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Sonntag, 21. Dezember 2014

Journal Journey into the Year 1811: Dezember 'Journal des Luxus und der Moden'

So schnell zieht ein Jahr ins Land. 
Tatsächlich!
Heute brechen wir zum zwölften und damit zum letzten Mal auf zu unserem Journal Journey into the Year 1811.
Monat um Monat haben wir ein kleines Fenster in die Welt vor zweihundert Jahren aufgestoßen und mit dieser letzten Reise bleibt die Hoffnung, dass dieser Blick in die Vergangenheit bestehen bleibt:
genährt von der Neugierde, Dinge aus erster Hand zu efahren.
Unsere Texte waren immer nur Ausschnitte einer lebendigen Welt.
Wir haben das große Glück, dass diese Quellen nicht nur überdauert haben, sondern auch für uns alle zugänglich gemacht wurden. 
Vergessen wir sie nicht. Nutzen wir sie! Lernen wir mehr!
The year passed so quickly.
Really!
Today it's the last time we leave for the Journal Journey into the Year 1811.
Month after month we've opened a small window to the world two hundred years ago and with this last journey we hope, that this glimpse into the past will continue:
nourished by the curiousity to learn things first hand.
Our texts have always been just minor excerpts of a vivid past.
We have the huge luck that this sources not only have survived, but that they are made available for all of us. 
Let us not forget them. Let's use them! Let's learn!
William Hazlitt 1778-1830 (Quelle/source: izquotes)

Journal des Luxus und der Moden 
Dezember 1811
 (Herausgeber/Verleger Friedrich Justin Bertuch, Weimar)
1811, Dezember, Journal des Luxus und der Moden
  IX. Erklärung der Kupfertafeln
Tafel.34 Fig. 1. Demi parure. Ein weißes Kleid mit einer jetzt sehr beliebten Ceinture (Gürtel), wo das Schloß zwei Sphinxe oder Löwenköpfe, bildet.- Der Hut ist von ungerissenem Sammet mit weißem Bande und Federn garnirt.
Fig. 2. Voller Anzug. Das Kleid ist von gros de noble. Der Kragen von gestickten Petinet-Banden, mit Zäckchen von schmalen Bändchen und Glanzblonden garnirt. Der Fond des Aufsatzes ist von Petinet und Silber gestickt, umwunden mit Mull; vorn ein geschlungenes Bouquet von kleinen Röschen. Zu diesem Anzuge kann auch obige Ceinture sehr gut getragen werden.
Die Moden dieser Tafel sind aus der Modehandlung der Madame Oels in Weimar. 
  IX. Explanation of the copper plates 
Plate 34 Fig.1. Half dress. A white dress with a currently very popular ceinture (belt), where the buckle is made of two sphinxs facing or two lion heads. The hat is made of uncut velvet, adorned with white ribbon and feathers.
Fig.2. Full dress. The dress is made of gros de noble. The collar is made of embroidered petinet trims, decorated with tiny van dykes or blondes. The headgear itself is made of petinet embroidered with silver, covered with gauze, a bouquet of little roses at the front. The ceinture mentioned above would match the dress beautifully.
The fashions shown on this plate are from Mme Oels’ shop in Weimar.
1811, Journal des Luxus und der Moden Tafel 34, Dezember 
(Quelle/source: thulb Uni Jena)

Tafel.35 Diese Tafel liefert die neusten Pariser Auffsätze, wo aber bei den Hutformen der Reiz der Neuheit auf Kosten einer entstellenden ungraciösen Form erkauft wird.
1) Hüte von Virginie und Reps
2) Toquets von Perkale und Tulle
3) Toquet von gesticktem Mousselin
4) Toquet von Perkale und Tulle
Plate 35 This plate shows the latest Parisian headgear, but the appeal of novelty within the shape of hat was bought on an entirely inelegant look.
1) hats of virginie and reps
2) toquets of percale and tulle
3) toquet of embroidered muslin
4) toquet of percale and mull
 
1811, Journal des Luxus und der Moden Tafel 35, Dezember
(Quelle/source: thulb Uni Jena)

VIII. Moden 
  Modenbericht aus Cassel im November 1811 
Die Winterbekleidungen sind eben aus Paris gekommen. Das neueste sind Oberröcke (Kleider) und Spencer von der nämlichen Farbe darüber, alles sehr reich mit Felbel (Peluche de Soie, Kunstplüsch aus Seide) besetzt, sogar unten herum zwei bis dreimal. Die Wuth der Garnirungen ist aufs äußerste gestiegen, die Crepkleider werden oft mit fünffachem Falbeln (ringsumlaufende Verzierungen am Rock) besetzt.
Ja sogar bei den Ballkleidern reicht eine Blumenbesatzung nicht mehr hin; es müssen wenigstens drei übereinander seyn. Auf dem letzten Hoffeste trug eine der Palastdamen ein Kleid von weißer Tulle ganz dicht mit Schmelz übersäet und unten mit drei Besetzungen dicker Rosenzweige garnirt. Die Kleid, das mit weißem Atlas gefüttert war, soll 25 Pfund gewogen haben; man hätte glauben sollen die Leichtigkeit des Tanzes leide darunter, doch schien nur mehr à plomb dadurch gewonnen. -Die Haarbänder über der Stirn dauern noch – oder die Stirn wird ganz frei getragen und nur an den Schläfen eine dicke Locke. – Hüte zum déshabillé werden häufig von einem schmalgestreiften Seidenzeug getragen, mit Schleifen vom nämlichen Zeug, das, in einiger Entfernung, auf ein Haar aussieht wie der ostindische Gingham.
Die Schleifen sind alle auf die rechte Seite gewandert. Dahin haben sich auch die Federn verfügt; ziemlich große Hüte von gros de Naples, haben solche Federbouquets, gewöhnlich zu 5 Federn, die von der Farbe des Huts mit weiß vermischt, an der rechten Seite des Hand hohen Hutkopfes befestigt sind, und nicht mehr wie sonst demüthig niederfallen, sondern etwas emporstehen.

Zu Kleidern wird häufig ein in zwei Farben gewürfeltes Seidenzeug getragen, das dem Kurzsichtigen fast wie jenes Leinenzeug vorkommt, welches man in weniger luxuriösen Zeiten wohl zu Stuhlüberzügen brauchte. Die Kleider haben jetzt statt des viereckigen Brustausschnittes ein von der Schulter schräg herablaufendes Stück, welches die Reize zu beiden Seiten etwas anständiger verhüllt und etwas zu errathen übrig lässt.

Die Kleider haben übrigens an Weite wieder zugenommen, welches aber nur von der Rückseite bemerklich wird, indem alle dicke Falten sich dort versammeln.

