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Dienstag, 9. Dezember 2014

Von alten Schachteln und Marotten

Dem Titel zum Trotz dient dieser Beitrag selbstverständlich nicht dazu, das Repertoire zeitgenössischer Schimpfworte zu erweitern, vielmehr hat es sich in den vergangenen Jahren eingebürgert, dass ich die letzten Wochen des Jahres mit Vorliebe nutze, um den Blickwinkel vom Nähtisch auf das alltägliche Leben zu erweitern.
In den zurückliegenden Tagen, als ich damit beschäftigt war, einen Hut umzuarbeiten und eine neue Haube zu fertigen, lenkte die Tätigkeit meine Aufmerksamkeit auf die damaligen Putz- und Modehandlungen.
In the past years it gradually became a habit to spend the last few weeks of the year with the focus a bit beyond the sewing table and concentrate on different aspects of period daily life.
In the previous days, while altering a hat and sewing a new cap, my attention was suddenly pushed to the life and work at a millinery shop.

1807, Le Bon Genre, Atelier de Modistes (Quelle/source: Dames a La Mode)

Wir sehen Hüte, Bänder...und Hutschachteln. Und fünf Damen - vier davon kopflos im Kaufrausch und eine Dame mit erhobenen Haupt: ein sogenannter Haubenkopf oder auch Marotte.
Um Hüte und Hauben auszustellen und aufzubewahren, waren diese wunderbaren Schmuckstücke unbedingt vonnöten.
Hutschachteln und Marotten also!
We see hats, ribbons...and hat boxes. Five ladies - four of them headless in a shopping frenzy and one lady holding her head up high: a so-called milliner head or marotte.
To display and store hats and caps, these beautiful items were essential.
Hat boxes and marottes, here we go!

1804, Bandboxes, Cries of London
William Marshall Craig’s Itinerant Traders of London in their Ordinary Costume with Notices of Remarkable Places given in the Background,
(Quelle/source: Bishopsgate Inst. via Spitalfields Life)

Die Schachteln wurden aus Pappe geleimt und mit Papier beklebt, es gab sie in allen Größen und Formen.
Für meine Hutschachtel wählte ich helle Finnpappe, welche durch ihre Farbe und Beschaffenheit den alten Pappen sehr nahe kommt. Für Hüte eignet sich die runde Form am besten.
The boxes were made of pasteboard and covered with paper, they were offered in a variety of sizes and shapes.
I've chosen finnish pasteboard for my box, which gets close to the original pasteboards in regard of colour and structure. Round shapes are most popluar for hats.

Die Schachtel ist ca. 45 Zentimeter hoch und hat einen Umfang von gut einem Meter.
Schachtel und Deckel sind mit Tapetenpapier und Kleister beklebt.
Ein Seidenband dient als Griff. Der Mechanismus ist so genial wie einfach.
The box measures about 45 Centimetre in height and has a circumference of almost one metre.
The box and lid are covered with wallpaper and paste.
A silk ribbon serves as handle. The mechanism is as simple as it's ingenious.

Im Deckel ist ein kleiner Schlitz...
There's a small slit in the lid...
...durch den das Seidenband, dass innen an der Box befestigt ist, gefädelt wird.
Es ist lang genug, um einen guten Griff zu sichern und dem Hut beim Herausheben nicht im Weg zu sein.
...through which the ribbon, which is attached on the inside of the box, is threaded. It's long enough to make a good handle and to be put out of way to fetch the hat.

Natürlich durfte ein Aufkleber nicht fehlen. Da ich im Journal des Luxus und der Moden des Öfteren auf die Modehandlung der Mme Oels in Weimar gestossen bin, lag es nahe ein Schild zu entwerfen, das ihren Namen trägt.
Certainly this called for a trademark label. As I've often stumbled upon the name of Mme Oels milliner shop in Weimar during the study of the Journal des Luxus und der Moden, I thought it would nice to design a label, which shows her name.


Die Anregung zur Marotte fand ich erst kürzlich auf Sonjas Blog Thursdays Child
In der folgenden Zeit durchforstete ich das Internet nach weiteren Quellen und stellte fest, dass Haubenköpfe durchaus sehr häufig zu finden waren. 
Und ein Kopf schöner als der andere.
The inspiration for the marotte was recently given through Sonja's blog Thursdays Child.
I spend some time to learn more about the history of the heads and even more sources and was quite amazed at how popular they must have been. 
With one milliner head more beautiful than the other.

milliner's head, mid 19th century
(Quelle/source: via pinterest)

papier-mache milliner's head, early 19th century
(Quelle/source: skinner auctions)

