Dienstag, 1. Juni 2021

Ein roth seidener Parapluie

Vor geraumer Zeit hatte ich das Glück auf einem Antikmarkt einen schönen alten Seidenschirm zu erwerben. Leider war die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen und eigentlich hatte er sich eine Restaurierung verdient, allerdings haderte ich ob des Stoffes, denn die Suche nach entsprechender Seide, mit den für Regenschirmen so typischen Streifen, war ergebnislos verlaufen.
Der Regenschirm verschwand gut verpackt im Schrank, bis er mir vor ein paar Wochen bei recht regnerisch kaltem Wetter durch Zufall wieder in die Hände fiel.
In all den Jahren war es mir nicht gelungen, den gewünschten Stoff aufzutreiben, der so dringend benötigt wurde, denn flicken konnte man den Bezug nicht mehr...er hatte unzählige kleine Löcher und Fehlstellen an der Spitze und am Rand, die schon viel zu oft ausgebessert worden waren.
Vom regnerischen Wetter, dem Wunsch nach einem Regenschirm und einer Portion Übermut getrieben, entschied ich schließlich, den Stoff einfach selber nach meinen Vorstellungen zu nähen.

Im Journal des Luxus und der Moden im September des Jahres 1802 (Quelle: https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00087249), wird ausführlich ein wasserdichter Stoff vorgestellt, den Rudolph Ackermann in London entwickelt hatte.
Und auch in Gottfried Christian Bohns Waarenlager, 1806 Hamburg, findet sich der Hinweis auf einen wasserabweisenden Seidenstoff.
1806, Gottfried Christian Bohns Waarenlager, oder Wörterbuch der Produkten-und Waarenkunde (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Wachstaffent wird nach Art der Wachsleinwand bereitet und dient zu Kappen, Regenmänteln, Sonnen- und Regenschirmen.[...]

Leider ist es mir nicht gelungen einen solchen Stoff zu bekommen und ich habe mich auch dagegen entschieden, den Stoff selbst zu wachsen, denn immerhin umfasste die Lieferung 2 Meter rote Seide und einen Meter gestreifte Seide.

In diesem Zusammenhang kam die Frage auf, wie weit verbeitet Regenschirme eigentlich waren, besonders in den 1790er Jahren. Im Gegensatz zu den kleinen Parasols nehmen sich die Regenschirme oder Parapluies in Sammlungen eher rar aus, aber damals müssen sie bei Regen - zumindest in den großen Städten - durchaus für einige Farbtupfer gesorgt haben.

In Wochenblättern und Journalen tauchen in den Intelligenzblättern, Miscellen und Bekanntmachungen vielfach Werbungen der Schirmmacher und Parapluiefabrikanten, sowie Gesuche jener bedauernswerten Geschöpfe auf, die ihre Schirme haben stehen lassen.

1795, Frankfurter Frag-und Anzeige-Nachrichten (Quelle: googlebooks)
Transkription:
[...] Am verwichenen Mittwoch, hat ein Knabe einen seidenen Parapluie Couleur de Puce irgendwo stehen lassen, der redliche Besitzer wird gebeten, solchen gegen ein angemessen Douceur in der Saalgasse abzugeben [...]

1795, Frankfurter Frag-und Anzeige-Nachrichten (Quelle: googlebooks)

 Transkription:
[...]Es ist verwichenen Sonntag Abend auf der Schneidmühle im Garten ein ganz neuer roth seidener Parapluie stehen geblieben; der redliche Finder, welcher solchen in verwahrung genommen, wird sehr höflichst gebeten, selbigen auf das Nachrichtskomtor zu überbringen, und dagegen ein raisonables Douceur zu empfangen[...]
 
Seufz, das ist wohl - damals wie heute - das immerwährende Schicksal von Regenschirmen, denn dererlei Gesuche finden sich recht häufig. Es werden Schirme aller Couleur erwähnt. Außerdem finden sich Anzeigen, in denen darauf hingewiesen wird, dass der Regenschirm monogrammiert war. 

Ein Blick weiter südlich verrät uns das Angebot eines Schirmmachers aus Zürich im Jahr 1791/92:
1791/92 Donnerstags-Blatt, Zürich (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Heinrich Müller der Schirmmacher an der Schmiedgaß, thut einem ehrenden Publikum bekannt machen, dass er diese Messe über feil hat bei Hrn. Hauptm. Rordorfs Laden auf dem Münsterhof; er macht  und verkauft aller Gattung schwarze feine wachstüchene Schirm, so wohl gebogne als flache, auch wichst und repariert er seidene Schirm, und aller Gattung Sonnenschirm, neue und alte; er wird trachten die genauesten Preise zu machen, und bittet um geneigten Zuspruch. Bei ihm und bei Herrn Hagenbuch in seinem Laden unter der Laternen sind das ganze Jahr neue Schirme zu haben[...]

