Freitag, 5. Januar 2018

Journal Journey 1801 - Let's do the time walk again!

Findige Leser mögen auf der Seitenleiste dieses Blogs eine kleine Ankündigung entdeckt haben, da prangt seit wenigen Tagen ein neues Logo zu einem (bislang) noch nicht verlinkten Projekt:
Attentive readers might already have discovered an announcement on the sidebar of this blog during the past few days, there's a new logo to a - not yet linked - project:


Nach unserem letzten Abenteuer Journal Journey into the year 1811 sind ein paar Jahre vergangen und Alessandra von Pavillon de la Paix und ich waren der Ansicht, dass es an der Zeit ist eine neue einjährige Reise anzutreten. 
Da ich in der Überschrift bereits schamlos die Rocky Horror Picture Show bemüht habe, scheue ich einen weiteren cineastischen Vergleich nicht - kurz: in den kommenden zwölf Monaten werden wir abenteurhungrig unseren Fedora Schlapphut tiefer in die Stirn ziehen, die lange Peitsche schultern und emsig das (Stecken-)Pferd satteln!
 After our last adventure Journal Journey into the Year 1811 a few years have passed and Alessandra of Pavillon de la Paix and I thought it about time to start another one year journey.
As I've already shamelessly used a hint to the Rocky Horror Picture Show in the headline of this post, I'm not afraid to give another cineastic comparison - in short: in the upcoming twelve months we will be hungrey for adventure and pull our Fedora hats deeper into our faces, shoulder our bullwhips and saddle our (hobby-)horses!

Ich denke, Friedrich Justin Bertuch (1747 - 1822), der Herausgeber des Journal des Luxus und der Moden in Weimar, würde dieses Unterfangen sehr begrüßen, denn bereits in Jahr 1798 hinterließ er im 13. Jahrgang seines Journals in der Septemberausgabe (Seite 497f), folgende kluge Zeilen:
I'm convinced, Friedrich Justin Bertuch (1747 - 1822), the publisher of Journal des Luxus und der Moden in Weimar, would love the idea of our journey, as he left us these wise words in 1798 in the 13th year of his journal, in the September issue (page 497f):
Transkription:
[...]Unser deutsches Moden-Journal wird mit Recht auf einigen öffentlichen Bibliotheken gehalten. Denn nach Jahrhunderten, wenn vielleicht unsere Nation in das Chaos der Allgemeinheit einer Universalnation geschmolzen seyn wird, kann es noch manchem Geschichtsschreiber ein willkommener Fund seyn, um Sitten, Moden und Gebräuche der Jetztwelt daraus zu schöpfen[...]
Translation:
[...]our german fashion journal is rightfully offered in the public libraries. Maybe after centuries, when our nation long will be melted into a chaotic universal nation, these journals might be a much welcomed find for historians, to learn more about conventions, fashions and traditions of our present[...]

Im Gegensatz zu der wöchentlichen Publikation des Journal des Dames et des Modes erschien das Journal des Luxus und der Moden (das 1786 als Journal der Moden erstmals erschien) einmal monatlich jeweils zum Ende des Monats. An diese Vorgabe werde ich mich halten und meinen Aufsatz in der letzten Woche eines jeden Monats veröffentlichen.
In contrary to the weekly publications of the french Journal des Dames et des Modes the Journal des Luxus und der Moden (which started out as Journal der Moden in 1786) was published monthly by the end of each month. I will chime in and also publish my article in the last week of each month.
1786 J.W. von Archenholz, Litteratur und Völkerkunde (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
[...]Wir kündigen also hierdurch vorerst das Journal der Moden an, welches mit Anfange des Jahres 1786 beginnet. Zu Ende jedes Monats erscheint davon ein Stück im Großoktav, auf schönem weissen Schreibepapier, mit drei Kupfer auf starkem hollandischen Papier, sauber illuminiert oder schwarz nach Bedürfnis der Gegenstände, und in einen Umschlag geheftet.[...]
Translation:
[...]We announce the Journal der Moden, which starts at the beginning of the year 1786. At the end of each month a single issue is published in gr8°, on white writing paper, with three engraving prints on strong dutch paper, carefully illuminated or in black following the requirements of the items, bound in a cover[...]

