according to the lenghts of the brim, as shown in the Costume Parisien fashion print.

Ich habe die beiden Hutteile getrennt bearbeitet. Bei der Krempe habe ich am äußeren Rand begonnen, da zur Krone hin die Strohbänder später nicht mehr komplett herumführen, sondern angesetzt werden.
I worked on the pieces seperately. I started on the edge of the brim, because the closer you get to the connection to the crown, the braid doesn't lead entirely around the brim anymore, but has to be pieced.

Der untere Rand des Stickleinengerüsts ist mit Hutdraht verstärkt. Das Gerüst selbst ist sehr leicht und da der Hut im Modekupfer gefüttert ist, sieht man diese Nähhilfe später nicht mehr.
Der komplette Hut hat ca. 40 Meter Hutstroh verschlungen.
The edge of the embroidery linen was enforced with a wire. The linen itself is light weight and as the hat on the Vernet plate is lined, the sewing aid won't show.
The complete hat needed approx. 40 metres of straw braid.

...und herum und herum und herum. Ich weiß gar nicht wie oft ich nicht nur das Stroh, sondern gleich auch den Finger erwischt habe...
...and round and round and round. I can't count how many times I not only pierced the straw, but also my fingers...

...nach nur einem Hut ist meine Verehrung für die damaligen Handwerkerinnen um ein vielfaches gewachsen.
...after only one hat my appreciation for the period artisans has at least tripled.

Der Übergang von Krempe zu Krone. Meine Stiche sind nicht immer ganz so sauber, wie in Bohns Waarenlager beschrieben...
The connection of crown and brim. My stitches weren't as neat as those described in Bohn's Waarenlager...

...aber schließlich hatte ich doch einen Chapeau de Paille d'Italie.
...but finally I've made my first Chapeau de Paille d'Italie.

 Der Hut wird nun noch gefüttert, angefeuchtet und in Form gebracht, und schließlich dekoriert...mit Amaryllis!
The hat needs to be lined, damped and pressed into shape, and decorated...with amaryllis!

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Dienstag, 19. Mai 2015

"...bringe ein Bouquet weißer Blumen, wie sie auf eine Mütze passen."

Der Titel des heutigen Beitrags ist einem Brief von Caroline Schelling vom 18.Mai 1801 entliehen.
Eine kürzlich zurückliegende Konversation mit dem Autor der englischsprachigen Seite über Caroline Schelling betraf eben diese Textstelle und war unter anderem Anlass mir die Hutmode der Zeit genauer anzusehen...zudem juckte es mir in den Fingern ein neues frühromantisches Kleidungsstück für die spätsommerliche Fahrt nach Weimar im Gepäck zu haben.
Meine Wahl fiel auf einen Pariser Hut.
"...bring a bouquet of white flowers of the sort one puts on a cap."
Today's blog title is taken from a letter of Caroline Schelling written on 18th May 1801 (Please follow the link and peruse not only the entire letter, but the whole website!)
Due to a recent conversation with the author of the english website about Caroline Schelling, which was based on said text excerpt, I focused more on the headwear of the year...another reason was that I'd love to have a new garment in my luggage for our weekend in Weimar in Autumn.
I've chosen a Parisian hat.
Jahrgang 16, September 1801 Journal des Luxus und der Moden
Tafel 25
(Quelle/source: urmel-thulb Jena)

Ich habe mir die französische Capote unten im Bild ausgesucht. Um einen besseren Eindruck zu bekommen habe ich den Text zu dem Kupfer hinzugezogen.
I went for the french capote. To get more information I also read the accompanying text to the plate.

Jahrgang 16, September 1801 Journal des Luxus und der Moden
(Quelle/source: urmel-thulb Jena)

Transkription:
Dagegen trägt (Fig.2) einen Pariser Hut von gelbgestreiften Seiden-Bast mit gelb und weißen Krep-Puffen, zur Rechten ein Bouquet Narcissen von feinem gelben Krep.
Translation:
 Whereas (Fig.2) is wearing a Parisian hat made of silk-bast with yellow and white striped crepe poufs, on the right a bouquet of daffodils of yellow crepe.

