Montag, 11. Oktober 2021

Journal des Luxus und der Moden 1794: Von Fanferlüsch bis Frauenzimmer-Flitterschuh

Im heutigen Beitrag geht es auf Schusters Rappen mit außergewöhnlicher Besohlung zurück in das denkwürdige Jahr 1794, genauer gesagt in den Wonnemonat Mai.
In der Modehauptstadt Paris litt man unter dem fürchterlichen Joch der Schreckensherrschaft La Terreur, während im Thürinigischen Jena Friedrich Schiller (1759-1805) am 14.Mai seine Wohnung im Jagemannschen Haus bezog. Wenige Tage bevor auch Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) in der Stapelstadt des Wissens eintraf. Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war bereits im Februar übergesiedelt. Wunderbar aufbereitet nachzulesen in Theodore Ziolkowskis Buch "Das Wunderjahr in Jena" erschienen bei Klett-Cotta.
Oh, diese zwiegespaltene Atmosphäre der rollenden Köpfen an der Seine einerseits und der Köpfe voller neuer philosophischer Ideen (die Morgendämmerung der Frühromantik) an der Saale andererseits, hätte die dunklen Herzen der Fanferlüschen - jenen bösartigen Feen, welchen Christoph Martin Wieland (1733-1813) einen Platz in seinem Werk "Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva" (1764) verschaffte und die hier und da auch im Journal des Luxus und der Moden Eingang fanden - mit Sicherheit höher schlagen lassen. 
Das Jahr 1794 bedeutete Aufbruch, Veränderung in allen Bereichen des Lebens...bis hin zur Mode, wovon das Journal des Luxus und der Moden ein lebendiges Zeugnis liefert.
Die Fanferlüschen (aus dem französischen fanfreluche (= Flitterkram)) hätten ihr Vergnügen auch in Weimar gefunden: und zwar den neusten Nippes und Flitter, welcher im Mai 1794 auf dem Modekupfer Nummer 14 gedruckt erschien.
1794, Mai, Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Erklärung der Kupfertafeln (Quelle: ThULB Jena)

 Aber auch wenn das Gold der Schmuckstücke eine gewisse Anziehungskraft besitzt, mein Blick war eher von dem hellblauen Schuh gefesselt. Sehen wir ihn doch mal genauer an:
1794, Mai, Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Erklärung der Kupfertafeln, Detailausschnitt (Quelle: ThULB Jena)

 Noch aussagekräftiger wird die Berechtigung ihn als Novität zu bezeichnen bei einem Blick auf die dazugehörige Beschreibung.
Die Empfehlung zu diesem Schuh entstammt aus einem anonymen Brief von der Hand einer Dame an die Herausgeber des Journals und gemahnt "fremden Moden zu entsagen, und eigene deutsche zu kreieren".
1794, Mai, Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Moden-Neuigkeiten (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...]Der Schuh (Taf.14 Fig.4) ist von hellblauen Atlas und reihenweise mit silbernen Flittern besetzt; auf der Rosette wird zur Zierde ein Medaillon von Wedgwood, oder noch besser von vaterländischen Meißner Porcellain *), mit blauem Grunde, so wie man sie zu Rock-Knöpfen der Männer trägt, gesetzt. Bey dem hinteren Quartiere ist eine neue Verbesserung für die Damen-Schuhe angebracht, welche, so wie es die Erfahrung bestätigt, von gutem Nutzen ist, nemlich so, daß der Absatz (wie Taf.14, Fig.4 zeigt) ein wenig über das Quartier hevorsteht, wobey man den Vortheil hat, daß der Schuh nicht so leicht hinten übergetreten werden kann; und der Fuß darin fester ruhet.
*) Die Meißner-Porzellan-Fabrik, die Mutter, und erste Lehrschule der Porzellan-Kunst in ganz Europa, liefert eben so schöne scharfe und geschmackvolle blau und weiße Basreliefs, als die berühmte Wedgwoodsche Fabrik in England die anjetzt Europa mit ihren Producten überschwemmt; und es ist ein lächerliches Vorurtheil letztere jenem vorziehen zu wollen. Die vortreffliche und mit allem recht weltberühmte Meißner Porzellan-Fabrik, deren Waaren an Schönheit und Güte der Maße alle anderen Porzellane in der Welt übertreffen, hat indessen doch mehrere, ja selbst in Teutschland an ihren Töchtern viele gefährliche Rivalen bekommen, die auf alle Art mit ihr um den Kranz ringen. Es ist daher sehr zu wünschen daß Teutscher Patriotismus auch über ihre Erhaltung wache, für die Unterstützung dieses kostbaren Institutes des Teutschen Kunstfleisses sorge, und nicht aus blosser Modesucht fast gedoppelt so theuer von England kaufe, was wir wohlfeiler und eben so schön selbst verfertigen.[...]

