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Dienstag, 30. Juni 2020

Journal des Luxus und der Moden, Frankfurter Huth - oder: Wie Georg Melchior Kraus im Mai 1796 die Damen und die Putzmacherinnen zum Frohlocken brachte...und mich zum Fluchen (aber nur ein kleines bisschen!)

Der genaue Hergang darüber, wie die Idee zum Modekupfer des Frankfurter Hutes zum ersten Mal aufkam, ist leider nicht hinterlegt. Möglicherweise sendete ein Korrespondent aus Frankfurt eine Beschreibung oder sogar einen Modekupfer der deutschen Ausgabe des Konkurrenzblattes Journal des Dames et des Modes an Georg Melchior Kraus (1737 - 1806) vom Journal des Luxus und der Moden, welcher es in seiner Zeichenschule nachmalen ließ. Vielleicht war der Aufsatz aber auch selbst erdacht und entworfen und kurzerhand als Frankfurter Haberstroh Huth aus deutscher Fertigung vorgestellt worden, um zu zeigen, dass einheimische Produkte den Pariser Artikeln in nichts nachstanden.
Heraus kam dabei jedenfalls ein sehr hübscher kleiner Hut für den Frühling 1796.
The actual course of events on how this fashion plate of the Frankfurter Huth was brought to attention probably will remain a mystery. Maybe a correspondent from Frankfurt has sent a description or even a fashion plate from the German issue of the competiting Journal des Dames et des Modes to Georg Melchior Kraus (1737 - 1806) from the Journal des Luxus und der Moden, who has all sketches commissioned in his Art School. Or maybe the sketch was completely made up and named Frankfurter Huth to show, that the German production was as exquisite as articles from Paris.
All the efforts finally resulted in a very fine hat for spring 1796.
1796, Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 11, Mai, Kupfertafel 13 Bild 1 (Quelle:ThULB Jena)
Und wie üblich lieferte das Journal eine ausführliche Erklärung zu der Kupfertafel.
And of course the plate came with a thorough description.
1796, Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 11, Mai, Erklärung der Kupfertafel (Quelle: ThULB Jena)
Transkription:
[...]Die Dame Num.1. trägt einen feinen Huth von Haberstrohstreifen, die, auf steifes Papier geleimt, auf beyden Seiten die Einbiegung erhalten haben, durch welche sich das weitausspreizende der runden Strohhüte geschmackvoll abrundet. Der Huth ist mit schwarzem Samtbande eingefasst, mit türkisblauen Bandschleifen geschmückt, und zur rechten mit einer Guirlande von blassgelbem Stroh geziert[...]
Translation:
[...]Lady No.1. wears a fine hat made from strawstripes, which, glued to stiff paper, have been bend on both sides, to which the flat round straw hats, receive a pretty curve. The hat is bound with black velvet ribbon, adorned with turquoise silk bows, and has a guirlande made of straw on the right[...]