Die erste Frage, die der Text aufwarf betraf die Bedeutung von "Seiden-Bast".
Was konnte sich hinter diesem Begriff verbergen?
Ein Blick in Bohns Waarenlager war dabei eine große Hilfe und förderte einen weiteren Begriff zutage:
Fottalongées
The first question on my mind was about the meaning of "silk-bast".
What on earth could that be?
Again Bohns Waarenlager was a great help to find more about a term, while leading to another:
Fottalongées
1805, Bohns Waarenlager (Quelle/source: googlebooks)

Transkription:
Fottalongées, Ostindische aus einem Bast und Seide gewebte Zeuge mit Streifen
Translation:
Fottalongées, ost indian woven fabric with stripes made of bast and silk

Eine Dekade später findet sich der Begriff noch in einem weiteren Buch, erwähnt wird Schweizer Seidenbast von glatter Beschaffenheit, der vor allem für Sommerkleider verwendet wird:
A decade later there's another hint in a book about the fabric, there's a smooth Swiss silk mentioned as 'silkbast', which is often used for summer dresses:

 1819, Poppe, Lehrbuch der speciellen Technologie
(Quelle/source: googlebooks)

Also handelte es sich um eine Art Seide. Die erste Hürde war genommen, aber so simpel das Hütchen auf den ersten Blick auch erscheinen mag, das war nur der Beginn einer Reihe von Fragen.
An dieser Stelle wurde mir klar, dass ich bislang kaum etwas über den Ansatz meiner Arbeiten geschrieben hatte.
Grundsätzlich versuche ich glaubwürdige Nacharbeitungen anzufertigen, dabei sind einem natürlich häufig die Hände gebunden. Vielfach sind einige Stoffe nicht mehr erhältlich oder ihre Beschaffenheit nicht entschlüsselt - ein Blick durch Bohns Waarenlager eröffnet die unglaubliche Fülle an Stoffen, die in der damaligen Zeit in Gebrauch waren, um irgendwann von der Bildfläche zu verschwinden (oft ohne Abschiedsbrief).
Leider habe auch ich keinen Goldesel im Garten weiden, was bedeutet, dass ich oft auf andere Stoffqualitäten ausweichen muß.
Und nicht immer habe ich Einblick in alle Konstruktionsweisen.
Mein Ansatz ist es daher mit möglichen Mitteln zu arbeiten, wobei ich bevorzugt Modekupfer nacharbeite, denn hier hatte es auch F.J.Bertuch bei seinem Journal des Luxus und der Moden im Sinn, den Frauen ein Bild und einen Text an die Hand zu geben, den sie mit ihren Mitteln umsetzen konnten.
Hence it is a kind of silk. The first obstacle was taken, but as simple as the hat seems on first glimpse, this was meant to be just the beginning of further questions.
At this stage I suddenly realized that I never wrote about my approach of my work.
In principle I try to do a faithful re-creation, while I often have to face certain restrictions. Often certain types of fabric aren't available anymore or we have no clue of their texture - a thorough look into a dictionary like Bohns Waarenlager reveals the huge variety of fabrics, which were used back then and then simply vanished (without leaving any note).
Furthermore I have no cash cow grazing in my back yard, which means, I often have to chose different fabric qualities.
And I have only limited access to period originals and their construction.
Therefor my personal approach is to work with given means, while I prefer working with fashion plates, because these were given by F.J.Bertuch in his Journal des Luxus und der Moden, to provide his readers with ideas via plates and texts, which could be sewn according to their means.

Hier also gab der Modekupfer Seidenbast vor, den ich natürlich nicht meterweise im Schrank liegen hatte, also wich ich auf gestreiften Seidentaft aus, von dem ich noch ein Reststück in meinem Stofflager hatte. Der Stoff war gewählt, aber die Konstruktion stellte mich vor ein großes Problem.
Da war die Rede von Krepp-Puffen, aber ich konnte nur erkennen, dass der Stoff im Kupfer in Falten gelegt war. Sollte ich dem Kupfer folgen oder dem Text?
Und was war das?! Wie konnte der Stoff entlang der Krempe nur auf diese Art verlaufen?
Und was in aller Welt war an der Konstruktion "französisch"?
Was hätte eine Hausfrau damals in diesem Falle getan? Sie hätte sich vermutlich an eine Konstruktion gehalten, die sie bereits erprobt hatte...und wenn diese dann noch von einem französischen Modekupfer kam, war das sicher ein Grund mehr.
Ich fertigte den Hut also basierend auf den Erkenntnissen meiner Kapotte vom Costume Parisien Modekupfer 168 aus dem Jahr 1799/1800.
Here the fashion plate called for silk-bast, which - alas - I have none of, thus I went for striped silk taffeta, of which I had a remnant in my stash.
The fabric was chosen, yet the construction proofed to be a mystery of it's own. There was a mention of silk poufs, yet all I could figure out in the plate was some pleats made of self fabric. Should I follow the plate or the text?
And what about that?! How could the fabric run on the brim the way it did in the plate?
And what was "french" about the construction?
 What would a period housewife have done in this case? She would probably have relied on a previous and familiar construction...especially if that particular piece was done following a french fashion plate.
I constructed the hat based on my knowledge of the capote from Costume Parisien fashion plate 168 of the year 1799/1800.

