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Dienstag, 1. Juni 2021

Ein roth seidener Parapluie

Vor geraumer Zeit hatte ich das Glück auf einem Antikmarkt einen schönen alten Seidenschirm zu erwerben. Leider waren die Jahrzehnte nicht spurlos an ihm vorübergegangen und eigentlich hatte er sich eine Restaurierung verdient, allerdings haderte ich ob des Stoffes, denn die Suche nach entsprechender Seide, mit den für Regenschirmen so typischen Streifen, war ergebnislos verlaufen.
Der Regenschirm verschwand gut verpackt im Schrank, bis er mir vor ein paar Wochen bei recht regnerisch kaltem Wetter durch Zufall wieder in die Hände fiel.
In all den Jahren war es mir nicht gelungen, den gewünschten Stoff aufzutreiben, der so dringend benötigt wurde, denn flicken konnte man den Bezug nicht mehr...er hatte unzählige kleine Löcher und Fehlstellen an der Spitze und am Rand, die schon viel zu oft ausgebessert worden waren.
Vom regnerischen Wetter, dem Wunsch nach einem Regenschirm und einer Portion Übermut getrieben, entschied ich schließlich, den Stoff einfach selber nach meinen Vorstellungen zu nähen.

Im Journal des Luxus und der Moden im September des Jahres 1802 (Quelle: https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00087249), wird ausführlich ein wasserdichter Stoff vorgestellt, den Rudolph Ackermann in London entwickelt hatte.
Und auch in Gottfried Christian Bohns Waarenlager, 1806 Hamburg, findet sich der Hinweis auf einen wasserabweisenden Seidenstoff.
1806, Gottfried Christian Bohns Waarenlager, oder Wörterbuch der Produkten-und Waarenkunde (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Wachstaffent wird nach Art der Wachsleinwand bereitet und dient zu Kappen, Regenmänteln, Sonnen- und Regenschirmen.[...]

Leider ist es mir nicht gelungen einen solchen Stoff zu bekommen und ich habe mich auch dagegen entschieden, den Stoff selbst zu wachsen, denn immerhin umfasste die Lieferung 2 Meter rote Seide und einen Meter gestreifte Seide.

In diesem Zusammenhang kam die Frage auf, wie weit verbreitet Regenschirme eigentlich waren, besonders in den 1790er Jahren. Im Gegensatz zu den kleinen Parasols nehmen sich die Regenschirme oder Parapluies in Sammlungen eher rar aus, aber damals müssen sie bei Regen - zumindest in den großen Städten - durchaus für einige Farbtupfer gesorgt haben.

In Wochenblättern und Journalen tauchen in den Intelligenzblättern, Miscellen und Bekanntmachungen vielfach Werbungen der Schirmmacher und Parapluiefabrikanten, sowie Gesuche jener bedauernswerten Geschöpfe auf, die ihre Schirme haben stehen lassen.

1795, Frankfurter Frag-und Anzeige-Nachrichten (Quelle: googlebooks)
Transkription:
[...] Am verwichenen Mittwoch, hat ein Knabe einen seidenen Parapluie Couleur de Puce irgendwo stehen lassen, der redliche Besitzer wird gebeten, solchen gegen ein angemessen Douceur in der Saalgasse abzugeben [...]

1795, Frankfurter Frag-und Anzeige-Nachrichten (Quelle: googlebooks)

 Transkription:
[...]Es ist verwichenen Sonntag Abend auf der Schneidmühle im Garten ein ganz neuer roth seidener Parapluie stehen geblieben; der redliche Finder, welcher solchen in verwahrung genommen, wird sehr höflichst gebeten, selbigen auf das Nachrichtskomtor zu überbringen, und dagegen ein raisonables Douceur zu empfangen[...]
 
Seufz, das ist wohl - damals wie heute - das immerwährende Schicksal von Regenschirmen, denn dererlei Gesuche finden sich recht häufig. Es werden Schirme aller Couleur erwähnt. Außerdem finden sich Anzeigen, in denen darauf hingewiesen wird, dass der Regenschirm monogrammiert war. 