Und da sitzt eine Weimarer Dame in ihrer guten Stube, hält das frischgedruckte Journal in der Hand - ungeduldig vorgeblättert bis zu den neuesten Kupfertafeln - und denkt sich entzückt, dass sie eilig zum Markt in das Haus Kirsch eilen sollte, um solch ein Hüthchen bei der Gamby zu bestellen, bevor die lustigen Strohstreifen auf zu vielen Hüten grüßen.
Then there's a Weimarian lady sitting at her breakfast table, holding the latest issue of the new journal in her hand, eagerly skipping the text to see the new fashion plates and then struck by the idea to quickly get to the market to Haus Kirsch, to order such a hat at Mme Gamby's before everyone else sports strawstripes in the town.
1797, Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 12, April, Intelligenzblatt (Quelle: googlebooks)
Transkription:
[...]XXIV. Moden-Handlungs Anzeige. 
Endesunterzeichnete hat die Ehre, sich den hohen Herrschaften mit Damen-Putz nach der neusten Mode, zu empfehlen, so wie auch durch Fertigung desselben, nach ihr gegebenen Bestellungen deren Beyfall und Zufriedenheit zu erhalten hofft.
Henriette Gamby, wohnhaft zu Weimar auf dem Markt in dem Hause des Herrn Kirsch par terre[...]
Translation:
[...]XXIV. Moden-Handlungs Advert.
The person signing has the honour to recommened her milliner business and the articles of such business, as well as individual commissions.
Henriette Gamby,  residing at the Markt in Weimar..Haus of Mr Kirsch, ground floor[...]
Und auch hier werden wir vorraussichtlich keinerlei Einblick bekommen, welche Dame als erste die Kupfertafel Nummer dreizehn zur Nacharbeitung bei Henriette Gamby vorlegte. 
Zu den Kundinnen der Putzmacherin zählten unter anderem auch Christiane Vulpius (die spätere Frau Geheimräthin Goethe), was ein Brief aus dem Jahre 1798 an Goethe und Einträge im häuslichen Rechnugsbuch zwischen 1796 und 1798 beweisen.
Bei einem ersten Blick, wird Madame Gamby festgestellt haben, dass Kraus sich in der Auslegung einige Freiheiten erlaubt hat, welche die Konstruktion zwar für die Putzmacherin erleichtern (so ist die Krone aus mehreren Winkeln zu sehen und sitzt daher eher schief auf der linken Seite) und ihr freie Hand lassen (die nicht gezeigte Stroh Guirlande), aber sie gegenüber der Kundin in Erklärungsnot bringen, wenn das Endresultat dann doch ein wenig anders aussieht als der Kupfer selbst...Ja, ich mußte hier und da ein bisschen fluchen: "Was hast Du Dir bei Deiner Zeichnung nur gedacht, Kraus!"
Der Reihe nach! Die Arbeit mit Stroh war mir noch vertraut von einem wunderbaren Projekt aus dem Jahr 2016 "Über Stroh und so"
Dort habe ich auch eine genaue Beschreibung der Vorarbeiten mit dem gefärbtem Stroh hinterlegt.
Am Anfang steht das Wässern und Bügeln der Halme.
It most probably will also remain a mystery to us, if and who appeared first with this fashion plate at hand to have it made up by Madame Gamby.
One of her most famous customers was Christiane Vulpius (later the wife of Goethe), as told by herself in a letter from 1798 and in her invoice books between 1796 and 1798.
On first glance Madame Gamby will have realized, that Kraus took some freedom in his interpretation, which makes it easier for a milliner (for example, the crown is seen from different angles and hence looks as if it sits on the left side) and also leaves certain decisions up to personal taste (the guirlande is not shown), but can make it a bit more difficult towards explaining to the customer why it won't look exactly as on the plate...Yes, and here I caught myself sighing "What have you been thinking, Georg Melchior Kraus!"
But first things first! I love working with straw ever since a project from 2016 "Über Stroh und so"
I have left a description of the process in that former blogpost.
It starts with watering the straw and ironing it.
  Entgegen der Empfehlung im Journal entschied ich mich nicht für einen blauen Farbton, sondern für Violett, das in den 1790ern Jahren ebenfalls immer wieder und ungebrochen in Mode war.
Für das im Journaltext erwähnte "steife Papier" wählte ich ein Stück Papiervliestapete in der 150er Grammatur. Der Vorteil dabei ist, dass die Pulpe auch mit Baumwollfasern durchsetzt und somit reißfest ist.
Die Konstruktion der Krempe benötigte einige Versuche, denn sie liegt nicht flach auf, sondern benötigt eine leichte Kegelform, damit sie vorne in die Höhe steigen kann.
Nachdem das Stroh gebügelt und das Papier zugeschnitten war, lud ich medial einen Vorleser ("Der Buchstabe tötet" - unbedingt reinhören, ein Hörgenuss!) mit herrlicher Literatur aus den 1790er Jahren an meinen Nähtisch, setzte Thee auf und die Arbeit konnte beginnen.
 On contrary to the recommendation of the journal to use blue straw, I went for violet, which was quite popular during the 1790s.
For the stiff paper, I used a piece of special wallpaper, which is made from paper and cotton scraps, which means, it won't break easily.
I did need some attempts until I was satisfied with the brim, because it doesn't lie completely flat, but mounts on the front.
Aller Anfang ist schwer - seufz!
Mit Stroh beim Spinnen...
Es wird! Deutlich zu erkennen, der schöne Glanz des glatten Strohs und die optische Illusion einer leichten Rundung in der Krempe selbst!
Der Kreis schließt sich. Die Krempe liegt nicht flach auf, sondern ist nach vorn hin leicht ansteigend.
...und dem setzen ich dann die Krone auf!

