Mittwoch, 25. September 2013

Dichtung und Wahrheit?

Heute muß ich für den Titel den berühmten Johann Wolfgang von Goethe bemühen.
Während ich nichtsahnend auf der Suche nach einigen Modekupfern für mein derzeitges Ensemble auf dem Nähtisch suchte, ließ ich mich ablenken und stolperte über die
 'Göttingischen Taschenbücher zum Nutzen und Vergnügen',
 die im späten18./ frühen 19. Jahrhunderts von Heinrich Dietrich in Göttingen herausgegeben wurden.
Ich entdeckte einen wunderschönen - mir bis dahin unbekannten - Modekupfer aus dem Jahr 1811, der mich erst faszinierte und dann - bei genauerer Betrachtung - nahezu sprachlos machte!
Aber, meine werten Leser mögen sich selbst ein Bild machen:
Today's title refers to the famous biography of Johann Wolfgang von Goethe, which can be translated as 'ficton and truth'.
While I was searching for fashion plates for my latest ensemble on the sewing table, I got distracted once again and stumbled upon the journals 
'Göttingisches Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen', 
which have been published in the late 18th/early 19th century by Heinrich Dietrich in Göttingen.
I've found a lovely - and unfamiliar - fashion plate of the year 1811, which at first fascinated me and then without doubt made me speechless!
My dear readers surely will decide for themselves:
1810, Göttingisches Taschebuch zum Nutzen und Vergnügen für das Jahr 1811, Costumes de Bal (Quelle/source: über ZVAB)

Meine Sprachlosigkeit bezieht sich auf den Modekupfer auf der linken Seite. Die erste Dame ist uns allen bestens aus den 'Costume Parisien' Kupfern bekannt.
Vorzugsweise wird ihre Abbildung in der heutigen Nacharbeitung herangezogen, wenn Belege für Korsetts (Unterwäsche!) benötigt werden.
My speechlessness refers to the fashion plate on the left. The first lady is familiar to most of us from the 'Costume Parisien' fashion plates.
Preferable it is referred in modern re-creation to this plate when sources are needed to prove a certain shape of corsets (underwear!).

1810, Costume Parisien 'Corset de Tissu de fil en X' (Quelle/source: SceneInThePast)

Auf dem Modekupfer des Originals wird das Kleidungsstück als 'Corset de Tissu' vorgestellt.
Bislang wurde das Kleidungsstück daher in der heutigen Reproduktion von Kleidung im Sinne von Unterwäsche behandelt.
Laut dem deutschen Journal aus dem selben Jahr (1810 verfasst) handelt es sich aber nicht um Unterwäsche, sondern eine Modebesonderheit, die über dem eigentlichen Kleid bzw Ballkleid getragen wird.
Leider findet sich kein Text des 'Journal des Dames et des Modes', der Aufschluß über die Trageweise des 'Corset de Tissu' gibt, allerdings wird das Original den Herausgebern des Göttingischen Taschenkalenders vorgelegen haben, nach dem der Kupfer gestochen wurde. 
(Kopien von Modekupfern waren damals eine durchaus gängige Praktik: Abgekupfert)
Unterwäsche? 
Oberbekleidung nach der neusten Mode?
Haben die Herausgeber und Kupferstecher des deutschen Magazins in ihrer Recherche nachlässig gearbeitet?
Haben heutige Leser das Bild/Begrifflichkeit falsch aufgefasst?
In the original fashion plate the garment is labelled as 'Corset de Tissu'. So far this garment was dealt with as 'underwear' in nowadays fashion re-creations.
According to the German journal of the same year (written in 1810) it wasn't underwear however, but a latest fashion to wear over the actual dress, e.g. ball dress.
Unfortunately there's no text from the 'Journal des Dames et des Modes' available, which could give a hint on how this 'Corset de Tissu' was worn, but probably the publishers of the Göttingischen Taschenkalender have had the texts after which they have done their plates.
(Copies of fashion plates have been a common method: Abgekupfert
Underwear?
Latest fashion in outer wear?
Have the publishers and engravers of the German journal been careless in their research?
Have today's readers got a wrong picture/term?