Ein Blick weiter südlich verrät uns das Angebot eines Schirmmachers aus Zürich im Jahr 1791/92:
1791/92 Donnerstags-Blatt, Zürich (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Heinrich Müller der Schirmmacher an der Schmiedgaß, thut einem ehrenden Publikum bekannt machen, dass er diese Messe über feil hat bei Hrn. Hauptm. Rordorfs Laden auf dem Münsterhof; er macht  und verkauft aller Gattung schwarze feine wachstüchene Schirm, so wohl gebogne als flache, auch wichst und repariert er seidene Schirm, und aller Gattung Sonnenschirm, neue und alte; er wird trachten die genauesten Preise zu machen, und bittet um geneigten Zuspruch. Bei ihm und bei Herrn Hagenbuch in seinem Laden unter der Laternen sind das ganze Jahr neue Schirme zu haben[...]

Bedauerlicherweise konnte ich meinen Schirm nicht bei Herrn Müller und Herrn Hagenbuch flicken lassen oder bei einem der vielen Schirmfabrikanten einen neuen Regenschutz bestellen, also nahm ich Maß an meinem Schirm und dem ehemaligen blauen Bezug für einen neuen Zuschnitt. Allerdings mußte der Stoff für das Patron vorbereitet werden, das bedeutet das Annähen des Streifenrandes an der unteren Kante.
  
  




Beim Vernähen der roten Seide bildete die Nahtkante den Saum, denn diese franst nicht aus und verdeckt später die zugeschnittene Kante des Streifenrands.

Bei diesem "Anstückeln" ließ ich größte Sorgfalt walten, damit der Stoff später wie ein komplett gewebtes Stück wirkt.
Der Schirmbezug besteht aus neun Panelen, die etwa 50 Zentimeter breit und zirka 70 Zentimeter hoch sind. 

Die fertig zugeschnitten Panelen wurden am oben Rand ebenfalls mit einem kleinen Streifen versehen, ehe ich sie mit Rückstichen zusammengenäht habe.


Vor dem Aufziehen auf das Schirmgestell, fertigte ich ein Tuch aus Leinwand, welches den Bezugsstoff vor der Reibung an den Stäben schützt. Ich hielt mich hier an das Original:

Wie man sieht wurde das Leinen nach innen zum Gestänge mit Wachs und Leim behandelt, um es widerstandsfähiger zu machen.

Nach dem Aufziehen blieb schließlich noch das Band, mit dem der Schirm geschlossen wird. Ich hatte noch einen alten kleinen Beinknopf und webte die Kordel aus sieben feinen Garnfäden.


Die Näharbeiten waren ein wenig aufwändig, aber haben zu dem Ergebnis geführt, welches ich mir seit Jahren (!) erhofft hatte:

Endlich erstrahlt der Regenschirm wieder in seiner alten Pracht...ich muß nicht erwähnen, dass es seit der Fertigstellung nicht mehr geregnet hat, oder?!
Aber keine Angst, den werde ich sicher nicht versehentlich irgendwo stehen lassen!




Die Spitze fehlte leider bei meinem Schirm. Bis ich irgendwann durch einen glücklichen Zufall vielleicht ein Original entdecke, begnüge ich mich mit dieser gelöteten, konisch zulaufenden Messinghülse.



Der Vergleich von Parapluie und Parasol. Das kleine cremefarbene Sonnenschirmchen wurde wieder hergerichtet durch Antonia von Parasol & Co.
 