Die Marotten sind üblicherweise innen hohl und haben im Rücken eine quadratische Öffnungen.
Ich wollte meinen Haubenkopf auf eine Styroporvorlage arbeiten und dann herunterschneiden, aber leider ging dieser Plan nicht auf, weshalb der Kern meiner Marotte nun aus Styropor besteht.
Ich habe zwei Lagen Pappmaché aufgebracht, das genügend Zeit zum trocknen bekam, ehe ich eine Schicht Grundierung aufgetragen habe. 
Dann ging es ans Bemalen. Dazu wählte ich Acryl Gouache.
Nachdem alle Schichten aufgetragen waren, erhielt der Kopf noch eine Schicht Wachs.
The marottes usually are hollow and have a square opening in the back. I decided to work my head on a styrofoam base with the intention to later cut it open and retrieve the styrofoam. Unfortunately that didn't work like planned and I've left the styrofoam inside.
I added two layers of papier mache, which was allowed a long phase of drying, before I added a basic layer of paint.
After that the actual painting started. I've chosen acryl gouache.
After all layers were finished I waxed the head.

Eine Marotte, bereit für Hüte und Hauben
A marotte waiting for hats and caps.


Sie trägt eine leichte Chemisette zu ihrem blauen Kleid...
She's wearing a sheer chemisette with her blue gown...

...passend zu den blauen Augen.
...matching her blue eyes.

Und da ich kleine Details liebe, habe ich natürlich ein paar Seiten aus einem alten Buch ausgedruckt und für das Pappmaché verwendet.
And as I love details, I've copied a few pages of a period book and used it as papier mache for the base.

Beide Arbeitsstücke haben mir so viel Vergnügen bereitet, dass ich bereits an weiteren Marotten und Schachteln arbeite...und natürlich auch an Hüten und Hauben, aber dazu mehr im nächsten Beitrag.
Both pieces meant such great amusement for me, that I already work on more boxes and marottes...and of course hats and caps, more about that in my next post.

Donnerstag, 21. August 2014

...quis leget haec?

"Wer liest das eigentlich?"
Zugegebenermaßen kann ich mich nicht davon freisprechen, dass sich mir dieser Gedanke ab und an aufdrängt. 
Üblicherweise geschieht dies eher selten wenn ich Kleider vorstelle, Anleitungen teile, die Nadel schwinge - kurz: wenn es um die im Blogtitel erwähnten 'Moden' geht.
Lege ich allerdings Nadel und Faden aus der Hand und finde mich - mit brennendem Interesse - über schriftliche Quellen gebeugt, um den 'Marotten' unserer Vorfahren auf die Schliche zu kommen, 
dann hüpft mich die hinterlistige Frage an 
und trübt meinen Enthusiasmus einen Blogbeitrag über die gefundenen Geschichten und Geschichtchen zu verfassen.
Dabei ist Mode doch immer Ausdruck einer Zeit, ähnlich wie beispielsweise Malerei und Poesie - und versteht man letzere Künste nicht auch am besten, wenn man sie mit den Augen der damaligen Zeitgenossen betrachtet?
Waaaaas?! 
Diese ellenlangen Schachtelsätze von damals studieren, 
nur weil ich ein Kleid nähen will???
 An dieser Stelle verspreche ich zwei Dinge:
Erstens - es ist ein unglaubliches Vergnügen sich mit der feinen Sprache zu beschäftigen, diese wundervollen Satzgebilde auf der Zunge zergehen zu lassen, Satire von tatsächlichen Ratschlägen unterscheiden zu lernen, und in der ein oder anderen Lektüre plötzlich festzustellen, dass auch unsere Vorfahren ab und an geschrieben haben, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Zweitens - Nachdem man sich anhand der Lektüre eingehender mit der Zeit und ihren Menschen vertraut gemacht hat und durch Briefe, Zeitungen und vielleicht auch Romane über zweihundert Jahre hinweg ein wenig näher zusammengerückt ist, näht man nicht einfach mehr 'ein Kleid', 
sondern versteht, dass es da um mehr geht als nur eine Möglichkeit den Körper ansprechend zu verhüllen.
"Who actually reads this?"
Admittedly I'm not always clear of this thought, which now and then haunts me.
Maybe not so much when I introduce new dresses, share tutorials, or generally sew - in short: when I'm rambling about the term 'Moden' (fashion) mentioned in the blog title.
But any time I put aside needle and thread to delve into written sources to trace our ancestors' 'Marotten' (whims), this most sneaking question afflicts me and lessens my enthusiasm to write a blogpost about my finds.
But isn't fashion always the expression of a time, like painting and poetry - 
and isn't it that we might only fully understand it, if we see it through our ancestors' eyes?
Whaaaaat?!
Reading terribly long nested sentences, only to sew a dress???
At this point I'll promise two things:
First - it's an incredible joy to read this fine language, to luxuriate in their writings, learn to seperate satire from real advice, and learn that the people back then also were capable to write right from their mouth.
Second - After studying and becoming more familiar with the people throughout their letters, journals or even novels, and suddenly being a bit closer regardless of the two centuries, which part us, it's not sewing 'just a dress' anymore, but a deeper understanding that it's more than putting cloth on a naked body.

