Samstag, 1. Juni 2019

Ein raues (Kopfstein-) Pflaster, oder: Walk like a̶̶n̶̶ ̶̶e̶̶g̶̶y̶̶p̶̶t̶̶i̶̶a̶̶n a Frühromantikerin

Endlich bot sich die Gelegenheit meine Schnallenschuhe dem lang herbeigesehnten Praxistest zu unterziehen und was könnte diesem Experiment einen besseren Boden bereiten, als das raue Kopfsteinpflaster im wunderschönen Weimar.
After weeks of anticipation, I've had the chance to put my theory into practice and see how my shoes with buckles would work and what place is more suitable for such an experiment than the rough cobbled streets of beautiful quaint Weimar.
Die Schuhe samt Schnallen - jedoch ohne jeglichen modernen Fußbettkomfort - landeten (in der Hoffnung auf gutes Wetter und staubtrockene Gassen, denn beim ersten Mal möchte man nicht auch gleich die Regentauglichkeit prüfen müssen) im Gepäck...
...und im Hinterkopf LeBruns mahnende Worte aus dem Journal de la mode et du gout aus dem Jahre 1790:
The shoes with the buckles - but with a true lack of modern insole comfort - were put in my luggage (accompanied by the wish for fine weather and dry and dusty lanes, because we were not eager to see how the shoes would work in rain)...
...and on my mind LeBruns reminder from the Journal de la mode et du gout from 1790 was stuck: 
1790, treizieme cahier 25 juin, Journal de la mode et du gout (Quelle/source: BnF gallica)
Im Text (auf den mich Monsieur Heurteloup freundlicherweise aufmerksam gemacht hat) teilt uns Monsieur LeBrun mit, dass Schnallenschuhe seit geraumer Zeit nicht mehr gefragt sind und sie nur hier und da von jungen Damen als Modespleen getragen werden. Auch bleibt nicht unerwähnt, dass die Schnallen dem Rist des Fußes nicht eben zuträglich sind, da für einen guten Sitz einiges an Zug vonnöten ist. Dieser Behauptung wollten wir unbedingt auf den Grund gehen...was macht ein Schuh, dem es an jeglichem modernen Komfort fehlt, mit der Haltung, mit dem Gangbild?
Wie geht man auf unbefestigten Wegen und vor allem auf dem Kopfsteinpflaster, welches in Weimar in unzähligen Qualitäten die Straßen und Plätze ziert.
In his text (on which Monsieur Heurteloup kindly turned my attention) LeBrun told his audience, that buckled shoes are out of fashion for almost a decade and usually were only worn by young ladies as a fashion fad. It's also mentioned, that the buckles can become a pain to the foot's instep, as some tension is used to close it firmly. We were quite eager to proof his statement, among others...how does such a shoe without modern comfort works on the feet, how does ist affect the posture and walking pattern? How would one walk on unpaved and graveled roads and on cobbled streets, which most streets in Weimar are?
Foto (2017) Copyright K.Klotsche
Die Bühne für unsere "Gehversuche" wartete und da ich selbst leider mit einem Rückenleiden geplagt war, konnte ich meine liebe Freundin Mme Reeves gewinnen, für mich in die Seidenschuhe zu schlüpfen.
The stage for our first steps was waiting and as I was dealing with some back pain issues, my dear friend Mme Reeves was kindly jumping in for me and wearing the silk shoes.


