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Dienstag, 23. März 2021

Hoyards Pariser Reise-Korset 1805 [Schnürleib Studien IV (short stays studies)]

Es sind nun annährend zehn Jahre verstrichen seit ich Johann Samuel Bernhardts Bekannschaft geschlossen und seine Arbeit kennengelernt habe, eine fruchtbare Zeit, die mich Schritt für Schritt näher an die Menschen hinter der Kleidung geführt hat. Seinen Spuren folgend entdeckte ich den Utrecht Schnürleib und allmählich füllte sich mein Notizbuch mit weiteren Primärquellen aus Journalen, Briefen und Biographien, die immer neue Verbindungen herstellten und noch herstellen, kurz: Recherche ist eigentlich nie abgeschlossen, sondern in ständigem Wachstum und Wandel...und sie lebt davon, dass man als Verfasser auch nach Veröffentlichung in weiterführende Diskussionen einbezogen wird! In diesem Zusammenhang liegt es mir am Herzen darauf hinzuweisen, dass meine Arbeit und die Schnittmuster zwar kostenlos sind, dennoch aber das Copyright gilt, also u.a. eine Namensnennung/Verlinkung verbindlich ist.
 
Die Überschrift verrät es schon, der heutige Beitrag wird von einem besonderen Schnürleib handeln, nämlich einem Reise-Korset...und damit verbunden zu einer Reise zurück in die Zeit um das Jahr 1805.
Wie üblich darf ich an dieser Stelle die Empfehlung zu einer Tasse (oder Kanne) Thee aussprechen und dann geht es auch schon los - nun, beinah! 
Denn bevor wir gemeinsam auf die Kutsche steigen und die Reise antreten, lohnt sich ein Blick in eine Publikation aus dem Jahr zuvor. In August von Kotzebues Buch Erinnerungen aus Paris im Jahr 1804  lässt er uns an einem (fiktiven) Gespräch zwischen einer ehemaligen Reifrockverkäuferin und einem vormaligen Schnürbrustschneider in den Tuillerien teilhaben, in dem Letzterer beklagt:
1804, August von Kotzebue Erinnerungen aus Paris im jahr 1804 (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]schon als man statt der Schnürbrüste mit Fischbein die bloßen Corsets einführte, sagte ich gleich die Revolution voraus[...]

Obschon seit der Revolution einige Jahre vergangen waren, blieb das Thema aktuell. Die neuen Corsets (oder auch Schnürleiber) waren tatsächlich Teil großer Veränderungen. Sie entsprachen dem Zeitgeist der 1790er Jahre, in denen alles in Bewegung und Wandel war, hin zur Simplizität und Natürlichkeit.
Aber der Wandel geschah langsam und während dieser letzten Dekade des 18.Jahrhunderts waren zwar die modernen Schnürleiber in Mode und verbreiteten sich, aber auch die Schnürbrust hielt sich unter einigen Kleidern. Die Stimmen der Ärzte aber, vor allem die von Samuel Thomas Sömmerring (1755-1830) verstummten überraschenderweise nicht, denn obwohl der neue modische Kleiderschnitt der hohen Taille kein Schnüren verlangte, schien ein "Überschnüren" gerade im ersten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts wiederzukehren oder es ist niemals wirklich verschwunden gewesen.
Möglicherweise schienen die Modejournale, stets auf Idealisierung bedacht, daran nicht ganz unschuldig, denn auf vielen Kupfern sehen wir bei den Korsetts (auch Corset oder Korset)/Schnürleibern um 1800 keinerlei Schnürlücke (siehe auch: Short Stays Studies - Schnürleibstudien, Bild 1 und Bild 2)
1813, Journal des Dames et des Modes, Costume parisien No.1337 (Copyright: Collection Cristina Barreto Lancaster)

Der alltäglichen Praxis eines auf Stoß geschnürten Corsets widerspricht J.S.Bernhardt in seiner Publikation deutlich, wenn er schreibt:
 
1810, J.S.Bernhardt, Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen zu kleiden und zu verschönen (Quelle: slub Dresden)

Transkription:
[...]Eine Schnürbrust soll den Leib festhalten, und beim Schnüren nicht ganz zusammen gehen[...]
 
Bernhardts Erläuterung spricht aus seiner jahrelangen Erfahrung, denn die inhaltliche Sammlung für seine zweibändige Publikation begann bereits in den 1790er Jahren als er als Schneidermeister in Dresden niedergelassen war. 
Die nur wenig versteiften (und zum Teil im Querverlauf geschnittenen) Schnürleiber der 1790er und des frühen 19.Jahrunderts geben beim Tragen aufgrund der Stoffbeschaffenheit immer ein wenig nach. Beabsichtig man, sie ohne Schnürlücke herzustellen, mussten die Schnürleisten weiter auseinanderliegen und entsprechend zugeschnürt werden. Das Körpergewicht und die Leibesform sind allerdings in ständiger Fluktuation, was bedeutet, dass eine zu wenig zurückgeschnittene Schnürleiste möglicherweise plötzlich überlappt. Aus diesem Grund wurden die Seitenteile mitunter zu weit zurückgeschnitten und mussten entsprechend eng geschnürt werden, um dem Ideal der Modekupfer zu entsprechen.

1804-1808, Schnürmaschine (Quelle: Deutsche Digitale Bibliothek, Kunstbibliothek - Staatliche Museen zu Berlin)

Der obige Druck stammt wahrscheinlich aus einer der zahlreichen ärztlichen Veröffentlichungen gegen das Über-Schnüren und - hier widerspreche ich der Beschreibung des Museums - zeigt die von den damaligen Ärzten gegenüber Korsettschneidern geäußerten Bedenken gegenüber dem Schnüren in der Schwangerschaft.

ca.1800, Effets merveilleux des lacets, Numéro d'inventaire G.10862 (Quelle: Musée Carnavalet)

Aber die Darstellungen zeigen nicht nur die schon damals konträr vertretenen Positionen zum Schnüren, sondern in beiden Bildern ist auch etwas Bemerkenswertes in der Konstruktion der Korsets gezeigt, das meiner Aufmerksamkeit bislang entgangen und erst durch eine zufällig entdeckte Textstelle im Journal des Luxus und der Moden aus dem Jahr 1805 an Bedeutung gewonnen hat.
Nun ist es an der Zeit, der Beschäftigung zu frönen, die nicht wenige gut gestellte bürgerliche Damen und solche von Stand für sich entdeckt hatten: die Reise!