Nicht nur bei den Strohstreifen entschied ich mich für eine andere Farbe als auf der Kupfertafel, auch beim Seidenband griff ich auf ein herrliches antikes Seidenband in der rot-blauen Farbpalette zurück.
Der Strohhut ist federleicht, denn er besteht lediglich aus Stroh und Papier.
Mit einem Rundholz wurden die Seiten wie in der Erklärung der Kupfertafel eingebogen, dann fasste ich den Rand mit einem Draht und versah ihn mit schwarzem Samtband, ehe die Garnitur folgt.
Dazu erhielt er - ganz gewiss wie auch bei Madame Gamby - noch eine passende Huthschachtel und konnte endlich ins Haus der Kundin geschickt werden.
Instead of the turquoise silk I decided on a violet silk from old stock.
The straw hat is light as a feather, as it's only made of straw and paper.
The sides were bend over a round log, before I added wire along the edge and the mentioned black velvet ribbon.
To complete the work, I also crafted a matching hat box.
"Die Gamby ließ soeben ein Paket mit dem Boten schicken!"
Ich glaube, an der Vorfreude, endlich einen bestellten Artikel zu erhalten und auspacken zu dürfen, hat sich in all der Zeit nur wenig geändert.
I guess nothing much has changed upon the merriment of receiving an ordered article in a parcel.
"Jaaaaa! Es ist das Franfurter Haberstroh Hütgen!"
Man tänzelt von allen Seiten drum herum, streckt die Hände aus, es zu greifen, zieht sie zurück und klatscht vor Entzücken nochmal in selbige!
A little dance of joy around the new hat, to admire it from all sides!
Hier sieht man besonders schön die Rundung der aufspreizenden Seiten, welche durch den Glanz des Strohs verstärkt wird.
This photo beautiful shows the rounded sides, which are highlighted by the natural shine of the straw.
Der Hutständer bietet die Möglichkeit das Hütgen noch besser zu betrachten, vor allem auch die runde, aufsteigende Front (die mir einiges an Kopfzerbrechen in der Konstruktion beschert hat!)
The hat stand best displays the headwear and it's roundish, mounting shape on front.
Meine Interpretation der Guirlande, die auf dem Kupfer leider nur angedeutet wurde, nach oben hin ein kleiner Esprit...
My interpretation of the guirlande, a little esprit on top...
...darunter eine Kette von geflochtenen Strohkügelchen.
...and a chain of braided straw balls.
Die passende Hutschachtel habe ich aus Holzpappe gefertigt und mit geprägtem Lederpapier (dabei handelt es sich um Papier, nicht um Leder!) aus altem Bestand und selbst gefertigtem Kleisterpapier bezogen bzw ausgekleidet.
The matching hat box is made from wooden paste board, covered with leather paper (that's old stock paper, not leather) and self-made paste paper in pink.
Ich hoffe, von Madame Henriette Gamby und Georg Melchior Kraus bekäme das Frankfurter Hüthgen ein zufriedenes Kopfnicken
I hope Madame Gamby and Georg Melchior Kraus would be contend when seeing this little Frankfurter Haberstroh Hut.

Mittwoch, 24. April 2019

Pariser Strohhut "sens devant-derrière"

"Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten, es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Dummheit,..."
Mit diesen Zeilen eröffnete Charles Dickens seinen berühmten Roman Eine Geschichte aus zwei Städten über die Zeit der französischen Revolution.
Hatte er dabei auch die Mode im Sinn, die sich trotz aller Gräuel, Unwägbarkeiten, Unsicherheiten, trotz Triumph und Niederlage in den Theatern, den Häusern und Straßen unerschrocken ihren Weg bahnte? Zwar schwiegen die großen Pariser Journale, nicht aber die Moden selbst. Ein anschauliches Bild hinterließ uns der langjährige Berichterstatter aus Paris für das Weimarer Journal des Luxus und der Moden in seinem Brief vom 15.Juli 1792.
In diesem Monat, nur wenige Wochen vor dem Tuileriensturm und dem Septembermassaker, presste ein Drucker eine seltsame Modethorheit auf ein blankes Blatt Papier:
chapeau de paille à la sens devant-derrière
"It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, ..."
These were the opening lines of Charles Dickens' famous novel A tale of two cities about the french revolution.
Was fashion also on his mind, which, despite all the atrocities, imponderables, uncertainty, despite triumph and defeat in the theatres, the houses and streets, remained determined and still found it's way into the hearts?
Indeed the parisian journals were silent, but not fashion itself. A very good summary of the daily life in Paris was delievered by the longtime journalist there, who has sent a letter to the Weimar Journal des Luxus und der Moden on July 15th 1792.
In this very month, only few weeks before the storm of the tuileries and the September massacre, a printer put a perculiar fashion fad onto blank paper:
chapeau de paille à la sens devant-derrière
1792, Fashion plate, watsonline record number b17509853 (Quelle/source: THE MET Digital Collection)
Verkehrt herum, das spiegelte den Zeitgeist wieder - eine Welt, in der es kein oben und unten, kein richtig und falsch mehr zu geben schien, die durfte ihren Damen auch ein solches Hütgen für den Kopf vorschlagen. 
Ob die Pariser ihre Frisuren mit dem kleinen Strohhut schmückten? Möglicherweise, denn immerhin dauerte es nicht lang, ehe diese Mode als hoeden sens devant derriere in einem Modejournal im niederländischen Haarlem den Damen den Kopf verdrehen sollte.
Upside down, this reflects the Zeitgeist - a world, where there's seemingly no up and down, no right or wrong anymore, was allowed to suggest the ladies such odd headwear.
Did the Parisians adorned their heads and hair with it? Possibly, because it didn't took long until the fashion was mentioned as hoeden sens devant derriere in a dutch journal in the city of Haarlem.
1792, Kabinet van mode en smaak, August/September (Quelle/source: googlebooks)

Einen Monat länger benötigte der neueste Schrei, ehe er in Weimar und im Journal des Luxus und der Moden erhört wurde.
And another months until this dernier cri was heard in Weimar and the Journal des Luxus und der Moden.
1792 (Jahrgang 7), Journal des Luxus und der Moden, Oktober, Modeneuigkeiten, Paris 20.September (Quelle/source: ThULB Jena)
Selbstverständlich lieferte der Berichterstatter aus Paris auch eine Beschreibung der jungen Pariser Dame im Negligée nach neuster Mode und Geschmack.
Certainly it came with a description of the young Parisian lady in her negligée after the latest fashion and taste.
1792 (Jahrgang 7), Journal des Luxus und der Moden, Oktober, Modeneuigkeiten, Paris 20.September (Quelle/source: ThULB Jena)
Transkription:
Fig.2. Diese Figur ist erwas mehr componiert, und macht mehr Anspruch auf Eleganz. Sie trägt einen Pariser feinen Strohhut, von der neuen Form die man sens devant derriere nennt, mit zwei großen grünen Bandschleifen vorn und hinten decoriert, und der untere Teil der Krempe mit runden Dollen von weißem Flor garniert...
Translation:
Fig.2. This figure is a bit more composed, and shows it's claim for elegance. She wears a fine Parisian straw hat of the latest fashion, which is called sens devant derriere, with two big green bows at the front and back, and the edge of the brim is decorated with a length of white organdy.

Und was soll ich sagen? Der Modetrend erlebte nach mehr als zweihundert Jahren schließlich in Westfalen eine neue Renaissance, denn bereits der ungewöhnliche Witterhorn Hut hatte es mir seinerzeit sehr angetan und ich war auf die Konstruktion eines ähnlichen Stückes sehr gespannt.
Als Basis diente mir ein runder Strohhut mit eingeschlagener Krempe, dessen Krone ich komplett auftrennte. Das Strohband wurde gewässert (ein herrlicher Geruch!) und zum Trocknen geglättet, bevor es galt eine neue, schmale Krone von Hand zu nähen.
And what should I say? This fashion trend had it's revival almost two hundred years later in Westphalia, because I already loved my Witterhorn Hut and was eager to discover the construction of a similar piece.
I used a straw hat with a turned-in brim, which crown I ripped apart completely. The straw was then watered (a lovely scent!) and pleated for drying, before I sew a new much smaller crown.
Am Rand des Hutdaches angelangt, wurde dieser erneut gewässert und in Form gebogen. Der Durchmesser beträgt etwa 15 Zentimeter.
When I reached the edge of the crown's top, I watered it again and pulled it into shape. The diametre is approx. 15 centimetres.