Ich bin geneigt, letzterem Punkt zuzustimmen, wenngleich es für jede in Frage kommende Betrachtung ein durchaus plausibles 'Für' und 'Wider' gibt und eine erschöpfend Auskunft uns wohl eher vorenthalten bleibt.
Werfen wir gemeinsam einen Blick auf den Begriff 'Corset' in dem Französisch/Englischen Wörterbuch von Thomas Nugent.
Noch in der Ausgabe von 1817 (ebenso wie in der früheren Ausgabe von 1808) wird das französische 'Corset' mit 'jumps' oder 'bodice' übersetzt (Dtsch, etw. 'Mieder')
I'm likely to go for the latter, although each consideration offers 'pros' and 'cons', and undoubtly it's unlikely we'll might find the right answer.
Let's take a closer look at the term 'corset'  in the French/English dictionary of Thomas Nugent.
In the 1817 print (like in the earlier publication from 1808) the word is still translated with 'jumps' or 'boddice'

 1817, The New Pocket Dictionary of the English and French Language, Thomas Nugent
(Quelle/source: googlebooks)

Erst im Jahr 1821 wird der Eintrag korregiert, hingehend, dass es nun mit 'stays' (Dtsch, 'Schnürleib', später 'Korsett) übersetzt wird.
It takes until 1821 to correct the word into 'stays'
1821, The New Pocket Dictionary of the English and French Language, Thomas Nugent
(Quelle/source: googlebooks)

Ein weiteres Mal beweist sich, dass Moden und Begrifflichkeiten, die damals in Gebrauch waren, aus heutiger Sicht stets mit Vorsicht betrachtet werden sollten.
 Yet another proof, that fashion and it's terms, which have been in use back then, should always be dealt with utmost care.

EDIT: (Februar/February 2014)
Im Zusammenhang mit unserem Projekt "Journal Journey into the Year 1811" stieß Alessandra in der Februarausgabe des Journal des Dames et des Modes auf einen Leserbrief,
welcher der Feder des Hersteller des 'Corset de Tissu en X' entstammte. Aus seinem Text geht eindeutig hervor, dass das Corset im Sinne von Unterwäsche zu verstehen ist.
Nachzulesen: hier!
While doing research for our project "Journal Journey into the Year 1811" Alessandra digged out a reader's letter in the February issue of the Journal des Dames et des Modes. The writer happened to be the inventor of the 'Corset de tissu en X', which he clearly described as underwear.
Please read : here!

Dienstag, 10. September 2013

Weimarer Wochenende


In den dunklen herbstlichen Tagen des vergangenen Jahres, wünschten sich die bezaubernde  Alessandra und ich an einen sonnigen, anheimelnden Sehnsuchtsort: 
Weimar!
Die Idee war geboren, aber es sollte noch beinah ein Jahr voller Planung verstreichen, ehe wir auf diesen fabelhaften Einfall vor Ort in illustrer Gesellschaft anstoßen konnten.
In der gleichnamigen Biographie über Dorothea Schlegel (1764 - 1839) heißt es 
'Ich möchte mir Flügel wünschen', sie lebte einige Zeit in Jena, traf dort auf Goethe, ob sie je weimarer Boden betrat entzieht sich meiner Kenntnis...
...aber dort, an jenem elektrisierenden Ort, hätt' sie beflügelt werden können.
Uns ist's jedenfalls gelungen.
Drei Tage, in denen ich kaum zum Atemholen kam (und leider auch nur selten, um auf den Auslöser meiner Kamera zu drücken!), denn die Zeit verstrich wie im Fluge, Gespräche bahnten sich unentwegt an und das herrlichste Sommerwetter im September rang uns mitunter einiges ab,
doch nie...niemals möcht ich dieses Wochenende missen.
Ein Kaleidoskop an wunderbaren Charakteren, ein heiteres Durcheinander der Sprachen, gepaart mit der herrlichsten Garderobe, die man sich an Frauenzimmern und Mannsbildern nur denken kann, und gekrönt von Höflichkeit, einem Höchstmaß an Sympathie und munterer Geselligkeit, 
kurz: es war ein unbeschreibliches Vergnügen!
In the dark autumnly days of the past year, the lovely Alessandra and I dreamt of a sunny and homey Sehnsuchtsort (place of nostalgia):
Weimar!
The idea was formed, but one year of forging plans has had to pass until we could raise our glasses, surrounded by the most amazing company, to cheer on this locally.
There's a written biography about Dorothea Schlegel (1764 - 1839) with the title 'Ich möcht mir Flügel wünschen' ('I'd like to yearn for wings'), she lived a few years in Jena, met Goethe there, but it's unknown to me wether she ever set a foot onto weimarer ground...
...the place where she might have found her wings to soar.
Well, we've been sucessful in that regard.
Three days, in which I could hardly find time to take a deep breath (or to take many pictures, I'm afraid), because time dashed by, chats never ceased and the incredible late summer sunshine sometimes made us feel exhausted,
but I don't want to ever...never ever have missed this weekend!
A kaleidoscope of delightful characters, a happy mix of languages, together with the most amazing wardrobe ladies and gentlemen could ever be dressed in, and all these treats crowned with courtesy, utmost mutual sympathy and merry companionability,
in short: it was an incredible delight!