1803, Louis-Léopold Boilly, L'arrivée d'une diligence dans la cour des messageries (Quelle: wikicommons)

Und für die Reise verpflichtend war natürlich eine entsprechende Ausstattung:

1805, Journal des Luxus und der Moden, Mai, Modenbericht (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...]Zu der Gemächlichkeit der reisenden Damen sind einige sehr nützliche Artikel erschienen, deren Anzeige hier gerade noch recht kommen wird, damit die Damen bei ihren häufigen Sommerwanderungen in Bäder Gebrauch davon machen können, und so durch Vereinigung von vielen nöthigen Stücken, deren Entbehrung ihnen oft das Vergnügen der Reise verleitet, ihre Toiletten oder Arbeitsbedürfnisse, in eleganten und kompendiösen Format, das wenig mehr Platz als ein Buch einnimmt, mit sich führen können[...]
1805, Journal des Luxus und der Moden, Mai, Modenbericht (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[...] Der dritte Artikel ist eine neue Art von Korset für die Damen. Es ist so eingerichtet, daß dessen mehrere Züge, alle von verschiedener Länge zusammen in einen Laufen, und durch ein einziges Knöpfchen, oder Bandschleife, bei dem Anziehn, so eng oder weit als man es beliebt, befestigt werden. Die große Gemächlichkeit dieser Korsets, welche die Damen in einer Minute anlegen können, und doch eben so gut geschnürt sind, als bei einer Stunden langen Toilette an den gewöhnlichen, so wie die besonders gute Haltung, welche sie dem Körper und den Kleidern geben, verschaffen ihnen in Paris den größten Beifall. Auch brauchen sie auf kein bestimmtes Maaß gemacht zu seyn, da die Züge und Plattschnüren, welche um das ganze Korset laufen, so eingerichtet sind, daß, durch ein stärkeres oder geringeres Anziehen derselben, die Enge oder Weite bestimmt wird. Sowohl in doppelten Dimitti als Taffent erhält man solche a 2 Thaler 8 Groschen.

Alle benannten Modenartikel, denen der Preis und 8 Groschen Emballage beigefügt wird, verschafft man sich durch postfreie Briefe an Herrn Hoyard und Comp bei Mitweyda in Leipzig oder Lichtenauer in Hannover[...]

Was bietet Herr Hoyard da an? 
Und ähnelt die beschriebene Konstruktion der Schnürung nicht verblüffend den zuvor abgebildeten Schnürmaschinen...und diesem bekannten Korsett aus den 1830ern:
1830-1840, Woman's Corset, Costume Council Fund M63.54.7 (Quelle: LACMA)

Die Datierung des erstmaligen Erscheinens der Fächerschnürung in der Modewelt muß also revidiert werden! 
Nicht erst in der Hoch-und Spätzeit des Biedermeier, beziehungsweise frühestens in den ausgehenden 1820er Jahren, fand diese Art der Schnürung durch Plattschnüre und Züge ihre Anwendung, sondern bereits um 1805 ist sie durch die Textstelle im Journal des Luxus und der Moden belegt.

Offen bleiben in diesem Zusammenhang aber gleich mehrere Fragen. Herr Hoyard, der laut der Zeitung für die elegante Welt als Importeur in Kassel, Mittelgasse Nummer 82, ansässig ist, taucht erstmals im Januar 1803 namentlich in der Leipziger Zeitschrift im Intelligenzblatt auf, wo er seine Anzeigen für Modeartikel aufgibt. Zunächst betätigt sich der Herausgeber der Zeitschrift Voss & Comp. Leipzig als Kommissionär seiner Artikel, aber bald schon werden seine Waren über J.C.G Lichtenauer in Hannover und Mittweyda in Leipzig vertrieben.
Ab Herbst 1803 berichtet auch erstmals das Journal des Luxus und der Moden über sein Warenangebot und zwar nicht im Intelligenzblatt (also durch ihn bezahlte Anzeigen), sondern in den Modenberichten.
Nach dem oben transkribierten Beitrag verliert sich die Spur von Herrn Hoyard, ehe er 1817 wieder als Importeur von Kosmetikartikeln Erwähnung in der Leipziger Zeitschrift findet.
War sein Reise-Korset ein Misserfolg? Oder gab es andere Gründe für sein Verschwinden?
Wenn es an seinem Angebot vom Mai 1805 lag, was könnte möglicherweise ausschlaggebend gewesen sein?
War die Idee der Fächerschnürung gar keine Novität, sondern wurde schon länger praktiziert?
Übernahmen die Damen diese Art der Schnürung einfach für ihre bereits vorhandenen Schnürleiber und arbeiteten diese entsprechend um?
Erwies sich sein Versprechen, dass die Korsets nicht auf Maß gefertigt werden mußten, beziehungsweise in einer Art Einheitsgröße verschickt wurden, als nachteilig?
Bezog sich dieses "Maaß" nur auf die Weite der Seitenteile/Schnürlücke oder auch auf eine Einheitsgröße der Brustzwickel? Konnte das gutgeheißen werden? Immerhin der Modebericht richtete sich an die gehobene bürgerliche Schicht und eine einheitliche Größe mochte sehr an die Kleidung erinnern, die uns in folgender Ausgabe begegnet:
1793, Die Hausmutter in all ihren Geschäften, Fünfter und letzter Band (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Er billiget diejenige Art, welche die Weiber auf dem Lande tragen, die die Brust nicht zusammen schnüren, und weiter nichts thun, als daß sie selbige blos gerade halten. In dergleichen Schnürleibern liegt die Brust bequemlich; sie sieht darin nicht anders aus, als so, wie sie wirklich ist[...]

Moralische Wochenschriften, Briefe und Beiträge aus Journalen geben preis, dass bürgerliche Damen und jene von Stand zwar immer Simplizität und Natürlichkeit begrüßten und Bildung forderten, nicht aber für die Landbevölkerung oder das Personal im Haus - und keinesfalls wollte man deren Kleidungsstil übernehmen.
Ob es an der Abgrenzung und Eitelkeit der Leserinnen gelegen haben mag oder Hoyards Rückzug andere Gründe hatte, bleibt vorerst Spekulation, Tatsache bleibt, dass er uns die Bestätigung der Fächerschnürung für sein Reise-Korset gibt.

Nach meinem frühen und zugegebenermaßen dilettantischen Versuch eines 1820er Halb-Korsetts a la Paresseuse und der dann folgenden Nacharbeitung des Utrecht Schnürleib, stand der Entschluß rasch fest, dass ich Hoyards Beschreibung des Reise-Korsets in ein glaubwürdiges Stück nach J.S.Bernhardts Quadratsystem umsetzen wollte, denn leider konnte ich es ja nicht einfach bei Lichtenauer oder Mitweyda bestellen...
Es sollte möglichst simpel zu fertigen sein und dennoch eine gute Haltung garantieren, dabei die Bequemlichkeit der Bernhardtschen Schnürleiber nicht missen lassen.
 