 Und dann war Fleißarbeit gefordert. Mit kleinen Stichen ging es rundherum bis eine Höhe von etwa 15 Zentimetern erreicht war.
And then diligence was needed. I went round and round with tiny stitches until the crown reached about 15 centimetres in height.

Die fertige Krone und die Krempe, die in ihrer originalen Form belassen wurde.
The finished crown and the brim, which remained in it's original shape.

Den Kupfern aus Paris, Haarlem und Weimar folgend, wurde die Krempe an den Hut angenäht, um die außergewöhnliche Form zu erhalten.
Zuletzt kam die Entscheidung für die Garnierung, denn die grünen Bandschleifen gefielen mir nicht für einen eher sommerlichen Strohhut. Da die Dollen bereits aus weißem Baumwollorganza genäht wurden, entschied ich mich für helle, gestreifte Bandschleifen, in Erinnerung des ursprünglichen Geburtsortes dieses Hutes in den Farben blau-weiß-rot.
Following the plates from Paris, Haarlem and Weimar, the brim was attached to the hat to achieve the unusual shape.
Then I had to decide on the decoration, as I wasn't too fond of the green bow for a summerly straw hat. As the decoration of the edges was already made in white organdy, I ordered a light, striped ribbon and in memory of it's origin I decided on a blue-white-red colour.
Das Konzept der sommerlichen Garnitur ging auf. Ich benötigte etwa vier Meter für beide Bandschleifen.
The concept of the light summer decoration for the hat worked well. I needed about four metres for both bows.
 Voilà: un chapeau sens devant-derrière


 
Ich kann die Begeisterung der Pariser Damen nun verstehen. Wirkt er auf den Modekupfern doch etwas gewöhnungsbedürftig, so zeigt sich der gefertigte Strohhut doch in der im Journal des Luxus und der Moden beschriebenen Eleganz. 
I can relate to the excitement of the Parisian ladies by now. While it requires quite getting used to the look at first, the finished straw hat meets the elegance mentioned in the Journal des Luxus und der Moden.



Beinah ein kleines Kunstwerk für sich ist die hintere Bandschleife, die im üppigen Bandflor wie ein Federkleid wirkt und mich unwillkürlich an das Balzkleid einer Großtrappe denken ließ.
The ribbon bow in the back is almost a work of art, which resembles the feathers of a bird and reminded me of the giant bustard during mating season.


Strohband und Florband in eleganter Verbindung.
Straw and organdy ribbon in an elegant relation.
Ich bin mir sicher, das sich der Hut mit diesen Bandschleifen in Weimar auch neben dem Original mit grüner Zier behauptet hätte.
I'm quite convinced that the hat with this kind of decoration would have won the hearts of the ladies in Weimar as much as the green decoration.
Ein geschmackvoller Schwung aus Stroh
A tasteful swing of straw
Der Strohhut blieb ungefüttert. Das Stroh ist sehr fein und wurde glatt verarbeitet.
The hat remained unlined. The straw is very fine and smoothly sewn.
Es lohnt sich doch immer wieder, Stücke möglichst originalgetreu nachzuarbeiten, damit sie den Zauber entfalten können, dem die Damenwelt auch damals schon verfiel.
It's always rewarding to recreate with as much love for the detail and construction as the original, to help them unfold the same kind of magic, which entchanted the ladies back then.