VIII. Fashions  
Fashion news from Cassel for November 1811 
The winter garments just arrivd from Paris. The latest fashion are spencers worn with dresses of the same colour, everything is richly embellished with peluche de soie (silk plush), the skirts two or three times. The popularity of decoration has increased tremendously, dresses of crepe are decorated with up to five rows.
Even in ball gowns a single simple flower decoration isn’t sufficient anymore, the new fashion calls at least for three rows. On the last royal ball one of the court ladies was wearing a dress made of white tulle embroidered with flattened wire ribbons, and with three rows of splendid rose twigs at the skirt. The gown, which was lined with satin, was said to weigh 25 pounds; it was expected that the fact had an impact on the ease of dancing, but on the contrary it solely put more à plomb (weight) on the pleasure. –Hair ribbons across the forehead are still fashionable – or the forehead isn’t covered at all with only one big curl on each temple. -Hats matching the déshabillé are often made of thin striped silk, with bows of the same fabric, which, from a distance, looks very much like East Indian gingham.
The bows wandered to the right side. Same place where now all feathers have gone to; quite big hats of gros de naples have such feather bouquets, usually made of five feathers, with a colour matching the hat colour and white, are attached on the right side of the high hat (which is one hand high). They do not fall down, but stand erect.

Dresses are now often made of a two tone chequered silk, which seems to the eye as if it’s the linen fabric, which was used for covering chairs in less elegant times. The dresses switched from a square neck to one, where the fronts fall down from the shoulders in triangles and meet in front, it covers the front decently, yet leaves much to imagination.

Actually the dresses have gained width again regarding the skirts, but it’s only to be noticed from the back, where the pleats gather.


An dieser Stelle gebe ich zum letzten Mal ab an Alessandra für die neusten Moden aus Paris vom/
And now - for the last time - I like to direct you to Alessandra for the latest fashions of Paris from
und an Maggie für einen Überblick aus London/and to Maggie for an overview from London via
  "Ackermann's Repository",
sowie an Natalie für die Neuigkeiten vom Londoner Hof/and to Natalie for news from London's court
  "LaBelle Assemblée"


Vielen Dank für die stets interessierte Begleitung und die anregenden Kommentare.
Ich wünsche meinen Lesern weiterhin viel Vergnügen beim Lesen der unzähligen Journale und beim Eintauchen in die lebendige Vergangeheit der gar nicht so angestaubten Seiten.
Und ich hoffe, einige von ihnen werden mich mit eben jener Begeisterung bei meinem neuen Abenteuer begleiten...es handelt auch von Modekupfern!
Thank you kindly for your interested company and for the exciting comments.
I would love to know my readers enjoy reading the various journals and delving into the past of the not really dusty pages.
And I hope, some of you will accompany me with the same enthusiasm into my new adventure...fashion plates included!


Sonntag, 16. November 2014

Journal Journey into the Year 1811: November 'Journal des Luxus und der Moden'


Die Ausgabe des Monats November wartete mit einige besondere Überraschungen auf, denn diesmal verzichteten die Herausgeber auf die üblichen Modekupfer und setzten all ihre Aufmerksamkeit auf einen Bericht der Leipziger Herbstmesse, die Michaelis Messe.
Und diese Zusammenfassung entpuppt sich als wahre Fundgrube.
Ich lade meine Leser dazu ein, mir in die folgende Vorstellung zu folgen
"Was Sie schon immer über Cashmere und Shawls wissen wollten,
aber nie zu fragen gewagt haben..."
The November issue revealed a lot of amazing surprises, as the publishers abandoned any fashion plates, and instead fully concentrated on the latest news from the Autumn Fair in Leipzig, called Michaelmas Fair.
This summary proves to be a repository of knowledge.
I heartily invite my readers to accopmany me to the following presentation
"What you always wanted to know about cashmere and shawls, but were afraid to ask..."

Journal des Luxus und der Moden 
November 1811
 (Herausgeber/Verleger Friedrich Justin Bertuch, Weimar)
1811, November, Journal des Luxus und der Moden
VIII. Moden 
Übersicht der Mode=Neuigkeiten aus dem Gewölbe der Herren Göhring und Gerhard in Leipzig in der Michaelis Messe 1811
1) Weibliche Bekleidung
 So wie der Geschmack des Orients sich auf Alles ausdehnt, was zum Anzug der Damen gehört, so behauptet er ganz besonders auch sein Ansehn bei allen inländischen, Schweizer- und Französischen Kattunen; denn alle neuen Zitze, die wir diese Messe, in dem besagten Magazin sahen, waren mehr oder weniger orientalisch in amaranth, hellblau, und hellgrünem Grunde, mit lebhaften Palmetten und Kaschemirblümchen; farbig gestreift und guirlandirt, in mannichfaltigen Dessins, theils ächten persischen Stoffen nachgeahmt, theils von eigener Fantasie geschaffen.
Die Preise waren 16 bis 17 Gr. (Groschen) für die Elle gewöhnliche Breite, superfeine 6/4 breite verkauften sich zu 1 Rthlr (Reichsthaler) 4 Gr. bis zu 1 Rthlr 8 Gr.
  VIII. Fashions 
Overview of the latest fashions from Göhring & Gerhard’s warehouse at the Michaelmas Day Fair in Leipzig 1811
2) Female’s fashions
 As much as the oriental influence is taking over the reign in the ladies’ dresses, it also spreads among German, Swiss and French cottons; almost all chits we’ve seen at this Michaelmas Fair in the above mentioned warehouse, have been more or less oriental in colours like amaranth, celestial blue and light green basics, with vivid palm ornaments and cashmere flowers; coloured stripes and garlands, in many designs, partly mimicking real Persian fabrics, partly from the deriving from imagination.
Prices have been 16 to 17 Gr(oschen) for the ell in the common width, superfine 6/4 wide were sold at 1 Rthlr (Reichsthaler) 4.Gr. to 1 Rthlr 8 Gr.

Ausschnitt der Miscellen aus dem La Belle Assemblée April 1807
Hier zeigt sich, wie selten der 'ächte Kaschmir' damals war, bei einer ganzen Schiffladung voller Textilien, die für den spanischen Markt bestimmt war und von den Engländern als Prise erbeutet wurde, befanden sich nur 3 (!) dieser Shawls....und sie waren angeblich für Mme Buonaparte bestimmt.
(Quelle: Mme Kaya)
Excerpt of the miscellanea of La Belle Assemblée, April 1807
The text reveals how rare the 'real cashmere' has been, as there were only 3 (!) shawls in this Spanish Prize full of textile goods....and these were said to be meant for Mme Buonaparte.
(Source: Mme Kaya)