 Vorbereitung
Wie immer bei diesem Quadratsystem muß zunächst die Linie "gg" ermittelt werden:
An der Stelle der Schulter, die am weitesten nach vorne ragt, wird in senkrechter Linie ein Lineal angelegt, das hinunter bis zur Mitte des Busens reicht (grüne Linie). Von diesem Punkt aus wird Maß genommen bis zur Mitte des Rückens bzw der Wirbesäule.
Üblicherweise liegt der Wert zwischen 20 bis 30 Zentimetern. Der ermittelte Wert wird nach Bernhardt durch 7 geteilt:
beispielsweise 26 : 7 = 3,7
Dieser Wert widerum ist der Multiplikator für das folgende Schnittmuster (auf Milimeterpapier gezeichnet):
 
Hoyards Pariser Reise-Korset 1805 (Interpretation)

Ist der Multiplikator ermittelt, wird das Schnittmuster entsprechend vergrößert (das blaue Quadrat erhält die Größe des ermittelten Multiplikators).
Achtung: das Schnittmuster enthält keine Nahtzugabe!

Wie immer empfehle ich einen Probeschnitt zu fertigen, glücklicherweise geht das bei dem vorliegenden Modell recht geschwind, denn es besteht lediglich aus zwei Leib-Schnittmusterteilen, den Schulterriemen, Brustzwickel und dem entsprechenden Futter.


Da ich immer wieder über Fragen stolpere, ob denn statt des einen auch zwei Brustzwickel eingesetzt werden können und Mme Oiseau den Bernhardtschen Schnürleib Figur C. derzeit mit dem doppelten Zwickel fertigt (und mich dahingehend inspiriert hat), nahm ich mir vor, diese Variante auch an Hoyards Reise-Korset zu verwirklichen.
Zudem kürzte ich die Höhe der Seite ein wenig ein, damit der Rand des Reise-Korsets auch beim  Sitzen nicht in die Hüfte schneidet. Achtung: Das Rückenteil ist etwa 3 Zentimeter breiter als in den Bernhardtschen Schnittmustern und ich habe es entsprechend angepasst, oben schmaler unten weiter.
Mein Schnitt beinhaltet folgende Änderungen:
 

Und dann ging es ans Tuch! Ich entschied mich gegen den im Journal erwähnten Taft und griff auf einen Baumwollköper (Dimiti) aus meinem Bestand zurück, wobei die äußere Lage feiner, die zweite Lage fester ist. J.S. Bernhardt empfiehlt den Schnürleib auf eine ordentliche Art zu nähen, was das Futter betrifft, sodass man ihn auch wenden kann.
Die Rückenlinie des Schnittteils muß gerade an den Nahtverlauf angelegt werden, sodass der Stoff nach vorn zur Mitte hin im Querverlauf arbeitet.
 

Da ich - nach Bernhardts Empfehlung - lieber Fischbein statt einen Blankscheit (auch: Blankscheid) verwende, habe ich die beiden Kanten von Oberstoff und Futter gegeneinander eingeschlagen und mit dem doppelten Saumstich mit der zweiten Hälfte zusammengenäht. Rechts und links der entstandenen Naht durch alle Lagen werden dann die beiden Kanäle für das Plastikfischbein abgesteppt. Dazu verwende ich gefärbtes Garn. Insgesamt hat das Korset sechs Fischbeinstäbe. 
Die Brustzwickel bestehen aus einer einzigen Lage Stoff. Wie Zwickel eingesetzt werden, habe ich hier beschrieben: Never go anywhere without the proper underwear!



Da bei Hoyards Reise-Korset mit Zug gearbeitet wird, müssen Schnürlöcher gestochen und genäht werden. Hier kann man entweder Löcher für die Kreuzschnürung oder die Spiralschnürung wählen. Ich entschied mich für Letzteres, da bei den meisten Schnürleibern um 1800 diese Variante noch vorherrscht.


Und dann geht es an das Schnüren der Züge, wobei ich wie in Hoyards Beschreibung Plattschnüre aus Baumwolle verwende. Sie sind fein geflochten, flach und etwa 5 Milimeter breit.


Die Plattschnüre werden innen jeweils gegenüber dem Schnürloch angenäht, von hinten durch das Loch gefädelt und dann zur gegenüberliegenden Seite zurückgezogen, um eben jenen notwendigen Zug für das Schnüren zu erhalten.


Die unterschiedlichen Längen der Plattschnüre sind nicht so gravierend wie Hoyards Text denken lässt.
Die einzelnen Bänder laufen in eines, indem man sie zusammenflechtet. Das funktioniert mit Plattschnüren recht gut, denn auch im geflochtenen Zustand neigen sie nicht dazu unter dem Kleid aufzutragen.


Ich entschied mich gegen das erwähnte Knöpfchen und für eine Bandschleife. Falls die einzelnen Plattschnüre doch zu lang sind, kann man sie an der Nahtstelle zum Schnürleib regulieren und entsprechend aufgefaltet annähen.



Das Schleifenband des Zuges habe ich ebenfalls für die Schulterriemen verwendet. Dabei fiel die Wahl auf zwei Löcher pro Schnittteil, auch hier kann man nach eigenem Geschmack verfahren.


Da ich kein Saumband mehr in meinem Stoffvorrat hatte, diente mir ein Band aus dem Oberstoff zum Einfassen. Es wurde im geraden Stoffverlauf zugeschnitten.


Meine Interpretation von Hoyards Reise-Korset von 1805. Es ist bequem, auch bei längerem Sitzen (wie in Kutschen) und mit winterlich genährtem Embonpoint.
Leider mußte ich feststellen, dass bei zwei Brustzwickeln pro Seite für meine Figur ein Blankscheit ratsamer gewesen wäre, oder ich zum Plastikfischbein besser nur einen Zwickel pro Seite gewählt hätte...aber die nächste Reise ist noch ein wenig hin und für den Sommer wird es sicherlich noch ein zweites Reise-Korset geben - es ist ja glücklicherweise schnell genäht!




Das Anziehen nimmt tatsächlich kaum eine Minute in Anspruch. Die Schnürlücke ist nach Bernhardts Wohlwollen gefertigt (etwa ein Zoll), und kann mit dem Zug vorn über die Bandschleife reguliert werden.
Im Gegensatz zum Utrecht Schnürleib, stützt das Reise-Korset den mittleren Rücken besser.




Ich kann verstehen, dass die Pariser Damen begeistert waren...wenn man Herrn Hoyard denn bezüglich dieser Werbung Glauben schenken darf. 
Es gibt noch viel zu entdecken! Und sobald Reisen wieder möglich sind, sollte Hoyards Modeartikel wohl hoffentlich so manche Fahrt bequemer machen!
 