 


"Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben auf mich regnen."
(Rahel Varnhagen 1771 - 1833)

Donnerstag, 22. April 2021

Nicht von schlechter Pappe: alte Schachteln und Papiere

 Da musste ich  beinah erst ein Alter erreichen, welches buchstäblich der vielzitierten "Alten Schachtel" näherrückt, um meine Leidenschaft für das Papier wieder zu entdecken. Die Faszination für Papier existierte bereits vor meiner Ausbildung zur Buchhändlerin, wurde da aber vertieft.
Während sich meine Begeisterung damals aber eher auf mit Lettern bedruckte Papiere beschränkte, kam in den letzten Jahren ein Interesse für handgefertigte Buntpapiere und Pappen hinzu.
Seit dem vergangenen Jahr versuche ich mich in der Fertigung von Kleisterpapier, Marmorpapier und Schachteln, wobei die Betonung auf "versuchen" liegt, denn es handelt sich dabei um ein altes Handwerk, dem eine umfassende Ausbildung zugrunde lag und das, was ich mir angeeignet habe, ist lediglich ein enthusiastisches Dilettieren, aber keinesfalls mit handwerklichem oder künstlerisch hohem Anspruch...wer danach sucht, dem empfehle ich die umfassenden Seiten von buntpapier.org
Papiere und Pappen waren im ausgehenden 18.Jahrhundert aus den Haushalten nicht mehr wegzudenken. Geformt oder geleimt dienten sie als kleine Schachteln bis hin zu Coffrets zur Aufbewahrung aller möglichen Gegenstände im Haushalt. Schön gestaltet verwahrten sie den Putz der Hausdame oder wurden mit Geschenken bestückt an Freunde verschickt, wie Goethes berühmte Mirabellenschachtel (samt Mirabellen und Gedicht).
 
Pappenmacher arbeiteten mit geleimten, geglätteten Papieren und mit einer Masse von eingeweichten Papieren, die über Model gearbeitet wurden. (Quelle: Johann Karl Gottfried Jacobsons technologisches Wörterbuch, Band III, 1783)
Der Beruf war verwandt mit den Papiermachern und weiter gefasst auch mit den Schachtelmachern (zunftfrei) und den Siebmachern, wobei letztere ausschließlich mit Holz und die Schachtelmacher sowohl mit Holz als auch Pappe arbeiteten. 
 
1820, Thomas Rowlandson, Rowlandson's characteristic Sketches of the lower oerders (Quelle: British Library)

Die Schachtel, die es in allen erdenklichen Formen zum Aufklappen oder zweiteilig mit Deckel gab, sieht man besonders häufig auf Darstellungen von Modistinnen und Putzmacherinnen.
 
ca.1805, Milliner (Quelle: The New York Public Library Online Collection)

 Von dort wurden sie in die Häuser der Kundinnen getragen

1799, Blatt einer Modistin aus Edward Hawke Lockers Kartenspiel

Aber nicht nur die Schachteln der Händler und Händlerinnen gelangten in die Wohnstuben, sondern in Frankreich gab es auch die Sitte der Brautschachteln (Boite de Mariage oder Coffret de mariage). Diese schönen Stücke waren recht groß und entweder aus Pappe oder Holz.
Nicolas Lavreince, L'accident imprévu (Quelle: Kunsthandel Koskull)

Besonders in den Interieurdarstellungen Jean-Baptiste Mallets finden sich immer wieder Schachteln. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man sie in schöner Regelmäßigkeit unter Tischen, neben Betten und auf Schreibschränken, geschickt platziert und in Szene gesetzt. 
Groß oder klein, bunt verziert oder schlicht, rund oder eckig.
Jean-Baptiste Mallet (zugeschrieben), Interieur mit zwei eleganten Damen (Quelle: artnet)

Jean-Baptiste Mallet, La Toilette (Quelle: artnet)

Was lag also näher, meine dilettantische Schaffensfreude an Papier-und Pappenarbeiten zur Aufbewahrung meiner Schuhe, Hüte und Bänder zu nutzen?
Nachdem ich bereits einige kleinere Hut-und Schuhschachteln in der Vergangenheit aus heller Architektenpappe gefertigt hatte, fasste ich den Entschluß mich an eine größere Ausführung zu wagen.
Ein Köfferchen aus Pappe mit Runddeckel, so wie ich sie in vielen zeitgenössischen Darstellungen entdeckt hatte.
Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Monsieur Robardey von Les Soirees Amusantes, der mich durch detaillierte Bilder an seiner wunderschönen originalen Schachtel aus dem ausgehenden 18.Jahrhundert teilhaben ließ und meine nachfolgende Arbeit inspirierte.
 