Am Freitag Nachmittag bezogen Kerstin, eine weitere Freundin und ich unser Quartier in der Nähe des Goethehauses.
Das wunderschöne Gebäude fiel mit seinem Baujahr 1823 zwar ein wenig aus dem Zeitrahmen, aber es war ein Ort zum Wohlfühlen und alle Sehenswürdigkeiten und die Unterkünfte, in denen die Mitglieder unseres Weimarer Salons residierten, lagen nur einige wenige Minuten entfernt.
On Friday afternoon Kerstin, another friend of mine and I arrived at our accomodation not far away from Goethe's home.
Our lovely house, which fell a bit out of the time frame being built in 1823, was a cosy place to stay and close to all sights and the accomodations of our fellow members of the Weimarer circle.

 Nachrichten und Neuigkeiten machten auf briefliche Art und Weise die Runde. Und Dank der Zuverlässigkeit des Postillions, versammelte sich unsere Gesellschaft wie vereinbart vor dem Haus des Geheimrats Goethe am Frauenplan.
Der Freitag stand im Zeichen des Kennenlernens bei einem gemütlichen Bummel durch die Gassen, einem spontanen Tanz auf der Esplanade (heute: Schillerstraße), einem Besuch der Meissen Porzellanhandlung und der herrlichen Hoffmannschen Buchhandlung.
Wir ließen Goethe, Schiller und die Hofgesellschaft wissen, dass wir vor Ort sind, wurden aber noch nicht vorstellig.
Messages and news were sent via letters. And due to a most reliable postillion, we all gathered on the agreed time at Goethe's house at the Frauenplan.
Friday was devoted to getting to know each other during a stroll through the streets, a sudden dance on the Esplanade  (today: Schillerstrasse), a visit to the Meissen porcelain shop and the stunning Hoffmann's bookstore.
We gave note to Goethe, Schiller and the court, that we've arrived, yet we did not pay a visit, yet.

Am folgenden Tag warteten wir beladen mit Körben voller Köstlichkeiten vor dem Hotel Elephant auf unsere beiden Kutschen, um Weimars Straßen zu kreuzen und schließlich im Ilmpark unser Picknick abhalten zu können.
On the following day we waited (packed with baskets full of delicious food) for our two coaches at the Hotel Elephant, to get through the streets and finally have our picknick at the Ilm Park.
Bei herrlichstem Sonnenschein ging es über das Kopfsteinpflaster durch die Stadt, bis unser Kutscher uns letztendlich an der berühmten Herzogin Anna Amalia Bibliothek absetzte, von wo aus wir zu Fuß durch den Park zu Goethes Gartenhaus schlenderten.
Dort im Schatten der alten Bäume mit Blick auf das berühmte Gartenhaus und die Ilmauen, ließ es sich aushalten.
We've had the most beautiful sunshine, while the coach clattered along the cobbled streets, until the coachman eventually stopped at the famous Duchess Anna Amalia Library, from which we took a stroll through the Ilm park to the famous Goethe's gardenhouse.
We settled in the shade of two old giant trees next to the house and the river Ilm.

Im Hintergrund ist eine der beiden Pforten zum Garten zu sehen. Nach dem Schmaus, nutzten einige von uns die Gelegnheit das Gartenhaus zu besuchen, zu dösen, zum Vergnügen aller ein Gedicht zu zitieren oder Blindekuh zu spielen...
The white gate leads to the garden. After the feast some of us visited the house, took a nap, quoted a poem or played blindman's buff...


...oder man unterhielt sich über Goethe.
...or chatted about Goethe.

Gänzlich konnten wir uns der Muße dann aber doch nicht hingeben, denn am Nachmittag waren wir zu Besuch im Bertuchhaus (Stadtmuseum), um mehr über Friedrich Justin Bertuch und das berühmte 'Journal des Luxus und der Moden' zu erfahren, ehe wir abends in das Gasthaus 'Zum weißen Schwan' unmittelbar neben dem Goethehaus einkehrten.
But we couldn't devote ourselves entirely to idleness, as we've had an appointment to pay a visit to the Bertuchhaus (Stadtmuseum) in the afternoon, to learn more about Friedrich Justin Bertuch and the famous 'Journal des Luxus und der Moden', before we settled at the 'Zum weißen Schwan' for supper.

Den allgegenwärtigen Schuhfotos setzten wir ein Hutfoto entgegen. 
Ich bitte meine Leser den etwas verwackelten Zustand des Bildes zu entschuldigen, aber ich denke, so wird sich Goethe beim abendlichen Verlassen des 'weißen Schwanes' auch manches Mal gefühlt haben...
Instead of the common 'shoe shot' we deliever a proper 'hat shot'.
I may ask my dear readers to apologize the blurry picture, but I guess this gives a good impression of how Goethe sometimes felt after leaving the 'Zum weißen Schwan' for home...