Bedauerlicherweise konnte ich meinen Schirm nicht bei Herrn Müller und Herrn Hagenbuch flicken lassen oder bei einem der vielen Schirmfabrikanten einen neuen Regenschutz bestellen, also nahm ich Maß an meinem Schirm und dem ehemaligen blauen Bezug für einen neuen Zuschnitt. Allerdings mußte der Stoff für das Patron vorbereitet werden, das bedeutet das Annähen des Streifenrandes an der unteren Kante.
  
  




Beim Vernähen der roten Seide bildete die Nahtkante den Saum, denn diese franst nicht aus und verdeckt später die zugeschnittene Kante des Streifenrands.

Bei diesem "Anstückeln" ließ ich größte Sorgfalt walten, damit der Stoff später wie ein komplett gewebtes Stück wirkt.
Der Schirmbezug besteht aus neun Panelen, die etwa 50 Zentimeter breit und zirka 70 Zentimeter hoch sind. 

Die fertig zugeschnitten Panelen wurden am oben Rand ebenfalls mit einem kleinen Streifen versehen, ehe ich sie mit Rückstichen zusammengenäht habe.


Vor dem Aufziehen auf das Schirmgestell, fertigte ich ein Tuch aus Leinwand, welches den Bezugsstoff vor der Reibung an den Stäben schützt. Ich hielt mich hier an das Original:

Wie man sieht wurde das Leinen nach innen zum Gestänge mit Wachs und Leim behandelt, um es widerstandsfähiger zu machen.

Nach dem Aufziehen blieb schließlich noch das Band, mit dem der Schirm geschlossen wird. Ich hatte noch einen alten kleinen Beinknopf und webte die Kordel aus sieben feinen Garnfäden.


Die Näharbeiten waren ein wenig aufwändig, aber haben zu dem Ergebnis geführt, welches ich mir seit Jahren (!) erhofft hatte:

Endlich erstrahlt der Regenschirm wieder in seiner alten Pracht...ich muß nicht erwähnen, dass es seit der Fertigstellung nicht mehr geregnet hat, oder?!
Aber keine Angst, den werde ich sicher nicht versehentlich irgendwo stehen lassen!




Die Spitze fehlte leider bei meinem Schirm. Bis ich irgendwann durch einen glücklichen Zufall vielleicht ein Original entdecke, begnüge ich mich mit dieser gelöteten, konisch zulaufenden Messinghülse.



Der Vergleich von Parapluie und Parasol. Das kleine cremefarbene Sonnenschirmchen wurde wieder hergerichtet durch Antonia von Parasol & Co.
 

 


"Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben auf mich regnen."
(Rahel Varnhagen 1771 - 1833)

Donnerstag, 22. April 2021

Nicht von schlechter Pappe: alte Schachteln und Papiere

 Da musste ich  beinah erst ein Alter erreichen, welches buchstäblich der vielzitierten "Alten Schachtel" näherrückt, um meine Leidenschaft für das Papier wieder zu entdecken. Die Faszination für Papier existierte bereits vor meiner Ausbildung zur Buchhändlerin, wurde da aber vertieft.
Während sich meine Begeisterung damals aber eher auf mit Lettern bedruckte Papiere beschränkte, kam in den letzten Jahren ein Interesse für handgefertigte Buntpapiere und Pappen hinzu.
Seit dem vergangenen Jahr versuche ich mich in der Fertigung von Kleisterpapier, Marmorpapier und Schachteln, wobei die Betonung auf "versuchen" liegt, denn es handelt sich dabei um ein altes Handwerk, dem eine umfassende Ausbildung zugrunde lag und das, was ich mir angeeignet habe, ist lediglich ein enthusiastisches Dilettieren, aber keinesfalls mit handwerklichem oder künstlerisch hohem Anspruch...wer danach sucht, dem empfehle ich die umfassenden Seiten von buntpapier.org
Papiere und Pappen waren im ausgehenden 18.Jahrhundert aus den Haushalten nicht mehr wegzudenken. Geformt oder geleimt dienten sie als kleine Schachteln bis hin zu Coffrets zur Aufbewahrung aller möglichen Gegenstände im Haushalt. Schön gestaltet verwahrten sie den Putz der Hausdame oder wurden mit Geschenken bestückt an Freunde verschickt, wie Goethes berühmte Mirabellenschachtel (samt Mirabellen und Gedicht).
 