Die beste Nachricht aber ist die - und jeder, der sich eher mit dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit beschäftigt, würde nun begeistert hüpfen - es gibt eine unendliche Fülle an Primärliteratur!
Beinah jede Frage kann aus erster Hand beantwortet werden!
Und man muß nicht Unsummen ausgeben, um sich die Originale zuzulegen (wenngleich auch das ein großes Vergnügen ist), denn die meisten Schriften, Zeitungen, Journale, Briefe sind bereits digitalisiert. 
Und wenn man die Suche erst anfängt, wird man von einem interessanten Fund zum nächsten kommen, und die Damen um 1803, die Herren um 1814 werden plötzlich lebendig!
The best thing is - and everyone, who's researching about medieval times or the early modern age, would squeak with delight - there is a wealth of primary sources!
Nearly every single question can be answered first hand!
And it doesn't mean to spend a fortune on books (although that's fun, too), because most of the sources, volumes, letters, journals, newspapers are digitalized.
And once the search has begun, one exciting find will lead to another, and the ladies of 1803, and gentlemen of 1814 will come alive!
Februar 1810, La Belle Assemblée (Quelle/source: googlebooks)
...nun gut, vielleicht nicht ganz so lebendig, wenn es sich, wie in dem oben aufgeführten Ausschnitt aus einem Journal, ua. um Sterbeanzeigen handelt.
...well, maybe not that alive, if it's, like in the source above, a register of brith, marriages...and deaths.

Journale und Zeitungen (welche oft aus nur wenigen Seiten bestehen) sind reichhaltige Quellen, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, häufig wird man in diesen Schriften auch auf umfassendere Werke weiter verwiesen...oder man genießt einfach die gebotenen Zeilen.
Journals and newspapers (often containing only very few pages) are amazing sources to gain a first insight, and they often contain recommendations to further reading.

Die Lippischen Intelligenzblätter (im Bild zwei Ausgaben Jahrgang 1804 und 1807)


Alltägliches aus dem Lippischen Intelligenzblatt 1807:
Paderborn. Einem geehrten Publicum empfehle ich mich bestens, mit dem Einsetzen künstlicher Zähne, das Herausnehmen aller tiefliegenden oder abgebrochenen Zahnwurzeln, Reinigen der Zähne von Weinstein, Plombiren hohler Zähne, und was sonst zu deren Erhaltung notwenig ist.
Auch ist gutes Zahnpulver zum Erhalten der Zähne, und Mittel wider Zahnschmerzen bey mir zu bekommen.
Paderborn den 1sten Dec.1807 S. David Examinirter und priviligirter Zahnarzt, wohnt am Kellerplatz
Miscellany from the Lippische Intelligenzblatt 1807:
Paderborn. I recommened myself to my dear audience, with applying artificial teeth, the extraction of painful or broken roots, cleaning teeth of tartar, filling teeth, and whatever is necessary to preserve a tooth. I also sell tooth's powder,and medicine against toothache.
Paderborn 1st Dec. 1802 S. David registered and priviledged dentist, Kellerplatz


Detmold. Bey Jacob Isaac allhier sind Kalbfelle und gute Wolle gegen einen billigen Preis zu haben.
(Darüber ist übrigens die Bekanntmachung eines angereisten Tanzlehrers, der Kurse bietet!)
Detmold. Jacob Isaac sells calf hides and wool for a low price here.
(Above these lines is the introduction of a new dance teacher, who offers courses to the young ladies)

Der Bericht über den Zahnarzt gibt Aufschluß über die Hygiene und kann der Anfang weiterführender Untersuchungen werden, die schließlich wieder den Kreis zur Mode schließen, wenn man beim Mirrow of Graces (1811)
The above text about the dentist reveals a bit about hygene and might finally lead to reads about fashion like Mirrow of Graces (1811)

Und wer einen wirklich exzellenten Einstieg haben möchte, 
dem sei noch folgende Sekundär-Lektüre wärmstens ans Herz gelegt:
(unfortunately this book is only available in German)
Göres, Heimliche Verführungen. Ein Modejournal 1786-1827
Katalog zur Ausstellung im Goethe Museum Düsseldorf 1978

Und nun ran an die Bücher und Briefe, die Journale, die Rezepte, die Modeneuigkeiten...
And now happy reading with all the books, letters, journals, recipes, and fashion papers...