Um der Schachtel genügend Festigkeit zu geben, wählte ich 4mm Pappe, die wie folgt bearbeitet wurde:

 Die Schachtel sollte später mit dem Runddeckel verbunden werden. Im Zuschnitt sieht man die Teile für das Grundgerüst, wobei die Ausarbeitung des Runddeckels entsprechend zugeschnittene Papplängen benötigte, die ähnlich wie Holzbrettchen aufgeleimt wurden.
Zunächst aber mußten die abgebildeten Teile miteinander verleimt werden. Dazu verwendete man auch damals unter anderem Holzleim (meistens Knochenleim), bei manchen Schachteln wurde aber auch zu Nadel und Faden gegriffen und die Teile wurden miteinander vernäht.
Ich entschied mich für Leim.
 
Das Verleimen der Einzelteile bedeutet immer einiges an Wartezeit. 
Schachteln, die mittels einzelnen Papierschichten auf Model hergestellt wurden, hatten noch längere Trockungszeiten, so mußte jede einzelne Papierschicht in einer Trocknungskammer komplett durchtrocknen. Eine solche Schachtel herzustellen, veranschlagte nicht selten fünf Tage.

 



Für den Boden der Schachtel verwendete ich Makulatur aus einem anderen Projekt. Das Papier wird mit Stärkeleim aufgeklebt, den man auch Fischleim nennt (er hat aber nichts mit den schuppigen Tieren in Gewässern gemein)


Für die Rundung des Deckels habe ich schmale Pappstreifen von 3mm Stärke zugeschnitten und an den Kanten aufgeleimt (siehe rechte Seite des Deckels). Nach der Trockung wurde dann noch eine Pappe von 1mm Stärke darüber gespannt (siehe linke Seite des Deckels).


Und nach langen Tagen des Leimens und Trocknens, war die Schachtel endlich für das Papier bezugsfertig. Ihre Maße sind in etwa 50 x 40 Zentimeter und damit bietet sie ordentlich Platz.


Während ich die Außenseite mit grünem, geäderten Kleisterpapier aus eigener Herstellung bezogen habe, entschied ich mich für ein schönes nachgedrucktes Papier der 1790er Jahre aus meiner Sammlung für das Innere des Köfferchens.
Zunächst wurde das Äußere (bis auf die Deckelwölbung und die Rückwand) verkleidet, dann das Innere.
Das überstehende Blatt dient später als Verbindung des Deckels mit der Schachtel.
Zuletzt werden Deckel und Rückwand außen mit einer Bahn Kleisterpapier überzogen und so die beiden Schachtelteile miteinander verbunden.

 


Kennzeichnend für viele dargestellte Schachteln sind die Schmuckborten.


Details des Bezugs und Kleisterpapiers, sowie eine Kopie nach Pietro Santi Bartolis Zwei Frauen an einem Opferalter, 2.Hälfte 17.Jahrhundert





Der geöffnete Deckel wird von rosa Seidenbändern gehalten, die hinter dem Bezugspapier verklebt und kaschiert wurden.

Auch im Arbeitszimmer bzw Zeichenzimmer dürfen Schachteln nicht fehlen!

Fréderic Cazenave nach Louis Léopold Boilly, L'étude du dessin (Quelle: The Clark)

...überhaupt, Schachteln kann man nie genug haben!

Montag, 1. März 2021

Mit Schirm, Charme...und Sonnenschein!

Der zurückliegende Februar hatte es wirklich in sich! 
In der einen Woche rutschten die Temperaturen hier in Westfalen unter -15° Celsius und wir hatten reichlich Schnee, um in der darauffolgenden Woche auf ungeahnt frühlingshafte +17° Celsius zu klettern, frei nach dem Motto: Februar ist der neue April!
Und es ist ja sicherlich allgemein bekannt, dass sich bei dem ersten Sonnenschein ein besonderes Schauspiel im Freien ereignet. Durch die ersten warmen Sonnenstrahlen geweckt, beendet der possierliche gemeine Sonnenschirm (lat.umbrella parasolii minor) den Winterschlaf.
Hier ist ein nordeuropäisches Exemplar kurz nach Beendigung der Winterruhe.

