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Dienstag, 4. Oktober 2016

1795/96 Engländisches Kleid Fourreau - Eine Mode im Wandel

Für mich ist eine Nacharbeitung stets ein wertvolles Lehrstück, bei dem man versucht längst vergessenenen Techniken nachzuspüren und im besten Fall auch eine Einsicht in die Mode und die Umstände der Zeit zu gewinnen. Die Gedanken und Empfindungen der Näherin und Trägerin hingegen bleiben wohl immer Mutmaßungen.
Sind sie den unsrigen ähnlich? Eifrige Hände, die das Kleidungsstück beim Nähen wohl hunderte Male greifen. Die Freude, wenn eine Naht rasch gelingt. Wenn der Ärmel schon beim ersten Versuch ins Armloch passt. Der Unmut, wenn man etwas wieder auftrennen muß. Und das wundervolle Gefühl, wenn man das Kleid zum ersten Mal anprobiert.
Das Kleidungsstück, von dem im folgenden Beitrag die Rede ist, erwies sich als überaus großartiges Lehrstück. Recht unscheinbar wirkte es bei meiner ersten Begegnung, aber da waren viele spannende Details, was sich daraus erklärt, dass es zu einer Zeit entstanden ist, in der ein allmählicher Wandel in der Kleidung stattfand. Englische Modejournale berichteten bereits seit dem Jahr 1793 über eine Veränderung der Mode hin zu einer höheren Taille, während diese Mode in deutschen Journalen nur sehr gemächlich voranschritt und das Journal des Luxus und der Moden sich noch viele Monate weigerte, diesen neuen Kleidern einen Modekupfer zu widmen.
Von all dem erzählt das folgende Kleidungsstück, wenn man sich die Mühe macht zuzuhören und immer wieder Journale, Modekupfer, Briefe und Gemälde zu Rate zieht.
For me personally working with a recreation is a very valuable lesson, in which I try to trace long forgotten techniques and in the best case also gain an insight to fashion and the overall circumstances of the bygone time. The thoughts and feelings of the original seamstress or wearer though remain mere speculation.
Are they close to our ideas? Zealous hands, which grab the fabric often more than a hundred times. The joy, when a seam is finished quickly and even. When a sleeve fits into the sleevehole upon the first attempt. The dissapointment when a seams has to be ripped open again. And the delight upon the first try on of the dress.
The garment, which I will tell more about in the following blogpost, was a marvelous lesson. It made a very plain first impression on me, but then I spied interesting details, because it was a transition garment, that displayed two fashions. English fashion journals already started to write about a change in fashion in 1793, when a higher waist gradually was mentioned, while German fashion journals first tried to ignore it and no sign of this new fashion was published in the Journal des Luxus und der Moden for months after.
These stories are told by the following garment, to those, who are willing to listen and who often ask for advice in journals, plates, letters and paintings.

1790-99 Dress, Accession #1958.09.01 (Quelle/source: Pocumtuck Valley Memorial Association deerfield via Memroial Hall Museum Collection)
Die Konstruktion des zweiteiligen Kleides habe ich bereits im vergangenen Februar erläutert, allerdings fehlten noch Bilder des Ensembles, das mittlerweile zu meinen Lieblingsstücken zählt.
Es ist eines der Kleider, die es vermögen, einen beim Tragen unverzüglich in die längst vergangene Zeit zurück zu versetzen.
I have already written about the construction of this two-piece ensemble back in February, but unfortunately photos of the entire dress, which has become one of my favourites, were still missing.

Als Hommage an die vielen weißen Kleider der 1790er Jahre fertigte ich meine Nacharbeitung aus einem feinen und festen Baumwollperkale. Bei dem Original fehlt der zu jener Zeit modische Gürtel oder ein Band.
As homage to the white dresses of the 1790s I decided on a fine and firm cotton percale. The original is lacking a belt or a sash.


Als Open Robe bleibt der Stil auch noch nach der Jahrhundertwende in Mode.
The fashion of the open robe remains into the early 19th century.

Der Rücken des Fourreau
The back of the Fourreau
Der Gürtel wird in diesem Fall unter dem Kleid hergeführt.
The belt runs under the dress.

 
Schmale Ärmel, eine hohe Taille und eine bauschige Front.
Snug sleeves, high waist and a fluffy front.


Der Gürtel ist aus einem herrlichen schwarzen Seidenband entstanden, welches ich meiner Freundin Natalie von "A Frolic through Time" zu verdanken habe. Ich hoffe, sie ist mit dem Ergebnis zufrieden. Das Band wurde mit einem Baumwollstreifen unterlegt. Die Schnalle ist eine moderne Nacharbeitung.
The belt is made of black silk ribbon, which was a lovely gift from my friend Natalie from "A Frolic through Time". I hope she likes the result. The ribbon was backed with a sturdy strip of cotton. The belt buckle is a modern recreation.
1796, November, Journal des Luxus und der Moden Tafel 31 (Ausschnitt) (Quelle/source: Uni thulb Jena)

Ein Blick auf die Konstruktion. Das Kleid wird über dem Rock geschlossen.
A view on the construction. The dress is closed on top of the skirt.

