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Mittwoch, 14. Mai 2014

Short Stays Studies - Schnürleib Studien 2.0 (Patron Utrecht)

Wie das im Leben so ist: unverhofft kommt oft.
Während ich im April noch eifrig mit der Arbeit an dem karierten Rijksmusemkleid beschäftigt war, führte mich der Zufall 
- an die genauen Umstände kann ich mich merkwürdigerweise nur nebelhaft erinnern -
zu...
Nein, Augenblick!
Zuerst möchte ich die Aufmerksamkeit meiner Leser noch auf die Schnürleibstudien nach J.S.Bernhardt im Mai des vergangenen Jahres lenken. 
Tatsächlich! Ein ganzes Jahr ist seither verstrichen...und erfreulicherweise nicht tatenlos, denn der ein oder andere hat sich an den - doch recht kontrovers aufgenommenen - Schnürleibstudien versucht.
An dieser Stelle einen herzlichen Dank an
Alexandra von Atelier Polonaise
und
Sie alle haben auf wunderbare Weise gezeigt, wie individuell das Schnittmuster umgesetzt werden kann. In ihren Blogbeiträgen haben sie von ihren Freuden und Schwierigkeiten mit dem Schnitt, aber auch von der einzigartigen und höchst bequemen Passform der Schnürleiber berichtet.
Ich selbst habe zu Beginn des Jahres einen kleinen Workshop abgehalten und ich kann nur empfehlen, dass man sich zusammenfindet und gemeinsam das Probestück anpasst, denn ist diese Hürde erstmal genommen, hat man ein Kleidungsstück, das sozusagen auf den Leib geschneidert wurde. Und außerdem ist es ein größes Vergnügen mit Gleichgesinnten zu schneidern!
Life is full of surprises.
While still busy working on the Rijksmuseum dress in April, fluke pushed me
- I can't even recall the exact circumstances -
to...
No, please wait!
First I like to turn my dear readers' attention to the J.S.Bernhardt short stays studies, which I've done in May last year.
Really! A whole year passed since then already...fortunately not inactive, because some conquered the - admittedly controversially received - short stays studies.
I'd like to give thanks to 
Alexandra of Atelier Polonaise
and
They've wonderfully attested how individually the pattern can be assembled. Their blogposts tell about the easy and also the challenging parts as well as about the unique and highly comfortable fit.
I've hold a workshop earlier this year and I'd like to recommened to gather in small groups to draft, drape and fit the mock-up, because if this obstacle is taken, the result is a fitted and very comfy garment. Furthermore it's great fun to be surrounded my like-minded friends and sew!

...und nun zurück zu dem anfangs erwähnten Fund, 
der mir - aus heiterem Himmel - diesen vertrauten Anblick
bescherte:
...back to the beginning and the find, which - out of the blue - brought me this familiar sight:


Ich hoffe, meinen Lesern hat es nun ebenso die Sprache verschlagen, wie mir vor ein paar Wochen!
Ich hatte das Gefühl auf einen Schnürleib nach J.S.Bernhardt zu schauen...und das dringende Bedürfnis, schnellstens Kontakt mit dem Museum aufzunehmen!
Ein reger Informationsaustausch nahm seinen Anfang und ich erhielt von den großartigen Kuratoren
detailierte Fotos, Beschreibungen und eine Skizze, um das Stück nachzuarbeiten und meine Vermutung zu untermauern, dass es sich nicht wie inventarisiert um ein Stück aus der Zeit zwischen 1825-75 handelt, sondern um einen frühen Schnürleib. 
(Hinweis: Die Beschreibung und Datierung auf der Museumsseite wird in Kürze geändert)
I do hope my dear readers are as speechless as I was weeks ago!
I felt like looking on a pair of stays according to J.S.Bernhardt's books...and I felt the urge to quickly get in contact with the museum!
A vivid exchange of information started and the amazing curators supplied me with detailed photos, descriptions and a drawing, to be able to re-create the garment and proof my speculation, that this is not a piece from the 1825-1875 (like jotted in the inventory), but an early pair of short stays.
(Note: The description and date on the museum's website will be changed accordingly soon)

Es galt viele Fragen zu klären! Das Vorderteil entspricht in seiner Form und der Ausarbeitung der Brustpartie den Schnürleibern nach J.S.Bernhardt, aber was hatte es mit dem merkwürdigen Verschluß auf sich? Waren da irgendwo Schlitze in den Seiten?
Handelte es sich um einen Umstandsschnürleib?
There were many questions to answer! The shape of the front and the bust gussets are completely like those in J.S.Bernhardt books, but what about the back and closure? Have there been slits in the side pieces for the band?
Was it a pair of gestation stays?