Pappenmacher arbeiteten mit geleimten, geglätteten Papieren und mit einer Masse von eingeweichten Papieren, die über Model gearbeitet wurden. (Quelle: Johann Karl Gottfried Jacobsons technologisches Wörterbuch, Band III, 1783)
Der Beruf war verwandt mit den Papiermachern und weiter gefasst auch mit den Schachtelmachern (zunftfrei) und den Siebmachern, wobei letztere ausschließlich mit Holz und die Schachtelmacher sowohl mit Holz als auch Pappe arbeiteten. 
 
1820, Thomas Rowlandson, Rowlandson's characteristic Sketches of the lower oerders (Quelle: British Library)

Die Schachtel, die es in allen erdenklichen Formen zum Aufklappen oder zweiteilig mit Deckel gab, sieht man besonders häufig auf Darstellungen von Modistinnen und Putzmacherinnen.
 
ca.1805, Milliner (Quelle: The New York Public Library Online Collection)

 Von dort wurden sie in die Häuser der Kundinnen getragen

1799, Blatt einer Modistin aus Edward Hawke Lockers Kartenspiel

Aber nicht nur die Schachteln der Händler und Händlerinnen gelangten in die Wohnstuben, sondern in Frankreich gab es auch die Sitte der Brautschachteln (Boite de Mariage oder Coffret de mariage). Diese schönen Stücke waren recht groß und entweder aus Pappe oder Holz.
Nicolas Lavreince, L'accident imprévu (Quelle: Kunsthandel Koskull)

Besonders in den Interieurdarstellungen Jean-Baptiste Mallets finden sich immer wieder Schachteln. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man sie in schöner Regelmäßigkeit unter Tischen, neben Betten und auf Schreibschränken, geschickt plaziert und in Szene gesetzt. 
Groß oder klein, bunt verziert oder schlicht, rund oder eckig.
Jean-Baptiste Mallet (zugeschrieben), Interieur mit zwei eleganten Damen (Quelle: artnet)

Jean-Baptiste Mallet, La Toilette (Quelle: artnet)

Was lag also näher, meine dilettantische Schaffensfreude an Papier-und Pappenarbeiten zur Aufbewahrung meiner Schuhe, Hüte und Bänder zu nutzen?
Nachdem ich bereits einige kleinere Hut-und Schuhschachteln in der Vergangenheit aus heller Architektenpappe gefertigt hatte, fasste ich den Entschluß mich an eine größere Ausführung zu wagen.
Ein Köfferchen aus Pappe mit Runddeckel, so wie ich sie in vielen zeitgenössischen Darstellungen entdeckt hatte.
Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Monsieur Robardey von Les Soirees Amusantes, der mich durch detaillierte Bilder an seiner wunderschönen originalen Schachtel aus dem ausgehenden 18.Jahrhundert teilhaben ließ und meine nachfolgende Arbeit inspirierte.
 
Um der Schachtel genügend Festigkeit zu geben, wählte ich 4mm Pappe, die wie folgt bearbeitet wurde:

 Die Schachtel sollte später mit dem Runddeckel verbunden werden. Im Zuschnitt sieht man die Teile für das Grundgerüst, wobei die Ausarbeitung des Runddeckels entsprechend zugeschnittene Papplängen benötigte, die ähnlich wie Holzbrettchen aufgeleimt wurden.
Zunächst aber mußten die abgebildeten Teile miteinander verleimt werden. Dazu verwendete man auch damals unter anderem Holzleim (meistens Knochenleim), bei manchen Schachteln wurde aber auch zu Nadel und Faden gegriffen und die Teile wurden miteinander vernäht.
Ich entschied mich für Leim.
 
Das Verleimen der Einzelteile bedeutet immer einiges an Wartezeit. 
Schachteln, die mittels einzelnen Papierschichten auf Model hergestellt wurden, hatten noch längere Trockungszeiten, so mußte jede einzelne Papierschicht in einer Trocknungskammer komplett durchtrocknen. Eine solche Schachtel herzustellen, veranschlagte nicht selten fünf Tage.