Der ächte Kaschmir, den schon lange Europäische Augen mit Staunen ansehen, und welcher wie Perlen und Diamanten immer eine ausschließliche Tracht der Reichen und Vornehmen bleiben wird, ist schon in Shawls und Kleidern seit mehreren Jahren durch Franzosen und Sachsen glücklich nachgeahmt, und für diesen Herbst von unseren Damen unter dem Titel Merinos, (den von der Wolle der ächten spanischen Schafe oder Merinos trägt, aus welchen er, wenn er gut sein soll, gewebt sein muß) zum Lieblingsstoff für Ueberröcke erwählt worden. Man hat davon geringere und feinere Gattungen.
Die gewöhnliche Gattung, 4/4 breit, kostet 1 Rthlr. bis 1 Rthlr. 4 Gr.,
5/4 breit 1 Rthlr. 8 Gr. bis 1 Rthlr. 12,
feinere 6/4 breit 1 Rthlr. 16 Gr. bis 1 Rthlr. 20 Gr.
und 5/4 breite superfeine sogenannte Double-Merinos wozu nur die allerfeinste Streichwolle verwandt werden kann, 2 Rthlr. bis 2 Rthlr. 4 Gr. die Elle.
The real cashmere, which European eyes marvel at with great amazement for quite some time, and which will - like pearls and diamonds – remain and exclusive fashion for the wealthy and genteel society, is already mimicked for some years in shawls and dresses by the French and Saxons, and this autumn the most popular fabric for dresses is labelled as Merino (which has to be woven from the real Spanish merino shep, if it should be of fine quality). There are fine and minor qualities available.
The common quality, 4/4 wide costs 1 Rthlr to 1 Rthlr. 4 Gr.,
5/4 wide 1 Rthlr. 8 Gr. to 1 Rthlr. 12,
finer quality 6/4 wide 1 Rthlr. 16 Gr. to 1 Rthlr. 20 Gr.
And 5/4 wide superfine quality, so-called Double-Merino, which is made from the finest smooth wool, is 2 Rthlr. to 2 Rthlr. 4 Gr. per ell.

1812, Costume Parisien Robe de Merino (Quelle/source: via pinterest)

Man trägt die Merinos nur in lebhaften Shawl=Farben, als: scharlach, amaranth, jonquille, grasgrün, himmelblau, drachengrün, dunkelblau, aurora, und orange, und besetzt die Ueberröcke und Kleider davon mit wollenen türkischen Bande, die Elle zu 4 bis 6 Gr., in dessen Fabrikation das gewerbfleißige Annaberg im Erzgebirge große Fortschritte gemacht hat, und wovon sich eine geschmackvolle Auswahl ebenfalls in dem genannten Gewölbe zum Verkauf befindet.
 The merinos are solely worn in very lively shawlcolours, like: scarlet, amaranth, jonquilla, grass green, celestial blue, dragon green, dark blue, aurora, and orange. The outerwear and dresses made from these are decorated with a woollen Turkish trim, 4 to 6 Gr. per ell, which is manufactured with lots of success and progress in Annaberg in the area of Erzgebirge (Saxonia), hence an elegant variety is available at the mentioned warehouse for sale.
 Zwei Stücke frz. Baumwoll Bordüre ca.1805 -1810
Two lenghts of french cotton trim ca.1805-1810

Ein dem Merinos gleichendes Gewebe ist auch in Baumwolle erschienen. Diese sogenannten baumwollenen Merinos kosten ¼ breit 20 Gr., 10/4 breit 1 Rthlr. 4 Gr. Eine angenehme und wohlfeile Tracht zu Hauskleidern.
Zu gleichem Behuf empfehlenswert für solche Damen, die sich nicht gern gewöhnlich und doch geschmackvoll im Hause tragen wollen, sind die schmalgestreiften Ginghams, und Sirsagas (lt. Bohns Waarenlager 1806: Sirsakas. Der Name deutet es an, hier handelt es sich um den Ursprung des ‚Seersucker’). Letztere, ursprünglich ostindische Zeuge, sind aus Baumwolle und Seide gewebt, liegen 7/4 breit und kosten 20 Gr. bis 1 Rthlr.
A similar weave like the merino is also available in cotton. The so-called cotton merinos cost ¼ wide 20 Gr., 10/4 wide1 Rthlr. 4 Gr. A suitable and pretty fabric for deshabille.
Recommendable for those ladies, who wish to wear a less common, but elegant dishabille, are small striped Gingham fabrics and Sirsakas (as the name already indicates this is the origin of 'seersucker'). The latter, originally East Indian fabrics, are made of cotton and silk, they are 7/4 wide and cost 20 gr. to 1 Rthlr. 

***
Exkursion 
Excursion
 Der erste französische Modekupfer mit dem Titel 'Robe de Cachemire', einem Kleid mit buntem Besatz erschien 1806 im Journal de Dames et des Modes.
First time a french fashion plate with the label 'Robe de Cachemire' appreared in the Journal des Dames et des Modes in 1806.
1806, Costume Parisien No.717 et No.718, Robe de Cachemire
 (Quelle/source: SceneinthePast)

Etwa zur gleichen Zeit beginnen findige Händler den Markt mit Stoffen zu bedienen, welche den echten Cashmerewollstoff imitieren, denn wie zuvor erwähnt, war das Original äußerst kostspielig und
nicht für die breite Masse gedacht. Dennoch weckten Modekupfer ein allgemeines Begehren.
Der Markt für Imitate bricht danach nicht mehr ein und die Güter verbessern sich ständig.
Die original Shawls aus Cashmere waren in der Tat so hochpreisig, dass sich neben der Nachahmung ein weiterer Handel etablierte, der Färber Appreteur Chappe aus Paris bietet ein Verfahren an, in dem der Shawl nach der neusten Mode eingefärbt werden kann, ohne die Palmettenornamente mitzufärben. (Quelle: Annalen der Fotschritte und neusten Erfindungen, 1811, Seite 648)
At the same time smart merchants tried to introduce fabrics to the market, which mimic the real cashmere wool, because as mentioned beforehand the original fabric was very sumptuous and not meant for everyone.
But the fashion plates nourished desires.
The market for mimicking fabrics expanded ever since and the goods improved.
The original cashmere shawls were so expensive, that next to mimicking them a second branch has developed, namely that of the dyer Monsier Chappe from Paris, wo has invented a method to dye the base of the shawl without dyeing the palm-tree ornaments.

1806, Rapport du jury sur les produits d'industrie
(Quelle/source: googlebooks)

1810, Journal de Paris
(Quelle/source: googlebooks)

19th century French wool shawl Acc.No. C.I.53.18.2
Cashmere? Merino?