Nach dem Studieren der Tafel und Beschreibung, mußte ich gestehen, dass ich diese ersonnene Novität in einer Museumssammlung oder auf anderen Modekupfern bislang noch nie erblickt hatte. Und damit stand recht schnell fest, dass es genau dieser Schuh, bzw. ein Paar werden sollte.
So schnell der Entschluß gefasst war, so langwierig war die Umsetzung, denn erst einmal mußte ein neuer Leisten her. Der abgebildete Schuh war weniger spitz als die späteren Modelle.
Mit dem neuen Leisten fertigte ich zunächst einen Probeschuh, bevor ich mich an die kostbare hellblaue Seide begab, die mir meine liebe Freundin Mme Reeves von Pavillon de la Paix als Reststück eines ihrer Kleider anvertraute.
Überhaupt, vor dem Fertigen steht immer die Materialbeschaffung und in diesem Fall bedeutete das: Flitter!
Aber worum handelt es sich da eigentlich? Auch da hilft das Journal des Luxus und der Moden selbstverständlich weiter.
1794, Oktober, Journal des Luxus und der Moden, Brief an eine Dame über die Kunde verschiedener Waaren (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...]Sechster Brief. Flittern und Filigranarbeit. Die kleinen, dünnen, runden, in der Mitte durchlöcherten Metallplättchen, Gnädige Frau, die von vergoldeten oder versilberten Metall, aber auch von Stahl gemacht werden, und womit ich Sie die Weste für Ihren Herrn Gemahl zu schicken beschäftigt fand - die Flittern, um die Sache mit einem Wort zu fassen, sind eine Erfindung Frankreichs, im vorigen Seculum, und Teutschland kennt sie erst seit Anfange des jetzigen Jahrhunderts[...]
 
Flittern sind also das, was man heute gemeinhin als Pailletten bezeichnet. Glücklicherweise fand ich den echt versilberten Flitter (350 Stück davon!) für den hellblauen Seidenschuh und ich konnte mich erstmals mit der Konstruktion beschäftigen...und tappte abermals in Georg Melchior Kraus (1737-1806) Falle! Wie bereits bei seinem Modekupfer des charmanten Frankfurter Huths, nahm er es abermals nicht so genau mit der Perspektive seiner Zeichnung und führte mich in die Irre.
1794, Mai, Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Erklärung der Kupfertafeln, Detailausschnitt (Quelle: ThULB Jena)

Der Absatz ist das ikonische Herzstück dieser Novität!
Aber auf der Zeichnung schwebt die Front sozusagen in höheren Sphären! Und dadurch erscheint es, als kletterte der Absatz nach vorn ein Stück in die Höhe - das wäre ein äußerst unbequemer Schuh! Autsch!
Für die 1790er Jahre gilt in Sachen Absatz (und Schuh), dass es eine unglaublich spannende Menge an verschiedenen Varianten gab, auch der obige Absatz lässt sich finden, wenngleich nicht mit dem kennzeichnenden Überstand.
um 1795, weiß-blau bedruckte Damenschuhe, Ident.Nr. 2003, KR 1158a,b (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin Preussischer Kulturbesitz SMB-digital)
 
Wie erwähnt fehlt an diesem Paar der charakteristische Überstand der Absatzauflagefläche, dass man einen solchen Überstand als notwendig erachtet hat, zeigt anschaulich das folgende Original:
c.1790, White Satin Pumps (Quelle: liveauctioneers)

In der festen Absicht endlich auch das Heruntertreten der Quartiere zu verhindern, habe ich mich mit einem Messer und Schleifpapier an ein Stück Holz begeben.
Auch die Frage um die Proportion und Perpektive wurde gelöst, in dem der Absatz nach vorn hin nicht in die Höhe steigt, sondern insgesamt leicht hinuntergeht.
Anschließend werden die Holzrohlinge mit feinem Leder kaschiert und entsprechend farblich verändert, in diesem Fall ein Weiß mit minimalem Gelb- und Schwarzanteil.