...bis es soweit ist, sei verraten, dass Hoyards Reise-Korset auch beim Verfassen der Korrespondenz für viel Bequemlichkeit sorgt!


Weiterer Lesestoff über die Schnürleiber um 1800:
 
 
 

Freitag, 21. September 2018

¡Hola! Un retrato femenino con Schnürleib

Eigentlich bin ich immer noch dem Hl.Crispin verpflichtet und eifrig in der Pantoffelmacherwerkstatt (und am Schreibtisch) unterwegs, als mich Mme.R. vom Pavillon de la Paix auf einen Fund hinweist, der mich unverzüglich ins Schwärmen und Staunen versetzt - und diese ausgelöste Euphorie muß ich nun einfach teilen.
Im Museo del Prado in Madrid existiert eine kleine und feine Miniatur, welche ein Herz sicherlich schon vor zweihundert Jahren hat höher schlagen lassen.
Actually I'm still on a mission to please St.Crispin and quite busy making mules in my mule-maker-workshop (and at the desk), when Mme R. from Pavillon de la Paix pointed me to an amazing find, which catapulted me into awe and exictement - and I simply have to share this euphoria.
There's a fine miniature in the Museo del Prado in Madrid, which probably have raised the heart rate already 200 years ago.

1810, Retrato femenino, atribuida a Luis de la Cruz y Rios (Quelle/source: Museo del Prado Madrid)
"...aber, Moment mal!" Wird sicherlich so mancher denken, nachdem ein Seufzer ob der Schönheit der Unbekannten getan ist, "...das sieht aus wie ein Bernhardtscher Schnürleib!"
Tatsächlich! Diese - sicherlich persönlich gedachte - Miniatur beweist einmal mehr, wie sich die Damen unter ihren wundervollen Roben kleideten.
"...wait, what?!" Some of you might exclaim after a sigh is done to compliment the beauty of the unknown sitter, "...that looks like a pair of Bernhardt's short stays!"
Indeed! This - probably very personal - miniature proofs how women used to dress under their gowns.

Ob J.S. Bernhardt diese Art des Schnürleibs bis nach Spanien bekannt machte, oder ob es sich um ein allgemein weitverbreitetes Kleidungsstück handelte, wird noch zu erforschen sein, aber die Funde mehren sich.
Whether Bernhardt's book was also known in Spain or it was a common piece of garment will hopefully one day be cleared by more research, for now we can see that there are more and more finds.
Schnitt Fig.C und der dazugehörige Text aus J.S.Bernhardts Buch und den daraus resultierenden Schnürleibstudien führen jedenfalls zu einem Kleidungsstück, welches dem der Miniatur äußerst ähnlich ist. Bis hin zu den schmalen Trägern und der unverkennbaren Silhouette.
Patron Fig.C and the accompanying text from J.S.Bernhardt's book and the resulting Short Stays Studies reveal a garment, which is pretty close to the one in the miniature. On point to the very small shoulder strapes and the overall famous Bernhardt stays silhouette.

J.S.Bernhardt empfiehlt Fischbein oder einen Blankscheid zu diesem Schnürleib.
J.S. Bernhardt recommends baleen or a busk for these stays.

Besser kann ein Wochenende nicht beginnen.
Mit neuem Elan und in der Gewissheit, dass man täglich dazulernt (und dieser Winter sicherlich voller spannender Forschung werden wird!), verabschiede ich mich vorerst wieder unter den Pantoffel...
There's no better way to start into a weekend. 
With new verve and the certainity, that there's something new to learn every day (and that this winter will be filled with exciting research), I return to mule-making for now...

Dienstag, 13. Februar 2018

J.S. Bernhardt 1790er Schnürleib Studien (1790s Stays Studies)

Im Februar 2013 begann ich erstmals mit den J.S.Bernhardt Studien, seither sind fünf Jahre vergangen und zu dem ursprünglichen Beitrag gesellte sich 2014 ein Aufsatz namens Schnürleibstudien 2.0 über einen interessanten Schnürleib aus dem Centraal Museum in Utrecht, dem folgte eine Reise nach Dresden im Jahr 2016, was mich schließlich - sicherlich haben es findige Leser auf der Navigationsleiste schon vor ein paar Tagen entdeckt - zu neuen und höchst spannenden Studien in die 1790er Jahre führte. 
In February 2013 I started with the J.S. Bernhardt Studien (Short Stays Studies), ever since five years passed by, during which I added another article called Schnürleibstudien 2.0 in 2014 about an interesting pair of short stays from the Centraal Museum in Utrecht, and I went to Dresden in 2016, all that has led - some readers may have noticed the announcement on the sidebar these past days - to new and exciting studies, which directed me into the 1790s.

Bevor ich zu den Ergebnissen dieser neuen Studien und zu einer praktischen Anleitung nebst Schnittmuster komme, möchte ich mir die Zeit nehmen, diesen interessanten Menschen, Schneidermeister und beinah in Vergessenheit geratenen Autoren ein wenig näher vorzustellen. Seine Geschichte ist faszinierend, wenngleich nur noch kleine Facetten dieser wegweisend leuchtenden Persönlichkeit im Schneiderhandwerk funkeln. Ich hoffe, am Ende dieser folgenden kleinen Biographie wird J.S. Bernhardts Leistung und sein damaliger Einsatz etwas heller glänzen als es ihm gar zu seinen Lebzeiten vergönnt war.
Before I'll share the results of my latest study, a tutorial and a helpful pattern, I'd like to take a moment to introduce this interesting person, master tailor/dressmaker and almost forgotten author. His story is fascinating, despite only few facets of his once seminal bright personality in the tailors trade still sparkle. I hope that by the end of this short biography J.S. Bernhardt's achievements will shine a bit brighter than it did during his life.


Der Fund einer Abbildung des Schneidermeisters blieb leider bislang unerfüllt und so wird er immer ein wenig gesichtslos bleiben, seine Persönlichkeit aber und vor allem sein Verdienst wird das hoffentlich überstrahlen.
Johann Samuel Bernhardt - erst seine Sterbeanzeigen in diversen Blättern und Journalen im November 1817 verraten seine Lebensdaten.
Unfortunately I couldn't find any pictures of the master tailor/dressmaker and hence he will always remain a bit faceless, yet his personality and achievement will outshine this.
Johann Samuel Bernhardt - it was his obituary in different papers and journals in November 1817, which revealed his life data.

1820, Das Gelehrte Teutschland, Johann Georg Meusel, Fünfter Band (Quelle/source: google books)
Translation:
[...]BERNHARDT (Johann Samuel) died on the 27th November 1817. He was dressmaker in Dresden; born in Halle in 1763[...]