 



Für den Boden der Schachtel verwendete ich Makulatur aus einem anderen Projekt. Das Papier wird mit Stärkeleim aufgeklebt, den man auch Fischleim nennt (er hat aber nichts mit den schuppigen Tieren in Gewässern gemein)


Für die Rundung des Deckels habe ich schmale Pappstreifen von 3mm Stärke zugeschnitten und an den Kanten aufgeleimt (siehe rechte Seite des Deckels). Nach der Trockung wurde dann noch eine Pappe von 1mm Stärke darüber gespannt (siehe linke Seite des Deckels).


Und nach langen Tagen des Leimens und Trocknens, war die Schachtel endlich für das Papier bezugsfertig. Ihre Maße sind in etwa 50 x 40 Zentimeter und damit bietet sie ordentlich Platz.


Während ich die Außenseite mit grünem, geäderten Kleisterpapier aus eigener Herstellung bezogen habe, entschied ich mich für ein schönes nachgedrucktes Papier der 1790er Jahre aus meiner Sammlung für das Innere des Köfferchens.
Zunächst wurde das Äußere (bis auf die Deckelwölbung und die Rückwand) verkleidet, dann das Innere.
Das überstehende Blatt dient später als Verbindung des Deckels mit der Schachtel.
Zuletzt werden Deckel und Rückwand außen mit einer Bahn Kleisterpapier überzogen und so die beiden Schachtelteile miteinander verbunden.

 


Kennzeichnend für viele dargestellte Schachteln sind die Schmuckborten.


Details des Bezugs und Kleisterpapiers, sowie eine Kopie nach Pietro Santi Bartolis Zwei Frauen an einem Opferalter, 2.Hälfte 17.Jahrhundert





Der geöffnete Deckel wird von rosa Seidenbändern gehalten, die hinter dem Bezugspapier verklebt und kaschiert wurden.

Auch im Arbeitszimmer bzw Zeichenzimmer dürfen Schachteln nicht fehlen!

Fréderic Cazenave nach Louis Léopold Boilly, L'étude du dessin (Quelle: The Clark)

...überhaupt, Schachteln kann man nie genug haben!

Dienstag, 23. März 2021

Hoyards Pariser Reise-Korset 1805 [Schnürleib Studien IV (short stays studies)]

Es sind nun annährend zehn Jahre verstrichen seit ich Johann Samuel Bernhardts Bekannschaft geschlossen und seine Arbeit kennengelernt habe, eine fruchtbare Zeit, die mich Schritt für Schritt näher an die Menschen hinter der Kleidung geführt hat. Seinen Spuren folgend entdeckte ich den Utrecht Schnürleib und allmählich füllte sich mein Notizbuch mit weiteren Primärquellen aus Journalen, Briefen und Biographien, die immer neue Verbindungen herstellten und noch herstellen, kurz: Recherche ist eigentlich nie abgeschlossen, sondern in ständigem Wachstum und Wandel...und sie lebt davon, dass man als Verfasser auch nach Veröffentlichung in weiterführende Diskussionen einbezogen wird! In diesem Zusammenhang liegt es mir am Herzen darauf hinzuweisen, dass meine Arbeit und die Schnittmuster zwar kostenlos sind, dennoch aber das Copyright gilt, also u.a. eine Namensnennung/Verlinkung verbindlich ist.
 
Die Überschrift verrät es schon, der heutige Beitrag wird von einem besonderen Schnürleib handeln, nämlich einem Reise-Korset...und damit verbunden zu einer Reise zurück in die Zeit um das Jahr 1805.
Wie üblich darf ich an dieser Stelle die Empfehlung zu einer Tasse (oder Kanne) Thee aussprechen und dann geht es auch schon los - nun, beinah! 
Denn bevor wir gemeinsam auf die Kutsche steigen und die Reise antreten, lohnt sich ein Blick in eine Publikation aus dem Jahr zuvor. In August von Kotzebues Buch Erinnerungen aus Paris im Jahr 1804  lässt er uns an einem (fiktiven) Gespräch zwischen einer ehemaligen Reifrockverkäuferin und einem vormaligen Schnürbrustschneider in den Tuillerien teilhaben, in dem Letzterer beklagt:
1804, August von Kotzebue Erinnerungen aus Paris im jahr 1804 (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]schon als man statt der Schnürbrüste mit Fischbein die bloßen Corsets einführte, sagte ich gleich die Revolution voraus[...]