Nur eine Nacharbeitung konnte Aufschluß geben, aber es sei vorab erwähnt, dass es weder Schlitze in den Seiten gibt, noch dass es sich um einen Umstandsschnürleib handelt.
Die Maße des Originals:
Breite des Vorderteils Unterbrust (B-Linie) 34 cm
Breite des Vorderteils über der Hüfte 30.5 cm
Länge 30 cm
Größe des Brustkeils 7 cm Länge bei 7 cm Breite am oberen Rand
Die Trägerin war also vermutlich sehr schlank (jung?) bei einer Größe von etwa 1.65 und einer modernen Körbchengröße 'B'
Und ihr Schnürleib war wohl durchdacht und unglaublich praktisch, was ich durch die Nacharbeitung wunderbar belegen konnte.
Das Kleidungsstück konnte ohne Hilfe angezogen werden...womit wir bei dem französischen Begriff 'Corset a la Paresseuse' wären, dem Schnürleib für Faule!
Only a re-creation could reveal the purpose, but I like to mention that there are neither slits in the side seams, nor that it is a pair of gestation stays.
The measurements of the original:
width of the front underbust (B-Line) 34 cm
width of the front above hips 30.5 cm
measurements of the bust gusset 7 cm lenght with a wide of 7cm at the top
The original wearer probably was very petite (young?) with a height of approx. 5'5'' and a modern bra cup size 'B'
And her stays were well thought out and amazingly practical, what I could proof with the re-creation.
The garment could be put on without any help...which leads us to the french term 'Corset a la Paresseuse', stays for the lazy!

Diese Art der Schnürleiber findet (nach meiner Quellensuche) erstmals etwa um 1805 Erwähnung in Anzeigen...in den 1820ern ist es dann schließlich ein gängiger Begriff.
This kind of stays is mentioned (according to my research) first around 1805 in some adverts of staymakers...by the 1820 it is a common term.

1806, Le Moniteur de Judiciaire de Lyon (Quelle/source: googlebooks)


1807, Feuille de Valencienne (Quelle/source: googlebooks)

Aber warum ein Corset a la Paresseuse und kein Umstandsschnürleib?
Die Nacharbeitung hat gezeigt, dass der Verschluß so sitzt, dass es durchaus sehr unbequem wäre, zudem sind Haken und Ösen angebracht, der Verschluß kann sich also nicht anpassen.
Natürlich ist es nicht gänzlich auszuschließen, dass es zuvor Bänder waren, die verknotet wurden.
Allerdings ist der Verschluß eine clevere Wahl, denn er lässt sich durch den Stoff hindurch lösen (es sind keine Schlitze im Rockteil vonnöten, so wie sie noch zu Beginn der 1800er Jahre zu finden waren), was dem Zweck dieser Unterbekleidung doch sehr zugute kommt.
Getragen wurden sie nämlich vornehmlich am Morgen und während der Reise in einer Kutsche.
But why a Corset a la Paresseuse and not a gestation corset?
The re-creation has revealed, that the closure sits right on the belly, which would be quite uncomfortable, furthermore the hook & eye closure indicates that there's no tolerance for adjusting.
Certainly I can't completely exclude the idea that it might have been ribbons before, which have been tied.
However the hook & eye closure is a very clever choice, because it can be opened and closed through the fabric (no need for side slits in the skirt, which were still seen in the early days of around 1800), which supports the purpose of the stays.
They were usually worn during morning and while travelling in a coach.