Bei Temperaturen über 15°Celsius dauert es nicht lang, ehe sie sich ausstrecken und in voller Pracht präsentieren!

Gestreckt erreicht dieser ausgewachsene Sonnenschirm eine Länge von 68 Zentimetern und eine Spannbreite von 48 Zentimetern, damit gehört er zu den eher kleinen Exemplaren.


Ist das nicht ein herrlicher Anblick im ersten Vorfrühlingssonnenschein?
Mit dieser Schönheit lockt er auch nicht selten artfremde Weibchen an...
Aber nicht nur Sophie ist begeistert von dem Schirm, sondern auch ich habe mich riesig gefreut, als mein ehemals recht heruntergekommener Schirm aus Turin zurückgekehrt ist.
Dort hat das kleine Schirmchen bei Parasols & Co. durch Antonias Handwerkskunst zu einem dritten Leben gefunden.
Ihr Service und ihre Beratung sind absolut empfehlenswert, wobei man als Kunde über jeden Schritt der Wandlung in Kenntnis gesetzt wird. Antonia hat mir, nachdem der Schirm von seinen verfransten Seidenresten befreit und das Gestellt justiert und gereinigt war, eröffnet, dass der Schirm aus den 1830er Jahren stammt und in den 1860ern erstmals umgewandelt worden war, wobei die Fischbeinstäbe einfach unfachmännisch eingekürzt wurden, ehe er einen neuen Bezug erhalten hatte.
Ich entschied mich für eine schlichte Neugestaltung und wurde nicht enttäuscht!
 



 
Für den Schirm wurden in den 1830er Jahren Fischbeinstäbe und Elfenbein benutzt, diese Produkte unterliegen heute glücklicherweise dem Artenschutzabkommen und dürfen nicht mehr gehandelt werden.


Mein Parasol ist nicht nur am Griff klappbar, sondern weiter oben sitzt ein weiteres Gelenk, durch welches das Dach abgeknickt werden kann, sodass der Schirm die Funktion eines Fächers übernimmt.


Kaum hielt ich meinen Sonnenschirm nach der Reparatur in den Händen und erfreute mich an all seinen Besonderheiten, tauchte die Frage auf, wann die Schirmchen denn eigentlich den klappbaren Griff erhalten haben. Ich wollte gerne mehr zur Evolution des Sonnenschirms - besonders in den 1790er Jahren - erfahren und das am besten aus erster Hand!
1786, Journal der Moden, Jahrgang 1, Juni, Tafel 18 Weibliche Moden (Quelle: Uni ThULB Jena)

Bereits in der ersten Ausgabe von Bertuchs Journal des Luxus und der Moden (1786 im ersten Jahrgang noch unter dem Titel "Journal der Moden" erschienen), entdecken wir eine Dame mit einem Sonnenschirm, welcher aber noch keinerlei Ähnlichkeit mit meinem kleinen Sonnenschirmchen hat, im Gegenteil, sein Griff ist sehr lang und der Schirm dient gleichermaßen als Spazierstock.
In den kommenden Ausgaben finden wir immer wieder ähnliche Schirme und zwar in einer bunten Viefalt mit wunderschönen seidenen Schirmdächern.
Ein Name taucht in diesem Zusammenhang wiederholt auf: Franz Lorenz Rousset.