Als Primärquelle werden mir dabei die digitalisierten Ausgaben des Journal des Luxus und der Moden in der Heinrich Heine Universität Düsseldorf und der ThULB Jena dienen. Diese und alle anderen Primärquellen werden jeweils zu den Artikeln, in denen ich auf sie zurückgreife, bibliographisch verlinkt.
Zur Vorbereitung und Einstimmung unserer Reise diente mir folgende Sekundärliteratur über das Journal des Luxus und der Moden:
Stiftung Weimarer Klassik Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Doris Kuhles, Journal des Luxus und der Moden in 3 Bänden (2003)
Caroline de la Motte Fouqué, Geschichte der Moden 1785-1829, Union Verlag Berlin (1987)
Gerhard Wagner, Von der galanten zur eleganten Welt, Bockel Verlag (1994)
Christina Kröll/Jörn Göres, Heimliche Verführung, Goethe Museum Düsseldorf (1978)
Martha Bringemeier, Ein Modejournalist erlebt die Französische Revolution, F.Coppenrath Verlag (1981)
As a primary source I will use the digitalized issues of the Journal des Luxus und der Moden from Heinrich Heine Universität Düsseldorf and ThULB Jena
These primary sources and other period sources will always be linked in my articles for further study.
In preparation for our journey I also read several secondary sources (books), which unfortnately are only available in German (these books are listed above)

Zu Beginn eines jeden Jahres veröffentlichte das Industrie Comptoir in Weimar in der Januarausagbe jeweils noch einen Neujahrsgruß Kupfer, im Jahr 1801 war das nicht anders.
Zur Einstimmung auf unseren Journal Journey 1801, der zum Ende des Monats beginnt, möchte ich meinen Lesern diesen scharfzüngigen Beitrag nicht vorenthalten.
At the beginning of each year the Industrie Comptoir in Weimar published a special New Year's greeting print in the January issue, which was also the case in 1801.
Before we start the Journal Journey 1801 by the end of the month, I'd like to share this sharp tongued article with my readers.
1801, Journal des Luxus und der Moden, Neujahrs Modekupfer (Quelle/source: Heinrich Heine Uni Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf)
Januar 1801. X. Erklärung der Kupfertafeln

