Montag, 4. Mai 2015

Bal à Wenkenhof

IX. Moden 
  Reisebericht aus Basel im April 1800

28. Germinal VIII

Zu der tagelangen Anreise aus Westphalen möchte ich lieber schweigen, denn mit den Unannehmlickeiten, welche eine solche Fahrt mit sich bringt, wie unbefestigte Straßen, übellaunige Kutscher, bedrückende Enge, lärmende, unhöfliche Reisebegleitung pp., dürfte meine Leserschaft gänzlich und bedauerlicherweise vertraut sein. Auch möchte ich Pluvius stete Anwesenheit nur kurz erwähnen, denn dankenswerterweise besann er sich, als die Grenze Helvetiens nahte, und beugte sich dem Frühling, der kurz hinter Freiburg mit blühenden Apfelbäumen entlang der Straße sein Geleit geschickt  hatte.
Der Wenkenhof liegt ohneweit von Basel auf einer sanften Anhöhe. Die Straße schlängelt sich in wohltuendem Müßigang durch eine niedliche Ortschaft und führt zum Hofe, der wie ein Nest gebettet liegt.
Dieser helvetische Hof hat allerdings keinerlei point commun mit den gemeinen Höfen Westphalens, nichts dusteres und schwermüthiges liegt über ihm, sondern die Leichtigkeit des Südens.
Und manch Leser mag mir darauf zürnen, doch zeigt dieses Haus mehr Freundlichkeit, Friedlichkeit und Geschmack, als ich es bei manchem großen Haus gefunden habe. Nicht Prunk und ein leidliches Zuviel an güldenem Werk schmückt den Wenkenhof, sondern Ausgewogenheit und Wohlmaß.
 I'd prefer to keep my lips sealed about the long carriage ride from Westphalia, because my dear readers might unfortunately be familiar with the unpleasantness of such a journey, like muddy streets, moody coachmen, uncomfortable squeeze, noisey and nosy company, etc. I would also give only short mention of Pluvius' company, as he thankfully left us upon reaching the Helvetian border, when Spring took over the reign and saluted us with blossoming apple trees, when we've passed Freiburg.
The Wenkenhof is quite in reach of Bale on a lovely hillside. The road led us in much appreciated idleness through a quaint little village to the (court)yard, which has nothing in common with the yards in Westphalia, nothing of the dark and melancholic appearnce, but the ease of the South.
Some readers might argue here with me, but this house reflects far more friendliness, peacefulness and taste than many of the big houses do represent. Not pomp and a tiring too much of gold adorns the Wenkenhof, but fair balance and modesty.

(Bildrecht/copyright: Eliane Caramanna)
 Und die Ehrlichkeit, mit dem der Wenkenhof seine Gäste willkommen heißt, setzt sich auch in seinem französischen Gärtlein fort, welches uns der Gastgeber Monsieur T. zum Flanieren in allerschönstem Frühlingskleide darbot.
And that particular honesty, which welcomes the guests at Wenkenhof, is continued in the beautiful french garden, which our host Monsieur T. recommened us for a walk upon our arrival.
(Bildrecht/copyright: Jeanette Klok-Heller)
Der reizvolle Garten mit seinen Kieswegen lud zum Schlendern ein, lenkte das Augenmerk nicht übermäßig auf das in Marmor und Stein gefangene Antike, sondern beruhigte und versorgte Geist und Seele nach der langen Fahrt mit dem nötigen Müßiggang.
The charming garden with it gravel paths invited us for a stroll, but never distracted our eyes too much with marbled statues of antiquity, yet nourished soul and mind with the much needed idleness after the long journey.
(Bildrecht/copyright: S.Gaus via empirepicknick)


(Bildrecht/copyright: Eliane Caramanna)

Nach Pluvius' Abschied meinte es der Frühling in der Tat so wohl mit uns, dass meine Begleitung Madame H. und Mme vom St., noch den neuen englischen Garten aufsuchten, welcher sich in beinah nachlässiger Gebärde vor dem Hause ausgebreitet fand. Wir waren entchantiert.
Hier findet die Gartenkunst ihre Vollendung, indem sich das Pflanzwerk so natürlich dem Auge darbietet, als würde es kaum der Pflege bedürfen und doch werden Schritte und Auge ohne Mühen gelenkt.
 After Pluvius' goodbye spring reigned supreme with all it's glory, hence Madame H. and Mme vom St. decided to pay a visit to the English garden, which extended with an artistic carefulness in front of the house. We've been entchanted.
Here the art of gardening mirrows true perfection, when the scenery presents itself so beautifully natural, as if no intrusion would be necessary and yet our eyes and footsteps were magically led by the gardener's intentions.