1786, Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, Zweiter Band, Verlegt bei Friedrich Nicolai (Quelle: googlebooks)

Franz Lorenz Rousset war mit seiner Galanteriewarenhandlung ansässig in Berlin, an der Stechbahn.
Diese Straße lag seit Mitte des 18.Jahrhunderts direkt am Stadtschloss, also eine vornehme Adresse für Händler.
1788, Carl Traugott Fechhelm Schlossplatz mit Blick in die Königstraße (Quelle: Stadtmuseum Berlin)

In Carl Traugott Fechhelms Bild blicken wir direkt von der Stechbahn zum Schloss. Die Straße zwischen Schloss und Spree zierten Bögengänge und Arkaden und eine illustre Zahl an Händlern, wie der Text auf Spiker's Berlin  Die Stechbahn eindrücklich widerspiegelt.
ca.1830 An der Stechbahn, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Kartenabteilung. Inv. Nr. Kart. Y 44237 (Quelle: Spiker's Berlin)

Rousset reihte sich mit seiner Galanteriewarenhandlung zwischen Kunsthandlungen, Kaffeehäuser, Warenlager und Handwerker ein und besonders seine Schirme fanden immer wieder Eingang in die Journale. Ein besonderes Stück wurde im Jahr 1797 nicht nur im Journal des Luxus und der Moden gleich zweimal vorgestellt, sondern fand auch Erwähnung im Leipziger Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode: der Parasol a Feuillage.

1797, Journal des Luxus und der Moden, Mai, Tafel 14, Modenbericht aus Teutschland (Quelle: ThULB Jena)

Bereits im darauffolgenden Monat findet sich der besondere Sonnenschirm im Leipziger Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, wo ihm ein eigener Modekupfer gewidmet wird.
1797, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Juni, Tabula II (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg)

Beide Veröffentlichungen haben gemein, dass die Modekupfer jeweils nur mit sehr kurzen Beschreibungen versehen waren, weshalb das Journal des Luxus und der Moden im September nochmals einen Artikel nachgeliefert und veröffentlicht hat, der auf Ende Juli datiert ist.
1797, Journal des Luxus und der Moden, September, neue Modenartikel (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...]Sonnenschirme mit einem Laubdach. Es war ein glücklicher Gedanke, den Sonnenschirmen der Damen das Ansehn eines mit allerley Laubwerk dichtverflochtenen Laubdaches zu geben, welches durch ein besonders dazu in Laubwerk gewirktes oder gemahltes Stück grünen Tafft bewirkt wird, das man über die Stäbe des Schirms spannt. 
Vielleicht geht man nun bald noch einen Schritt weiter, und giebt dem Schirme gerade zu die Gestalt einer Fächerpalme (Borassus flabellifer, Linn.). Wenigstens wäre dieses Raffinement unserm in solchen Erfindungen sehr sinnreichen Parasolfabrikanten, Hr. F.L.Roußet wohl zuzutrauen, der auch diese Laubsonnenschirme hier zuerst in Umlauf  gebracht hat. Man bekommt sie unter der Modebenennung parasols a feuillage in seiner Fabrik allhier von 4 bis 7 Thaler das Stück[...]

Ob der Bericht mit seinem scherzhaften Vergleich einer Fächerpalme bei Rousset bekannt war und eine Initialzündung ausgelöst hat, bleibt spekulativ - Tatsache hingegen ist, dass Franz Lorenz Rousset im Jahr 1798 erstmals einen Schirm vorlegt, der den großen Sonnenschirmen der frühen 1790er Jahre nicht mehr ähnelt, sondern eher jenen Schirmchen der kommenden Dekaden.
1798, Journal des Luxus und der Moden, April, Kupfertafel 10 (Quelle: ThULB Jena)

1798, Journal des Luxus und der Moden, April, Beschreibung der Kupfertafel (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...]In der Hand hat sie einen sehr geschmackvollen Fächer-Sonnenschirm (Parasol a l'eventail) von neuestem Geschmacke aus Hrn. Roussets Fabrik allhier. Er ist von gedrucktem Taft mit grünen Feuillage und einem Rosenkranze von recht schöner Zeichnung dekoriert[...]

Nur einen Monat später greift auch das Leipziger Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode ein solches Fächer-Schirm Modell auf, jedoch findet im Text kein Hersteller Erwähnung.
1798, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Mai (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg)

 Transkription:
Auzug
[...]Wenn sie der Hut nicht in allen Richtungen vor den Sonnenstrahlen schützt, so sichern sie sich gegen diesselben durch den grünen Taffetschirm[...] 