Diese Art des Schnürleibs war nicht nur äußerst kommod was das Ankleiden betrifft, sondern auch die Anfertigung ist a la Paresseuse.
Es gibt lediglich ein Vorderteil, zwei Rückteile und zwei Brustkeile.
Bevor ich den Weg zum fertigen Schnürleib beschreibe, noch ein paar wichtige Details des Originals.
Es ist komplett handgenäht, zweilagig gearbeitet aus Baumwollköper und mit Köpernahtband eingefasst.
Das Vorderteil (im Gegensatz zu den Bernhardt Schnürleibern) ist im geraden Stofflauf geschnitten, während das Rückteil an der Nahtkante leicht schräg läuft, was durchaus Sinn macht, denn der Verschluß, der um den Körper geführt wird, benötigt ein gewisses Maß an Stretch.
This kind of stays wasn't solely comfortable in the aspect of getting dressed, but also the construction is quite a la Paresseuse.
There's only one front piece, two back pieces and two bust gussets.
Before I share the construction, I would like to share a few important details of the original.
It is completely hand-sewn, made of two layers of cotton twill and bound with twill trim.
The front is cut on the straight fabric (contrary to the Bernhardt stays), while the back is slightly on the bias, which makes sense, as it is the back, which comes around to be closed in the front, hence it calls for some stretch.


Für das Schnittmuster wird die B-Linie benötigt, also das Maß direkt unter der Brust von Mitte des linken Arms zur Mitte des rechten Arms. Dieses Maß wird halbiert!
For the pattern you'll need the B-Line, the measurement directly below the bust from the mid of the left arm to the mid of the right. Take the half of this measure!

Bitte immer zunächst ein Probestück fertigen!
 In dem Schnitt sind keinerlei Nahtzugaben enthalten! 
Die B-Linie (grün) sollte im individuell vergrößerten Ausdruck die zuvor ausgemessene Länge erhalten. 
Es ist keinerlei Brustkeil in dem Schnittmuster vorgegeben, da dieses (ebenso wie die Länge des Schlitzes im Patron des Vorderteils) sehr individuell ist und unbedingt nach den persönlichen Maßen angepasst werden sollte, die Form kann dabei von einem Dreieck bis hin zu einer halbrunden Form variieren.
Die Seitenlinie (rot) muß unbedingt im fertigen Schnitt angepasst werden, denn sie sollte - gleichgültig der Vergrößerung des Schnittes - keinesfalls länger als 13.5 cm sein!
Please always do a mock-up first!
There's no seam allowance included in the pattern!
The B-Line in your individually resized and printed pattern should have exactly the lenght of your measure.
There's no bust gusset displayed in the pattern, because this (like the length of the bust gusset slit in the patron) is highly individual and should be assembled according to your very shape, the gusset piece can vary in the shape from a triangle to a more rounded shape.
The side seams (red) have to be adjusted in your printed pattern, because - no matter of the re-sizing- it should not be longer than 13.5 cm!

Mein Vorderteil Schnittmuster/ My front piece pattern...

...das Rückteil/ the back piece...

...und der individuell angepasste Brustkeil
...und the individually adjusted bust gusset

Dem Original folgend habe ich mich für zwei Fischbeinstäbe entschieden. Da mein vorhandenes Fischbein eine andere Stärke hatte, wurden zwei Stäbe zusammengeklebt.
Statt der Fischbeinstäbe kann auch ein Blankscheid/Blankscheit verwendet werden, das bleibt der Vorliebe der Trägerin überlassen.
Following the original closely I decided to use boning. As the boning in my stock had a different size I taped two pieces together.
Instead of boning, you could also choose a busk, just follow your preferance.

Bitte zunächst ein Probestück fertigen!
Das geht wirklich schnell und lohnt sich. Es sind so wenig Nähte, dass ich sogar den Probeschnitt von Hand genäht habe!
Please do a mock-up first!
It is quickly done and very worth the effort. There are so few seams that I've even sewn the mock-up by hand!

Mein Utrecht Schnürleib
My pair of Utrecht Stays

Der einzige Aufwand ist es, den Schnürleib mit Nahtband einzufassen. 
Von dem Band werden etwa 5 Meter benötigt.
The only labour is the binding with twill trim. Approx. 5 metres of binding are necessary.


Die Seitennähte habe ich nach Abbys genialer Anwesiung des Weird Running Whip Stitch genäht.
The side seams are sewn following Abby's ingenious tutoral Weird Running Whip Stitch.

