Donnerstag, 21. Februar 2019

Cul postiche - Cul de Paris - Polster - Aufgestecksel

Doch, doch - auch ich habe es ins neue Jahr geschafft und Kleidung um 1800 ist keinesfalls dem grassierenden Blogsterben anheim gefallen.
Ich habe die ersten Wochen des Jahres in meinem Lesefauteuil verbracht, nachdem ich mich von einigen sozialen Netzwerken verabschiedet hatte. Erstaunlich, wie viel Zeit, Muße und Ruhe einkehrt und wie rasch sich der berühmte Wanderbücherstapel, der einem mahnend durch das Haus folgt und dabei beständig an Größe gewinnt, schmaler und schmaler wird.
Meine winterliche Lektüre hat mich auf unverwechselbare Weise in eine lebendige Vergangenheit geführt und auch meinen Blick für die Zukunft ein wenig geschärft.
Well, well - I also made it into the new year and Kleidung um 1800 has not fallen into the rampant dying of blogs.
I've spent the first few weeks in my favourite reading fauteuil, after I've said goodbye to a few social networks. Amazing, how much time, idleness and silence I've suddenly had on my hands and how quickly the ever growing pile of books, which used to follow me through the house urging me to read, now became smaller and smaller.
My winter reads have brought me back into a vivid past and have sharpened my senses for the future.
Von oben nach unten: Peter Neumann, Jena 1800, Die Republik der freien Geister; Mary Wollstonecraft, Verteidigung der Rechte der Frauen; Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe; Iris Bubenik-Bauer, Ute Schalz-Laurenze, "...ihr werten Frauenzimmer auf!" Frauen in der Aufklärung
 Und wo trafen sich Vergangenheit und Zukunft? Das Studium der Bücher bestärkte mich, einen Schritt in die Mode der frühen 1790er zu wagen und zwar auf eine damals übliche und heute neu entdeckte, nachhaltige Art und Weise: indem ein altes Kleid säuberlich aufgetrennt wurde, um einem anderen Modegschmack zu dienen.
And where did past and future met? The study of the books eventually led me to take a few steps back into the early 1790s and the sustainabilty then echoed into today, I decided to completely take apart an old dress, to adjust it to a different fashion sense.
Es hat in etwa zwei Stunden Zeit gekostet, die alten Nähte aufzutrennen. Durch eine Wäsche verschwinden all die unzähligen kleinen Löcher, welche die Nadel in den Stoff gewirkt hat.
Den Rock des Ensembles, konnte ich wiederverwenden, er wird dem Geschmack der Zeit entsprechend umgewandelt.
Aber zuvor fehlt natürlich eine entscheidende Mode(thorheit), die sich im Laufe der 1790er zunächst in ihrem Nutzen und ihrer Bedeutung zuzammenschrumpfte, um nach 1800 allmählich zu verschwinden.
It took almost two hours to rip off the old seams. The fabric went into the laundry, where all the tiny needle holes dissapeared.
I could reuse the skirt of the old dress, it will be adorned according to the new fashion.
But before that step, I needed to put together a fashion fad, which gradually went out of fashion during the later 1790s and finally dissapeared after 1800.
1788, Georg Adam Keyser, Terminologietechnisches Wörterbuch (Quelle/source: googlebooks)
 Transkription:
Cul de Paris oder Cul postiche, Art neuer Kleidermode des Frauenzimmers, Art Küssen (Kissen), Polster, Aufgestecksel hinten an und unter den Weiberröcken. (eine seltsame und pöbelhafte Benennung!)
Translation:
Cul de Paris or Cul postiche, new fashionable accessoire for ladies, a kind of cushion, pad or "put on" at the back and under women's skirts. (a peculiar and plebeian term!)