Der Sonntagvormittag stand dann zur freien Verfügung, ehe wir uns gegen Mittag in der Anna Amalia Bibliothek trafen. Einige besuchten das Schillerhaus, einige das Haus des Dichters Goethe...und einige beide Häuser.
Wir entschieden uns für die morgendliche Stimmung im Goethehaus.
On Sunday morning we've had no program, til we've met at 1pm to visit the Anna Amalia library.
Some paid a visit to the Schillerhouse, some went to Goethe's house...and some managed to visit both.
We decided on a visit to Goethe's house. 


Viel zu schnell rückte das Ende unserers gemeinsamen Wochenendes und damit auch der Abschied näher.
Es war ein unvergessliches Wochenende!!!
 All to quickly our lovely weekend approached it's end and it was time to say farewell.
It was an unforgetable weekend!!!

DANKESCHÖN - THANKS A LOT - MERCI BEAUCOUP


Weitere Berichte und wirklich viele wunderschöne Bilder finden meine Leser bei meinen lieben Mitreisenden unter:
My dear readers will find more blogposts and plenty amazing photos from my lovely friends under the following links:

Mittwoch, 21. August 2013

Von lächerlichen Taschen

Nach der Restaurierung meines Sonnenschirms blieben mir zwölf Segmente verschliessener grüner Seide, die - obschon zum Teil in beklagenswertem Zustand - viel zu schade waren, um den Gang aller unbrauchbaren Dinge zu gehen.
Unbrauchbar? Nein!
Aus den kleinen Stücken setzte sich vor meinem geistigen Auge ein kleines Täschchen zusammen, in dem die alte Seide eine neue Bestimmung erhalten sollte.
Bei dem Gedanken an die kleinen Täschchen in der Zeit der Romantik spuken einem unmittelbar Bergiffe wie 'Retikül' oder 'Ridikül' durch den Kopf.
Was genau war denn damit überhaupt gemeint und war jede Tasche 'lächerlich'?
After restoring my parasol, twelve pieces of faded silk remained, which - although in an amazing plight - were much too precious to take the route of useless things.
Useless? Well, no!
The tiny pieces assembled to a bag in my mind's eye, eventually the silk got a new purpose.
Speaking of bags during Regency, immediatley terms like 'reticule' and 'ridicule' come to one's mind.
What actually was meant by the term and have all bags been 'ridiculous'?

Eine gute Erklärung findet sich in einem englischen Text aus dem Jahr 1819.
A good explanation can be found in the following text from 1819.
1819, The Lady's Literary Cabinet (Quelle/source: googlebooks)

Keine Angst, meine Leser müssen nicht an ihrer Sehkraft zweifeln, der Text ist leider ein wenig verschwommen, aber hinter dem Quellenlink verbirgt sich eine bessere Wiedergabe des Textes.
Zusammenfassend sei zu bemerken, dass es sich üblicherweise nur um ein Retikül/Ridikül handelt, wenn es eine Netztasche ist.
Don't doubt your eyesight, my dear readers, the text really is that blurry - apologies! If you follow the source's link you'll get a better copy of the above.
Briefly spoken the text says it's only a reticule/ridicule when it's made of net.

 Und eine solche Tasche diente mir als Quelle der Inspiration, wenngleich ich kein Retikül/Ridikül gefertigt habe, sondern - im Sinne der romantischen Erklärung - lediglich eine Tasche.
And such bag I've chosen for inspiration, although I haven't made a reticule/ridicule, but - in the sense of regensyesque explanations - a simple bag.

Retikül (Netztasche), ca. 1.Viertel des 19. Jahrhunderts (Quelle: met)
Reticule (net bag), approx. 1st quarter 19th century (source: met)

Die Form ist faszinierend, aber meine Seide war nun wirklich nicht so löchrig, dass ich sie als 'Netz' bezeichnen könnte.
Ich suchte mir die fünf besten Segmente heraus und ergänzte sie mit neuer Seide, um ein wenig mehr Stoff zu erhalten. 
Insgesamt erhält die Tasche damit eine Größe von 30 Zentimetern. Ein guter Begleiter beim Flanieren und wie geschaffen, mich in Kürze nach Weimar zu begleiten.
Und in großer Verehrung dieser wunderbaren Stadt und ihrer aufregenden Historie im späten 18. Jahrhundert und frühen 19.Jahrhundert, schuf ich ein durchaus zeitgenössisches Andenken an den Weimarer 'Musenhof' der Herzogin Anna Amalia.
In vergoldeter Pappe (auch als Dresdner Pappe bekannt) zieren nun Goethe, Wieland und die Herzogin Anna Amalia in illustrer Reisegesellschaft die Tasche.
The shape is fascinating, but however my silk wasn't that porous that I could describe it as 'net'.
I took the five best pieces from the former canopy and added bits of new silk, to get more 'fabric' to work with.
 The bag measures twelve inches in height. A good company for a stroll and very appropriate in seize for my next travel to Weimar.
And in deep admiration for this beautiful town, with it's amazing history in the late 18th century and early 19th century, I decorated the bag in honour of the Weimar's courtyard of muses of the duchess Anna Amalia.
Goethe, Wieland and Anna Amalia adorn the bag in gilt cardboard frames.