Sonntag, 14. Mai 2017

Im Maiensonnenschein zieh' Dir ein keckes Hütgen in die Stirn

Lang hat er sich bitten lassen, der Frühling! Aber nun im Mai glänzt er seine wärmende Gegenwart endlich über die saftigen Buchenblätter...Zeit für ein neues Hütgen!
Aber nicht ganz neu, denn der Rohling darbte eigentlich schon lange in meinem Fundus und da man auch damals gern alte Stücke der Mode entsprechend umarbeitete oder aufhübschte, war es an der Zeit den Strohhut aus der Versenkung zu holen. Ja, man erkennt es schon an den Zeilen, eine große Liebe war das nicht zwischen mir und der Kopfbedeckung, aber das sollte sich in diesem Frühling ändern.
Ich hatte noch ein paar Reststücke puderrosa Satin und ein wenig blauen Seidentaft vom gequilteten Spenzer...und natürlich eine Inspiration!
Spring was quite hesitant this year! But now in the month of May it's warm presence finally glittered over the lush green of the beech trees...time for a new bonnet!
But not entirely new, because the base for the hat was in my stash for a while already (a few years to be exact), and as it was always common to alter or decorate worn pieces according to the latest fashion, it was time to get the old straw bonnet out of the closet. Yes, you may already read in my lines that it wasn't a great love between me and said hat, but this should change this spring.
I also had a few scraps of powder rose sateen and some silk taffeta from the quilted spencer...and some inspiration.
1800/01 Fulchran-Jean Harriet, Wife of the artist (Quelle/source: wiki commons)
ca.1800 Anonymous, Portrait of a lady (Quelle/source: Ashmolean University of Oxford)
ca.1810 Silk Bonnet (Quelle/source: met Museum New York)
Kleine, kecke Hüte oder Kapotten eroberten die Modewelt allmählich um 1797 und erfreuten sich bis in die 1810er Jahre großer Beliebtheit. Sie schmiegten sich eng um das Gesicht und sicherten sonnenverdrossenen Augen mal mehr oder weniger Schutz. 
Small, sassy bonnets and capotes started to conquer the fashion world gradually around 1797 and remained in favour right into the 1810s. They usually were snug around the face and offered the eyes a moment of rest from the sun.

Klein und keck! Das Hütgen passt perfekt auf einen früh- oder hochromantischen Schopf. Bei genauerem Hinsehen, kann man das Stroh noch unter dem Stoff ausmachen.
Small and sassy! This bonnet fits perfectly well on an early or high romantic head. Upon close look there's a hint of the straw underneath the fabric.
Die Farben ergänzen sich wunderbar.
The colours match wonderfully.

Auch wenn Mme Marotte ihr üblich gelangweiltes Gesicht zur Schau stellt, war sie doch recht begeistert von dem frühlingsleichten Hütgen.
Although Mme Marotte sports her usually bored face, she was smitten by the light weight spring bonnet.
Das Hütgen wurde komplett aus rechteckigen Stoffstreifen gearbeitet. Das Schleifenband wurde schmall eingefasst, wobei das Band nicht im Querverlauf geschnitten wurde um auch hier Stoff zu sparen. Auf diese Weise benötigte ich insgesamt nicht mal einen halben Meter.
The bonnet is made entirely of rectangular fabric pieces. The ribbon was bound with small stripes not cut on the bias, but on the straight grain to save fabric. I didn't even need half a metre of the fabric.
Das Einfassband habe ich in kleine Falten gelegt, die Nahtzugaben untergeschlagen und festgenäht. Die Fältchen wurden nur gebügelt und nicht mit einem Faden fixiert.
The ribbon was folded into pleats, the seam allowance folded in and then sewn to the edge.
The tiny pleats were just ironed and have no further attachment to stay in place.
Der Stoff an der Hutkrone wurde zusammengefasst und in Falten gelegt, dann angenäht und bildet so eine weitere Dekoration hinter den Schleifen.
The fabric on the crown was gathered into pleats, then attached with stitches to be a further decoration to the fabric bow ties.
Den Hut umspielt ein lockerer, lebenslustiger Charme.
The bonnet displays an easy and merry nuance.
Innen ist er mit einfacher weißer Baumwolle gefüttert. Kein Hut aus dem Atelier, sondern eine Heimarbeit, die dem neusten Chic nacheifert und keinem ausgeklügelten Konzept folgt, außer dem zu gefallen.
Inside the hat is lined with plain white cotton. Not a hat from the milliner, but one made at home, trying to mimic the latest fashion without following the guide of a concept, except the aim to appeal.
Auch hier erkennt man wieder die Reihen von Strohband unter dem Stoff.
Again the rows of the straw are visual through the fabric.
Die Dekoration ist üppig, verzichtet aber auf weitere Attribute wie Federn, Blumen oder Schmuck und lebt allein von den Farben und Formen.
The decoration is rich, but hasn't any additional feathers, flowers or ornaments, it just concentrates on the colours and shapes.
Und nun, Hütgen auf und ab in die Frühlingssonne! Bis hoffentlich bald!
And now put your bonnet on and off into the spring sunshine! Hopefully see you soon!