Zu dem Ensemble trage ich eine Chemise, einen frühen Schnürleib und einen weiteren Unterrock.
With this ensemble I'm also wearing a chemise, transitional stays and a further petticoat.


Den Kragen füllt ein Mousselin Fichu.
The collar's filled with a muslin fichu.

Die Ärmel werde ich wohl noch ein wenig einkürzen, sie sollten ohne Falten am Handgelenk liegen. Leider sitzen sie auch nicht mehr ganz so eng wie im Februar, weil ich ein paar Pfund verloren habe.
I probably will shorten the sleeves a bit, because there shouldn't be wrinkles at the cuffs. Unfortunately the sleeves do not sit as snug anymore as back in February, because I lost a few pounds.

Der Rock ist rundherum in feine Fältchen gelegt. Er wird vorne mit Bändern geschlossen und mit zwei schmalen Trägern auf der Schulter getragen.
The skirt is pleated all the way around. It is closed with ribbons in the front and worn with two small shoulder straps.

Die zweiteilige Konstruktion
The two piece ensemble

Das Ensemble zusammen mit meinem Flor-Mantel, im Allgemeinen Europäischen Journal auch unter dem Namen Halbsaloppe bekannt.
The ensemble worn with my Flor-Mantel, which is also mentioned as Halbsaloppe in the Allgemeine Europäische Journal.

An geschäftige Tagen verleiht eine Chintz Schürze dem weißen Kleid den nötigen Schutz.
On busy days a black chintz apron keeps the white dress clean.
Die Schürze wird mit einem schmalen Band im Rücken geschlossen.
The apron is closed with a small ribbon in the back.

Eine besondere Verwandlung erfährt das Kleid durch ein einfaches, breites Seidenband. Es erinnert an die Mode der frühen 1790er und in Deutschland wurde diese Trageweise wohl auch um die Jahre 1795/96 oft noch bevorzugt.
Another striking change is made when the dress is worn with a small, long sash over the dress. Then it is a reminder of the early 1790s and in Germany this style was favoured around 1795/96.

Der Beginn der Frühromantik. 
The beginning of Early Romanticism.

1795, Oktober, Journal des Luxus und der Moden Tafel 30 (Quelle/source: Uni thulb Jena)


Montag, 22. Februar 2016

1795/96 Engländisches Kleid Fourreau

Vor einigen Wochen führte mich ein Netzspaziergang zu einem sehr spannenden Kleidungsstück, das mir augenblicklich den Wunsch bescherte, es nachzuarbeiten.
Bei dem Kleid handelt es sich um ein Überkleid oder Überrock (open robe) mit dazugehörigem Rock aus der Sammlung des Memorial Hall Museum. Geführt wird es als 
Es handelt sich um ein amerikanisches oder englisches Kleid aus englischer oder indischer bedruckter Baumwolle.
Besonders faszinierend ist die Konstruktion der genannten 1790er Fourreaus (Hülle), es ist also nicht aus einem Oberteil und Rock gefertigt, sondern der Stoff wurde komplett in Falten aufgelegt. Eine Technik des 18.Jahrhunderts, die später in den 1790ern und ab 1800 noch eine Zeit bei sogenannten "open robes" kennzeichnend bleibt.
Auch die Art und Weise, wie die Ärmel eingesetzt wurden, entspricht der Konstruktion des 18.Jahrhunderts. Das Stück aus der Sammlung Memorial Hall Museum ist also ein gelungenes Beispiel für den allmählichen Übergang der Kleidungsstile und vermutlich der Mitte der 1790er anzusiedeln. 
Die verfügbaren Bilder, selbst in der Vergrößerung, geben nicht all ihre Geheimnisse preis. Es ist beispielsweise nicht ersichtlich, ob das Stück umgearbeitet wurde. Bei der Nacharbeitung habe ich versucht mich nahe an das Original zu halten, soweit das Bildmaterial es zuließ.
A few weeks ago a stroll through the depth of the world wide web led me to a most interesting garment, which instantly lit my wish to re-create it.
The dress is an open robe with matching skirt from the Memorial Hall Collection. It is listed as
It's estimated to be an American or English dress, made of English or Indian printed cotton.
The garment called fourreau is especially fascinating, which means, the dress isn't made of a separate bodice and skirt, but made of yardage put in pleats. An 18th century technique,which later in the 1790s and around 1800 remains characteristic for so-called open robes.
The way the sleeve is set in, corresponds with the 18thcentury construction. The garment from the Memorial Hall Museum is a wonderful example how the styles gradually developed and was probably made mid 1790s.
The available pictures, even in high-res, don't give away all the secrets. It's unfortunately not clear whether the garment might be altered. I tried to keep my recreation truth to the original as far as the photo material allows it.