Obschon seit der Revolution einige Jahre vergangen waren, blieb das Thema aktuell. Die neuen Corsets (oder auch Schnürleiber) waren tatsächlich Teil großer Veränderungen. Sie entsprachen dem Zeitgeist der 1790er Jahre, in denen alles in Bewegung und Wandel war, hin zur Simplizität und Natürlichkeit.
Aber der Wandel geschah langsam und während dieser letzten Dekade des 18.Jahrhunderts waren zwar die modernen Schnürleiber in Mode und verbreiteten sich, aber auch die Schnürbrust hielt sich unter einigen Kleidern. Die Stimmen der Ärzte aber, vor allem die von Samuel Thomas Sömmerring (1755-1830) verstummten überraschenderweise nicht, denn obwohl der neue modische Kleiderschnitt der hohen Taille kein Schnüren verlangte, schien ein "Überschnüren" gerade im ersten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts wiederzukehren oder es ist niemals wirklich verschwunden gewesen.
Möglicherweise schienen die Modejournale, stets auf Idealisierung bedacht, daran nicht ganz unschuldig, denn auf vielen Kupfern sehen wir bei den Korsetts (auch Corset oder Korset)/Schnürleibern um 1800 keinerlei Schnürlücke (siehe auch: Short Stays Studies - Schnürleibstudien, Bild 1 und Bild 2)
1813, Journal des Dames et des Modes, Costume parisien No.1337 (Copyright: Collection Cristina Barreto Lancaster)

Der alltäglichen Praxis eines auf Stoß geschnürten Corsets widerspricht J.S.Bernhardt in seiner Publikation deutlich, wenn er schreibt:
 
1810, J.S.Bernhardt, Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen zu kleiden und zu verschönen (Quelle: slub Dresden)

Transkription:
[...]Eine Schnürbrust soll den Leib festhalten, und beim Schnüren nicht ganz zusammen gehen[...]
 
Bernhardts Erläuterung spricht aus seiner jahrelangen Erfahrung, denn die inhaltliche Sammlung für seine zweibändige Publikation begann bereits in den 1790er Jahren als er als Schneidermeister in Dresden niedergelassen war. 
Die nur wenig versteiften (und zum Teil im Querverlauf geschnittenen) Schnürleiber der 1790er und des frühen 19.Jahrunderts geben beim Tragen aufgrund der Stoffbeschaffenheit immer ein wenig nach. Beabsichtig man, sie ohne Schnürlücke herzustellen, mussten die Schnürleisten weiter auseinanderliegen und entsprechend zugeschnürt werden. Das Körpergewicht und die Leibesform sind allerdings in ständiger Fluktuation, was bedeutet, dass eine zu wenig zurückgeschnittene Schnürleiste möglicherweise plötzlich überlappt. Aus diesem Grund wurden die Seitenteile mitunter zu weit zurückgeschnitten und mussten entsprechend eng geschnürt werden, um dem Ideal der Modekupfer zu entsprechen.

1804-1808, Schnürmaschine (Quelle: Deutsche Digitale Bibliothek, Kunstbibliothek - Staatliche Museen zu Berlin)

Der obige Druck stammt wahrscheinlich aus einer der zahlreichen ärztlichen Veröffentlichungen gegen das Über-Schnüren und - hier widerspreche ich der Beschreibung des Museums - zeigt die von den damaligen Ärzten gegenüber Korsettschneidern geäußerten Bedenken gegenüber dem Schnüren in der Schwangerschaft.

ca.1800, Effets merveilleux des lacets, Numéro d'inventaire G.10862 (Quelle: Musée Carnavalet)

Aber die Darstellungen zeigen nicht nur die schon damals konträr vertretenen Positionen zum Schnüren, sondern in beiden Bildern ist auch etwas Bemerkenswertes in der Konstruktion der Korsets gezeigt, das meiner Aufmerksamkeit bislang entgangen und erst durch eine zufällig entdeckte Textstelle im Journal des Luxus und der Moden aus dem Jahr 1805 an Bedeutung gewonnen hat.
Nun ist es an der Zeit, der Beschäftigung zu frönen, die nicht wenige gut gestellte bürgerliche Damen und solche von Stand für sich entdeckt hatten: die Reise!