Ist in den französischen und deutschen Kupfern stets nur die Rede von Cashmere Roben und Merino Roben, ist es das englische Journal La Belle Assemblée, das im Jahr 1810 den Begriff 'Shawl Dress' gebraucht, aber hier ist nicht etwa ein Kleid aus dem kostbaren Cashmere gemeint, sondern, wie die begleitende Beschreibung des Journals belegt, ein Seidenstoff.
While French and German fashion plates solely used the terms cashmere robes and merino robes, it was the English Journal La Belle Assemblée, which introduced the term 'Shawl Dress', but - as the accompanying description of the journal reveals - it is made of silk, not the pricey cashmere.
 1810, La Belle Assemblée Fashions for May
(Quelle/source: Text via googlebooks, Photo via pinterest)

Den Begriff 'Cachemire Chale Robe', also ein Kleid explizit aus einem Cashmereshawl, habe ich nicht gefunden, 
lediglich ein Gemälde der Kaiserin Josephine von 1808.
Ist das was wir sehen, tatsächlich ein Kleid aus einem Cashmere Shawl?
Wenn ja, war es als Ohrfeige für die Engländer gedacht, um Wohlstand und Macht zu demonstrieren? (Siehe auch das Foto/den Text weiter oben, in dem die Engländer angeblich 3 Shawls, die für Mme Buonaparte bestimmt waren, als Prise erbeutet hatten! War das etwa ihre Antwort darauf?)
Oder täuscht uns die Wahrnehmung und sie trägt voller Stolz ein Kleid aus bester französischer Produktion?
I couldn't find the term 'cachemire chale robe', a dress truly made of a cashmere shawl, 
 I've only found a portrait of Empress Josephine from 1808. Could it really be a dress made of a shawl?
 Was it meant as a slap in the face of the English, to demonstrate wealth and power? (Also see the photo/text above about the English having taken 3 shawls as prize, which were meant for the empress! Has this been her answer?)
Or is our perception wrong and she's proudly wearing a dress made of the finest french manufacture?

1808, Antoine-Jean Gros, Empress Josephine
(Quelle/source: wikimedia)

Im gleichen Jahr saß auch Hortense de Beauharnais für ein Portrait. An ihrem Kleid, das nach der neusten Mode ist, sieht man sehr schön, dass die schmale Bordüre am Kragen angesetzt und nicht etwa eingewebt ist. Im Vergleich dazu die Kante von ihrem cremfarbenen Shawl.
Also in 1808 Hortense de Beauharnais did sit for a portrait. On the collar of her dress, which was entirely following the latest fashion, we see that the trim is not woven into the fabric, but stitched onto it. For comparison see the border of her creme-coloured shawl.

1808, Anne-Louis Girodet de Roucy-Trioson, Hortense de Beauharnais, Rijksmuseum
(Quelle/source: webgallery of art)

Ein Beispiel für ein solches Kleid aus Wolle (Cashmere? Merino?) und Seide mit aufgenähten modischen Kanten findet sich im Centraal Museum in Utrecht. Dieses Kleid in der Farbe jonquille wirkt, wie gerade eben von der Michaelismesse 1811 in Leipzig entsprungen.
An example for such a dress made of wool (cashmere? wool?) and silk with stitched trims is in the collection of the Centraal Museum in Utrecht. This dress in the colour jonquilla looks like as if it just left the Michaelmas Fair in 1811 in Leipzig.
ca.1810, Japon, wol, zijde (Quelle/source: Central Museum)

***

Die glatten Seidenwaren, namentlich die Florences und Levantines, verkaufte man diese Messe zu Spottpreisen, jene zu 10 – 11 Gr., diese zu 16 – 17 Gr.
Dieser wohlfeile Verkauf rührte von einigen Commissionspartien her, und wird nur so lange dauern, als diese noch vorhanden seyn werden, denn die reellen Fabrikpreise in Lyon sind nicht allein nur unbedeutend gewichen, sondern fangen auch nach den letzten Berichten von daher wieder an zu steigen. Nicht minder wohlfeil wurden die gestreiften Marcellines, nämlich die Elle zu 14 Gr. verkauft.
Tücher und Shawls in Seide, Baumwolle und Wolle haben sich seit letzter Messe wenig verändert, aber in kleinen Fichus sah man wieder eine große Mannigfaltigkeit. Unter ihnen erhielten die glatten viereckigen von Merinos und dergleichen dreizackigte, mit türkisch gefransten Bordüren besetzt, das Stück zu 2 ½ bis 3 Rthlr., den entschiedensten Beifall.
Buntgedruckte Filoche Fichus im orientalischen Styl das Stück zu 4 Rthlr. wählten die Damen zu Turbans. Dergleichen halbe Shawls gab es auch das Stück zu 11 Rthlr. glatt im Fond, mit breiten türkischen Palmenkanten. Seidene Pelerinen mit runden buntbrochirten Ecken verkauften sich zu billigen Preisen. Auffallend neu waren die seidenen Fichus a l’Iris, mit regenbogenfarbigen Kanten, drei-und viereckig zu 1 Rthlr. 12 und 2 Rthlr. 16 Gr. Und die von peluchirten Sammte in ähnlichem Geschmack das Stück zu 5 Rthlr. 16 Gr.
Ob sich diese Mode lang in der Gunst der Schönen erhalten, oder eben so schnell wie die lieblich bunten Farben der Götterbotin verschwinden werde, steht zu erwarten, wäre sie aber Vorbedeutung eines friedlichen Himmels, so sei sie uns freundlich willkommen!
The plain silks, namely Florences and Levantines, are sold on a bargain at this Fair, the first for 10 – 11 Gr., the others for 16 – 17 Gr.
This sale is due to a commissioned lot, and will only be available until they are sold out, because the prices in Lyon have not only changed slightly, but start to rise again. At the same conduct striped marcellines are sold for 14 Gr. per ell.
Kerchiefs and shawls in silk, cotton and wool have changed little since the past Easter Fair, but small fichus are offered in great variety. The most popular are those plain square or triangle ones made of merino, which have a Turkish fringe trim along the borders, sold for 2 ½ bis 3 Rthlr. per piece. Colourfully printed filoche fichus in oriental design for 4 Rthlr. per pieces are chosen for turbans. Also half shawls for 11 Rthlr. in single coloured body with a wide border in Turkish palm-tree ornament is available. Silk tippets with round colourfully stitched edges are offered at low price. A new apparent fashion are silk fichus a l’Iris, with rainbow coloured borders, square or triangle shaped, for 1 Rthlr. 12 and 2 Rthlr. 16 Gr. And those of plush velvet in a same manner for 5 Rthlr. 16 Gr. per piece.
If this fashion will remain popular among our beauties, or whether it will vanish as quickly as the lovely vivid colours of the messenger of the Gods, is still on the brink, but we would welcome it, if it means the anticipation of a peaceful heaven.
1812, Le Bon Genre, Manches en Spiral (Quelle/source: University of Washington)
Nur selten zeigte die Dame so viel Bein, dass man nicht nur das Schuhwerk, sondern auch noch die Strümpfe sehen kann, dennoch kostete eine Paar Seidenstrümpfe a la Psyche auf der Leipzigr Michaelismesse beinah das dreifache eines Paar Merinoschuhe...(mehr dazu im folgenden Text)
 Hardly ever a decent lady would show much of her legs, that she's reveal not only her shoes, but her stockings, nevertheless a pair of silk stocking a la Psyche was nearly three times the price of a pair of Merino shoes at the Michaelmas Fair in Leipzig....(more about it in the following excerpt)