Dank der großartigen Hilfe des Freundeskreises Trinitatis-und Johannisfriedhofs in Dresden und der Verwaltung des Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs Dresden, war es möglich in den Beisetzungsbüchern einen Hinweis auf das Grab zu finden. J.S. Bernhardt fand seine letzte Ruhe auf dem Eliasfriedhof in Dresden, wo er am 01.Dezember 1817 beigesetzt wurde.
Thanks to the help of the Freundeskreises Trinitatis-und Johannisfriedhofs in Dresden and the administration of Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs Dresden, we were finally able to find a hint on his grave in the burial books. J.S. Bernhardt was laid to rest on Eliasfriedhof in Dresden on December 1st 1817.

Auszug Sterbebuch Eliasfriedhof Dresden, copyright Eliasfriedhof
Ein paar weitere Einsichten in sein Leben gehen aus den noch erhaltenen Stadtbüchern hervor. Im Jahr 1799 findet sich ein Eintrag über J.S. Bernhardt, Schneidermeister, wohnhaft Alter Markt Nr.31a
A bit more info about him is hidden in some of the still available city's registers. In 1799 J.S. Bernhardt, master tailor/dressmaker, is mentioned with the address Alter Markt Nr.31a
1799, Dresden zur zweckmäßigen Kenntnis seiner Häuser und deren Bewohner (Quelle/source: slub Dresden)
Vier Jahre später annonciert er selbst seinen Umzug in die nahe Webergasse 145.
Four years later he announces his move to the close by Webergasse 145.
1804, Dresdner politische und merkantilische Anzeigen (Quelle/source: googlebooks)
Im Jahr 1812 nach der Veröffentlichung seines zweibändigen Werkes lebt er immer noch unter dieser Anschrift. Auf der Straße befindet sich zu dieser Zeit auch die Arnoldische Buchhandlung, wo Bernhardts Arbeit verlegt worden ist.
In 1812, after publishing his two volume book, he still lives at that place. Close to his home on the same street was the famous bookshop Arnoldische Buchhandlung, where Bernhardt has published his work.
1812, Dresdner Adress-Kalender (Quelle/source: slub Dresden)
Beide Anschriften künden von einem einigermaßen vermögenden Schneidermeister, der sich sein Heim und seine Wirkungsstätte am ersten Platz leisten konnte.
Both addresses reveal that he was quite a wealthy master tailor/dressmaker, who was able to live and run his shop at a top address in the city.
1812, Dresden (Ausschnitt) Alter Markt/Webergasse (Quelle/source: Deutsche Fotothek)
ca.1770 Alter Markt (Altmarkt) Dresden (Quelle/source: wikimedia)
Dass J.S. Bernhardt schon vor der Veröffentlichung seiner beiden Bücher zu einigem Wohlstand gekommen ist, verrät ein Beitrag aus dem Jahr 1881 aus der Feder von Heinrich Klemm, der in einer kurzen Zusamenfassung mit dem Titel "Geschichte der altehrwürdigen und wohl-angesehenen Schneider-Innung" u.a. an den Schneidermeister und sein Werk erinnert. Leider ist das auch der einzige ausführliche Beleg, den ich über J.S. Bernhardt finden konnte...aber glücklicherweise verrät dieser Aufsatz einiges über ihn.
J.S. Bernhardt has earned already some wealth before he published his two books, which is told in a Dresden booklet from 1881 by Heinrich Klemm with the title "Geschichte der altehrwürdigen und wohl-angesehenen schneider-Innung" , it's a history of the tailor's guild and gives us an insight of Bernhardt's role. Unfortunately this was the only piece I could find about Bernhardt...yet it gives us valuable clues on him.

Aus dem Vorwort Von J.S. Bernhardts eigenem Buch "Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen nach seinen verschiedenen Abweichungen nach Grundsätzen zu kleiden und zu verschönern" (1810/1811) erfahren wir durch seine Hand, dass er für das Buch auf seine langjährige Erfahrung zurückgreift und die Ergebnisse vor allem für das weibliche Publikum zur Verfügung stellen möchte.
Wir erfahren an selber Stelle auch, dass er fest damit rechnet auf heftigen Widerstand in der Schneiderinnung zu stossen.
In Heinrich Klemms 1881 erschienener Schrift wird dieser Widerstand näher beschrieben, wobei das Erscheinen von J.S. Bernhardts Büchern ein zentrales Thema bildet. Dem vorrausgehend schildert Klemm Konflikte mit der Innung, zb. aus dem Jahr 1794 [...]schon wieder eine Klage der Innung wider Johanna Christiane Blaumann aus Leipzig, so zu diesigem Fastenmarkte als Händlerin in einer Bude "nur von Fischbein gefertigte Schnürleibchen" zum Verkauf feilgehalten[...] (Seite 37)
Eine äußerst faszinierende Textstelle, erfahren wir dort, dass bereits Schnürleiber die Schnürbrüste ablösen und dass diese bereits komplett gefertigt zum Verkauf angeboten wurden.
Doch zurück zu J.S. Bernhardt und seinen Büchern, bzw dem ersten, gerade erschienen Band, durch den [...]ein langwieriger Prozess durch alle Instanzen gegen den diesigen Damenschneider Bernhardt entstand[...] (Seite 37)
An dieser Stelle gibt uns der Autor Heinrich Klemm einen Einblick in die Person Johann Samuel Bernhardts [...]Meister Johann Samuel Bernhardt hatte sich als geschickter Damenschneider einen bedeutenden Ruf in Dresden erworben, und arbeitete lange Jahre hindurch meist nur für gut situierte Familien, wie besonders für die Aristokratie, und auch fast alle durchreisenden fremden Herrschaften wandten sich im Bedarfsfall an den berühmten Bernhardt. Er war zugleich ein höchst gebildeter Mann, und durch seine hervorragende Praxis erwarb er sich nicht nur ein respektables Vermögen, sondern auch eine vorzügliche Routine im Zuschneiden, welche Kunst ja damals noch ohne alle wissenschaftliche Prinzipien betrieben wurde. Bernhardt war nun in der That der erste, der seine durch Übung erworbenen Fachkenntnisse in ein gewisses System brachte, und auf seine Kosten in einem ausgezeichnet geschriebenen Werke veröffentlichte[...] (Seite 37ff)
Bernhardts Zeitgenossen waren weniger begeistert. Noch ohne das Werk überhaupt gelesen zu haben, wandte sich die Schneiderinnung am 07.Dezember 1810 mit einer Klage an die Richter und sogar ein paar Tage später an den König Friedrich August. Man fürchtete, dass gerade einfache Frauen sich die Kunst des Schneiderns aneignen und die Schneider überflüssig werden lassen würden. Man war empört, dass Bernhardt es sich erlaubte, der einfachen Frau Fachwissen an die Hand zu geben, wo sie in der Gesellschaft doch ihre Rolle zugewiesen bekommen hat und nicht am Handwerk und Handel teilhaben sollte, sondern nur im Haushalt wirken durfte und dort auch nur in ausbessernden und simplen Näharbeiten. (Die widergegeben Ausschnitte aus den Akten geben einen guten Einblick in die Frauenfeindlichkeit jener Tage)
Das Buch sollte vom Markt verschwinden!
Glücklicherweise wurde die Klage abgeschmettert, aber wir erfahren, dass es zu einem hohen Preis geschehen ist, denn Bernhardt, der bereits vor der Veröffentlichung der Bücher Unterricht im Zuschneiden für Frauen erteilt hatte, musste derart unter der Innung leiden, dass er weitere Schritte in diese Richtung unterband.
Geblieben ist sein zweibändiges Buch und das unglaubliche Bernhardt'sche System der Quadrat oder Netzzeichnung.
In the preface of J.S. Bernhardt's book "Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen nach seinen verschiedenen Abweichungen nach Grundsätzen zu kleiden und zu verschönern" (1810/1811) we learn by his own words, that he founded his books on years of experience and that it is especially meant to help the female readers to improve their techniques. In the same lines we also learn that he expected heated opposition by the tailor's guild!
In Heinrich Klemm's 1881 booklet this opposition is described in detail, wherein J.S. Bernhardt's publication is the focus.
Klemm gives us plenty of examples about the steady conflicts with the tailor's guild, e.g. from 1794 [...]another file of the guild against Johann Christiane Blaumann from Leipzig, who offered on this year's Lentmarket in her booth short stays made with whalebone[...] (page37)
A fascinating excerpt, because it reveals that short stays already started to appear and that they are offered ready-made.
But back to J.S.Bernhardt and his first published book in 1810, which led to a [...]lengthy trial through all instances against the dressmaker Bernhardt[...] (page 37)
Here Heinrich Klemm gives us a thorough description of Johann Samuel Bernhardt [...]Master Johann Samuel Bernhardt has made a very well reputation as dressmaker in Dresden, he worked for quite some years for wealthy families, especially the aristocracy, and most of the travellers, who come to Dresden followed the recommendation of his reputation if in need of a dressmaker. He was also a highly educated man, and with his excellent practice he not only made a respectable fortune, but also earned himself routine in cutting, which back then was done without any academic principals. Bernhardt was the first, who has put his knowledge into a working system, and eventually published it in his books[...] (page 37ff)
Bernhardt's contemporaries were less impressed. Without reading the book, thetailor's guild sued a file at the court on 7th December 1810 and a few days later brought this even to King Friedrich August. They  were in dire fear, that plain women could learn the art of dressmaking and hence tailors/dressmakers would become obsolete. They were appalled, that Bernhardt shared his knowledge with women, because they already had their status in society and weren't meant to built a business or trade, they were restricted to the house and simple needlework. (The excerpts of the original files give a clear impression of the misogyny of that time) 
The guild aimed to get the book off the market!
Fortunately the file was rejected by court and also the king, but it happened for a high price, because Bernhardt, who had already given lessons to women in cutting an construction before the publication, suffered immensley under the tailor's guild and finally gave up the education.
But his two volume book remained and also the Bernhardt's system of square or net patterns.