Die Kanäle für das Fischbein und der eingefasste Rand
The channels for the boning and the twill trim binding.

Die Schulterbänder sind nicht gerundet und werden mit einfachen Kordeln an das Vorderteil geknotet.
Das bedeutet, bei diesem Schnürleib sind nur vier Nestellöcher vonnöten!
The shoulder straps aren't rounded. They are fastened with ribbons to the bodice.
This means, the stays only call for four eyelet holes!

Ein Haken, eine Öse statt vieler Schnürlöcher!
One hook, one eye instead of plenty lacing holes!

Und so sitzt der Schnürleib schließlich am Körper. Die Ähnlichkeit des Utrecht Schnürleibs zu den Schnürleibern nach J.S. Bernhardt ist nicht von der Hand zu weisen.
And this is how the stays embrace the body. In comparison the similarity of the Utrecht stays
to the J.S.Bernhardt stays is evident.






Bei diesem Stück habe ich mich in den Details nah an das Original gehalten, jedoch habe ich schon den nächsten Schnürleib geplant. (Übung macht den Meister!)
Ich werde dabei einige Änderungen vornehmen, so gefallen mir zum Beispiel gerundete Träger besser (oder ich verlängere sie und nähe sie gar gleich an das Vorderteil), auch werde ich die kleine Lücke zwischen dem Ende der Fischbeinstäbe und dem unteren Rand beim nächten Mal auslassen.
Noch gespannter aber bin ich auf die Werke meine Leser!
Ich hoffe, die Bernhardt Schnürleiber und der Utrecht Schnürleib finden bald größere Verbreitung, denn sie sind nicht nur indivduell für die ebenso einzigartigen Körper der Trägerinnen, sie sind auch noch historisch verbrieft!
Zuletzt möchte ich nochmals meinen herzlichsten Dank an das Centraal Museum in Utrecht und die großartigen Kuratoren zum Ausdruck bringen.
Übrigens, ein Museumsbesuch lohnt immer!!!
I tried to assemble this pair as close to the original as possible, however I've already planned the next pair. (Practise makes perfect!)
I will then add some changes, like I personally prefer round shaped shoulder straps (or maybe I slightly prolong them and stitch them to the front), I will also skip the small gap between the end of the boning and the lower edge.
But even more interested I'm about what my readers will assemble!
I do hope, the Bernhardt stays and the Utrecht stays will finally become more widely spread among the historic seamstresses, because they're not only individual in the pattern like in the shape of their wearer, they are also historically correct!
Last I would like to give my sincere thanks to the Centraal Museum in Utrecht and the amazing curators.
By the way, a visit to the museum is always a good idea!!!


Mittwoch, 19. Februar 2014

1799 - 1802, Mme Gérard Dress 'Le petite Déjeuner du Chat' (...sans le chat)

Ab und an erscheint ein Kleid auf den ersten Blick recht mühelos, 
doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich der flüchtige Eindruck schnell als Fehleinschätzung.
Gerade diese Kleidungsstücke führen mir vor Augen, dass ich noch unendlich viel zu lernen habe...und mir in diesen wenigen Jahren von 1795 - 1820 gewiss nicht so rasch langweilig wird.
(Das ist übrigens eine häufig gestellte Frage, "Nur eine einzige Epoche? Das muß doch irgendwann langweilig werden?" - Ich kann meine Leser beruhigen, die Frage verneine ich stets schmunzelnd)
hat mir mit ihrem wunderschönen Gemälde
"Le Petite Déjeuner du Chat", das unseren felinen Begleitern huldigt,
wieder mal ein solches Lehrstück beschert.
 Sometimes a dress seems to be quite facile on first glance,
but on close examination the first impression quickly reveals as false interpretation.
Exactly these garments show me how much there's still to learn...and that I'll probably won't be bored with this short period from 1795 - 1820 any time soon.
(By the way, that is the most frequently asked question, "Just one era? That surely will get boring pretty quickly?" - I allay my readers concern with shaking the head and a knowing smile)
has bestowed me with such a lecture with her beautiful painting
"Le petite Déjeuner du Chat", which renders hommage to our feline friends.