Mittwoch, 12. März 2014

Laaaaaaaaaangmut!

Es geht langsam voran.
Paspelreihe um Paspelreihe.
Geduld ist gefragt - die längst vergessene Langmut.
Und durch den gewählten Stoff, dessen Karo ein wenig kleiner als im Original ausfällt, entwickelt sich überraschend ein eigenes Muster, ein einzigartiges Kleid.
Progress is made slowly.
Row after row.
Patience is essential - the long forgotten trait.
And with the choice of my fabric, which scale is a bit smaller than in the original, surprisingly a unique pattern developes, a unique dress.

Ein Kleid wie ein Gedicht, aber statt dem Versmaß des Originals artig zu folgen, entschied sich mein Stoff für seine eigenen Zeilen.
A dress like a poem, but instead of following the rhyme of the original, my dress intended to find it's own poetry.

Ein Blick auf die linke Seite. In der ersten Reihe habe ich noch das schmale Paspelband aus dem vorhergehnden Beitrag benutzt, aber das erwies sich rasch als wenig geeignet, also verbreiterte ich die Bänder, sodass sie nicht mehr 
aus den gelegten Falten rutschen können.
Die ganz feinen Reihen sind nicht gepaspelt, sondern werden aufgenäht.
A view onto the left side. For the first row I've used the small piping band introduced in my previous post, but quickly I've noticed that it wasn't very suitable, hence I broadend the bands to prevent them to slip out of the pleats.
The very fine rows aren't piped, but topstitched to the fabric.

 Das Einnähen einer Paspel von Hand braucht etwa 40 Minuten.
Die mit winzigen Stichen aufgenähten Bänder mehr als 1 1/2 Stunden.
Sewing in the pipes by hand takes about 40 mins.
The tiny topstitches for the bands take more than 1 1/2 hours.

Aber die Mühe lohnt sich, denn der Rock dankt es und das Blau wird zu einem zarten hellgrauen Blau - ein Gedicht eben!
But it's worth all the patience, because the skirt is beautiful and the dark blue turns into a light greyish blue - it's poetry!

Sonntag, 29. Dezember 2013

Von Vorsätzen und Vorstichen am Nähtisch...oder: basics to bliss!

Ein Blick zurück, 
wie rasch sich wieder einmal das Jahr dem Ende neigt, der Kalender Blatt um Blatt ausdünnt und sich der Jahreskreis schließt. 
Zeit der Besinnung mit dem Blick auf das Wesentliche.
Aber was verbirgt sich hinter dem Wesentlichen in unseren Tagen? 
Eine Welt, die immer schneller wird, in der uns immer mehr lästige Arbeit durch Maschinen abgenommen wird, um uns mehr Muße zu gönnen – ein Trugschluß! 
Wer hat schon Zeit oder nimmt sie sich?
Wir bedienen Knöpfe im Haushalt, Hebel in den Werkhallen und preisen die Geschwindigkeit der Maschinen mit ihren identischen und perfekten Produkten: makellos.
Mitunter führt das seltsame Blüten: zunehmend überlässt man Maschinen selbst das Denken und sehnt sich nicht nur nach der faden Perfektion der Produkte, sondern möchte auch den eigenen Körper unter dem chirurgischen Messer der Konformität angleichen lassen.
Perfektion, Makellosigkeit, Geschwindigkeit, die Errungenschaft der Industrialisierung.
Retrospectively 
 we realize how quickly this year came to an end, how the calender gets thinner sheet by sheet and how the year’s seasons come full circle. 
Time for reflection with a sense for the essence.
But what actually is the essence in our hustle’n’bustle times?
A world that gains more and more pace, while machines carry out cumbersome labours to give us more idleness – a fallacy! 
Who has time or takes it’s time today?
We use buttons in our households, levers in the factories while praising the speed of the machines with their identical and always perfect products: flawless.
This has caused odd developments: there’s an increasing tendency to leave thinking and decisions to machines and some do not only strive for the bland perfect products, but desire to alter their own body under the surgeon’s tools into equality and conformity.
Perfection, the state of being flawless, speed, that’s the achievements of industrialisation.

Vielleicht behagt mir gerade aus diesem Grund der Sprung in die Zeit vor der Industrialisierung.
 Eine Zeit, in welcher der Wunsch nach Gleichheit eher dem Streben nach Gerechtigkeit entsprach, nach Emanzipation der Klassen und Geschlechter.
Die Perfektion der gefertigten Produkte lag in dem, was die eigenen Hände und ein wacher Verstand schaffen konnten! 
Einzigartigkeit!
Maybe that is the reason I favour to leap into the period of the pre-industrialisation. 
A time, where the yearning for equality rather referred to the pursuit of justice, the equality of classes and genders.
The perfection of a product, was the result of one’s hands and acuteness of mind! 
Uniqueness!