Dem Spaziergang folgte Monsieur T.s Einladung zu einem ungezwungenen Beisammensein bei Thee und kleinen Erfrischungen. Mit welch glücklicher Hand gelang es auch hier unserem vorzüglichen Gastgeber, den Frühling vom Garten ins Haus zu locken und unsere Augen und Gaumen mit Lenzens Früchten zu verwöhnen, und Flora an den Tisch zu bitten, pp.
The stroll was followed by Monsieur T.s invitation for an assembly with tea and refreshment. Again our excellent host excelled our expectations, when he enticed spring to follow from the garden into the rooms to spoil our eyes and mouths with spring's finest fruits and flowers
(Bildrecht/copyright: S.Gaus via empirepicknick)
Die amuse-gueules wurde in einem geschmackvollen, hellen Raum in zartem Grün serviert, der zur einen Seite von großen Sprossenfenstern, zur anderen von Spiegelwerk gefasst ist und viel Licht bietet.
Angrenzend befindet sich der Tanzsaal, der zu meiner Überraschung mit Stein belegt war, wie man ihn im westphälischen Münster allerorts findet. Auch hier grüßte munteres Grün von den Wänden und eine angenehme Auswahl an Gemälden.
These amuse-gueules were served in a tasty, light room with walls painted in a lovely shade of green. This room was embraced by windows on one side and mirrows on the other, which illuminated the scenery wonderfully.
Next door is the dancing room, which was - much to my surprise - made of a stone floor, which is often seen in the westphalian Münster. The walls were painted in soft green, too and emebelished with a fine selection of paintings.
(Bildrecht/copyright: Eliane Caramanna)

Zuletzt anschließend in dieser Zimmerflucht, der Spielsaal in ruhigem Rot. 
Next to the dance floor is the gaming room painted in a calming red.

(Bildrecht/copyright: Eliane Caramanna)
Dieser dem Gemüt so zuträgliche Raum, füllte sich dank des Spielmeisters am Tische und seiner entzückenden Gattin recht schnell und ließ mit seiner Verlockung des Kartenspiels und der Plaudereien im Laufe der Ballnacht nicht nach.
This soothing room, crowded quickly thanks to the gaming-master and his charming wife. The attractions of cards and vivid talks never ceased during the night.
(Bildrecht/copyright: Eliane Caramanna)
Doch le coeur de nuit bildete dem Ansinnen des Gastgebers folgend nicht nur räumlich der Tanzsaal mit seiner zauberhaften Musik, den ausgelassenen Tänzen, der Freude, pp.
But the heart of the night remained the dancing room, much to the intention of the dancemaster and host.
The room lived up to the beautiful music, the avid dancers, and the joy, etc.
(Bildrecht/copyright: S.Gaus via empirepicknick)
Vom ausgezeichneten Tanzmeister wurde die Gesellschaft bis zur mitternächtlichen Stunde durch ein anspruchsvolles Repertoire geführt, das man auch in den großen Sälen zu Paris zu finden vermag:
The exquisite dance master led the assembly til midnight through the challenging repertoire of dances, which otherwise is merely seen in the great ball rooms of Paris:
Retour de printemps (Vincent)
La belle Veuve (Gallini)
Shrewsbury Lasses
Rigaudon à Quatre
La gaîté franche
Jumping Joan (Dale)
The Duke of Kent’s Waltz
L’Allegrante (Dale)
La Gigue de Gossec (Vincent)
L’Allemande
Peggy Perkins (Dale)
La Belle Catherine (Dale)

(Bildrecht/copyright: S.Gaus via empirepicknick)
Menuets (Almanach/ Dahlhoff)
La Monaco
L’Amoroso (Vincent)
Morgan Rattler (Dale)
Valse de Wilson
Valses (Clarchies)
La débutante (Vincent)
The Hop Picker’s Feast
La Prétention (Vincent)
Valses (Clarchies)
The Comical Fellow
(Bildrecht/copyright: S.Gaus via empirepicknick)
Allemande (Gallini)
Egham Races (Dale)
Valses (Clarchies)
La Galloppade (Almanach 1791)

(Bildrecht/copyright: Eliane Caramanna)