Bei dem Stoff war ich zu einigen Zugeständnissen gezwungen, als Material wählte ich einen Stoff aus meinem Vorrat, einen unbedruckten Baumwollperkal, der 80 Zentimeter breit liegt und von hoher Qualität ist.
I however made concessions with the fabric, I've chosen a high quality (albeit unprinted) cotton perkale from my stash, which is 80 centimetres wide.
Der Stoff wird in Falten auf das Futter gelegt und mit Punktstichen festgenäht. Die Falten sind frei gelegt, es kam also kein Lineal zum Einsatz, sondern lediglich Augenmaß.
Ich habe drei Stoffbreiten (sprich: 2.40 Meter) gewählt.
The fabric is laid in pleats on the lining and then stitched down with spaced backstitches. The pleats aren't measured with a ruler, I entirely relied on visual judgement.
I took three width of fabric (means: 2.40 metres)

Der Rücken ist sehr kurz, wodurch die Falten einen schönen Fall haben.
The back is very short, which gives the pleats a nice flow.

Das Futter aus einem groberen Baumwoll/Leinengemisch.
The lining is made of a cotton/linen blend.

Die Front sitzt sehr hoch.
The front is quite high.
Die Flügel des Futters werden mit Nadeln gesteckt. Die Front mittels Bändern, die durch zwei Tunnel geführt wurden. Das Baumwollband entspricht Bändern, wie sie auch bei Originalen eingesetzt wurden.
 The front lining is closed with pins, while the perkale is closed with ribbons running through canals on top and bottom of the front. The plain cotton ribbons match those used on originals.

Die Falten wurden vorn nicht komplett bis auf die Kante festgenäht, was vermuten lässt, dass dort ein breites schmückendes Seidenband durchgeführt wurde.
The pleats in the front aren't stitched down to the edge, which might be a hint, that the dress was worn with a silk sash.
Ein Blick auf das Futter.
The front lining.

Nahaufnahme der Nähte im Rücken.
Close-up of the seams in the back.

Der Stoff besteht aus sehr hochwertigen Fäden und ist fest, dabei aber wunderbar leicht. Hält man das Oberteil gegen das Licht erkennt man die Stiche, mit denen die Falten aufgenäht wurden.
The fabric is made of high quality threads and is quite firmly woven, yet amazingly light. If the bodice is placed against a window it reveals the holes of the stitches, which have been used to attach the pleats.

Das Futter zeigt hier die Konstruktion des Ärmels. Eine sehr gute Anleitung von Katherine Caron-Greig, um den Ärmel in dieser Methode einzusetzen, findet sich auf der Seite von Your Wardrobe unlock'd "Setting in 18th c. sleeves".
The lining reveals the construction of the sleeves. A very good tutorial by Katherine Caron-Greig on setting in the sleeves in 18th century method can be found on Your Wardrobe unlock'd "Setting in 18th c. sleeves".
Der eingesetzte Ärmel von Außen.
The set in sleeve.

Die Konstruktion hat mich einiges an Nerven gekostet, denn der Ärmel sollte sehr eng anliegen, aber anders als die Ärmel in der oben beschriebenen Methode finden sich beim Original des Memorial Hall Museum keinerlei Falten am Ärmelkopf.
The construction was quite challenging, as the sleeves should be very snug, but different to the tutorial linked above, the original dress at the Memorial Hall Museum has no pleats on the sleevehead.

Es brauchte einige Versuche, um schließlich einen Ärmel zu bekommen, der sich ohne Falten einsetzen ließ und Bewegungsfreiheit gewährt.
It took me several attempts to create a sleeve without pleats, but which allows free movement.

Der Ärmel wird aus einem Stoffstück gefertigt, wobei es eine kurze Naht vom Ellenbogen bis zum Handgelenk gibt und eine lange Naht von der Schulter bis zum Handgelenk. Auf dieser zweiten Naht liegt stets viel Spannung, ich habe mich daher gegen einen Rückstich entschieden, sondern beide Teile mit diesem Stich vernäht: weird whip stitch 
The sleeve is made of one piece with a short seam from the elbow to the cuff and a long one from the shoulder to the cuff. This second seam is prone to tension, hence I did not assemble it with aback stitch, but with the following stitch: weird whip stitch  
Derzeit arbeite ich an dem Rock, aber damit ist das Ensemble noch nicht fertiggestellt. Es sind noch ein früher Spencer und ein passender Hut geplant. 
Folglich werden noch einige Blogbeiträge zu erwarten sein :)
Meanwhile I've started with the skirt, but this doesn't mean the ensemble will be finished soon. I also plan a matching spencer and a hat.
More blogposts to come :)