 (Quelle/source: Rijksmuseum Amsterdam)

 1795, Roundgown, Italy, Inventory Number(s): AC9124 1994-14-2

1811, Ball gown, British C.I.66.38.1a, b

1800, Woman's Dress, M.2007.211.867
(Quelle/source: LACMA)


 Ist das nicht wirklich beeindruckend?
Nur zwei Werkzeuge 
sind erforderlich, um die kühn erdachten Kleidungsstücke aus einer Bahn Stoff und Garn zu verwirklichen.
Das eine ist buchstäblich ein Glückgriff der Natur: 
unsere Hände
Und das andere ist eines der wunderbarsten Werkzeuge überhaupt -
klein, preiswert und dabei unendlich vielseitig:
eine Nähnadel
Isn't it utterly impressive?
Basically two tools only 
are required, to stitch boldly conceived garments from a yardage of fabric and some thread.
One is a lovely natural gift: 
our hands 
And the other is the most amazing tool ever -
small, usually low priced, yet very versatile: 
a sewing needle
 1801/02, Jens Juel, Regine Sophie Tutein og søn (Detail)
(Quelle/source: Lauritz.com)
Und wenn wir uns dieser beiden wundervollen Werkzeuge besinnen, dann gesellt sich still und leise auch eine weitere verloren geglaubte
Eigenschaft hinzu: 
die Entdeckung der Langsamkeit!
Liebe Leser,
 Legt einmal nur das Bündel der Eile ab und nehmt eine Nadel in die Hand. 
Lasst euch nicht vom modernen Zeitdruck treiben oder davon beeindrucken, welch unglaubliche Mengen eine Nähmaschine bewältigt.
Nehmt den herrlichen Stoff in die Hand, führt die Nadel und lasst 
  euch um Himmels Willen nicht einschüchtern von vermeintlich zu großen oder schiefen Stichen, sondern freut euch über die Einzigartigkeit, 
die ihr schafft!
Die Mühe, die in das entstehende Kleidungsstück fließt, schärft das Auge für einen guten Schnitt, für den passenden Stoff, die stimmige Farbwahl und die Details.
Und auf diese Weise näht ihr nicht nur ein historisches Kleidungsstück nach, sondern taucht auch für einen Augenblick in eine Zeit, in der noch niemand vom gehetzten Takt der Maschinen, konformen Nähten und Massenartikeln ahnte, sondern in der galt: 
‚Mein Kleid ist einmalig!“
And if we realize these two stunning tools, another thought- to-be-dwindled trait magically appears: the discovering of slowness.
Dear readers,
Please, just once put away the bundle of haste and get armed with a sewing needle in your hand. 
Do not feel urged by due dates or be overly impressed about the quantities that a sewing machine could handle. 
Fetch the fabric with your hands, direct the needle through the fibres 
and for heavens sake do not let yourself be intimidated by assumedly too large or otherwise awkward stitches,
 but enjoy creating one of a kind! 
The labour, which runs into the garment, sharpens the senses for a good pattern, a proper fabric, the choice of colours and all the details.
This way you do not simply re-create historical clothes, but delve for a rare moment back into a time, where there was no clue of the clock pulse of machines, identical seams and mass production, but instead: 
‘My dress is utterly unique!”
Wer noch mehr über diesen Ansatz zum historischen Nähen erfahren möchte und noch an einigen Vorsätzen für das kommende Jahr feilt, dem seien zwei interessante, detailreiche und inspirierende Beiträge von lieben Weggefährten ans Herz gelegt:
For those who'd love to learn more about this approach to historical sewing and who are still busy pondering on new year's resolutions, I'd like to direct to the following interesting, detailed and inspiring blogposts from fellow historical seamstresses:
und/and 

Samstag, 23. November 2013

Eine neue Krone für den Zahn der Zeit

Wer bei der bloßen Erwähnung von einem Schmutzrand am Rocksaum oder Schweißrändern am Kragen, bereits gedanklich zur Seife greift, 
dem sei von dem folgenden Beitrag eher abgeraten, denn hier geht es 
um Falten, Flecken und Gilb...
...allerdings nicht deren Entfernung, sondern vielmehr das Gegenteil.
Those who notionally grab a piece of soap at the pure mention of dirty skirt hems or collars soaked with sweat, are kindly discouraged from reading the following blogpost, 
because it will be all about wrinkles, stains and yellowing...
...not the removal, but very much the contrary.