Den Vergleich mit Paris brauchten auch die Roben der Damen nicht zu scheuen. Wie rasch sich doch die Mode von der Stadt an der Seine verbreitet und wie geschmackvoll sie umgesetzt wird.
Noch immer ist es das neu-griechische Vorbild, welches das Herz der Damen entzückt und den Beginn dieses Jahrhunderts feiert.
Zart, schlicht und strahlend sind die Kleider. Und fast stets weiß. Dazu überaus gefällige Farben, hier besonders das Grün in allen Nuancen. Wir finden es in feinem Taffet zu Spenzern, in knospendem Frühlingsgrün aus Sammetseide als Pelisse und als Bänder in den coiffuren.
Neben dem Grün in allen Arten auch das Rot hin zum Blau, so wie es uns das Gärtlein im Lenz eröffnet.
Ein Blumenreigen in vollster Harmonie.
Auch die Mode der kurzen Tanzkleider aus Paris ist innerhalb nur weniger Wochen von den prunkvollsten Sälen hervorgeschritten.
Kaum jedoch sah man Federn und Esprit, hier zählt die Dame von Welt ganz auf ihren eigenen Haarschmuck.
So dürfen wir gespannt sein, was uns die Messen zu Ostern bieten werden, doch hegen wir die Hoffnung, dass sich das neu-griechische noch halten mag und weiterhin unsere Augen erfeut.
The ladies of fashion did not need to fear a comparison with Paris either. How quickly the styles commenced and found their way from the city at the Seine and how tastefully they are interpreted.
Still the greek style sits in the midst of our ladies' hearts and celebrates the beginning of this new century.
The gowns are fragile, plain and radiant. And almost always white. We only see agreeable colours, especially green in all shades. Finest green taffeta for spencers, in spring green blossoming from silk velvet are the pelisses and ribbons in the hairdos.
Next to the green all shades of red to blue, like a spring garden.
A flower wreath in entchanting harmony.
The curious fashion of shorter skirts for dancing also arrived from Paris' gilt rooms within weeks.
But hardly ever we spot feathers or esprit, here the ladies preferred to sport their own curls and braids instead.
The ladies of fashion are looking forward what will be delievered to the fairs on Easter this year, while we have high hopes, that the beautiful greek fashion will remain in the ladies' hearts and praise our eyes.
(Bildrecht/copyright: S.Gaus via empirepicknick)
Mein herzlicher Dank gilt Monsieur T. dessen Einladung mich auf den Wenkenhof führte und mir ein unvergessliches Wochenende bescherte, dessen Erinnerung ich noch lange lebendig halten werde.
Glücklich, wer die Ballsaison an diesem Ort eröffnen durfte.
I am much obliged to Monsieur T., who sent me the invitation to the Bal à Wenkenhof and thus allowed me to have an unforgetable weekend, which will remain vivid in my heart for a long time.
Blessed, who was able to begin ball season at this place.

Kommentare:

  1. Wie wunderbar, offensichtlich hat da alles gepasst. Was für ein schöner Bericht, abgesehen davon, daß ich höchstens 3 von den Tänzen kenne, wäre es ein Traum für mich, so etwas auch mal miterleben zu dürfen. Vielen Dank fürs Teilen! LG Hannah

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    1. Dankeschön! Ja es war herrlich...und tröste Dich, ich kannte nicht einen einzigen dieser Tänze ;)
      In der Tat habe ich lange gezaudert, ob ich überhaupt für einen Ball geschaffen bin, liegt mein Interesse doch eher auf dem lyrisch-literarischen Gebiet, aber es gibt so viel Zerstreuung, dass man auch ohne das Tanzbein zu schwingen auf seine Kosten kommt, begleitet von wundervoller Musik und dem Freudentaumel der Tänzerinnen und Tänzer :)

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  2. Magical and lovely, Sabine! I want to jump in the pictures and join you! Everyone looks stunning as does the building and gardens. That certainly is a long list of dances. Quite an accomplishment! I hope you are able to attend again in the future because I am left wanting to see more!

    Best,
    Quinn

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    1. Thank you! It would have been a wonderful place for you, especially as you're so fond of dancing!

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  3. Looks like you had so much fun ! Thank you for sharing this magical moment with us :)

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  4. Entzückend - sowohl der Bericht als auch die gezeigten Bilder!
    Liebe Grüße
    Emily

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  5. Ich fühl mich gerade in eine andere Zeit versetzt! Der Bericht ist einfach wundervoll geschrieben und man kann so gut nachvollziehen, wie es gewesen sein muß!! Herrlich! Ich glaub ich les gleich nochmal....
    Gruß, Kerstin

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    1. Ohhh, herzlichen Dank. Es freut mich sehr, dass Dir der Schreibstil gefällt...vielleicht kommen in Zukunft noch ein paar Reiseberichte in dieser Manier!

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  6. Werte Sabine, diese gar wohl formulierten, lieblichen Zeilen und Bilder bescherten mir ein recht kurzweiliges, anschauliches Lesevergnügen! Ich bin begeistert und kann an dieser Stelle nur noch einmal wiederholen: "Glücklich, wer die Ballsaison an diesem Ort eröffnen durfte."

    Herzlich Constanze

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    1. Tausend Dank! Es war ein unvergesslicher Tag und ich freue mich sehr, dass ich ihn durch das Niederschreiben teilen konnte :)

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  7. What a gorgeous setting for a ball! Your descriptions are so wonderfully detailed, I feel as if I'm there with you. Thank you for sharing!

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    1. Thank you very much, I'm happy to hear that you've enjoyed the read :)

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