Auch in den kommenden Jahren bis etwa 1795 findet dieses Accessoire noch den Weg in die deutschen Modejournale, während Le Brun im Journal de la Mode et du Gout - so unterrichtete mich Monsieur Heurteloup freundlicherweise - schon Ende der 1780er/ zu Beginn der 1790er lieber den reichlichen Gebrauch von Unterröcken empfiehlt, statt des Aufgestecksels.
Well after 1788 and until around 1795 this accessoire was popular in the German fashion journals, while Le Brun in his publication Journal de la Mode et du Gout - I was kindly told by Monsieur Heurteloup -  already announced by the end of the 1780s/early 1790s that he favoured plenty of petticoats over the old fashioned pad.
In Bertuchs Journal des Luxus und der Moden schwört man weiterhin darauf, wie man in diesem Modekupfer No.19 aus dem Juli 1793 bildhaft erfährt.
Und da ich als Westfälin geradewegs zwischen den großen Modeströmen Paris und Weimar Zuhause bin, habe ich mich - Le Brun möge mir verzeihen - ein Kleid mit französischem Flair und weimarischer Treue zum cul postiche gewählt.
Auf der Suche nach dem unsichtbaren Gehilfen, stieß ich auf ein äußerst hübsches Exemplar auf der Seite Museot Finna:
In Bertuch's Journal des Luxus und der Moden the pad was still popular as this fashion print No.19 from July 1795 reveals.
And as I, as a Westphalian, dwell right between the influence of Paris and Weimar, I decided - Le Brun will hopefully forgive me - a dress in french style, but with Weimarian loyality to the cul postiche.
On my search for the invisible helper, I found this pretty example at the Museot Finna:
1790er, Naisten englantilaiskuosinen kaksiosainen puku sinistä silkkiä (ripsitaftia), Cul de Paris (Quelle/source: Museot Finna)
Überraschenderweise kommen hier auch abgesteppte Nähte, wie sie beim Möbelpolstern üblich sind, zum Einsatz, um das Füllmaterial und damit das Kissen entsprechend zu formen.
 Für mein Polster wählte ich drei Lagen Leinen, altes Nahtband und Schafswolle, sowie fein zerschnittene Lumpen.
Die Schafswolle ist ein Geschenk meiner lieben Freundin Natalie A Frolic through Time, die zwei Schafe auf einem Lebenshof unterstützt. Da diese, wie bei gezüchteten (und leider auch manchmal hochgezüchteten) Hausschafrassen (außer dem Soayschaf) üblich, geschoren werden müssen, erhält sie einmal im Jahr die Wolle.
Surprisingly we find the same seams, which are common in the upholstery, to give the cushion the exact shape.
I used three layers of linen, vintage ribbon and wool for stuffing, as well as old, finely cut rags. 
The wool is a present from my dear friend Natalie of A Frolic through Time, who supports two shep at a sanctuary. As these need to be sheared, like almost all breeds (except soay sheep), she got the wool and shared a bit with me.
Bei allen drei Lagen habe ich die Nahtzugabe großzügig nach innen geschlagen und zwei Lagen an der äußeren Naht mit Heftstichen verbunden. Der Rand wurde gestopft und von Hand, nach frei gezeichnetem Muster, durch beide Lagen abgesteppt. Dieser Prozess wiederholt sich wie beim Original, ehe auch der schmale Rand mit Heftstichen vernäht wird.
Die dritte Stofflage wird schließlich mit einem Kantenstich angenäht und mit Lumpen befüllt, so erhält das Polster seine leicht stufige Form.
I turned the seam allowance on all the layers to the left side and attached two layers on the outer edge with basting stitches. The edge was stuffed and then the pattern was stitched through both layers. This process was repeated following the original pattern, until the inner edge was closed.
The third layer is finally added with stitches along the edge and then stuffed with rags.
Der Stich entlang der Kante ist vergleichbar mit dem des finnischen Originals.
The stitches are similar to those used on the original.
Im folgenden sind die Maße des Polsters aufgeführt:
The measurements of the cushion are added:
Das Ergebnis der Polsterarbeit. Das Aufgestecksel wiegt etwa 200 gr.
The result. The "put on" weighs around 200 gr.
In den kommenden Wochen führe ich die Arbeit an dem neuen 1793er Ensemble fort und hoffe, dass es pünktlich zu Lenzens Einzug das Nähzimmer verlassen kann.
Bis dahin ist viel zu tun...und zu lesen!
Und um die Wartezeit für meine Leser zu verkürzen, möchte ich noch auf einen interessanten Beitrag aus dem Jahr 2011 über die cul de Paris auf dem Blog Demode unter dem Namen "Late 18th century skirt supports" (leider nur in Englisch) hinweisen - unbedingt mal reinschauen, bitte!
In the upcoming weeks I proceed with the new 1793 ensemble and I hope to finish it in time for spring.
There's much to do until then...and much to read!
Maybe my readers are interested in an interesting article from 2011 about the cul de Paris from the blog Demode called "Late 18th century skirt supports" - it's well worth a read!