Wollene mit kleinen türkischen Blümchen durchwebte Roben in ponceau, grün oder jonquille werden zum
höchsten Staate getragen. Die Elle von diesen borchirten Merinos 5/4 breit kostet 2 ½ bis 3 Rthlr.
Zu Ballkleidern empfehlen wir Ihnen farbige Petinets oder dergleichen weiße mit Silberlahn gestickt. Dünkt Ihnen aber diese leichte Rebeltracht zu vergänglich, so wählen sie eins der gestickten Perkal- oder Mullkleider, von denen auch diese Messe in dem erwähnten Magazin ein geschmackvolles Assortiment zu finden war.
Die Dessins dieser Kleider Ihnen deutlich zu beschreiben, wäre eine schwierige Aufgabe, nur so viel müssen wir Ihnen sagen, dass der Fond der Kleider meist noch immer aus kleinen Muscheln, Punkten oder Blättchen besteht, und die Kanten ausgebogt und größtenteils mit unterlegtem Petinet oder Spitzengrund durchbrochen sind. Man besetzt diese Kleider mit Falbeln von brodiertem Mull. Diese Mullkanten, sowohl an beiden Seiten, als auch in der Mitte gestickt und auslankirt, finden sie eben daselbst die Elle zu 11 bis 20 Gr.
Brodierte Kragen und Busentücher in Mull, und in Petinet und Atlas besetzt zu 6 bis 10 Rthlr. erschienen in neuer Mannigfaltigkeit, nicht minder die Pariser Bonnets, bei denen besonders die kleinen Schnällchen eine Hauptrolle spielen.
Die neuesten Arbeitsbeutel sind von Merinos mit schmalem türkischen Bande oder auch mit silbernen Schnüren besetzt, das Stück zu 2 1/3 bis 3 Rthlr.
Pariser Schuhe ebenfalls von Merinos in allen Farben das Paar 1 Rthlr. 8 Gr. und dergleichen Schnürstiefelchen mit Leder ganirt das Paar zu 2 Rthlr 8 Gr.
Dazu gehören feine weißseidene Strümpfe a la Psyche (das Paar zu 3 Rthlr.), die über den ganzen Fuß und bis an die Wade ringsherum spitzenartig durchbrochen sind.
So haben sie die ganze Bekleidung einer Dame im neuesten und elegantesten Geschmack.
Woollen robes with woven turkish flowers in ponceau, green or jonquilla are seen for formal wear. An ell of this stitched merino costs 2 ½ to 3 Rthlr, 5/4 wide.
For ball gowns we recommend coloured petinets or white ones with silver embroidery. If you think this ‘rebel’s dress’ too ephemeral, better choose one of the percale or gauze dresses, of which the mentioned warehouse carries an elegant wide range in their stock.
It is difficult to describe the pattern of these dresses, though we might state, that the fabric has small shells, dots or leaves, the borders are scalloped and usually adorned with Petinet or embroidery. These dresses are decorated with rows of embroidered gauze. You’ll find these gauze borders, which are embroidered at both edges and in between, for 11 to 20 Gr. an ell.
Embroidered collars and fichus made of gauze, embellished with petinet and satin are offered in great variety for 6 to 10 Rthlr., as well as Parisian bonnets, which please the eye with tiny clasps.
The latest bags are made of merino with small Turkish border or with silver ribbon, 2 1/3 to 3 Rthlr. per piece.
Parisian shoes, also made from merino, in different colours 1 Rthlr. 8 Gr. per pair, and boots with leather added to it for 2 Rthlr. 8 Gr. a pair.
To complete the ensemble you need the new silk stocking a la Psyche (3 Rthlr. a pair), which cover the whole feet up to the calves with a lace-like pattern.
This is the overview of the latest fashion for the elegant lady.

An dieser Stelle gebe ich ab an Alessandra für die neusten Moden aus Paris vom/
And now I like to direct you to Alessandra for the latest fashions of Paris from
und an Maggie für einen Überblick aus London/and to Maggie for an overview from London via
  "Ackermann's Repository",
sowie an Natalie für die Neuigkeiten vom Londoner Hof/and to Natalie for news from London's court
  "LaBelle Assemblée"
 

Sonntag, 19. Oktober 2014

Journal Journey into the Year 1811: Oktober 'Journal des Luxus und der Moden'

Der Bericht vom Oktober stiftete erstmals viel Verwirrung:
Es tauchten falsche Schreibweisen, unbekannte Begriffe und Verwechslungen in den beiden Modekupfern auf.
Dafür enthält der Bericht über die neuesten Moden aus Kassel wiederum viel Interssantes über Frisuren mit einem kleinen Rückblick auf den Spätsommer 1811.
The fashion news from October provided the reader with lots of confusion:
There has been wrong spelling, unknown terms and mistakes in both fashion plates.
But the fashion news from Cassel made up for that and we will hear a lot about hair with a review to the late summer of 1811.

Journal des Luxus und der Moden 
Oktober 1811
 (Herausgeber/Verleger Friedrich Justin Bertuch, Weimar)
1811, Oktober, Journal des Luxus und der Moden
 XI. Erklärung der Kupfertafeln

Tafel.28 Eine Dame in einer Robe von Tulle. Toque (1) mit Tuberosen (2) verziert.
Tafel.29. Die Kleidung dieser Dame ist durchaus von weißem Perkale, und der Kragen mit Spitzengrund eingesetzt. Der Hut ist von Rosa Gros de Noble (3), weißem Petinet und rosa Schnuren umwunden, und mit weißem Atlas garneirt.
2. Hut von strohgelbem Gros de Noble und grünem Versy (4) mit goldenen Schnällchen
3. Italien. Stroh-Hut mit weißem Atlas; in den Puffen Schnällchen
4. Blauer Versy mit Petinet und Fransenband ganiert
5. Hut von Cramoisin (5) und weißem Gros de Noble.
Die Gegenstände dieser Tafel sind in der Modenhandlung der Mad. Oels in Weimar gezeichnet worden.