Bei der Nacharbeitung von Originalen gibt es selbstverständlich viele verschiedene Ansätze.
Persönlich finde ich es überaus spannend, wenn ein Untersuchungsobjekt Gebrauchsspuren aufweist und uns auf diese Weise ein wenig von seiner Geschichte preisgibt.
Natürlich haben all die recht, die nun einwenden, dass auch ein gebrauchtes Kleidungsstück irgendwann mal neu war.
Doch man darf nicht veregessen, dass neue Kleidungsstücke teilweise auch aus alten Resten genäht wurden, zumindest was das Futter betrifft. Es wurde geflickt und verwertet.
Hinzu kommt, dass die Materialen, sprich Stoffe, damals nicht den heutigen chemischen Verfahren unterzogen wurden und auch die Wäsche hernach von anderer Güte war, als heutige Hochleistungswaschmittel.
Außerdem gibt es Kleidungsstücke aus Wolle oder Seide, welche man - schmutziges Futter hin oder her - besser nicht waschen sollte. 
There are many different approaches in the re-creation of originals.
Personally I find it rather exciting, if the objects carry signs of wear, which reveal a bit of the history.
Certainly those are right, who now argue, that all clothing once was in a state of being new.
But we have to keep in mind that new garments sometimes were made using old remnants, especially the lining. Lots of mending and re-using.
Furthermore the fabric didn't undergo modern chemical treatment, and even the washing detergents have been of a different quality than today.
Above all there are garments made of wool or silk, which - no matter how much dirt on the lining - should better not get too close to a wash tub.

Tägliches oder häufiges Tragen hinterlässt einfach Spuren und wenn man seine historische Kleidung nun nicht ständig im Gebrauch hat, gibt es Mittel und Wege dem Zahn der Zeit etwas mehr Biss zu verleihen.
Bisher habe ich vorzugsweise auf Färben mit Tee oder Kaffee zurückgegriffen.
Ja, bisher...denn dann bin ich auf eine wunderbare Quelle gestoßen.
Daily wear simply leaves traces and there are even ways to mimic that and give the tooth of time some more snap.
Until now I usually have dyed with tea or coffee.
Well, until now...because I've stumpled upon a wonderful source.

Nagelneu gealterter Baumwollstoff als Meterware! 
Garantiert porentief rein, aber mit allem was dazu gehört, wie Farbunterschieden, Falten und Flecken.
Doch es wird noch besser, denn das Aged Muslin Cloth der Marcus Brothers kommt in vielen verschiedenen Farbnuancen daher.
Wer sich einen ersten Überblick verschaffen möchte, dem sei der großartige 
empfohlen, wo es den Stoff in zwei Qualitäten ('canvas' und 'muslin'), sowie in zwei bzw sieben Farbschattierungen gibt.
Brandnew aged muslin as yardage!
Absolutely fresh and clean, yet with all the hallmarks like discolouration, wrinkles and stains.
But it gets even better, as the aged muslin of Marcus Brothers Fabrics is available in many different colour nuances.
If you'd like to get an idea, I may recommend the amazing
where they offer two different qualities (canvas and muslin) and two or rather seven different shades.

Ich habe mich für die Farbe 'tan' entschieden, die in natura noch ein wenig bräunlicher ist als im Foto wiedergegeben. 
(Leider fordern das düstere Novemberwetter und die künstliche Beleuchtung ihren Tribut)
I decided on the colour 'tan', which is a bit more brownish in real
(Unfortunately the dark November weather and the artificial light have taken their toll)

Natürlich eignet sich der Stoff aufgrund der Gestaltung und auch der Haptik besonders gut als Futter oder Saumblende.
Due to the design and haptic of the fabric it's proper to use as linen or hem backing.

(Quelle/source: Met Museum, NY)


Aber auch in der Herrenbekleidung gibt es mögliche Einsatzgebiete, als Futter, bei baumwollenen Hosen und Kniehosen, bei Westen...
It's also versatile for men's wear as lining, cotton breeches and pantaloons, waistcoats...

 (Quelle/source: Met Museum, NY)

Ebenso kann es für Schuhe verwendet werden oder aber auch für Schürzen und (in den helleren Schattierungen) für Schnürleiber...und vieles mehr.
It could also be of use for shoe uppers or lining, or for aprons and even for stays (the brighter shades)...and many more.

Und meinen Tee trink ich fortan lieber wieder, statt Stoffe darin zu färben!
And from now on I will drink my tea, rather than stir my fabrics in it!

Samstag, 8. Juni 2013

Von blauen Blumen, die Hüte zieren...