1795, Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Tafel II (Quelle/source: Rijksmuseum, Amsterdam)
Die wunderbare Silhouette der Mitte der 1790er
Ob diese drei werten Damen aus Berlin schon mit der Arbeit des sächsischen Schneidermeister Bernhardt vertraut waren? Jedenfalls war ihnen sicherlich die Schrift "Ueber die Schädlichkeit der Schnürbrüste" aus der Feder von Ch.G. Salzmann bekannt, die 1788 in der Erziehungsanstalt Schnepfenthal publiziert wurde (übrigens erschien dort nur ein paar Jahre später auch die deutsche Übersetzung von Mary Wollstonecrafts Werk "Eine Verteidigung der Rechte der Frauen").
Möglicherweise tragen sie unter ihren modischen Kleidern die empfohlenen Schnürleiber, die mit nur wenigen Fischbeinstäben auskommen und dennoch die gewünschte Silhouette zaubern.
Und während die drei Schönen noch darüber diskutieren, blicken wir in J.S. Bernhardts Publikation aus dem Jahr 1810, welche uns rückblickend die (Weiter-) Entwicklung einer Schnürbrust der 1780er Jahre hin zu den Schnürleibern anschaulich erläutert: 
Bernhardts 1790er Schnürleib (Patron "D") nach seinem Quadratsystem gefertigt.
The  beautiful silhouette of the mid 1790s
Have these three dear Berlin ladies known the works of the master dressmaker Bernhardt? Well, probably they've been familiar with the book against stays "Ueber die Schädlichkeit der Schnürbrüste" written by Ch.G.Salzmann, which was published in 1788 in Erziehungsanstalt Schnepfenthal (the same place where only a few years later the German translation of Mary Wollstonecraft's book "A vindication of the right's of women" was published).
Maybe under their fashionable dresses, they already wear the popular short stays with only little baleen, which still gives the desired silhouette.
And while the three beauties discuss, we take a look into J.S.Bernhardt's publication from 1810, where he graphically shares the change of a pair of 1780s stays to a wide range of more comfortable new stays directly developed from the early days :
Bernhardt's 1790s stays (Patron "D"), carried out with the square system.

Vorbereitung/Preparation
Wie immer bei diesem Quadratsystem muß zunächst die Linie "gg" ermittelt werden:
As always the squaresystem requires to find out the measurement "gg":
An der Stelle der Schulter, die am weitesten nach vorne ragt, wird in senkrechter Linie ein Lineal angelegt, das hinunter bis zur Mitte des Busens reicht (grüne Linie). Von diesem Punkt aus wird Maß genommen bis zur Mitte des Rückens bzw der Wirbesäule.
Üblicherweise liegt der Wert zwischen 20 bis 30 Zentimetern. Der ermittelte Wert wird nach Bernhardt durch 7 geteilt:
beispielsweise 26 : 7 = 3,7
Dieser Wert widerum ist der Multiplikator für die folgenden Schnittmuster.
Where the shoulder points to the front, add a ruler vertically down to the mid of the bosom (green line).
From this point measure around to the mid of the back (spine).
Usually it measures 20 to 30 centimetres. This measurement is now according to Bernhardt devided with 7:
for example 26 : 7 = 3,7
The sum will be the multipicator for the following patterns.
Ist der Multiplikator ermittelt, wird das Schnittmuster entsprechend vergrößert (das blaue Quadrat erhält die Größe des ermittelten Multiplikators).
Achtung: das Schnittmuster enthält keine Nahtzugabe!
If the multiplicator is calculated, please resize the pattern accordingly (the blue square has the same size as the multiplicator number)
Attention: the pattern does not include seam allowance!
 