 Die Tasche mit vergoldetem Quast und dem gerahmten Portrait Goethes.
The bag with the gilt tassel and the framed portrait of Goethe.

Das Farbspiel der neuen und alten Seide. Neben Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) prangt ein Portrait von
Christoph Martin Wieland (1733 - 1813), den Herzogin Anna Amalia gern vertraut 'Wielandchen' nannte.
Die Drei waren maßgeblich an der Gründung des Weimarer Musenhofes beteiligt.
 Die drei Portraits bzw Zeichnungen sind auf Pappe (aus altem Bestand) montiert und dann mit Knochenleim aufgeklebt.
The colour scheme with the old and new silk. Next to Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) is a portrait of Christoph Martin Wieland (1733 - 1813), whom Duchess Anna Amalia
sometimes called 'Wielandchen'.
 These three have been involved in the foundation of the Weimar's courtyard of muses.
 The three portraits, respectively drawings, are mounted on old cardboard and then glued to the bag with bone glue.

Ein Bild von Anna Amalia auf Reisen.
A picture of Anna Amalia on one of her journeys.

Insgesamt wurden vier Drähte in die Tasche eingearbeitet.
Altogether I've used four wires for the bag.

Goethe und Wieland Seite an Seite.
Goethe and Wieland side by side.

In den oberen Ring wurde noch Stoff eingesetzt, um die Tasche schließen zu können.
Auf dem Rand sitzt eine Seidenrüsche.
Some more fabric has been added to the ring on top, to be able to close the bag.
I've added a silk ruffle to the edge.

Innen ist die Tasche mit bedrucktem Baumwollstoff ausgeschlagen.
On the inside the bag is lined with a printed cotton.

Ein Detail der Troddel
A detail of the tassel on the bottom



Die alte Seide war leider zum Teil derart brüchig, dass ich sie mit Vlies hinterlegen mußte, um weiteres Einreissen zu verhindern. Im Gegensatz zur neuen Seide ist sie sehr dünn und glatt, eine einstmal herrlicher Qualität.
Unfortunately the silk was far too thin and broken and I've had to add some backing, to prevent the silk from ripping. Compared to the new silk the old pieces are very thin and smooth, lovely lightweight silk.

Die Tasche ist komplett von Hand genäht. Wie bei meinem Sonnenschirm habe ich blauen Baumwollfaden genommen, der an der ein oder anderen Stelle hervorsticht.
The bag is completely hand-sewn. I've sewn with the same blue cotton thread which I have already used with my parasol.



Sonntag, 11. August 2013

These boots are made for walking...

Nachdem ich in diesem Sommer bereits zwei Paar 'moderne' Schuhe alltagstauglich für die Zeit um 1815 umgewandelt habe, 
wies mich die unglaublich talentierte Sarah vom Blog 'A most peculiar mademoiselle'
auf ein besonderes Paar Halbstiefel hin.
Ein einziger Blick genügte, um mein Interesse zu wecken!
While I've already had altered two pairs of 'modern' shoes into period footwear this summer,
the amazingly talented Sarah of the blog 'A most peculiar mademoiselle' nudge me to a rather unusual pair of half boots.
A single peek was sufficient, to catch my interest!
Schuh ca. 1815/20 Original des Bata Shoe Museum (?)
(Quelle/source: Regency Ramble)

Damals wie heute gab es Zeiten, in denen man zu Gunsten von Haus und Hof den Geldbeutel schonen mußte, statt der Mode zu folgen.
Aber die findige Hausfrau hatte sicherlich noch ein gutes Paar Schuhe vom Frühling oder Sommer, die sie flugs zu einem Halbstiefel für den nahenden Herbst umarbeiten konnte.
Eine ökonomische Maßnahme, die ich unbedingt nachahmen wollte.
Then and now people have been through times were the pennies would have been saved for maintenance of the house and yard, rather than spending them on fashion.
But the smart housewife probably had a mint pair of slippers from spring or summer, which could be altered into a lovely pair of half boots for the upcoming autumn.
An economic method, which I'd gladly like to copy.