 XI. Explanation of the copper plates
 Plate28. A lady with a robe made of tulle. A toque hat (1) decorated with tuberoses (2)
Plate29. The dress of this lady is made of white percale, while the collar is made from lace. The hat is of rose-coloured Gros de Noble (3), white petinet and rose-coloured ribbon, embellished with white satin.
2. Hat of straw-coloured Gros de Noble and green versy (4) with golden clasps
3. Italy. Straw-hat of white satin, with golden clasps on the puffs
4. Blue versy with petinet and fringe
5. Hat of cramoisin (5) and white Gros de Noble.
All the items on this plate are drawn from the millinery of Mme. Oels in Weimar

 Tuberose (Quelle/source: Wikipedia)

***Erklärungen/Anmerkungen*** 
(1) - (5) Hier zeigt sich das ganze Ausmaß der Verwirrung in der Beschreibung zu den Modekupfern.
Wurden Begriffe falsch übersetzt? Verändert? Verwechselt? Und galt - wie meine liebe Freundin Alessandra zu sagen pflegt -Rechtschreibung nicht als zwingend?
(1) Der Toque, bislang eher als Begriff für einen Hut mit schmaler Krempe bekannt, ist in diesem Fall eine Haube. Hat sich der Begriff im Laufe der Zeit verändert oder ist hier schlichtweg ein Fehler unterlaufen?
(2) Die Tuberose (ein Spargelgewächs) hat nichts mit den Rosengewächsen gemein, die dort am "Toque" zu sehen sind. (siehe Abbildung)
(3) Gros de Nobles? Handelt es sich hier vielleicht um das Seidengewebe, das unter dem Namen Gros de Naples bekannt ist? Leider habe ich keinen Hinweis auf Gros de Nobles gefunden.
(4) Versy - das hat die größte Verwirrung ausgelöst! Was mag sich dahinter verbergen? Vielleicht ein Stoff von der Insel Jersy (so die häufige Schreibweise um 1800 ohne 'e'), der versehentlich ein 'V' in der Übersetzung erhalten hat? Und wenn dem so ist, was für ein Stoff mag es gewesen sein? Sicherlich nicht der heute bekannte Jersey. Vielleicht in die Richtung des heute noch bekannten Jersey Velour, also ein (kunst)seidener oder baumwollener Samt auf Wollgrund?
(5) Hah! Cramoisin lässt sich eindeutig als falsche Schreibweise einordnen, gemeint ist 'Carmoisin', also ein Farbstoff der heute unter dem Namen Karmesin bekannt ist.
***Explanations/Annotations***
(1) - (5) Here we see the whole dimension of confusion about the fashion plates.
Have terms been falsely translated? Changed? Mistaken? Or was it - what my dear friend Alessandra often says - that spelling was entirely optional?
(1) The toque usually referred to a hat with a small brim, but here we clearly see a cap. Has the term changed in the course of years or is it a mistake?
(2) The tuberose is an Asparagaceae and not of the family of roses and therefor hasn't any similarity to the flowers we see at the 'toque' (see picture above)
(3) Gros de Nobles? Could this be the silk fabric commonly known as Gros de Naples? Unfortunately I did not find any hint on Gros de Nobles.
(4) Versy - the source of the biggst confusion! What is it? Maybe a fabric from the isalnd of Jersy (which was the common spelling around 180 without an 'e'), which accidentally received an 'V' in the translation? An if that's the point, what would the fabric have looked like? Probably not today's Jersey. Maybe some kind of the modern Jersey velour, a (artificial) silk or cotton velvet on a wool nap?
(5) Hah! Cramsoisin is identiefied as being wrong spelling, it means 'carmoisin', a pigment today known as carmine.

IX. Moden 
  Modenbericht aus Cassel im August 1811 
Die Mode hat seit den Sommermonaten wenig Änderungen erlitten. Außer den gewöhnlichen Sonnenhüten werden noch Hüte mit Federn getragen, doch ist ihre Form etwas verändert. Sie haben runde Köpfe vorn eine Art Diadem, und einen schmalen Rand, der vorn aufwärts gebogen ist. Die Federbouquets bestehen aus drei kleinen Federn, die an der linken Seite herabwärts fallen. 
Die beliebten Silber – und Goldbandeaus von points turcs (Anmerk. türkische Spitze) werden noch immer auf der Stirn getragen; noch häufiger echte Perlen (wer diese besitzt), oder Juwelen; oft auch nur bloße Haarflechten. Darüber fallen zu beiden Seiten dicke Locken auf die Schläfe herab; und um den Kamm, der das hinten hoch aufgeschlagene Haar hält, windet sich das Blumendiadem, das sonst auf der Stirne seine Stelle hatte. Dieser Kopfputz war auf dem letzten Hofballe beinah allgemein. Nur eine Dame wich davon ab. Längliche Locken fingen an den Schläfen an, immer mehr sich senkend, sich hinten über den Nacken ziehend, den ganzen Kopf, welches fast aussah, wie die ehemaligen Perücken der Geistlichen. Allgemein wird indessen diese Mode wohl schwerlich werden, da sie selbst das reizende Gesicht, das sie trug, entstellte.
  IX. Fashions
Fashion news from Cassel for August 1811 
The fashion has gone through hardly any changes during summer. Next to the common summer hats, hats with feathers are still worn, but with a different shape. The crowns are very round with a kind of tiara in front, and a small brim, which is bend upwards in the front. The feather bouquets are made of three small feathers, which drop to the left side. 
The popular silver and gold bandeaus of points turcs (Annotation: turkish lace) are still worn on the forehead, even more real pearls (if one owns them), or diamonds; and sometimes just braided hair. This hairdo also has big curls dropping down to the temples; and around the combs, which holds the turned up hair in the back, a flower diadem is winding, which before was set on the forehead. This headgear was common on the most recent court ball. Only one lady did not sport it. Long curls started out at the temples, hanging down further and reaching towards the back of the neck, around the whole head, which resembled the old fashion wigs of clergymen. Actually this fashion won’t establish, as even the pretty lady, who sported it, looked blemished.
around 1810 by Robert Lefevre (Quelle/source: über pinterest)
Die oben erwähnte Frisur mit Korallenperlen. The above mentioned hairdo with corals.

1812, Drölling, Portrait d'Adéone (detail)
(Quelle/source: wikimedia commons)
Der oben erwähnte Haarschmuck, leider weder mit Gold oder Silberband, noch mit der erwähnten türkischen Spitze.
The above mentioned hairdo, unfortunately neither with gold or silver bandeau or turkish lace.

 
ca. 1800- 1824, (1810?) Portret van Eduarda Thalia Eckringa (1786-1865) 

Ebenfalls Erwähnung fand eine Variante mit geflochtenem Haar:
Also mentioned was a variation with braided hair:
ca. 1800 (1810?) Louis-Léopold Boilly, Portrait of a Lady
(Quelle/source: LACMA)

Und schließlich der Kopfschmuck mit Perlen, wie etwa im folgenden Bild
And finally the headgear with pearls, similar to the following painting
1808-1815, Gérad Francois, Caroline Murat
(Quelle/source: wikimedia commons)

Der Schnitt der Kleider ist immer noch der nämliche. 
Für Morgenkleider, Perkale mit unsäglichen Garnierungen von gesticktem Mull; Pelerinkragen sind wieder an der Tagesordnung. Die neuste Facon ist ein solcher Kragen aus sieben Theilen bestehend, von Perkale oder Batist. Der dazwischen gesetzte helle Streifen, gestickter Mull oder Spitze. Hiernach richtet sich auch die äußere Umgebung, die in reichen Falten darum gesetzt wird; oben am Halse wird es ebenso reich garniert; und hinten geschlossen. Die Ballkleider sind wie gewöhnlich, noch immer häufig mit Blumen garniert. 
Am beliebtesten sind die sogenannten Jardinieren, oder Guirlanden von sechserlei Blumen, nach der Natur. Kleider streifenweise gestickt, oder von Blonden und Band, in Streifen zusammengesetzt, sind ebenfalls noch an der Tagesordnung.
The cut of the dresses is still the same.
For morning dresses, it’s perkale with lots of decoration made of gauze; capes are more common again. The latest shape is made of seven pieces of percale or batiste. The prominent stripe set in between is made of gauze or lace.
In this manner the whole dress is designed, all in a vast amount of ruffles; especially around the neck; the dresses close in the back. Ball gowns remained the same, most often decorated with flowers. Most popular are jardinières or festoons of six different artificial flowers, looking like real flowers. The dresses, that have a striped embroidery, or have lace and ribbons, set in stripes, are still seen.