Der dänische Dichter und Märchenerzähler Hans Christian Andersen (1805-75) hat es wunderbar zum Ausdruck gebracht:
Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muß man auch haben.
 Eine Erkenntnis, der man vor seiner Geburt 1805 bereits ausgiebig gehuldigt hat. Die Liebe zur Natur und selige Naturbetrachtungen, spiegelten sich auch in der Mode wider.
Blumen dienten als bevorzugtes Schmuckwerk, aber man wusste um ihre Vergänglichkeit und griff gerne auf Exemplare aus Papier, Wachs oder auch Stoff (zumeist Seide) zurück.
The danish poet and storyteller Hans Christian Andersen has expressed it in beautiful words:
Just living is not enough, said the butterfly, one must have sunshine, freedom and a little flower.
An insight, which was already appreciated before his birth in 1805. The love for nature and blissful nature reflections, have been also mirrowed in the fashion.
Flowers served as preferred embelishment, but were also known as fragile, petite and prone to perish quickly, hence artificial flowers made of paper, wax or fabric (mostly silk) have been in demand.

Für meinen 1814 Chapeau de Gros de Naples schwebten mir Blumen voller Leichtigkeit vor, die fast wie kleine Federbüschel an der Krone heraufklettern und in steter Bewegung sein sollten. So wie die herrlichen Kornblume, die derzeit in schönstem Blau den Sommer begrüßen.
For my 1814 Chapeau de Gros de Naples I had some flowers full of lightness in mind, some that would be similar to tiny plumes, which would climb up the crown and be in constant motion. Just like the beautiful cornflower, which currently embraces the summer in lovely blue.

Zur Herstellung des Blumenschmucks benötigt man lediglich ein paar Stoffreste (Seide ist sicher am schönsten, aber Baumwolle tut es auch, wie man sieht), eine scharfe Schere und ein wenig Draht.
Only little is needed to assemble a flower: a few fabric remnants (silk is first choice, but cotton works also fine), sharp scissors and a lenght of wire.
Die vier blauen und der violette Kreis haben einen Durchmesser von etwa 7 Zentimeter, hingegen mißt der kleine rosafarbene Kreis nur etwa 5 Zentimeter.
The four blue and the purple circles have a diametre of approx. 2.7 inchs, whereas the small pink one measures only close to 2 inchs.

Im ersten Schritt werden alle sechs Stoffkreise an den Kanten bogenförmig zugeschnitten, dabei braucht man nicht gleichmäßig zu arbeiten, sondern kann den Zuschnitt nach Augenmaß vornehmen.
In the first step cut scallops along the edges of the six circles, don't worry to cut them even, just work by eye.

Im zweiten Schritt schneidet man aus der Bogenkante Blütenblätter, indem man einfach etwa 1.5 cm in den Stoff hin zur Mitte schneidet.
In the next step cut petals by cutting half an inch into the fabric along the scallops to the middle of the fabric.
Wenn man die Kreise mit 'Blütenblättern' versehen hat, werden diese noch jeweils zweimal eingeschnitten, um die fedrige Struktur der Kornblume zu erhalten.
Once the 'petals' are cut, each petal is cut again twice to get the feathery look of the cornflower.
Die violette und die rosafarbene Blüte erhält drei Schnitte pro Blütenblatt, um eine noch feinere, fiedrigere Struktur zu erhalten.
The purple and pink layer needs three cuts on each petal, to provide the flower with an even more feathery structure.
Nach dem Zuschnitt legt man die einzelnen Lagen in dieser Reihenfolge aufeinander. Auf die blauen Blüten kommt zunächst das kleine pinke Blatt, dann die purpurfarbene Blüte.
After the cutting put the flowers together in this order: on bottom are the four blue layers, then add the little pink one and on top the purple one.
Als nächstes sticht man zwei Löcher im Abstand von etwa einem Zentimter von oben durch die sechs Lagen Stoff und zieht einen Draht (etwa 20 Zentimeter lang) hindurch, sodass die beiden losen Enden auf der blauen Unterseite hervortreten.
Next prick two holes about 0.4 inch apart through all six layers and add the wire (ca. 8 inchs long), that you have the loose ends sticking out at the blue bottom.
Das Violett ist also die Mitte bzw das Staubblatt der Blüte.
The purple layer is the middle or stamen of the blossom.

Im letzten Schritt muß der Draht als Kelchblatt und Stengel auf der Rückseite verrdreht werden.
In the last step the wire has to be twisted to create the sepale and stem of the flower.