Ein weiteres Paar Hirica Ballerinas mußte her. 
Zunächst folgte die gleiche Vorgehensweise wie bei meinen anderen Paaren. Die Schuhe bekamen Einlegesohlen aus festem Leinen, ein Schuhlabel aus Papier und schließlich den mit Tinte geschriebenen Hinweis
'rechts' und 'links', denn die Schuhe sind auf gleichem Leisten gefertigt.
Diesmal allerdings habe ich das Leder vorn nicht im Halbbogen belassen, sondern eine gerade Kante geschnitten.
Another pair of Hirica ballet flats was ordered.
First I followed the same procedure as with the other two pairs. The shoes received proper linen insoles made of sturdy linen, a shoe label made of paper and the ink inscription for 'right' and 'left' as the slippers are build on straight lasts.
This time however I had to cut the front from the curved edge to a straight.

Dann mußte ein Paar alter Socken herhalten, die am Fuß mit Kreppband umwickelt wurden, ehe ich in die Schuhe schlüpfte, um mir die Linien für das Schnittmuster einzuzeichnen.
Nach dem Hinzufügen der Nahtzugabe, sieht das Schnittmuster dann folgendermaßen aus:
Then I fetch an old pair of socks, which are wrapped around the foot with painter's duct tape, before slipping into the prepared shoes, hence to set the marks for a pattern.
After adding the seam allowance, the pattern finally looks like this:

Ich entschied mich dazu, das Obermaterial der Schuhe aus drei Lagen Stoff zu fertigen.
Innen helles Leinen, dann eine Schicht aus festem Baumwollstoff und schließlich schwarzer Chintz.
I decided to take three layers of fabric for the uppers.
Inside off-white linen, then a layer of sturdy cotton and finally glazed cotton in black.
 
Die drei Schichten wurden zunächst mit Heftstichen zusammengenäht, um dann die obere Kante mit schwarzem Ripsband einzufassen. Danach wurden für jeden Schuh 24 Schnürlöcher eingenäht.
The three layers were basted together before I stitched black grosgrain ribbon (Petersham) along the upper edge. After that I've stitched 24 lacing holes for each half boot.

Schließlich fehlte noch die Zunge. Ich wählte Leder, das ich von einer - bereits vor einiger Zeit aufgetragenen und zugeschnittenen - Jacke nahm und entsprechend mit Lederfarbe schwarz färbte.
Finally the boots needed tongues. I chose leather, which I took from a - old worn and already pieced - jacket. With the help of leather paint it quickly became black.

Bevor der Stoff an den bestehenden Schuh angenäht werden kann, muß die Zunge erst eingenäht werden.
Before sewing the fabric to the shoe base, the tongue has to be stitched to the uppers.

Und dann beginnt die eigentliche Arbeit. Pssst...die Finger danken einem den Gebrauch von einem geeigneten Fingerhut!
And then the true labour begins! Ssssshh...fingers are quite grateful for a proper thimble!
Ich hatte noch eine Rolle altes, sehr festes Baumwollgarn in Dunkelbraun, das üblicherweise als Teppichgarn bezeichnet wurde. Außerdem kam eine dicke Stahlnadel mit recht dünnem Kopf zum Einsatz.
Trotz vorgestochenen Löchern, einem Fingerhut und viel Begeisterung, mußte ich meinen Fingern und Händen nach der ungewohnten Arbeit nach dem linken Schuh erstmal einen Tag Ruhe gönnen.
Luckily I've had an old spool of sturdy brown cotton thread, known as rug-thread. I also used a thick steel needle with a small eye.
Although I punched the holes for the stitches beforehand, and although I used a thimble and went to work with great enthusiasm, I had to take a break from the unfamiliar work after finishing the left boot and give my fingers and hands a day of rest.

Aber dann war es endlich soweit!
But finally they were done!

 Die kleine Schleife, die ich bei meinem Paar hinzugefügt habe, sieht man bei vielen zeitgenössischen Paaren. Zudem erfüllt sie in diesem Fall einen Zweck, denn sie verdeckt die Stelle, wo ein paar Löcher von der ursprünglichen Dekoration geblieben sind.
The tiny bow, which I have added to my pair, is seen quite often in period pairs. Furthermore it has a purpose, because it hides a few holes, were there has formerly been the primarily decoration.
1815 Halbstiefel in Creme mit Schleife/ ankle boots in cream with ribbon tie (Quelle/source: Museum of London)

Die Schleife ist aus dem Einfassband (Ripsband) gefertigt.
The ribbon tie is made of the grosgrain ribbon.

Der braune Baumwollfaden hebt sich schmeichelhaft von dem schwarzen Schuh ab.
The brown cotton thread beautifully distinguishes from the black boots.

Ein Blick in den Schuh. Leider ist dieser Einblick bei dem Originalschuh vom Bata Shoe Museum nicht möglich gewesen, aber ich denke, dass die Verarbeitung ähnlich sein dürfte.
A glance inside the boot. Unfortunately this view isn't available for the original pair at the Bata Shoe Museum, but I suppose, the handling was similar.