An dieser Stelle gebe ich ab an Alessandra für die neusten Moden aus Paris vom/
And now I like to direct you to Alessandra for the latest fashions of Paris from
und an Maggie für einen Überblick aus London/and to Maggie for an overview from London via
  "Ackermann's Repository",
sowie an Natalie für die Neuigkeiten vom Londoner Hof/and to Natalie for news from London's court
  "LaBelle Assemblée"

Sonntag, 21. September 2014

Journal Journey into the Year 1811: September 'Journal des Luxus und der Moden'


Während der eine oder andere noch seufzend den zurückliegenden verregneten und unsteten Sommer Revue passieren lässt,
klingt aus dem fernen Jahr 1811 ein Ächzen ob der Hitze.
Ein Sommer, der in die meteorologische Geschichte eingegangen ist.
Aber hat er auch die modische Geschichte auf den Kopf gestellt?
Finden wir's heraus!
While some may recall the past rainy and unsteady summer with a sigh,
we do receive the memento of a groan due to the incredible heat from 1811.
A summer, which made meteorological history. 
But did it also took influence on fashion history?
Let's find out!

Journal des Luxus und der Moden 
September 1811
 (Herausgeber/Verleger Friedrich Justin Bertuch, Weimar)
1811, September, Journal des Luxus und der Moden
 XI. Erklärung der Kupfertafeln

Tafel. 25 Eine Dame en demi parure mit Ballon=Aermeln (Anmerk.: weitere Details im Modenbericht aus Berlin)
Tafel. 26 Eine Dame im Hut a la bergere, nebst mehreren neuen Hüten aus Berlin (Anmerk.: weitere Details im Modenbericht aus Berlin)

XI. Explanation of the copper plates
Plate 25 A lady in demi parure with balloon sleeves (Note: more details in the following fashion news from Berlin)
Plate 26 A lady with a hat a la bergere, next to a few more hats from Berlin (Note: more details in the following fashion news from Berlin)
 X. Moden 
1. Modenbericht aus München 
München im Julius 1811 
Die große anhaltende Hitze während dieses Sommers (1) äußerte auch ihren Einfluß ganz besonders auf die Moden, und nöthigte unsere Damen, sehr große feine Strohhüte mit noch größeren Schirmen, mit Spitzen am Rande garnirt, zu tragen. Aber auch diese scheinen noch nicht hinreichend, die Gesichter unserer Schönen vor den brennend=heißen Sonnenstrahlen zu schützen, sondern es kommen noch dazu sehr große Sonnenschirme mit chinesisch spitzigen Dächern, welche einen solchen Umfang haben, dass sie allenfalls wohl einen leichten Regen abhalten können. In der Kleidung ist aus eben diesem Grund keine der neusten Moden vorherrschend, und man wählt durchaus am meisten weiße leichte Zeuche.
Unsere Elegants tragen Gilets und lange weite Pantalons von roth, blau oder gelb gestreiftem Nankin, bis in die Schuhe, und dazu einen kurzen weiten Frak von brauner oder grauer Farbe und leichtem Tuche, jenen mit einem Kragen aus schwarzem Sammet geziert. 
 X. Fashions
1. Fashion news from Munich
Munich in July 1811
The continuing heat during this year’s summer (1) is also influencing the fashions and urges our ladies to choose big fine strawhats with even bigger brims, decorated with lace around the edges. But these still aren’t sufficient to protect the faces of our beauties against the burning sunbeams, that’s when enormous parasols with Chinese canopies appeared, which could also protect from light rain. For this reason no new dresses have been introduced, and we mainly see white sheer garments.
Our gentlemen wear their waistcoats with long and loosely fitting pantalons of red, blue or yellow striped nankeen, which reach down into the shoes. They match their ensemble with a short and loosely fitting coat of brown or grey colour and made of light wool, with a collar made of black velvet.