Freitag, 22. März 2013

̶G̶̶e̶̶f̶̶ä̶̶h̶̶r̶̶l̶̶i̶̶c̶̶h̶̶e̶ Herrliche Liebschaften - oder: die doppelte Paspel

All die Leser, die meinen Seiten schon ein wenig länger folgen, wissen um meine Vorliebe für die Kleidung der Mitt 1810er Jahre und hier insbesonders für die Paspel.
Diese winzige zeitgenössische Dekoration erfreute sich stets großer Beliebtheit, bereitwillig außer Acht lassend, dass sie ein bisschen mehr Aufwand bereitet.
Eine besonders schöne Variante ist die doppelte Paspel, die nicht wie üblich als Kantenabschluß, sondern als Band zum Einsatz kommt.
Die erste Begegnung hatte ich während der Arbeit an dem 1815 Spenzer aus der Sammlung der LACMA/Fashioning Fashion.
My dear readers, who follow these posts for quite some time, probably know about my love for the mid 1810s fashion and especially the piped edges.
These lovely period decoration was also very popular back then, although it always meant a bit more time and effort.
A truly beautiful variation is the double piping, which isn't used for a smooth edging, but as a band for cuffs and such.
My first encounter with this piping I've had while working on the 1815 spencer from the LACMA/Fashioning Fashion collection.
Die doppelte Paspel als Band
The double piping as band

Um die doppelte Paspel herzustellen, benötigt man drei Streifen Stoff.
For this kind of piping three strips of fabric are needed.
Zwei Streifen ergeben die Paspelbänder. Ich verwende den Stoff in einer Breite von 3 cm, faltet man diesen erhält man eine Breite von 1.5 cm. Mit einer eingelegten Kordel ergibt sich ein Stichmaß von 1.3 cm, was einem halben inch entspricht (also der Nahtzugabe)
Das eigentliche Band wird in der doppelten Breite zugeschnitten, zuzüglich der Nahtzugabe an beiden Seiten.
In diesem Falle soll das Band 2 cm breit werden, also ergibt sich folgende Rechnung
(2+2)+2x1.3 = 6.6cm
Two strips will be turned into pipes. Therefore I'll take a fabric scrap 1.2 inch wide, folded it has a width of 0.6 inch. With the cord inserted we have a stitching line of exactly 0.5 inch (the common seam allowance)
The actual band is cut in doubled width with an additional seam allowance on both sides.
In this case the finsished band will be 0.8 inch wide, thus we have the following calculation:
(0.8+0.8)+2x0.5 = 2.6 inch

An beiden Seiten werden die Paspeln angeheftet und...
 Pin the piping on both sides and...

...angenäht. Es eignet sich sowohl der Rückstich, als auch der Kombinationsstich oder auch der Punktstich. Verwendet man nur den Vorstich, sind sehr kleine Stiche empfehlenswert.
...stitched on. I recommend the back stitch or the combinationstitch or point stitch. If you chose the running stitch instead use very small stitches.

 Die Naht auf der Rückseite bleibt beim fertigen Band unsichtbar.
The stitching on the back, which will remain invisible on the finished band.

Da es sich bei meinem Band um ein sehr schmales Stück handelt, muß die Nahtzugabe anschließend ein wenig eingekürzt werden.
As I've chosen a small band the seam allowance has to be cut.

Die gepaspelten Kanten werden dann zu beiden Seiten umgebügelt.
The piped edges are then flat ironed to both sides.
Die umgebügelte Rückseite. Diese beiden Seiten werden nun zur Mitte hin zusammengeklappt bzw (poetisch ausgedrückt) neigen sich einander zu wie zwei Verliebte, sodass die Nahtlinie nicht mehr sichtbar ist...
The flat ironed back. Both sides come together at the middle or (saying it rather poetically) lean towards each other as if being madly in love, so the seamline isn't visible anymore...

...allmählich nimmt die doppelte Paspel Gestalt an. Die Seiten werden mittels Stecknadeln zusammengeheftet und...
...gradually the double piped band takes shape. The piped edges are then pinned and...

...entlang der Kante der Paspeln angenäht.
...stitched down along the piped seamline.


Das fertige Band von außen und innen. Die innere Seite mit den Stichen ist hernach nicht mehr sichtbar, da diese Technik eingesetzte wird bei Bändern, wo lediglich die schmückende Oberseite verwendet wird.
The finsihed band from the right side and left side. The left side with the stitching will be invisible as this technique is solely used with cuffbands on the wrist or decoration where just the lovely upper side is shown.
Wer immer noch nicht genug Paspeln hat, kann in einem gefalteten Band (3 cm/bzw gefaltet 1.5 cm) die eingelgte Kordel einnähen, das Band anschließend aufklappen und mittig zwischen die beiden Paspeln einlegen, bevor diese festegenäht werden...so entseht eine dreifache Paspelierung.
If you still can't get enough of piping, you might take a third folded strip (1.2 inch/ 0.6 inch folded), stitch in the cord, then open the piping and put it under both pipes on the band before stitching them down...then you'll have a triple piping band.