1803, Louis-Léopold Boilly, L'arrivée d'une diligence dans la cour des messageries (Quelle: wikicommons)

Und für die Reise verpflichtend war natürlich eine entsprechende Ausstattung:

1805, Journal des Luxus und der Moden, Mai, Modenbericht (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...]Zu der Gemächlichkeit der reisenden Damen sind einige sehr nützliche Artikel erschienen, deren Anzeige hier gerade noch recht kommen wird, damit die Damen bei ihren häufigen Sommerwanderungen in Bäder Gebrauch davon machen können, und so durch Vereinigung von vielen nöthigen Stücken, deren Entbehrung ihnen oft das Vergnügen der Reise verleitet, ihre Toiletten oder Arbeitsbedürfnisse, in eleganten und kompendiösen Format, das wenig mehr Platz als ein Buch einnimmt, mit sich führen können[...]
1805, Journal des Luxus und der Moden, Mai, Modenbericht (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...] Der dritte Artikel ist eine neue Art von Korset für die Damen. Es ist so eingerichtet, daß dessen mehrere Züge, alle von verschiedener Länge zusammen in einen Laufen, und durch ein einziges Knöpfchen, oder Bandschleife, bei dem Anziehn, so eng oder weit als man es beliebt, befestigt werden. Die große Gemächlichkeit dieser Korsets, welche die Damen in einer Minute anlegen können, und doch eben so gut geschnürt sind, als bei einer Stunden langen Toilette an den gewöhnlichen, so wie die besonders gute Haltung, welche sie dem Körper und den Kleidern geben, verschaffen ihnen in Paris den größten Beifall. Auch brauchen sie auf kein bestimmtes Maaß gemacht zu seyn, da die Züge und Plattschnüren, welche um das ganze Korset laufen, so eingerichtet sind, daß, durch ein stärkeres oder geringeres Anziehen derselben, die Enge oder Weite bestimmt wird. Sowohl in doppelten Dimitti als Taffent erhält man solche a 2 Thaler 8 Groschen.

Alle benannten Modenartikel, denen der Preis und 8 Groschen Emballage beigefügt wird, verschafft man sich durch postfreie Briefe an Herrn Hoyard und Comp bei Mitweyda in Leipzig oder Lichtenauer in Hannover[...]

Was bietet Herr Hoyard da an? 
Und ähnelt die beschriebene Konstruktion der Schnürung nicht verblüffend den zuvor abgebildeten Schnürmaschinen...und diesem bekannten Korsett aus den 1830ern:
1830-1840, Woman's Corset, Costume Council Fund M63.54.7 (Quelle: LACMA)

Die Datierung des erstmaligen Erscheinens der Fächerschnürung in der Modewelt muß also revidiert werden! 
Nicht erst in der Hoch-und Spätzeit des Biedermeier, beziehungsweise frühestens in den ausgehenden 1820er Jahren, fand diese Art der Schnürung durch Plattschnüre und Züge ihre Anwendung, sondern bereits um 1805 ist sie durch die Textstelle im Journal des Luxus und der Moden belegt.

Offen bleiben in diesem Zusammenhang aber gleich mehrere Fragen. Herr Hoyard, der laut der Zeitung für die elegante Welt als Importeur in Kassel, Mittelgasse Nummer 82, ansässig ist, taucht erstmals im Januar 1803 namentlich in der Leipziger Zeitschrift im Intelligenzblatt auf, wo er seine Anzeigen für Modeartikel aufgibt. Zunächst betätigt sich der Herausgeber der Zeitschrift Voss & Comp. Leipzig als Kommissionär seiner Artikel, aber bald schon werden seine Waren über J.C.G Lichtenauer in Hannover und Mittweyda in Leipzig vertrieben.
Ab Herbst 1803 berichtet auch erstmals das Journal des Luxus und der Moden über sein Warenangebot und zwar nicht im Intelligenzblatt (also durch ihn bezahlte Anzeigen), sondern in den Modenberichten.
Nach dem oben transkribierten Beitrag verliert sich die Spur von Herrn Hoyard, ehe er 1817 wieder als Importeur von Kosmetikartikeln Erwähnung in der Leipziger Zeitschrift findet.
War sein Reise-Korset ein Misserfolg? Oder gab es andere Gründe für sein Verschwinden?
Wenn es an seinem Angebot vom Mai 1805 lag, was könnte möglicherweise ausschlaggebend gewesen sein?
War die Idee der Fächerschnürung gar keine Novität, sondern wurde schon länger praktiziert?
Übernahmen die Damen diese Art der Schnürung einfach für ihre bereits vorhandenen Schnürleiber und arbeiteten diese entsprechend um?
Erwies sich sein Versprechen, dass die Korsets nicht auf Maß gefertigt werden mußten, beziehungsweise in einer Art Einheitsgröße verschickt wurden, als nachteilig?
Bezog sich dieses "Maaß" nur auf die Weite der Seitenteile/Schnürlücke oder auch auf eine Einheitsgröße der Brustzwickel? Konnte das gutgeheißen werden? Immerhin der Modebericht richtete sich an die gehobene bürgerliche Schicht und eine einheitliche Größe mochte sehr an die Kleidung erinnern, die uns in folgender Ausgabe begegnet:
1793, Die Hausmutter in all ihren Geschäften, Fünfter und letzter Band (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Er billiget diejenige Art, welche die Weiber auf dem Lande tragen, die die Brust nicht zusammen schnüren, und weiter nichts thun, als daß sie selbige blos gerade halten. In dergleichen Schnürleibern liegt die Brust bequemlich; sie sieht darin nicht anders aus, als so, wie sie wirklich ist[...]