1798, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Mai, Kupfertafel (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg)

1798, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Mai, Kupfertafel (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg)

Der vergrößerter Ausschnitt zeigt die Funktion des Fächer-Schirms. Der Knick nahe am Gestänge, den auch spätere Schirme noch aufweisen, ist bereist vorhanden, allein der Griff selbst lässt sich nicht zusammenklappen.
Und was geschah mit Franz Lorenz Rousset?

1798, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, November (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg)

Transkription:
[...]Im Oktober zeigte F.L.Rousset in Berlin an, daß er gesonnen sei, seine bisher geführte Handlung (außer der Parasol-Manufaktur, welche er beibehält) aufzugeben, und das Waarenlager, -bestehend in Bielefelder Leinwand, glatten, gestreiften und gestickten Mousselines, glatten und geblümten Klaar, Linons, Batist, Kanten und Zwirnblonden, weißen und schwarzen seidenen Blonden, Piques, Nankins, Westen, Halstüchern, Shawls, schwarzen Glanztaffet, Filet, Kammertuch, gestickten Manschetten, Baumwollen-Garn zum Stricken und Sticken, Bändern, Fächern, silbernen und plattierten Schnallen, Uhrketten, Uhrschlüsseln und Petschaften, Dosen, Ringen, Brieftaschen, plattierten Messern und Gabeln, Spornen, Argent-haché-Waren u.s.w. - zum Einkaufpreise und auch darunter zu veräußern[...]

1799, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Februar (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg)

Transkription:
[...]Durch zwei Cirkular Briefe vom 1. und 12.Januar erfuhren wir, daß die Witwe Bardin in Berlin ihren Anteil an der von ihrem verstorbenen Manne vor 25 Jahren errichteten, seit 5 Jahren mit F.P.Rousset gemeinschaftlich geführten und unter der Firma: Gebrüder Bardin, bekannten Seiden-Strumpf-Manufaktur, an den Bruder gedachten Asscie's F.L.Rousset, überlassen, und beide Brüder die Berichtigung aller Activorum und Passivorum gemeinschaftlich übernommen haben. Zum bessern Betrieb der Seiden-Strumpf-und Parasol-Manufaktur hat F.L.Rousset seine bisher geführte Modenhandlung aufgegeben, wird aber allein alle aus letzterer vorhandenen Activa und Passiva liquidiren[...]

War es möglich, dass die Geschäfte Rousset unerwartet derart in Anspruch nahmen, dass seine Parasolmanufaktur eine zeitlang ruhte?
Im November 1798, der Monat, in dem Rousset seine Berliner Modehandlung auflöst, erscheint ein weiterer interessanter Modekupfer im Journal des Luxus und der Moden, dessen Hersteller im Journal keinerlei Erwähnung findet:
1798, Journal des Luxus und der Moden, November, Tafel 33 (Quelle: ThULB Jena)

Auszug 1798, Journal des Luxus und der Moden, November, Tafel 33 (Quelle: ThULB Jena)

Ein sehr kleines Schirmchen. Verdeckt der Ring möglicherweise ein Gelenk? Wahrscheinlich ist der Messingring wohl eher ein Schmuckelement, denn diese Novität hätte gewiss Erwähnung gefunden!
Auch Franz Lorenz Rousset blieb gemeinsam mit seinem Bruder den Parasols und Fächern treu, im Jahre 1805 tritt er auch erstmals wieder im Journal des Luxus und der Moden in Erscheinung und stellt neue Fächer-Schirme vor...von einem Gelenk zum Zusammenklappen der Schirme ist aber keine Rede.

Auch wenn mein Parasol für die Frühromantik wohl ein bisschen anachronistisch ist, freue ich mich, dass er ein drittes Leben eingehaucht bekommen hat und bei den sonnigen westfälischen Sommern wird er mir wohl noch immer gute Dienste leisten können!