1790er Schnürleib Fig.D
Nachdem ich den Orignaltext gelesen habe, fertigte ich einige Probestücke, um gewisse verwirrende Textpassagen zu verstehen. Damit sind alle Missverständnisse, Ungereimtheiten oder kleine Hinweise aus dem Original in unser heutiges Textverständnis übersetzt.
Um bei der Nacharbeitung ein gutes Ergebnis zu erzielen, möchte ich darum bitten, meine folgende Anleitung unbedingt sorgfältig zu lesen!
 After reading Bernhardt's original text, I've made some mock-ups, to understand how certain puzzling passages in the text were meant. I finally managed to translate all the misunderstandings, puzzle pieces and hints of the original into our modern understanding of texts.
To achieve a proper result, I may ask you kindly, to read my following tutorial thoroughly!

Bernhardt erinnert uns im Original daran, [...] das Seitentheil c.d. ist an dieser Naht nach der Saalleiste geschnitten, damit bei Zusammensetzung der Theile Dehnbarkeit darinnen sein[...]
 Zunächst stellte sich die Frage, ob Schnittteil zwei oder drei als "Seitentheil" bezeichnet wurde und welche Schnittkante dann parallel zur Webkante (Saaleiste) verlaufen sollte, die vordere oder die hintere?
Ich fertigte, wie zuvor erwähnt, einige Probestücke, um zu sehen, welche Schnittteile gemeint waren. Der Schlüssel zu diesem Rätsel war schließlich der Satz, den Bernhardt eingangs bei der Vorstellung dieses Schnittmusters verwendete [...]Fig.D. Ein Schnürleib, der auf gleiche Grundsätze wie Fig.C. beruht[...]
Und mit dieser Art des Zuschnitts erzielte ich auch endlich ein Probestück mit der entsprechenden Dehnbarkeit und wenig Falten.
Bernhardt reminded us [...]the side piece c.d. is cut following the selvedge along this seam, to provide a certain flexibility in the fabric[...]
First I wondered whether pattern piece two or three was meant as side piece and which edge should run parallel to the selvedge then, the front or back?
As previously mentioned I did some mock-ups, to find out which pattern pieces were meant.
The key to this riddle finally was the sentence, which Bernhardt used as the introduction of this pattern [...]Fig.D. Short stays, which are made following the same construction as Fig.C.[...]
And with this hint I eventually made a mock-up with flexibilty/stretch but hardly any wrinkles.
Bei den ersten beiden Versuchen legten sich einzelne Stoffteile in unschöne Falten. Beim dritten Versuch schnitt ich das dritte Schnittteil mit der Kante, die nach vorn weist, entlang der Webkante zu, gleichzeitig folgte ich dem Prinzip von Fig.C. bei der auch alle folgende Teile entsprechend im Querverlauf liegen.
Auf dem folgenden Bild unten (rechts) sieht man verdeutlicht, wie die Stücke auf dem Stoff plaziert werden müssen, um die von Bernhardt angestrebte Dehnbarkeit zu erhalten:
The first two attempts led to undesired wrinkles in the fabric. In the third attempt I cut the third pattern piece with the edge facing to the front parallel to the selvedge, while I also followed the construction of Fig.C. where all pattern pieces would also be arranged on the bias.
In the following picture (right) it is shown how the pattern is placed on the fabric to achieve the stretch, which Bernhardt desired:
Wie auch bei Schnürleib Fig.C. wird das Rückteil (4) bei Fig.D. parallel zur Webkante geschnitten, während die anderen Teile im Querverlauf zugeschnitten werden.
Similar to short stays Fig.C. the back piece (4) is cut parallel to the selvedge, whereas the other three pieces are cut on the bias.

Zu den Schnittteilen gehört auch noch ein individuell angepasster Zwickel, der beim dritten Schnittteil entlang der gekennzeichneten Linie "e" eingesetzt wird, sowie Schulterträger, deren Länge ebenso individuell ist und die im Rücken mit Bändern angenestelt werden.
An indivdually adjusted hip gore, which is inserted along the mark "e" in the third pattern piece, and an individual shoulder strap, which ist fastened with ribbons in the back, are also part of the whole pattern.

Für den Schnürleib habe ich mit zwei Lagen Baumwollstoff gearbeitet, wobei der Stoff als eher leicht zu bezeichnen ist, ich werde später noch ein Original aus zweilagiger Seide vorstellen.
Ingesamt gibt es nur sechs Kanäle für Fischbein.
Auch hier zeigt sich J.S. Bernhardts Konstruktion, die darauf zielt, dem weiblichen Leib Halt zu gewähren ohne ihn einzuschnüren. So erklärt er, dass dieser Schnürleib auch ohne Fischbein gefertigt werden kann.
Ive constructed the stays with two layers of cotton, the fabric is not heavy or sturdy, later in this article I'm going to show an original which is made from two layers of silk.
There are only six channels for baleen.
Here we clearly see Bernhardt's construction, which aims to support the female body without pressing it. He mentions that this kind of stays can also be worn without baleen.
Die zusammengenähte Vorderseite noch ohne Fischbein und Schnürlöcher
The attached front without baleen or lacing holes

Die Innenseite, hier erkennt man, das der Schnürleib mit dem doppelseitigen Saumstich vernäht wurde. Bei diesem werden die Nahtzugaben der einzelnen Teile umgeschlagen, die jeweilige Lage links auf links gelegt und dann von der linken Seite mit dem nächsten doppelt gelegten Schnittteil vernäht. Auf diese Weise sind die zwei Lagen innen und außen ordentlich vernäht.
The inside, which shows that the stays are sewn with the doubled overcast stitch. Here the seam allowance is folded under and then the pieces of both layers are put left to left side and then sewn together with the next doubled pattern piece from the left side. This way both layers inside and out have fine seams.
 Die Schnürlöcher im Rücken, elf an der Zahl auf jeder Seite, sind mit grauer Seide genäht und werden jeweils von zwei Fischbeinstäben flankiert.
The lacing holes in the back, eleven on each piece, are sewn with grey silk and are paraded by two plastic whalebones.
Insgesamt sind es zwanzig kleinen Schnürlöcher in der Front. Der Schnürleib ist zur Hälfte offen (von "h" bis "g") und mit einer Schnürung versehen, dadurch können sich die beiden Kanten den weiblichen Formen ein klein bisschen besser anpassen und man läuft nicht Gefahr, dass die vordere Kante unschön unter dem Kleid hervorsticht.
There are twenty small lacing holes altogether in the front. The stays remain half unattached ( from "h" to "g") in the front and close with ribbons, this way both edges can curve a bit to the inside around the female shape and it prevents that the baleen won't stick out through the dress fabric.
Bernhardt empfiehlt in seinem Text, das Fischbein so zu wählen, dass [...]wo kein starker Leib ist, können sie schwach werden[...]
Ich habe das Plastikfischbein auf der unteren Länge ("g" bis "f") verdoppelt, um diesen Effekt nachzuahmen.
Bernhardt recommends to choose the baleen, [...]were theres no strong body, they could go thinner[...]
I've chosen to double the plastic baleen on the lower part ("g" to "f"), to mimic this effect.