Die erste Hürde war genommen! Die Maße und den Schnitt der Sohle nahm ich entsprechend des Probeschuhs für den Leisten. An dem Leisten habe ich auch den Schnitt für das Schuhblatt erstellt, es wird jeweils aus einem Oberstoff (in diesem Fall Seide) und für das Futter (Leinen) zugeschnitten.
Aber wie verbindet man die beiden Stoffe? Bei meinen vorherigen Modeschuhen der 1790er Jahre verleimte ich, entsprechend der Hinweise aus verschiedenen zeitgenössischen Anleitungen, beide Lagen, aber bei der feinen Seide würde der Leim doch durchschlagen?!
Glücklicherweise ist guter Rat dank all der Digitalisate nicht mehr teuer!

1789, Sechzig eröffnete Werkstätten der gemeinnützigsten Künste und Handwerke für junge Leute, Wien (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Wenn Frauenzimmerschuhe von Mohr, Damast, Seidenzwillich oder feinem Zeug zugeschnitten werden, so wird zuerst das Futter von weißem Schafleder oder Canafas über den Leisten nach der Länge und Weite geschnitten, alsdann das Zeug nach dem Futter ausgezeichnet, weil die Leute die Zeuge meistentheils selbst dazu geben, wo dann das Futter auf den Überzug mit weißer Stärke aufgeklebet wird. Weil aber diese bei seidenen Zeugen durchschlägt, so überstreicht der Schuhmacher die Leinwand mit kaltem Wachs, und klebet sie auf den seidenen Überzg auf[...]

Der nächste Schritt bedeutete für mich, das Leinenfutter mit Wachs einzustreichen und zwar so dick, dass eine einigermaßen ebene Fläche entsteht. Je ebenmäßiger die Oberfläche durch den Wachs, umso weinger Stärkekleber ist vonnöten.

Das Leinen kann sich nicht vollsaugen und zu viel Leim aufnehmen.

Bevor der feine hellblaue Seidenstoff und das gewachste Futter zueinander gefunden haben, hieß es aber zunächst, die 4mm-Flitter an ihren vorgesehenen Platz zu bringen.

Zu diesem Zweck markierte ich den Stoff entsprechend mit kleinen Vorstichen und nähte alle 350 Flitter entlang der Linien auf, bevor die beiden Lagen (Oberstoff und Futter) aufgeleimt und vernäht werden.

Ganz ohne Leimdurchschläge und recht glatt. Da das Leinen recht grob ist, haben sich dann doch einige Verdickungen durchgedrückt, aber tatsächlich kein weißer Leim!


Die Schuhblätter bekommen die kennzeichnenden Seidenbänder an der Verbundstelle von Front und Quartier, Rückennaht sowie dem oberen Rand angenäht. Durch den oberen Rand verläuft natürlich noch eine dünne Kordel, mit welcher man die Saumweite am Fuß einstellen kann.
Und dann stand die Fertigung der Rosetten mit den Knöpfen in Wedgwoodscher Kunst bevor.
Sechs Knöpfe der Manufaktur Wedgwood

In der Ausstellung "Wider Napoleon!" im Jahre 2014 konnte ich den herrlichen Satz von sechs Knöpfen der Manufaktur Wedgwood mit ihren antiken Szenen bewundern.
Selbst Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach verschenkte Wedgwood (in diesem Fall an Luise von Knebel), wie ein Ausstellungsstück im Goethemuseum in Düsseldorf zeigt.