Viele Pfeile - viele Fragen!
Many arrows - many questions!

Zunächst zum Rockteil mit lediglich zwei Pfeilen!
Links erkennt man deutlich eine Naht, aber die über dem Knie?! Ein deutlicher Hinweis, dass der Rock aus vier Bahnen besteht, wovon eine Naht vorn unter den Falten sitzt.
Stoffe wurden oftmals auf kleinen Rahmen gewebt und hatten eine geringere Breite als heutige Meterware.
First to the skirt with just two arrows!
On the left we see a seam line, but what about the one across her knee?! An evidence, that the skirt was made out of four pieces of fabric, and one seam was right there at the front, hidden in the pleats at the waistline.
Fabrics were often spun on smaller frames than today's yardage.

Und dann das Oberteil! 
Seitlich ist keinerlei Hinweis zu erkennen, dass es sich um ein Frontklappenkleid handeln könnte, also wurde es vorn geöffnet, aber wie?!
Ich konnte am Ausschnitt keinerlei Hinweis entdecken...schließlich suchte ich mir Hilfe bei Originalen und Modekupfern der Zeit.
And then the bodice!
At the side are no hints for a side closing like in the bib dresses, hence it was closed at the front, but how?!
At the front piece is no evidence for a closure, the edge runs very smooth...finally I searched for help from original dresses and fashion plate.

1802, Costume Parisien (Quelle/source: via pinterest)

Eine erster Hinweis, wie die Kleider zur Zeit der Jahrhundertwende geschlossen wurden, aber für Mme Gérards Kleid erweist sich der Faltenwurf als zu üppig.
A first hint how the sleeveless dresses at the turn of the century were closed, but for
Mme Gérard's dress the front closing proofed to have too many pleats.

1795 - 1805, Musselinkleid mit Goldstickerei
Muslin Dress with gold embroidery Invent: CE000566A

Die Öffnung ist kaum sichtbar, weil sie auf Stoß gearbeitet wurde.
The opening is hardly visible as it wasn't overlapping or ruffled.
Aber es sind ja durchaus noch ein paar mahnende Pfeile übrig!
Diese beziehen sich auf die Nähte am Rücken bzw der Seite. Dort ist ein kleiner Versatz zwischen der Rocknaht und der Seitennaht des Oberteils zu erkennen.
But there are still some arrows left!
Those show to the seams at the back. There's a small displacment between the skirt seam and the side seam of the bodice.


Und da wir nun bei der Konstruktion des Kleidungsstückes angekommen sind, gleich noch ein paar weitere Einblicke.
And as we're finally take a look at the construction of the actual dress, here are some more peeks.

Die Vorderseite von Oberteil, Taillienlinie und Rock
The front of the bodice, waistline and skirt

Die Innenseite des Oberteils, das mit Baumwolle gefüttert ist. Die Naht zwischen Oberteil und Rock bleibt unversäubert.
The inside of the bodice, which is lined with cotton. The seam between the bodice and skirt remains with raw edges.

Blick auf die Innenseite des Rückenteils mit einem eingnähten Kanal für ein regulierendes Band, der Mittelnaht und einer Verstärkung am Ausschnitt, um ein Einreissen des Stoffes zu verhindern.
A view of the insdie of the back with a sewn-in tunnel for adjusting ties, the back seam and a fabric swatch for backening to prevent the seam at theedge from tearing.

Der Kanal (aus einer Länge Nahtband - mittig gefaltet) läuft entlang der Taille und wird vorn geschlossen.
Die Nahtzugabe am oberen Rand wird zweimal untergeschlagen und mit Überwendlichstichen angenäht.
The tunnel (from a lenght of ribbon - folded in the middle) is following the waistline and closed at the front.
The seam allowance at the upper edge is folded in twice and then stitch down with whip stitches.

An das Nahtband sind Ösen eingenäht, durch die eine Kordel gezogen wird, um das Kleid zu schließen. Außerdem verstärkt das Nahtband die Kante.
There are hooks sewn to the cotton ribbon, cords are running through it for closure. The ribbon also reinforces the front.
Hier erkennt man hoffentlich, wie der Rock in eine Falte gelegt wurde, ehe er and das Oberteil angenäht wurde.
Hopefully it shows how the skirt was pleated at the front, before attaching it to the bodice.