Transkription:
[...]Moden von 1801. Nun tritt unser elegantes Paar der neuen Zeit auf. Die junge Dame, am Arme eines modernen Incroyables, - der, anstatt der Handschuhe, die Hände sehr zierlich in den Pluderhosen sichert - schwebt so zephyrlich (1) in rothen geschnürten griechischen Sandalen einher, den ganzen Contour ihres schönen, oder nicht schönen Körpers, umhüllt so wenig Stoff, dass man glauben sollte, sie sei nur in gewebte Nebel und Farben der Morgenröte gekleidet, und kenne wenigstens das Bedürfnis eines Hemdes, worauf unsere Mütter und Großmütter noch etwas hielten, ganz und gar nicht. Ihr ganzer Anzug, die Straußenfeder und Bandeaux (2) auf dem Kopfe mitgerechnet, wiegt nicht mehr als 18 Loth (3), und wahrscheinlich gibt auch die goldene Kette um den Hals und der daran hängende Hoffnungsanker mit draufgelegt, der Waagschale keinen beträchtlichen Anschlag.
Sie ist so ganz von allem iridischen befreit, da sie durchaus die schöne Contour des Halbnackten durch keine angehängte Tasche unterbrechen will, dass sie gar nichts von den Taschenbedürfnissen der alten Zeit bei sich führt, sondern ihr Schnupftuch beständig in der einen Hand und ein halb Dutzend der 65 neusten Almanache und Taschenbücher, womit das neue Jahrhundert Deutschland beschenkte, in einem eleganten Ridicule, in der anderen trägt. Öfters führt auch dieselbe Hand, mit fleischfarbigen Pamina-Tricots (4) bis an die Achseln überzogen anstatt des Möpsgens der Urälter-Mutter, einen großen herzhaften Presto (5) oder Bayard (6) am rosenfarbenen Bande.
So sorgfältig die moderne Priesterin der Mode alle Umrisse ihres Körpers zu enthüllen strebt, so sorgfältig sucht der fine gentleman hingegen seine Contours zu verhüllen. Schenkel und Beine stecken in schlappen Engl. Halbstiefeln und weiten Pluderhosen, die hinab bis in die Stiefel und hinauf bis in die Herzgrube gehen, und den Händen gewöhnlich zur Herberge dienen.
Das kurze offenstehende Gillet zeigt ein glattes Hemd, ohne Jabot, auf welchem ein goldener Stern funkelt. Oben drüber schwillt von der Brust bis zu Mund und Ohren hinan die dickgepolsterte Halsbinde, von weißem oder buntem Musseline, auf welcher sich entweder ein geschorener Tituskopf, oder ein wilder Verhau von hereingezogenem Haar, das die ganze Maske versteckt, bedeckt von einem runden Hütchen mit fingerbreiter Krempe, herumdreht. Um diesen Elegant herum hängt ein weiter kaum bis auf die halben Schenkel herabreichender Frack, von dunkelblauem tuche, mit einem tief zur Brust herabsinkenden schwarzen Wulstkragen und Klappenaufschlägen an den Ärmeln, welche bis an die Fingerspitzen hervorgehen, und zum Arbeiten sehr vorteilhaft sind.
Da er von vielen Anstrengungen der Augen kurzsichtig geworden ist, so trägt er gewöhnlich eine Doppel Lorgnette (7) auf seinem Crochet oder Ecoutez (8) geschraubt in der Hand, um nicht ungalant gegen die Damen, und das was sie bemerkt wissen wollen, zu sein.[...]
Anmerkungen:
(1) Zephyr, ein Vergleich der klassischen Antike: griechische Windgottheit
(2) Kopfschmuck, Kopfband
(3) Loth/Lot, um 1800 beschreibt man das Gewicht dieser Maßeinheit mit etwa 14 gr - 18 gr
(4) Schmale, gestrickte Trikot Ärmel (und Hosen) in Fleischfarben waren sehr beliebt. Sie schmiegten sich eng an und unterstrichen den Wunsch halbnackt zu erscheinen. Wahrscheinlich geht der Name Pamina-Ärmel auf die weibliche Figur der Pamina in der beliebten Aufführung "Die Zauberflöte" von Mozart zurück.
(5) Das italienische "Presto" (schnell) avancierte zu einem beliebten Namen für Windhunde. In Christian Felix Weißes 1726 - 1804) Gedicht "Der Hase, der Windhund und die Katze" begegnet uns Presto literarisch festgehalten.
(6) Bayard, der Chevalier de Bayard (1476 - 1524) war ein französischer Feldherr, der als "Ritter ohne Furcht und Tadel" noch heute bekannt ist. Im Jahr 1801 veröffnetlich August von Kotzebue (1761 - 1819) ein Stück über ihn. Bayard war der Name für furchtlose Molosserhunde.
(7) Über Lorgnetten habe ich erst kürzlich referiert: "Sieh mal an! Ganz ohne Spott: Lorgnetten"
(8) Crochet (frz. für Haken) und Ecoutez (frz. für "Hör zu!") waren Stöcke, deren Sinn darin bestand, den Incroyables noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, sei es, mit den Haken Zuschauer/Gesprächspartner heranzuziehen oder mit dem Ecoutez aufzustampfen.
Translation:
[...]Fashions of 1801. Now we see our elegant couple of modern times. The young lady, hooked to the offered arm of the modern Incroyable, - who, instead of gloves, has tucked his hands into his wide baggy pantalons - floats zephyr-like (1) in her red, ribboned greek sandals. The whole contour of her beautiful, or not beautiful body, is covered in so little fabric, that one could presume she's only dressed in fog and dawn light, and did not even has knowledge about a shirt, which was held high by our mothers and grandmothers. Her entire dress, the ostrich feathers and bandeaux (2) on her head counted in, weighs no more than 18 Loth (3), and probably the golden chain around her neck with the golden anchor of hope, would not change the scale. She's completely free of everything earthly, that she has no desire to break the image of the half-naked with pockets, hence she does not carry any items her ancestors would have with them in the old times, instead she holds her handkerchief in one hand and half a dozen of the latest almanacs and journals, which the new century bestowed on Germany, in her ridicule in the other hand. Often the same hand leads, covered in skin-coloured pamina tricots (4) up to over the armpits, instead of the old fashioned pugs, a big Presto (5) or Bayard (6) on a rose-coloured ribbon.
As carefully as the new priestess of fashion tries to reveal the contours of her body, the fine gentleman tries to cover them. His thighs and legs are stuck in baggy english half boots and pantalons, which reach down into the boots and up around the heart, usually the hands are placed in the pantalons. The high open gillet shows a plain shirt without a jabot, on which a golden star twinkles. On top of this bursts from the chest up to the mouth and ears a padded cravat made of white or coloured muslin, on top of that a titus head or a savage mess of hair, combed into the face, again covered by a small hat with a brim only as wide as a finger. around this elegant we see a fraque down to his thighs, made of dark blue wool, with a wide sloppy black collar and cuffs on the sleeved, which reach to the tips of the fingers, very comfortable at work. As his eyes are tired and short sighted from all strains, he usually wears a lorgnette (7) on his crochet or ecoutez (8) up in his hand, to not give the impression to be inattentive for the ladies' fashions.[...]
Annotations:
(1) Zephyr is taken from the classic, it's a greek God of the winds
(2) a fashionable head band
(3) a Lot/Loth around 1800 weighs about 14 Gramm to 18 Gramm
(4) Snug, knitted tricot sleeves (and pantalons) in a skin colour were the latest fashion and added to the impression of being half naked. Probably the term Pamina is taken from the female figure of Pamina in the famous and very popular Mozart's "The Magic Flute"
(5) The Italian "Presto" (quick/fast) has been a popular name for greyhounds. In Christian Felix Weißes 1726 - 1804) poem  "Der Hase, der Windhund und die Katze" we find a dog named Presto.
(6) Bayard, Chevalier de Bayard (1476 - 1524) was a famous knight and still known under the title "Knight without fear" today. In 1801 August von Kotzebue (1761- 1819) published a play about him. Bayard was the name of fearless molosser dogs
(7) I recently wrote about lorgnettes: "Sieh mal an! Ganz ohne Spott: Lorgnetten"
(8) Crochet (french for hooks) and Ecoutez (french for "Listen!") were names for canes, which purpose was to gain even more attention either by pulling people with the hook or stumping it on the ground to make bystanders listen.

Und was ist derweil in Paris los? Dort tobt das Haydn-Fieber. Alessandra berichtet ausführlich darüber (ihre Artikel sind mit dem Logo "Journal Journey 1801 gekennzeichnet): Journal des Dames et des Modes
And what happens in Paris meanwhile? The outbreak of the Haydn-Fever. Alessandra gives detailed info (her articles are marked with the logo "Journal Journey 1801): Journal des Dames et des Modes

Kommentare:

  1. It´s just a text on the left and then a pic on the right, a lot of knowledge and tips put your glasses on tight :-) ...wie herrlich, endlich wieder historische Häppchen à la Sabine. Ich liebe deinen Humor und Deine unvergleichliche Art, historische Fundstücke aufs Amüsanteste aufzubereiten. So freue ich mich tatsächlich auf 2018 :-) herzliche Grüße und ein wunderbares neues Jahr! Hannah

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    1. Ohhhh vielen lieben Dank für die virtuelle Gesangseinlage, da musste ich erstmal ganz schnell an den Küchenschrank stürzen und ein bisschen Reis hervorholen.
      Das Journal selbst ist ja schon eine Fundgrube der Kuriositäten und wir fungieren eher nur als Übersetzer und hier und da als Aufdröseler, sobald beim Lesen des Originaltextes ein Fragezeichen aufploppt.
      Es ist so wunderbar, dass es diese Literatur gibt und ich werde nicht müde darauf hinzuweisen, dass die Modekupfer zwar erstaunlich und sehr hilfreich sind, aber erst der dazugehörige Text die ganze Bandbreite enthüllt.
      Dir auch ganz herzliche Grüße für ein glückliches und gesundes 2018 :)

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  2. Oh wunderbar! Ich freu mich schon sehr wieder bei euch beiden in ein anderes Jahr abtauchen zu können! Bei deiner Spürnase Dinge in Texten zu finden, kann das ja nur ein spannendes Jahr werden! Ich bleib auf jedenfall dran!
    LG Kerstin

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  3. This is an old entry - I hope you find my question at some point... (4) concerning the tricot for arm coverings, how was that knitted? Were there machines already to produce knitted fabrics or were these knitted by hand? I appreciate any information that you have or perhaps can point me to a direction. Thank you.

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    1. Thank you for your email and please excuse the delay. As far as I know knitting machines for tricot (especially for socks) have been already invented in the late 18th century. When I recall it right, there's an extant long sleeved tricot in flesh colour in the collection of the Deutsches Museum in Berlin, but I'm not sure whether a photo is available online.

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    2. Deutsches Historisches Museum Berlin

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    3. Thank you so much! this is most interesting. But in your reserach (or opinion), might these arm coverings also have been knitted by hand? Lace or garter? Silk, cotton or wool?

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    4. The one mentioned above in the museum in Berlin was machine knitted silk...it was truly very fine and lightweight knit almost like a second skin.

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    5. And it was a complete bodice with very long sleeves, very thin material to not bulk when worn under the dress.

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