Moralische Wochenschriften, Briefe und Beiträge aus Journalen geben preis, dass bürgerliche Damen und jene von Stand zwar immer Simplizität und Natürlichkeit begrüßten und Bildung forderten, nicht aber für die Landbevölkerung oder das Personal im Haus - und keinesfalls wollte man deren Kleidungsstil übernehmen.
Ob es an der Abgrenzung und Eitelkeit der Leserinnen gelegen haben mag oder Hoyards Rückzug andere Gründe hatte, bleibt vorerst Spekulation, Tatsache bleibt, dass er uns die Bestätigung der Fächerschnürung für sein Reise-Korset gibt.

Nach meinem frühen und zugegebenermaßen dilettantischen Versuch eines 1820er Halb-Korsetts a la Paresseuse und der dann folgenden Nacharbeitung des Utrecht Schnürleib, stand der Entschluß rasch fest, dass ich Hoyards Beschreibung des Reise-Korsets in ein glaubwürdiges Stück nach J.S.Bernhardts Quadratsystem umsetzen wollte, denn leider konnte ich es ja nicht einfach bei Lichtenauer oder Mitweyda bestellen...
Es sollte möglichst simpel zu fertigen sein und dennoch eine gute Haltung garantieren, dabei die Bequemlichkeit der Bernhardtschen Schnürleiber nicht missen lassen.
 
 Vorbereitung
Wie immer bei diesem Quadratsystem muß zunächst die Linie "gg" ermittelt werden:
An der Stelle der Schulter, die am weitesten nach vorne ragt, wird in senkrechter Linie ein Lineal angelegt, das hinunter bis zur Mitte des Busens reicht (grüne Linie). Von diesem Punkt aus wird Maß genommen bis zur Mitte des Rückens bzw der Wirbesäule.
Üblicherweise liegt der Wert zwischen 20 bis 30 Zentimetern. Der ermittelte Wert wird nach Bernhardt durch 7 geteilt:
beispielsweise 26 : 7 = 3,7
Dieser Wert widerum ist der Multiplikator für das folgende Schnittmuster (auf Milimeterpapier gezeichnet):
 
Hoyards Pariser Reise-Korset 1805 (Interpretation)

Ist der Multiplikator ermittelt, wird das Schnittmuster entsprechend vergrößert (das blaue Quadrat erhält die Größe des ermittelten Multiplikators).
Achtung: das Schnittmuster enthält keine Nahtzugabe!

Wie immer empfehle ich einen Probeschnitt zu fertigen, glücklicherweise geht das bei dem vorliegenden Modell recht geschwind, denn es besteht lediglich aus zwei Leib-Schnittmusterteilen, den Schulterriemen, Brustzwickel und dem entsprechenden Futter.


Da ich immer wieder über Fragen stolpere, ob denn statt des einen auch zwei Brustzwickel eingesetzt werden können und Mme Oiseau den Bernhardtschen Schnürleib Figur C. derzeit mit dem doppelten Zwickel fertigt (und mich dahingehend inspiriert hat), nahm ich mir vor, diese Variante auch an Hoyards Reise-Korset zu verwirklichen.
Zudem kürzte ich die Höhe der Seite ein wenig ein, damit der Rand des Reise-Korsets auch beim  Sitzen nicht in die Hüfte schneidet. Achtung: Das Rückenteil ist etwa 3 Zentimeter breiter als in den Bernhardtschen Schnittmustern und ich habe es entsprechend angepasst, oben schmaler unten weiter.
Mein Schnitt beinhaltet folgende Änderungen:
 

Und dann ging es ans Tuch! Ich entschied mich gegen den im Journal erwähnten Taft und griff auf einen Baumwollköper (Dimiti) aus meinem Bestand zurück, wobei die äußere Lage feiner, die zweite Lage fester ist. J.S. Bernhardt empfiehlt den Schnürleib auf eine ordentliche Art zu nähen, was das Futter betrifft, sodass man ihn auch wenden kann.
Die Rückenlinie des Schnittteils muß gerade an den Nahtverlauf angelegt werden, sodass der Stoff nach vorn zur Mitte hin im Querverlauf arbeitet.
 