Weitere Ausstellungsstücke des Museums habe ich übrigens in diesem Beitrag vorgestellt: hier entlang!
Aber zurück zu der Rosette der Flitterschuhe!
Auch ich entschied mich für ein Paar Knöpfe aus dem Hause Wedgwood.
 Was die Seidenrosetten selbst betrifft, zunächst versuchte ich sie auf folgende Art und Weise herzustellen

 
Jedoch überzeugte mich der Aufbau nicht, denn auf Kraus' Modetafel waren die Rosetten weniger bauschig, der zweite Versuch aus einem langen Streifen Seide war dann schließlich erfolgreicher.

Die kleinen Knöpfe (sie haben leider nicht die Größe der Medaillons auf Kraus' Tafel), bilden zwei antikisierte Köpfe einer Frau und eines Mannes ab. Ob es sich dabei um Longos' Daphnis und Chloe oder um Orpheus und Eurydike handelt, vermag ich leider nicht zu bestimmen, aber ein Liebespaar passt sehr schön zu den beiden Schuhen.

Kraus' Irreführungen in der Zeichnung zum Trotz, finden die einzelnen Teil des Schuhs am Leisten schließlich zusammen!
Ein Schuh ist entstanden...227 Jahre nachdem er im Journal des Luxus und der Moden vorgestellt wurde.

Selbstverständlich war und bin ich absolut begeistert von dem Entwurf! Zwar mutet der überstehende Absatz ein wenig gewöhnungbedürftig an, aber es ist eine echte Ikone!

Ein Wedgwood Liebespaar im Zwiegespräch in anmutender Kulisse!
 

Aber gleichgültig, wie ich den Schuh drehe und wende, die Persepktive Kraus' auf der Modetafel bekomme ich nicht hin, es war wohl nur ihm vergönnt, gleichzeitig die Hacke und das Medaillon sehen zu können...
Hier noch ein paar weitere Anblicke und Einblicke:
 

 
 




Aber natürlich benötigt ein solch kostbares Paar neuer Schuhe auch eine entsprechende Schachtel!
Mit Holzpappe, schwarzem Lack, Kleisterpapier, einem Decoupagebild der Flora und einem Streifen herrlichster Tapetenbordüre aus dem Hause Hembus, welche ich der Aufmerksamkeit und Großzügigkeit der lieben Auguste Schumann zu verdanken habe (ihren bezaubernden Instagram Account sollte man unbedingt abonnieren!), verschwand ich in der Werkstatt, um nach vielen Stunden mit einer Schachtel wieder hervorzukommen.




Passt perfekt! Überhaupt entpuppte sich das Frauenzimmer-Flitterschuh-Unternehmen als wahrer Quell des Juchzens und angesichts des Funkelns entdeckte ich beinah bislang unbekannte Begehrlichkeiten am Flitter, Flimmer, Glitzer und Goldnippes wie ein Fanferlüschchen!

Wirklich erstaunlich, was ein Paar Schuhe aus dem Weimarer Journal des Luxus und der Moden so alles bewirken kann!
Ob es Herzogin Anna Amalia ähnlich erging? Immerhin war sie bekannt für ihre Liebe zu Schuhen!
Beim Durchblättern des zweibändigen Katalogs "Wiederholte Spiegelungen - Weimarer Klassik" erschienen bei Hanser über die Stiftung Weimarer Klassik, entdeckte ich im ersten Kapitel des ersten Bandes auf der Seite 58 einen spannenden Beitrag über jenes Paar Seidenschuhe, welches im Wittumspalais an der Esplanade in Weimar im Ankleidezimmer zu finden ist.
In diesem Zusammenhang fiel der Name Carl Wilhelm Heinrich Freiherr zu Lyncker (1767-1843), welcher sich in den späten 1770er bis in die 1780er im Dienst der Herzogin befunden hatte und seine Erlebnisse bei Hofe in seinen Memoiren niederschrieb.
In dem Titel "Ich diente am Weimarer Hof" herausgegeben von Jürgen Lauchner im Böhlau Verlag, findet sich eine Stelle auf Seite 34, die Anna Amalias Liebe zu schönen Schuhen näher beleuchtet.
Carl Wilhelm Heinrich Freiherr zu Lyncker schreibt:
[...]Man hatte ihr [Anna Amalia] einen sehr weißen und dicken Gaul gegeben, auf dem sich ihre Figur besonders klein und zart ausnahm, weil sie auf einem deutschen Sattel ritt. Bei dieser Gelegenheit wurde der kleine Fuß der Herzogin bewundert, von welchem überhaupt viel die Rede war. Mehrere galante Cavaliere trugen kleine goldne Schuhe als Berlocken an den Uhrketten und die Fräuleins rechneten es sich zur Ehre, die von ihr getragenen Schuhe zu erkaufen und anzuziehen *)
(Sie legte täglich ein Paar neue an)
*) Die Damen, welche die Herzogl. Schuhe benutzen konnten, bewiesen hierdurch, daß sie kleine Füße hatten und wickelten dieselben zu diesem Behuf vor Schlafengehen fest zusammen[...]