Auch ein Rücken kann entzücken.
The back view's lovely, too.

Der eigentliche Hingucker ist allerdings mal wieder der Rocksaum.
Der eigentliche Saum mißt etwas über 2.50m, die angenähte Dekoration hat in etwa die dreifache Länge.
Der Streifen ist nur etwa 7 Zentimter schmal und an beiden Seiten umgenäht.
Of course the skirt's hem is the eye catcher.
The circumference of the hem is around 100 inches, the hem decoration measures around three times that lenght.
The hem decoration is quite small with only 2 1/2 inches height, both sides have finished seams.
Die Innenseite mit einer Schmutzblende, die bei der Länge des Rockteils durchaus Sinn macht.
Gut erkennbar auch die Stiche, mit denen die Dekoration angenäht wurde.
The inside with the dust band, which makes sense with such long skirts.
The stitches of the decoration show on close examination.

Und ja, ich hatte eigntlich nicht genügend von dem grau-blauen Baumwollsatin, also mußte ich am hinteren Rockteil ein wenig stückeln.
Um, yes, I evidenttly was running short of that blue-grey cotton sateen, hence I had to do some piecing at the back panel.
 Der Saum der Stückelung. Rechts erkennt man, dass ich mir die Webkante des Stoffes zu nutzen gemacht habe.
The seam of the piecing. On the right it reveals that I made good use of the selvedge of the fabric.

Zu dem Kleid trage ich ein Fichu Chemisette, einen Unterrock, einen Schnürleib nach Bernhardt, eine Chemise, 
ein paar Baumwollstrümpfe und flache Schuhe.
With this dress I'm also wearing a fichu chemisette, a petticot, a  pair of Bernhardt's short stays, a chemise, a pair of cotton stockings and flat slippers.

...und natürlich meine neue Tasche!!!
...and certainly my latest bag!!!

Mit einem passenden Spenzer wird das Ensemble dann auch rasch ausgehfein!
With a matching spencer the ensemble quickly is completed for a stroll!

Und natürlich darf die neue Kapotte nicht fehlen...
And of course the new capote shouldn't be left out...
Dank der ausladenen Frisur hat sie nun auch den perfekten Sitz.
Sie wird mittels zweier Samtbänder geschlossen, die im Futter einghakt werden.
Due to the period hair do the capote finally has it's perfect fit.
It is close with two velvet ribbons, which have hooks to be attached at the lining of the bonnet.

Und zum Schluß bleibt (mit einem kurzen vergleichenden Blick auf Mme Gérards Gemälde) die Frage:
Wo bleibt die Katze?
Leider konnte ich meine beiden schnurrenden Mitbewohner nicht dazu bewegen in Manier des "Le petite Déjeuner du Chat" mit mir zu posieren...nun Katzenhalter dürfte diese Art der Niederlage bekannt sein - und auch, was dann unausweichlich folgt:
klein beigeben ;)
And finally (with a peek to Mme Gérard's painting) one question remains:
where's the cat?
Unfortunately I could neither convince nor coax my fellow feline friends to pose in the manner of "Le petite Déjeuner du Chat" with me...well, cat owners are probably familar with this kind of defeat  - and also do know what follows:
to buckle ;)


Mittwoch, 27. November 2013

Wer schön sein will, muss leiden...

Während ich immer noch mit Muße an meinem Quiltrock stichele,
sind mir beim Studieren zeitgenössischer Schriften ein paar interessante Zeilen für einen Nachtrag zu den Schnürleibstudien unter die Brillengläser gekommen.
Doch zuvor noch ein kurzer Blick auf das angestrebte Ideal der Zeit...und die Frage, mit welchen Mitteln man ihm nacheifern konnte!?
Diese Frage stellt sich damals wie heute.
While I'm still stitching with leisure on my quilted skirt,
I've found this interesting hint and addition to my short stays studies during my study of various period sources.
Before I'll share the find, I'd like to point to the ideal shape of the time...and the question, of how it was achieved!?
This question was asked back then and today still.