Die Krempe als Schnittmuster (oben) und aus Steifleinen und Draht gefertigt. Außen mit einer dünnen Lage Flanell. Die Krempe bleibt an den Enden geöffnet.
The brim as pattern (top) and the buckram/wire base. I added a layer of thin fannel onthe outside. The brim remains open at both ends.

Mein Stoffrest aus Seidentaft, bereits zu einem Schlauch genäht.
My fabric remnant of silk taffeta, already stitched into a tube.

Der Schlauch wird über die Krempe aus Steifleinen gezogen und mit einigen Heftstichen festgenäht. Auf diese Art und Weise laufen die Streifen nahezu wie in dem Modekupfer senkrecht entlang der Krempe.
The buckram is covered with the silk tube and staystitched with baste stitches. Choosing this construction provides that the stripes run vertical around the brim like in the fashion plate.

Die Innenseite. Am oberen Rand sieht man den Stoffüberstand, der später in Falten am Hinterkopf zusammengefasst wird.
The inside. The upper side shows the fabric excess, which is later gathered in pleats.

Das Futter aus Baumwolle
The lining made of cotton

Entlang der Kante wird ein Streifen angenäht
A stripe of bias cut fabric is sewn along the edge

Die obere Kante des Seidenschlauchs wird mit Rückstichen zugenäht
The upper edge of the silk tube is closed with back stitches.

Innenansicht. Und nun beginnt der kreative und langwierige Teil, den Stoff so zu drapieren, dass auf dem Kopf zwei Puffen entstehen. Das hat mich einiges an Zeit und Geduld (und Nerven) gekostet, weshalb ich gar nicht ans fotografische Dokumentieren gedacht habe, sondern gänzlich mit Fluchen beschäftigt war...
Inside view. And now it's the beginning of the creative and tedious part, to drape the fabric in a way, that it has two poufs on top. This did cost me some time and patience (and nerves), hence I did not thought of photo documenting this process, because I was caught up in swearing...

Die zuvor lose Rückseite wurde in Falten zusammengefasst
The loose back side was gathered in creases

Und dann schaut er doch ein wenig anders aus als auf dem Modekupfer...darüber seufzen Hausfrauen sicherlich schon seit über 200 Jahren. 
Ich denke, ich hatte einfach zu wenig Stoff zur Verfügung um die Rückseite noch voller zu gestalten.
And then it looked a bit different than in the plate...I hear housewives sighing about this for the past 200 years.
I guess, I just had too little silk, otherwise the back would have been formed a bit fuller.

Die Rückseite mit der Naht.
The back side with the seam.

Die im Titel erwähnten Blumen. Es sind keine Narcissen aus gelbem Krepp geworden, sondern ein kleines Sträußchen aus hangeschöpftem, faserigen Papier, dazu eine zweite Schleife aus Seide.
Auch diese ist nicht im Kupfer zu sehen,aber das Band war ein Geschenk meiner lieben Freundin Natalie und deshalb gehörte sie einfach auf die Mütze!
The flowers mentioned in the title. However these are no daffodils made of yellow crepe, but a small bouquet of handmade paperflowers, and there's a second bow tie.
The additional tie isn't on the fashion plate, but it was a gift from my dear friend Natalie and simply had to be a part of the cap!

Die Innenseite mit Futter aus heller Baumwolle
The inside lined with white cotton

Auf dem Kupfer sieht man lediglich ein Kinnband, aber leider nicht wie es geschlossen wird, also entschied ich mich für eine Lösung mit Haken und Ösen.
Actually only a chin strap is shown in the fashion plate, yet no hint on how to close it. I decided on a hook and eye closure.