Mein Paar Flitterschuhe misst immerhin eine Länge von 26 Zentimetern  (allein der Absatz steht etwa 5 Milimeter über) und eine Breite von 7,6 Zentimetern, aber Dank des schönen Schnitts und der Passform, wirkt der Fuß recht fein!


"Was für ein Vergnügen, wenn ein neues Paar Schuhe ins Haus geliefert wird! Dazu noch nach Kraus Zeichnung! Wie herrlich der Flitter im Licht erscheint...ich hoffe, sie passen!"

"Entzückend! Sie passen wie angegossen!"


Mit einem solchen Paar schöner Seidenschuhe ist die Dame im Mai 1794 im Handumdrehen ausgehfein und für jede Geselligkeit gewappnet!

"Aber für das Kopfsteinpflaster sind sie nicht geschaffen!"


"Ich bin dennoch äußerst zufrieden!"
 

Zu dem Paar Flitterschuhe passen der 1792er Pariser Strohhut Sens Devant-Derriere und der wattierte Seiden Caraco vorzüglichst!

Ja, Schuhe haben nicht nur die Herzogin Anna Amalia glücklich gemacht, sondern überall in Weimar (und bis nach Westphalen!) für Vergnügen und manchmal vielleicht auch Übermut gesorgt!
Wie sonst erklärt sich der folgende Beitrag:
1795, November, Weimarische Wöchentliche Anzeigen (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...]Was verlohren worden. Es ist ein grünseidener weiß eingefasster Frauenzimmer-Schuh, von der Deinhards-Gasse an, bis ins Comödienhaus verlohren gegangen. Der Finder desselben bekömmt ein angemessenes Trinkgeld, und hat sich bey A.d.W. zu melden[...]

Wer weiß, was da im Theaterviertel zu später Stunde vor sich gegangen ist im November 1795. War es ein feiner Modeschuh, der in einem Korb getragen wurde, um schließlich im Comödienhaus gegen einen einfachen Straßenschuh ausgetauscht zu werden und der Trägerin damit den Glanz verlieh, den sie für den Abend angedacht hatte?
War die Premiere eines Theaterstückes derart mit tosendem Beifall gefeiert worden, dass die Akteure weit nach Mitternacht auf dem Weg heim nicht mehr ganz nüchtern waren?
Die gedruckte Anekdote wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben...
Also Obacht, passt gut auf eure Schuhe auf! Immer!


Dienstag, 13. Juli 2021

...und übersende Ihnen anbey ein Schächtelchen zu Ihrem Wohlgefallen.

Aus dem Nachlass vieler Zeitgenossen um 1800 wissen wir, dass es durchaus üblich war, mit einem Brief eine Beigabe zu verschicken. Häufig waren es Gegenstände des Alltags, die in Papier, in Körben oder auch Kisten und Schächtelchen versendet wurden. Man übermittelte sich gegenseitig geerntete Früchte oder Gemüse, schickte Käse oder Bonbons; Blumisten füllten die Schächtelchen mit Blüten oder Samen...und nicht selten waren die Verpackungen bereits kleine Kostbarkeiten.
Jene aus Papier und Pappe waren dabei der Vergänglichkeit eher ausgesetzt, umso erstaunlicher und spannender ist es, wenn man auf dererlei Ephemera stößt.
Letztens entdeckte ich eine besonders ansprechende Pappenschachtel bei dem Auktionshaus mit den vier Buchstaben, aber leider hatte ich den Bieterwettstreit verpasst.
Glück im Unglück, ich hatte mir die Bilder abgespeichert...