Ob der verdichtete, sandige Boden des Gartens am Kirms Krackow Haus, das roh behauene Pflaster im Hof, schnell wurde deutlich, dass mit dem modernen, fersenbetonten Schlendern kaum ein längerer Marsch zu bewältigen wäre.
Das Pflaster vertrug sich nicht gut mit den Abätzen und es war ein lautes Getrappel und Geklackere der dünnen Sohlen.
Glücklicherweise führte der Untergrund dazu, die Sohlen aufzurauen und von ihrer anfänglichen Rutschigkeit zu befreien. Für unseren Versuch hielten wir fest, dass es bei Regen auf dem Pflaster eine wohl nicht geringe Herausforderungen war
a) trockenen Fußes in Seidenschuhen anzukommen
b) nicht auf dem glatten Pflaster auszurutschen
Schon nach zwei Gassen, wählte Mme Reeves einen sehr viel bequemeren Gang, nämlich eine eher  auf Fußspitzen und Zehenballen betonte Fortbewegung.
Und siehe da, dieses anmutige Gehen hatte eine besondere Leichtigkeit und Eleganz.
Uns wurde bewusst, was mit dem Zitat über Frau von Stein in Wilhelm Bodes Buch "Goethes Leben im Garten am Stern" gemeint war, denn dort hieß es, "...sie war eine kleine, elegante Figur, die in leichtem Zephirgang daherkam"
Überhaupt wird in vielen zeitgenössischen Berichten bzw. Beschreibungen gern der anmutige Gang einiger Damen erwähnt.
Gewiss hatten die Schuhe ihren Beitrag dazu geleistet, ebenso wie ein schmal geschnittener Caraco oder Spenzer die Haltung beeinflusst.
 Durch diesen betonten Gang, erklärte sich auch LeBruns Aussage, dass die Schnallen den Rist des Fußes mitunter plagen können.
Tatsächlich bedeuten die Schuhe mit den dünnen Sohlen und dem hölzernen Absatz, dass man das Gehen erst erlernen muß, umso mehr auf Kopfsteinpflaster.
Whether the sandy gravelled grounds in the garden of Kirms Krackow Haus, or the rough cobblestone in the yard, it was quickly obvious, that the modern way of walking with an emphasize on the heels would not bring us far.
The cobblestones did not get along with the heels and it was a loud clapping of the thin soles.
Luckily this kind of ground helped to roughen the slippery soles. We realized how much of a challenge the cobbled streets would be in rain to
a) arrive with dry stockings in silk shoes
b) not slip on the smooth stones
After two more lanes, Mme Reeves eventually chose a more comfortable gait, precisely to give more emphasize on the front, the toes and ball of the foot.
And yes, this kind of walking was light and elegant.
We became aware, what Wilhelm Bode meant with a quotation in his book "Goethes Leben im Garten am Stern" about Frau von Stein, which says "...she was a small and elegant figure, which arrives in light zephyr walk" 
Actually a lot of contemporary journals and letters etc. mention a particular beautiful pattern of walking in women. 
Surely the shoes did have their part in this, like a perfectly cut caraco or spencer influences the posture. 
This way of walking also approved LeBruns words, that the buckles could trouble the instep of the feet. 
The recreated shoes with their thin soles and wooden small heels, forced us to learn a new way of walking, especially on cobbled stone.
Die Spuren eines Nachmittags zeigen sich an der Sohle, die ihre Rutschigkeit weitgehendst eingebüßt hat, zumindest auf trockenem Untergrund und ohne allzu glatt gebleckte Pflastersteine.
The marks of an afternoon shown on the soles, which have lost their state of being slippery, at least on dry ground and not too smooth stones. 
 Der eher zehenbetonte Gang ist für Seidenschuhe auf Pflaster allerdings eher nicht zu empfehlen, denn schnell reibt sich die Stofffaser auf.
To walk with emphasize on the front is not recommended for silk shoes on cobblestones, as the fabric is quickly worn and torn.
Hier wären kleine Überschuhe vonnöten gewesen oder ein Schuh aus etwas gröberem Leder.
Overshoes would be suitable or a pair of shoes from sturdier leather.
Zuletzt die Löcher, die der Dorn der Schuhschnalle ins Gewebe gebissen hat.
Finally the holes, which the buckles have punched into the silk.

An diesem Nachmittag haben wir mit großem Vergnügen gelernt, wie man sich auf dünnen Sohlen und elegantem Zephirgang in die Journale und Bewunderung der Zeitgenossen schlendern konnte. Eine Studie, die wir demnächst unbedingt fortsetzen und vertiefen werden.
On this lovely afternoon, we've learnt with much joy, how thin soles and elegant zephyr walk helped to stroll into the journals and admiration of the contemporaries.
A study, which we definitely continue.

Kommentare:

  1. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Deine Schuhe auszuführen :-)

    To answer someone’s question regarding “how did you walk”, I copy my reply here:
    The gait is best compared to the “instep-forward” move one does when walking with hard-pointe-shoes. Putting the foot down flat, keeping a line hip-insideleg-instep. And then keeping the weight just on the bales, not on the heel.
    Think of a cross between walking in Zori, a cat-walk-Runway-model and a ballerina in pointe shoes, but with as little movement as possible to avoid powering out.
    With the gravity point firmly at the hip and using shoulders and head to balance.

    I don’t know if that makes sense. But that’s what worked for me, also when encountering stairs. Just walk as if wearing pointe-shoes.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nochmals vielen Dank für Deine unschätzbare Hilfestellung bei diesem Experiment und für all die Erläuterungen vor Ort und hier in den Kommentaren. Das hat wirklich viele interessante neue Einblicke gebracht, die wir hoffentlich in Bälde noch vertiefen können :)

      Löschen
  2. Ich kann nur wiederholen, was ich schon in Weimar hochachtungsvoll über diese Schuhe geschwärmt habe.
    Ich finde sie perfekt wie ein Museumsstück. Deine Geduld für so manches Detail bewundere ich immer wieder.
    Da ich das Weimarer Pflaster schon oft mit eigenen Füßen miterlebt habe, kann ich die Herausforderung, die hinter dem Projekt steht gut nachvollziehen. Euer Praxistest ist wirklich interessant. Schade,dass es so auf die Schuhspitzen geht, ohne Überschuhe hätte man sicher einenhohen Verschleiß gehabt.

    LG Kerstin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dankeschön, Kerstin! Überschuhe sind schon in Planung, ich weiß jetzt, dass sie durchaus sehr viel Sinn machen ;-)

      Löschen
  3. What an excellent learning experiment! It's so fun to learn about history in these ways. Thank you for sharing your adventure and lessons with us!

    Best,
    Quinn

    AntwortenLöschen