Die Innenseite des Schnürleibs. Die Naht "a-b" zwischen Schnittteil 1 und 2 ist hohl geschnitten, sie bestimmt die Ausformung für die Brust im fertigen Schnürleib, da hier keine Brustgeren eingesetzt werden.
The inside of the stays. The seam "a-b" between pattern piece 1 and 2 is cut slightly curved and determines the size of the cup, as there are no gores inserted at the top.

Um den Zaddeln eine gleichmäßige Form zu geben, kam ich nicht umhin direkt in den Zwickel (Markierung "e") zu schneiden, da dieser aber ebenfalls im Querverlauf geschnitten ist, läuft man nicht Gefahr, dass der Schnitt einreisst.
To give the tabs an even shape, I needed to cut one into the hip gore (marked with "e"), but as the gore was also cut on the bias, there's no danger that the cut would rip the fabric.
 Der untere Teil (g-f) mit dem doppellagig verstärkten Plastikfischein. Bei der Auswahl damals pflegte man viel Sorgfalt an den Tag zu legen und ein Stück zu finden, welches nach oben hin dünner (oder wie Bernhardt es nannte, schwächer) war.
The lower part (g-f) with the doubled layer of plastic baleen. In those days the baleen was chosen carefully, to find a piece, which was thinner at the top.

Die Schulterriemen werden im Rücken angenestelt.
The shoulder straps are attached with a silk ribbon in the back.

Das Ergebnis des Schnürleibs Fig.D. nach J.S. Bernhardt ist sehr zufriedenstellend. Durch den Zuschnitt im Querverlauf des Stoffes, schmiegt sich der Schnürleib eng um den Leib, ohne einzuengen. Die vordere Linie sitzt auf der halben Brust und hebt diese leicht an. Und wie immer bei den Bernhardtschen Schnürleibern sind sie äußerst bequem und bieten viel Tragekomfort.
The result of the stays Fig.D. after J.S.Bernhardt are very pleasing. With the fabric being cut on the bias, the stays have a snug fit without compressing the body. The front cups half of the bosom and slightly lifts it. And as usually with the Bernhardt's stays, these fit very comfortably and are bliss to wear.

Die Brustlinie fällt leicht kurvig aus, gibt aber dennoch die erwünschte 1790er Silhouette.
The front slightly curves, but still gives the desired 1790s silhouette.


Der Leib wird gehalten, die Brust gehoben.
It sits snug on the body and slightly lifts the bosom.

Für die Fertigung empfehle ich immer die Hilfe einer weiteren Person, welche das Probestück aus dem ausgedruckten Schnittmuster direkt auf den Leib anpasst.
For the assembly of these stays I highly recommened the help of another person, who adjusts the mock-up made from the printed pattern on the body.

In den Aufzeichnungen über J.S. Bernhardt und seinem Werk erfahren wir, dass er viele Jahre an diesen komfortablen Schnürleibern gearbeitet hat, bevor er sie in seinen Büchern veröffentlicht hat. Vermutlich gaben die Streitschriften, wie die von Ch.G. Salzmann oder Samuel Thomas von Sömmering und anderen ab den ausgehenden 1780er Jahren den Ausschlag sich von der Schnürbrust abzuwenden. Dieser Wunsch wird auf allen Seiten von Bernhardts Werk deutlich. Auf Tafel VII seines ersten Buches beschreibt er dann auch, wie er seinen Schnürleib aus der zuvor in Mode gewesenen Schnürbrust entwickelte. Die Form ist noch sehr ähnlich, Konstruktion, Zuschnitt und vor allem der Gebrauch an Fischbein weichen jedoch sehr voneinander ab.
Durch Zufall entdeckte ich während der Studien ein Exemplar, welches dem Bernhardtschen Schnürleib Fig.D. sehr nahe kommt.
 The notations about J.S. Bernhardt and his own works reveal, that he has worked many years on the proper construction of his stays before he published. Most probably the pamphlet against the 1780s stays by Ch.G. Salzmann or Samuel Thomas von Sömmering and others made him turn away from this garment. His desire to find and promote something more comfortable is evident on every page of his works. On tableau VII of his first book he describes how the 1780s stays developed into the new stays. The shape is very similar, but the construction, cut and the use of baleen is very different.
By fluke I discovered a similar museum original, which is very close to the Bernhardt stays Fig.D.

1780s (?) stays, England, silk taffeta, T.188-1961 (Quelle/source: V&A Collection, London)
Der Schnürleib in der Sammlung des Victoria & Albert Museums in London weist einige deutliche Gemeinsamkeiten auf, allen voran der sparsame Gebrauch von Baleen und der Konstruktion mit nur zwei Lagen Stoff. Sie sind auf die 1780er datiert, was einige Fragen aufwirft, aber leider hat das Museum auf meine Anfragen nicht reagiert.
Möglicherweise wurden sie nach Bernhardts Anleitung gefertigt (ob seinen in ganz Europa verbreiteten Büchern nach 1810 folgend oder durch persönliche Anleitung/Verbreitung durch Reisende, die ihn aufsuchten, in den Jahren zuvor bleibt ungeklärt), oder diese Art der Schnürleiber war schon in den 1790ern weiter verbeitet und J.S. Bernhardt nahm diese Form auf. Jedenfalls wage ich es, sie in die 1790er zu datieren.
These stays from the Victoria & Albert Museum Collection in London has striking similarities, first of all the sparse use of baleen and the construction with only two thin layers. They are dated to the 1780s, which brings up some questions, but unfortunately the museum decided to ignore my inquieries.
It could be, that these were made after Bernhardts system (could be taken from his books known across Europe after 1810 or through personal instruction/manufacture by travellers of his business), or maybe these stays were already quite common in the 1790s and Bernhardt added a similar modell to his collection. Well I dare say that these stays are from the 1790s.

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Meine Faszination für Johann Samuel Bernhardt und seine Arbeit ist jedenfalls ungebremst und ich bin mir sicher es warten noch weitere Überraschungen und spannende Details in seinem Werk auf ihre Entdeckung.
Meine Studien werde ich mit Freude fortsetzen!
My fascination for Johann Samuel Bernhardt and his work is unlimited and I'm sure there are plenty more suprises and amazing finds hidden in his works, waiting for their discovery. 
I surely will continiue my studies!