...und ich hatte noch genügend Pappe vorhanden. Aber Letzteres war ein Leichtes, denn die kleine Schachtel maß ohnehin nur 9 x 6,5 x 3,5 Zentimeter.
Ich hielt mich an die Vorlage und wählte für den Zuschnitt Pappe in der Stärke von 4 Millimeter und 3 Millimeter.

Ein Schächtelchen ist mitnichten einfacher zu fertigen als eine große Pappschachtel, denn eine Unachtsamkeit oder Ungenauigkeit und die Pappteile sind verschnitten. Die Schachtel besteht aus vierzehn Zuschnittteilen, die ich mit Holzleim verklebt habe.
Für ihre Größe ist die kleine Schachtel erstaunlich stabil und man kann sich vorstellen, dass sie selbst eine Fahrt in einer Postkutsche unbeschadet überstehen konnte.
Nachdem der Leim getrocknet war, ging es daran den Farbton zu mischen: ein schönes Veilchenblau, das in den Jahren kaum an Strahlkraft verloren hat.
Die Farben und die Gestaltung mit einer Tuschezeichnung hatten es mir bei dieser Schachtel beonders angetan.

Auf der Suche nach Schrauben und Scharnieren wurde ich im Modellbau fündig.

Was heute maschinell gefertigt wird, wurde damals in mühsamer Arbeit (und sicherlich guten Augen!) von Hand geschnitten und zusammengesetzt.
Bei der Verarbeitung braucht es - damals wie heute - Fingerspitzengefühl und gutes Licht.
Aber die Mühe lohnt sich!

Voila, ein kleines Kunstwerk, welches nichts mit den heutigen Plastikverpackungen gemein hat, sondern selbst schon eine kleine Kostbarkeit ist und Wertschätzung sowohl für den Beschenkten als auch die Gabe im Innern zum Ausdruck brachte.




Innen ist die Schachtel, wie auch das Original mit hellblauem Papier kaschiert, welches neben dem Veilchenblau beim Öffnen für einen weiteren Farbtupfer sorgt.

Die Leimkanten der Pappe sind durch die cremefarbene und violette Tünche noch sichtbar.

Der kleine Alltagsgegenstand wirft - wie so oft - eine Menge Fragen auf. Eine genaue Datierung ist mir leider nicht möglich, aber Verarbeitung und Material lassen auf eine Entstehungszeit um 1800 schließen. 

Es wird auch ein Geheimnis bleiben, ob die Schachtel von einem Händler stammte oder von der geübten Hand des Versenders gefertigt wurde.

Und die wohl brennendste Frage, womit war sie gefüllt? 
Mit Nippes? Einer Haarlocke? Mit Knöpfen? Kandiertem Obst? Pastillen?
Der Farbe entsprechend einem Veilchen gar?
 
1802, Englische Miscellen: Achter Band von Johann Christian Hüttner, Tübingen, Cotta'sche Buchhandlung (Quelle: google books)

Transkription:
[...]Die Läden, wo man feines Gebäck, Confituren, Naschereyen und außerzeitiges oder erlesenes Obst verkauft, haben sich seit zwanzig Jahren in London außerordentlich vermehrt. Seit geraumer Zeit thun auch die sogenannten Chemists, eine Afterart von Apothekern, Eingriffe in dieses Fach. Man findet bei ihnen allerley Bonbons, denen sie jedesmal gewisse medicinische Kräfte beylegen, in eben so großer Vollkommenheit und Eleganz; (das letztere bezieht sich auf die Form und die niedlichen Schächtelchen.) Der Ingwer scheint jetzt hierin einen Vorzug zu haben. Ginger lozenges, candid ginger, ginger pearls & c. sieht man am häufigsten.[...]


Also beuge ich mich der Mode und fülle mein Schächtelchen mit kandiertem Ingwer.