Ich gebe zu, die Schnürlöcher hätten insgesamt etwas hübscher ausfallen können, aber schließlich erfüllen sie ihren Zweck...
I admit, the lacing holes could have been done a tad prettier, but - alas - they do fulfill their purpose...

Die Schuhe verfügen über die wunderbar langestreckte, zeitgenössische Silhouette, die ich bei so vielen Modekupfern bewundert habe.
The boots have the lovely prolongued period silhouette, which I have admired on so many fashion plates.

Und wie der Titel dieses Beitrags es schon andeutet...
And as the title of this blogpost already anticipated...

These boots are made for walking, and this is what they do

Diese Schuhe machen einfach richtig Spaß!
These boots simply are great fun!

Die Stiefelchen sind unglaublich angenehm am Fuß. Zwar sitzen sie eng, aber sie beugen sich jeder Bewegung.
These regency boots are highly comfortable. Although they have a tight fit, they do mold wonderfully.

Leider ist es mir - der guten Sitte folgend - nicht erlaubt meine weißen Strümpfe zu zeigen...
Unfortunately - according to decency commission - I won't show you my white stockings...

...nur ein klitzekleiner Einblick vielleicht.
...maybe a tiny sneek peak.

Ich mag sie gar nicht mehr ausziehen!
I'll probably wear them night and day!

Dienstag, 6. August 2013

ca. 1815 Collerette (nach Lina Gröger)


Meine erste Begegnung mit Lina Gröger fand im August vor zwei Jahren statt.
Ich blätterte durch den herrlichen Katalog 
'Kunst des Biedermeier 1815-1835'
(Georg Himmelheber, 1989 im Prestel Verlag) 
und stieß auf eine kleine monochrome Abbildung ihres Portraits, das mich unmittelbar begeisterte.
Kurz darauf im August 2011 widmete ich ihr einen kleinen Eintrag unter dem Titel
'Museumsbesuch'
Zwei Jahre ist das nun her - Himmel, wie die Zeit vergeht!
Leider ist nicht viel über sie bekannt. Sie war die Pflegetochter des Künstlers und Portraitmalers Friedrich Carl Gröger (1766 - 1838), der sie mit einigen Pinselstrichen für die Ewigkeit in einem Portrait festhielt.
Kurioserweise datiert die englische Wikipediaseite das Portrait auf das Jahr 1802, während die deutsche Seite (und auch das mir vorliegende Buch) das Jahr 1815 anführt.
Die Seite der Kunsthalle Hamburg gar hat keinerlei Verweise auf das Potrait.
Trotz aller chronologischer Verwirrung, schauen wir einer hübschen jungen Frau ins Gesicht. Einen Blick, dem sie unbeirrt standhält (wenngleich ihre Wangen eine leichte Röte zieren).
Ebenso fasziniernd wie sie selbst, ist ihre Kleidung, allen voran die hauchzarte Chemisette, die sie über dem tintenblauen Kleid trägt.
My first encounter with Lina Gröger happened two years ago.
I was leafing through the catalogue
'Kunst des Biedermeier 1815-1835'
(Georg Himmelheber, 1989 for Prestel Verlag)
and stumbled upon a small monochrom picture of her portrait, which inspired me instantly.
Shortly after, in August 2011, I dedicated her a blogpost, which was titled
'Museumsbesuch'
Two years passed since then - time flies by!
Unfortunately not much is known about her. She was the foster daughter of the artist and portrait painter Friedrich Carl Gröger (1766-1838), who painted her portrait to be admired ever since.
Confusingly the English wikipedia site dates the picture to the year 1802, while the German site (and the above mentioned catalogue) date it to 1815.
There are no traces at the website of the Hamburger Kunsthalle either.
Despite all the confusion, we look right into the face of a beautiful young woman.
A glance, which she withstands (although with mildly blushed cheeks).
As fascinating as she is herself, is her clothing, especially the lightweight chemisette,
that she wears on top of her ink blue dress.
1815, Lina Gröger (Kunsthalle Hamburg)

Da ich bereits für das Kleid nach einer Zeichnung von Orest Kiprensky einen üppigen Chemisettekragen in Arbeit hatte, fertigte ich gleich einen zweiten, ähnlichen Kragen, um ihn für die Nacharbeitung der oben abgebildeten Chemisette bzw Collerette zuverwenden.
Für den Kragen verwendete ich zwei Längen Batist in der Abmessung von 2,20 Meter mal ca. 17 Zentimeter.
Der Rand wurde möglichst schmal eingefasst und zwei Seiten zudem noch mit Spitze verziert.
While I was stitching a ruffle for the Orest Kiprensky dress, I already crafted a second, similar ruffle, which I intended to use for the collerette shown above.
I took two length of batiste for the ruffle, measuring 86 inchs x 6.6 inchs.
The edges were hemmed quite narrow and on two sides I've added tiny lace.