1804 Costume Parisien (Quelle/source: SceneinthePast)

Ich ahne wohl, wohin die Blicke wandern!
Manchmal hilft allerdings weder der beste Schnürleib, noch ein hölzerner Blankscheit...in diesem Falle liefert uns Johann Christian Hüttner in den Englischen Miscellen von 1804 die verblüffende Antwort, die ich einfach unkommentiert wiedergeben möchte:
I take a guess to where the glances go!
But in some cases neither the best pair of  stays, nor a wooden busk could help...well the proper albeit astounding answer is delievered by Johann Christian Hüttner in the Englische Miscellen of 1804, which I like to share without further comment:
 (For the English translation please scroll down)


Originaltext (Abschrift)
Es ist bekannt, dass in London, wie in Paris, die geschmackvollen Schauspielerinnen eine Art von Recht haben, neue Moden aufzubringen. 
Sind ihre Gedanken in dieser Rücksicht glücklich, so nehmen sie selbst die vornehmsten Frauen an, weil bei einer Actrice der Neid sich nicht so einmischt, wie bei Damen von gleichem Stande. Folgende Erfindung schreibt sich auch von einer Schauspielerin her, deren Anzug gemeiniglich sehr bewundert wird. 
Weil uns aber die Sache selbst noch nicht zu Gesicht gekommen ist, so ist es ehrlicher, die Beschreibung derselben aus einer Londoner Abendzeitung, dem Courier vom 10.Febr. d. J. (1804) zu entlehnen: "Eine bedenkliche Nachricht für gute Sitten — wir halten uns verpflichtet, die Societät zur Unterdrückung des Lasters und jede gesittete Person von einer beunruhigenden Sache zu unterrichten, welche so eben unter dem schönen Geschlechte, besonders unter den Frauen, die etwas völlig (füllig) sind, und deren Form nicht mehr die jugendlichen Umrisse hat, eingeführt worden ist. Man wird dies für Spott auf das schöne Geschlecht halten, aber es hat seine Richtigkeit, dass eine Scheidung (divorce) gegenwärtig dem Herzen einer jeden vornehmen Frau, die fünf und zwanzig Jahre zählt, am nächsten liegt, und das Ehestandsgericht wird nun mehr als jemals zu tun bekommen. Diese Scheidung ist aus Stahl mit Federn gemacht, und so dass sie in manchen Teilen elastisch, in andern fest ist. Man trägt sie an der Mitte der Brust, und ihr Zweck ist, die Busen der Damen getrennt zu erhalten, bei denen die Natur dies modische Amt nicht mehr verrichten will, da eine Trennung in diesem interessanten Teile des Weibes nach den neueren Begriffen von einer schönen Frau eben so wesentlich ist, wie rote Ellbogen und die Abwesenheit der Röcke; daher heißt man diese neue Erfindung eine Scheidung, 
ein Ding, worauf zärtliche Ehemänner natürlich ein wachsames Auge haben werden. 
Es ist die Erfindung einer Schauspielerin."
Text (translation)
It’s an establishment in London and Paris that elegant actresses have kind of privilege to introduce new fashions. 
If their choices are thought to be aesthetic, even the most distinguished women pick them up, because an actress is less of a source of envy, than another genteel woman of rank. 
The following invention was also introduced by an actress, who’s commonly admired for her dresses.
But due to the fact that this latest fashion has yet not been examined by us personally, we’d like to share a reliable description from a London paper, the Courier of 10th February 1804:
“A questionable and alarming message for morals and manners – we’re obliged to inform the society against vice, and each person of moral about a worrying novelty, which has been introduced to the fair sex, especially the embonpoint or those not having a juvenile shape anymore. This might be mistaken as mockery of the fair sex, but it’s the truth, that a ‘divorce’ currently is closest to the heart of each distinguished woman, who counts twenty and five years, and that the matrimony court will get busier than ever. This divorce is made of steel and springs, flexible in some part, firm in others. It’s placed on the middle of the bust, in purpose to keep the breasts apart for those woman, where nature isn’t able to fulfill it’s fashionable duty anymore. The divorce of this body part is according to woman’s latest taste as important as red elbows and the absence of skirts; that’s what is called a ‘divorce’, 
something, that tender husbands will have a watchful eye on. 
It’s the invention of an actress.”