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag, Sabine! Vielleicht gebe ich mir beim nächsten cul de Paris, indem ich mir an Deiner Arbeit mit den abgesteppten Nähten ein Beispiel nehme, etwas mehr Mühe!! :-)

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    1. Vielen Dank! Meines Erachtens machen die gesteppten Partien durchaus Sinn, sie formen das Kissen vorzüglich,so wie bei einem Stuhl die mit Kantenzieher aufgebaute und Garn abgesteckte Sitzfläche. das bisschen Mehrarbeitzahlt sich aus! Bemerkenswert finde ich, dass beim finnischen Original der Seidenstoff für das cul postiche verwendet wurde.

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  2. Ein prächtiger Pariser Poppes! Ich freue mich schon auf den Bericht zur passenden Oberbekleidung :-)

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    1. Danke! Pariser Poppes klingt niedlich :-) Ich hab ja zunächst überlegt, den Beitrag "Neulich beim Popokissenpolsterer" zu nennen...lol...
      Mit der Oberbekleidung wird's wohl noch ein paar Tage brauchen, aber Du kennst ja schon den Fortschritt hinter den Kulissen ;-)

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    2. Das ist richig - aber die Spannung steigt... :-D

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  3. Eine äusserst hübsche Modethorheit präsentierst du uns hier wieder einmal;-)Danke!
    Danke auch für den link auf Demonde - den Beitrag kannte ich noch nicht!
    Ich bin schon gespannt auf deinen Ausflug in die 1790er!
    Liebe Grüße, Eva

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    1. Vielen Dank, liebe Eva :) Ich bin auch schon gespannt, wie das Ensemble gelingen wird!

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  4. Freu mich schon auf deine neuen Werke!

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    1. Dankeschön :) Frei nach dem Motto "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen" geht es langsam voran :-)

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  5. Liebe Sabine,

    Guten Morgen! Die Schafe mussen geschert werden...im April beginnen sie zu heisse in der Vliese fuellen. Sie "flop" auf den Boden und beschweren sich, "bbbaaaa, zu heiss!"

    Bereits haben Sarah und ich Lana und Nina gescheren, mit Handschere und viele Geduld...insbesondere die arme Schafe. Dieses Wochenende, komme ich nach Sarahs Bauernhof, um Liam zu scheren. Er ist gross, weiss, extra solide, und nimmt sich Zeit, etwas zu tun :}

    I may have some more fleece for you. Nina's fleece felts easily, and so over one half of it was good for nothing this year -- she spent enough time rubbing her sides on stump or tree to felt the beautiful stuff. Sigh. Lana's was in better shape. I have two large bags of yummy latte-colored fleece to send to the mill to be made to roving to spin!

    The cul is really super, Sabine. The shape is lively, and I found the mixture of fillings interesting. Did you combine wool and finely cut rags for a particular reason, or because of their availability?

    Hugs from across the pond in Kentucky, where the sun begins to warm the earth and the birds are nesting,

    Natalie

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    1. Danke, liebe Natalie! Ich freue mich sehr, dass der Einsatz der Wolle von Deinen Schafen, deine volle Zustimmung findet :)
      I've chosen rags, because I thought this might be a good (and maybe period) use of material, that cannot be put to use elsewhere. It's lightweight an in combination with the wool it works pretty good!

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