2.Modenbericht aus Berlin
Berlin, den 2.August 1811
Sie erhalten hierbei aus unseren geschmackvollsten Mode-Magazinen einige an Ort und Stelle gefertigte Zeichungen.
Auf Tafel 25. finden sie eine Dame en demi parure oder im sommermäßigen Ballanzug. Die Aermel sind hier unter dem Namen Ballon=Aermel seit kurzem sehr in Mode, und sind von sehr feinem durchsichtigen Zeuche. Unter dem Ballon=Aermel befindet sich ein enger Aermel, worauf die Puffen befestigt sind. Die stehenden Tollen über die Schultern sind von weißem Atlas=Band, so auch die Bogen zum Besatz des Kleides. Der Besatz selbst ist von Blonden oder Tülle. Der Kopfputz besteht in gescheitelten Haaren, und hinter jedem Ohre eine ziemlich große Locke. Eine einzige Flechte zieht sich um den Kopf mit einer kleinen Rosen Guirlande umwunden. Die Farbe der Rosen sowie der geschnürten Schuhe, ist carmesinroth.
Die 26 Tafel gibt einige der modernsten Hüte, wie sie der gebieterische Scepter der Göttin Mode unseren Berlinerinnen zu tragen befiehlt. Die Dame (Fig.1) erscheint in einem sogenannten italienischen Strohhut (oder a la bergere); das Kragentuch ist von sehr feinem durchsichtigen Zeuche, und hat unten einen kleinen gerollten Besatz von Tülle, der zwischen sechs schmalen Säumen liegt. Die Kragentücher mit einer gestickten Palm=Blätter Verzierung (2), werden auch nochhäufig getragen.
Von den hier abgebildeten Hüten ist Fig.2 und 3 ein und derselbe, bei Fig. 3 sehen sie die Cocarde, welche bei diesen Hüten etwas wesentliches zu seyn scheint. Die Cocarde ist mit einer schmalen goldenen Schnalle befestigt. Die Farbe der Cocarde, der Bänder, so auch des breiten gefältelten Bogens inwendig, sind of von sehr hochrother brennender Farbe. Diese Art Hüte heißen hier Aurora und werden, wie auch die a la bergere am häufigsten getragen. An den letzteren darf die Farbe der Bänder keine andere als hellblau oder blassgrün seyn.
Fig. 4 ist ein kleines Capote von Bast. Die weißen Atlaszacken sind mit Amaranth=Levantine (3) eingefasst. Drei kleine goldene Schnallen befestigen das weiße Band.
Fig. 5 ist ebenfalls ein leichter Sommerhut, vorn mit einer schmalen Rosenguirlande verziert.
Der Hintertheil des Hutes hat Ähnlichkeit mit dem Visier eines alten Ritterhelms, es kann größer und kleiner gemacht werden, am häufigsten wird es aber so getragen, wie es hier gezeichnet ist. 
2. Fashion news from Berlin
Berlin, August 2nd 1811
We do present some plates from our tasteful fashion journals.
Plate 25 shows a lady in demi parure or a summerly ballgown. The sleeves are known as balloon sleeves, and very recently became highly fashionable. They are made of very fine and sheer fabric. Hidden beneath the balloon sleeve is a fitted tight sleeve, on which the puffs are mounted. The embellishments on the shoulders are made of white satin bands, same goes for the scalloped decoration of the dress’ skirt. The emebellishment itself is made of blondes (lace) or tulle. The hair is parted, and there’s a huge curl behind each ear. A single braid is wound around the head with a small rose garland. The colour of the roses and laced slippers is carmine red.
Plate 26 presents some of the latest hats, which the imperious sceptre of the goddess of fashion commands. The lady (Fig.1) is sporting a so-called Italian strawhat (or a la bergere); the kerchief/fichu is made of fine and sheer fabric, and has a rolled trimming of tulle in between six rows of small pintucks. The fichus with embroidered palm-tree motifs (2) are also still in fashion.
From displayed hats on the plate Fig. 2 and 3 are the same, Fig. 3 shows the cocade, which is the hallmark of these hats. The cocade is attached with a gold clasp. The cocade’s colour, those of the ribbons, and the pleated trim inside, are often of deep red colour. These hats are called Aurora and, next to the a la bergere, are worn most often. The ribbons of the latter have to be either light blue or pale green.
Fig.4 is a little capote made of bast. The white pinked satin trim is bound with amaranth Levantine (3). Three small gold clasps hold the white trim.
Fig. 5 is also a light summer hat, decorated with a rose garland on the front. The back of the hat has a certain similarity with the ventail of a knight’s helmet. It’s seen bigger or smaller, but most often is worn as depicted in the plate.

 3. Modenbericht aus Paris
Den 10. August
Alle Hutformen der Damen haben noch die bisherige Höhe; doch ist es nicht mehr allgemeine Regel, dass der Schirm eines Hutes ebenso breit, als der Hut hoch sein müsse: hoher Kopf und schmaler Rand finden sich oft vereint. Außer den grünen Capoten, zahlreicher jetzt, als sie bisher waren, sieht man Capoten von grünen oder schottischem Grund mit einem Schirm von italienischem Stroh.
Um die Halbstiefelchen besser nachzuahmen, so haben einige Strumpffabrikanten en broderie a jour Strümpfe fertigen lassen, welche in der Mitte des Fußes eine Franze, wie bei Lederstiefelchen haben. Diese Strümpfe sind weiß; man hat sie in Baumwolle und Seide. – Wir sprachen schon mehrmals von den Hortensien. Da diese Blume, in den verschiedensten Graden ihrer Blüte, die Farben wechselt, so haben einige Modehändlerinnen bei den Blumenfabriken Bouquets bestellt, welche hellgrüne, pistaziengrüne, weiße und rosa Blüten haben. Bouquets dieser Art werden auf weißen Hüten getragen. Weiß ist die Modefarbe.
Auf anderen Hüten trägt man die kleinen regenbogenfarbigen Halstücher (fichus a l’iris), en marmotte (4) übergesteckt und zwar weit hinten am Hutkopfe. 
3. Fashion news from Paris
The 10th of August
All ladies’ hat shapes have the same height as before; but it isn’t a common rule anymore, that the brim has to be of the same size as the crown: high crown and small brim are often seen. Green capotes are seen more often, also those with a green or Scottish ground and a brim of Italian straw.
To mimic the half boots, some stocking manufactors have created the en broderie a jour stockings, which sport a fringe up on the ankle, like it’s seen on half leather boots. These stockings are white and made either of cotton or silk. –
We often talked about hydrangea. As this flower changes it’s colour during the different stages of blooming, some clever milliners have ordered bouquets at the flower manufactors, which have light green, pistachio green, white and pink petals. Bouquets of this kind are added to white hats. White is the first choice fashion colour.
We also see rainbow-coloured kerchiefs (fichus a l’iris) on hats, assembled en marmotte style (4), very far on the back of the hat.
 
 1811, Thomas Rowlandson 'Looking at the comet...' National Maritime Museum
(Quelle/Source: via pinterest)

***Erklärungen/Anmerkungen***
(1) Laut ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) und einiger weiterer Quellen war der Sommer 1811 einer der wärmsten und trockensten in der 246-jährigen Geschichte der Aufzeichnungen. Während dieses Sommers soll für lange Zeit ein ungewöhnlich großer Komet am Firmament sichtbar gewesen sein.
(2) Die Palmverzierungen wurden eifrig während der Leipziger Ostermesse beworben
(3) Levantin in einem roten Farbton (Armaranth)
(4) Eine umfassende Erklärung zu der Herkunft des Stils ‚a la marmotte’ findet sich auf dem blog ‚The Dreamstress - Terminology: marmottes and the savoyarde style’ – unbedingt lesen! 
***Explanations/Annotations***
(1) According to the ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) and various sources the summer of 1811 was one of the hottest and driest in the 246 years old history of the meteorological chronicles. During this summer an unusual large comet should be visible on the skies for a long time.
(2) The palm tree motifs were largely advertised at the Easter Fair in Leipzig
(3) Levantine in the colour of amaranth (red)
(4) An in-depth explanation of the origin of the term ‘a la marmotte’ can be found on the blog of ‘The Dreamstress - Terminology: marmottes and the savoyarde style’ – go have a good read!

Ein Blick in die anderen Metropolen wird zeigen, 
ob man auch in London und Paris unter der Hitze des Sommers 1811 litt.
 A look to the other metropolises will reveal,
wether they'd also suffer from the 1811 summer's heat wave.

An dieser Stelle gebe ich ab an Alessandra für die neusten Moden aus Paris vom/
And now I like to direct you to Alessandra for the latest fashions of Paris from
und an Maggie für einen Überblick aus London/and to Maggie for an overview from London via
  "Ackermann's Repository",
sowie an Natalie für die Neuigkeiten vom Londoner Hof/and to Natalie for news from London's court
  "LaBelle Assemblée"