Die beiden Längen werden übereinander gelegt, um einen Tunnel einzunähen.
Both lengths are layered to sew a tunnel.

Da die mit Spitze versehene Kante später nach vorne hin herunterfällt, ist es wichtig, dass diese Kanten (im Gegensatz zu den unteren Rändern) zur anderen Seite hin gesäumt werden.
As the laced edge will later be overlapping to the front, it is important to hem it on the opposite side as the lower edges.

 Schließlich wird ein Band in den Kragen gezogen und gerafft. Die Falten werden Innen mit kleinen Heftstichen festgenäht, darüber kommt später noch das Schmutzband.
Finally a ribbon is pulled though the channel and the collar is ruffled. The tiny pleats are basted. These stitches will later be hidden under an attached neck band.


Da der Tunnel beinah zwei Zentimeter mißt, habe ich zwei Baumwollbänder eingezogen und zunächst auch noch einen Streifen festeres Papier, welcher den Kragen während des Nähvorgangs stabilisiert.
As the tunnel measures nearly one inch, I've added two ribbons and a temporary strip of cardboard, which helps to keep the ruffle in shape during stitching.

Nachdem der Kragen fertiggestellt war, dachte ich über die Konstruktion der Collerette nach. Leider verwehrt uns der Künstler sowohl einen Blick auf die Rückseite, als auch darauf, wie die Collerette unter den Armen befestigt ist.
Ich blätterte durch Nancy Bradfields 'Costume in detail', aber bei den dort abgebildeten Stücken werden Vorderteil und Rückteil lediglich durch Bänder verbunden. Diese Konstruktion erklärt allerdings nicht, die Falten, die wir auf dem Bild nahe der Achseln im Stoff sehen.
Also entschied ich mich nach einigen Versuchen für ein Oberteil, bei dem Vorderteil und Rückteil durch eine Naht verbunden sind.
After finishing the ruffle, I wondered how the bodice was constructed. Unfortunately the artist refused us a peek on the back and how it was fastened under the arms.
I read Nancy Bradfield's 'Costume in detail' for reference, but the shown colerrettes in the book were only fastened with ribbons, connecting the front and back of the bodice.
This construction delieveres no explanation for the wrinkles in the fabric, which are shown in the portrait. Thus I decided after a few mock-ups to connect the front and back with a seam.

Der gestreifte Batist ist bereits zusammengenäht und wartet auf die gerüschten Ärmel, die ebenfalls mit Spitze besetzt wurden.
The striped batiste bodice is already sewn and awaits the ruffled sleeves, which are adorned with lace.

Der Rand wurde doppelt umgeschlagen, aufgereiht und an die Armlöcher genäht.
The edge was folded twice, basted and then stitched to the sleeve caps.

Der eingesetzte Ärmel.
The sleeve is set in.

Die schlichte Vorderansicht der Collerette, mit den nach vorn gesetzten Schulternähten.
The plain front of the collerette with the shoulder seams reaching down.

Die Rückseite. Am Bund läuft ein Band durch, welches vorne geschlossen werden kann. Die Rückseite ist etwa anderthalb Zentimeter kürzer, sodass das Band vorne auf dem Stoff liegt.
The back view. There's a ribbon running through the waist channel, to close the garment in the front.
The back is cut slightly shorter (about half an inch), hence the fabric runs over the fabric in the front.

Die Rückansicht mit dem Kragen. Dieser wurde mit dem Schmutzband am Ausschnitt der Collerette angenäht.
The back with the collar added. The ruffle was sewn in at the neckband of the collar.

Die Vorderansicht mit dem gestärkten Kragen
The front view with the starched ruffle

Erst im Licht, entfaltet sich die ganze zarte Pracht des Batist.
In the sunshine the batist unfolds it's utter sheer beauty.


In der kommende Woche kann ich hoffentlich mit der Arbeit an dem dazugehörigen Kleid beginnen.
Fest stehen die blaue Farbe und  die Gestaltung der Ärmel.
Bei der Ausarbeitung des Rockteils nehme ich mir einige Freiheit.
In dem Zusammenhang werde ich dann auch das Geheimnis des schmalen blauen Bands lüften, das im Portrait die Collerette hält...
I'll try to start with the dress next week.
The blue colour of the dress and the shape of the sleeves are given.
The construction and decoration of the skirt is up to my imagination.
When I'm done with the garment, I'll also explain the secret of the small blue ribbon, wich keeps the collerette in place...