Da ich - nach Bernhardts Empfehlung - lieber Fischbein statt einen Blankscheit (auch: Blankscheid) verwende, habe ich die beiden Kanten von Oberstoff und Futter gegeneinander eingeschlagen und mit dem doppelten Saumstich mit der zweiten Hälfte zusammengenäht. Rechts und links der entstandenen Naht durch alle Lagen werden dann die beiden Kanäle für das Plastikfischbein abgesteppt. Dazu verwende ich gefärbtes Garn. Insgesamt hat das Korset sechs Fischbeinstäbe. 
Die Brustzwickel bestehen aus einer einzigen Lage Stoff. Wie Zwickel eingesetzt werden, habe ich hier beschrieben: Never go anywhere without the proper underwear!



Da bei Hoyards Reise-Korset mit Zug gearbeitet wird, müssen Schnürlöcher gestochen und genäht werden. Hier kann man entweder Löcher für die Kreuzschnürung oder die Spiralschnürung wählen. Ich entschied mich für Letzteres, da bei den meisten Schnürleibern um 1800 diese Variante noch vorherrscht.


Und dann geht es an das Schnüren der Züge, wobei ich wie in Hoyards Beschreibung Plattschnüre aus Baumwolle verwende. Sie sind fein geflochten, flach und etwa 5 Milimeter breit.


Die Plattschnüre werden innen jeweils gegenüber dem Schnürloch angenäht, von hinten durch das Loch gefädelt und dann zur gegenüberliegenden Seite zurückgezogen, um eben jenen notwendigen Zug für das Schnüren zu erhalten.


Die unterschiedlichen Längen der Plattschnüre sind nicht so gravierend wie Hoyards Text denken lässt.
Die einzelnen Bänder laufen in eines, indem man sie zusammenflechtet. Das funktioniert mit Plattschnüren recht gut, denn auch im geflochtenen Zustand neigen sie nicht dazu unter dem Kleid aufzutragen.


Ich entschied mich gegen das erwähnte Knöpfchen und für eine Bandschleife. Falls die einzelnen Plattschnüre doch zu lang sind, kann man sie an der Nahtstelle zum Schnürleib regulieren und entsprechend aufgefaltet annähen.



Das Schleifenband des Zuges habe ich ebenfalls für die Schulterriemen verwendet. Dabei fiel die Wahl auf zwei Löcher pro Schnittteil, auch hier kann man nach eigenem Geschmack verfahren.


Da ich kein Saumband mehr in meinem Stoffvorrat hatte, diente mir ein Band aus dem Oberstoff zum Einfassen. Es wurde im geraden Stoffverlauf zugeschnitten.


Meine Interpretation von Hoyards Reise-Korset von 1805. Es ist bequem, auch bei längerem Sitzen (wie in Kutschen) und mit winterlich genährtem Embonpoint.
Leider mußte ich feststellen, dass bei zwei Brustzwickeln pro Seite für meine Figur ein Blankscheit ratsamer gewesen wäre, oder ich zum Plastikfischbein besser nur einen Zwickel pro Seite gewählt hätte...aber die nächste Reise ist noch ein wenig hin und für den Sommer wird es sicherlich noch ein zweites Reise-Korset geben - es ist ja glücklicherweise schnell genäht!




Das Anziehen nimmt tatsächlich kaum eine Minute in Anspruch. Die Schnürlücke ist nach Bernhardts Wohlwollen gefertigt (etwa ein Zoll), und kann mit dem Zug vorn über die Bandschleife reguliert werden.
Im Gegensatz zum Utrecht Schnürleib, stützt das Reise-Korset den mittleren Rücken besser.




Ich kann verstehen, dass die Pariser Damen begeistert waren...wenn man Herrn Hoyard denn bezüglich dieser Werbung Glauben schenken darf. 
Es gibt noch viel zu entdecken! Und sobald Reisen wieder möglich sind, sollte Hoyards Modeartikel wohl hoffentlich so manche Fahrt bequemer machen!
 

...bis es soweit ist, sei verraten, dass Hoyards Reise-Korset auch beim Verfassen der Korrespondenz für viel Bequemlichkeit sorgt!


Weiterer Lesestoff über die Schnürleiber um 1800: