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Montag, 12. August 2024

Als die Kattundrucker Farbe ins Spiel brachten...

 Gegen Ende des 18.Jahrhunderts gewannen die bedruckten Kattunstoffe in Europa immer mehr an Beliebtheit und viele Journalherausgeber der Zeit taten das ihrige, indem sie ihren Publikationen Stoffproben beifügten. Neue Produktionsstätten entstanden um der Nachfrage gerecht zu werden und "Dessein=Zeichner" übertrafen sich mit farbenfrohen Mustern, die auch heutige Augen noch zu begeistern wissen! Glücklicherweise sind Journale, Musterbücher und vor allem Kleidungsstücke selbst als Zeitzeugen der unglaublichen Vielfalt an bedruckten Stoffen (und auch Papieren) erhalten.
Betrachtet man diese Erzeugnisse der Vergangenheit, erwacht nicht selten der Wunsch sie wieder auf dem Nähtisch liegen zu haben und verarbeiten zu können.
1807, The Book of Trades or Library of the useful Arts, Part III, London (Quelle: googlebooks)

Um sich ein Bild vom Umfang der Produktion machen zu können, hilft ein Blick in die Jahrbücher und Journale, welche diesen neuen Industriezweig und die fortschreitende Mechanisierung festgehalten haben.
Die Kattundruckerei Johann Achatius Hartner gewährt uns Einblick in die Belegschaft einer solchen Manufaktur im Jahr 1792:
1798, Jahrbücher der Preussischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelm des Dritten, Dritter Band, Berlin, Unger (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Außerdem sind auch noch einige beträchtliche Kattundruckereien in Erlang. Hr. Johann Achatius Hartner hatte in seiner Fabrik im J.1792
32 Drucker mit ebensoviel Streich=Jungen
3 Dessein=Zeichner
6 Formschneider mit ihren Gesellen und Jungen.
12 Glätter
30 andere Arbeitsleute und Tagelöhner
150 Zitz.und Kattun=Mahlerinnen an verheiratheten und ledigen Weibspersonen.
42 an den Verwandten der Formschneider und Streich=Jungen.
275 Personen in Summa.[...]

Auf Messen und in entsprechenden Journalen werden immer neue Maschinen vorgestellt, welche die Arbeit der Formschneider und Drucker verbessern und erleichtern.
Der Siegeszug der bedruckten Baumwollware ist nicht mehr aufzuhalten.

Und in eben dieser unaufhaltsamen Geschwindigkeit formte sich bei mir der Wunsch, einige der Muster, die mir in den vergangenen Jahren immer wieder aufgefallen waren, wieder auf Stoff zu drucken.
Im Sommer/Herbst 2022 war es soweit und ich übte mich wie die einstigen Dessein=Zeichner darin geeignete Druckvorlagen nahe am Original herzustellen und die fleißigen Bienchen von Cotton Bee setzten meine Ideen schließlich für mich um.

Als Anregung dienten mir Kleidungsstücke aus verschiedenen Museumssammlungen, Barbara Johnsons Buch A lady of Fashion (1746-1823), die Stoffmuster der Fa.Christoph Burckhardt Basel und die Stoffmuster der Journale um 1800.
1797, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Band 12, Mai, Leipzig (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg - Heidelberger Historische Bestände digital)


Fotocopyright: Kerstin Klotsche



Die Muster wurden auf verschiedenen Baumwollstoffqualitäten realisiert, um für unterschiedliche Kleidungsstücke vom Musselinkleid zum Caraco bis hin zum Spenzer zu dienen.
 



Besonderes Augenmerk fiel bei meiner Suche auf ein Muster, welches 1793 im Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode vorgestellt wurde. Es handelte sich nicht um ein beigefügtes Stoffmuster, sondern ist auf Papier gedruckt.
 
1793, Band 2, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Januar, Tab.II, Leipzig (Quelle: googlebooks)

Der dazugehörige Text des Journals stellt die Muster für Tücher genauer vor:
1793, Band 2, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode, Januar, Leipzig (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Unter den Druckwaaren auf Mousselines und Kattun sind vorzüglich die Frauenzimmer=Tücher einer der vorzüglichsten Artikel, welcher sich durch seine Gemeinnützigkeit und Muster=Verschönerungen sehr erhält. Tab.2. fig.1. stellen zwey der neusten Dessins davon dar, man verlangt sie mehrentheils 8 bis 10/4 groß.
Ein diesem nahe kommender Artikel sind die Shawls, welche vorzüglich in paille und chamois Grund mit puce Kanten, sowohl gedruckt als gestickt, gesucht werden.[...]

Oh! Gleich dreimal liest man "vorzüglich", die Begeisterung der Herausgeber konnte ich nachvollziehen. Ich setzte mich also dieses Jahr endlich daran, aus dem kleinen Muster eine Vorlage zu fertigen und entschied mich für ein kleines Frauenzimmer=Tuch auf Chamois Grund in der Größe von 75 x 75...und da mir das Muster, das mit den Federn an die Heraldik "Ich dien" des Prince of Wales, und mit den Medallions an Wedgwood erinnert, so sehr gefiel, fertigte ich gleich ein paar mehr für liebe Freundinnen, denn Tücher kann man nie genug haben!

Die Kanten sind von Hand fein versäubert und das Frauenzimmer=Tüchlein fertig zum Erfreuen!

Es bedeckt Hals und Busen ebenso schön wie es den Kopf schmücken kann!


Wer gerne mehr über das Thema der Kattundrucker erfahren möchte, dem sei der Link zu der Publikation Journal für die Zitz=Kattun oder Indiennedruckerei, die Seiden=und Zeugdruckerei, auch Wollen=Seiden=Baumwollen=und Leinenfärberei und Bleicherei von Johann Gottfried Dingler von 1806 empfohlen.

Sonntag, 16. November 2014

Journal Journey into the Year 1811: November 'Journal des Luxus und der Moden'


Die Ausgabe des Monats November wartete mit einige besondere Überraschungen auf, denn diesmal verzichteten die Herausgeber auf die üblichen Modekupfer und setzten all ihre Aufmerksamkeit auf einen Bericht der Leipziger Herbstmesse, die Michaelis Messe.
Und diese Zusammenfassung entpuppt sich als wahre Fundgrube.
Ich lade meine Leser dazu ein, mir in die folgende Vorstellung zu folgen
"Was Sie schon immer über Cashmere und Shawls wissen wollten,
aber nie zu fragen gewagt haben..."
The November issue revealed a lot of amazing surprises, as the publishers abandoned any fashion plates, and instead fully concentrated on the latest news from the Autumn Fair in Leipzig, called Michaelmas Fair.
This summary proves to be a repository of knowledge.
I heartily invite my readers to accopmany me to the following presentation
"What you always wanted to know about cashmere and shawls, but were afraid to ask..."

Journal des Luxus und der Moden 
November 1811
 (Herausgeber/Verleger Friedrich Justin Bertuch, Weimar)
1811, November, Journal des Luxus und der Moden
VIII. Moden 
Übersicht der Mode=Neuigkeiten aus dem Gewölbe der Herren Göhring und Gerhard in Leipzig in der Michaelis Messe 1811
1) Weibliche Bekleidung
 So wie der Geschmack des Orients sich auf Alles ausdehnt, was zum Anzug der Damen gehört, so behauptet er ganz besonders auch sein Ansehn bei allen inländischen, Schweizer- und Französischen Kattunen; denn alle neuen Zitze, die wir diese Messe, in dem besagten Magazin sahen, waren mehr oder weniger orientalisch in amaranth, hellblau, und hellgrünem Grunde, mit lebhaften Palmetten und Kaschemirblümchen; farbig gestreift und guirlandirt, in mannichfaltigen Dessins, theils ächten persischen Stoffen nachgeahmt, theils von eigener Fantasie geschaffen.
Die Preise waren 16 bis 17 Gr. (Groschen) für die Elle gewöhnliche Breite, superfeine 6/4 breite verkauften sich zu 1 Rthlr (Reichsthaler) 4 Gr. bis zu 1 Rthlr 8 Gr.
  VIII. Fashions 
Overview of the latest fashions from Göhring & Gerhard’s warehouse at the Michaelmas Day Fair in Leipzig 1811
2) Female’s fashions
 As much as the oriental influence is taking over the reign in the ladies’ dresses, it also spreads among German, Swiss and French cottons; almost all chits we’ve seen at this Michaelmas Fair in the above mentioned warehouse, have been more or less oriental in colours like amaranth, celestial blue and light green basics, with vivid palm ornaments and cashmere flowers; coloured stripes and garlands, in many designs, partly mimicking real Persian fabrics, partly from the deriving from imagination.
Prices have been 16 to 17 Gr(oschen) for the ell in the common width, superfine 6/4 wide were sold at 1 Rthlr (Reichsthaler) 4.Gr. to 1 Rthlr 8 Gr.

Ausschnitt der Miscellen aus dem La Belle Assemblée April 1807
Hier zeigt sich, wie selten der 'ächte Kaschmir' damals war, bei einer ganzen Schiffladung voller Textilien, die für den spanischen Markt bestimmt war und von den Engländern als Prise erbeutet wurde, befanden sich nur 3 (!) dieser Shawls....und sie waren angeblich für Mme Buonaparte bestimmt.
(Quelle: Mme Kaya)
Excerpt of the miscellanea of La Belle Assemblée, April 1807
The text reveals how rare the 'real cashmere' has been, as there were only 3 (!) shawls in this Spanish Prize full of textile goods....and these were said to be meant for Mme Buonaparte.
(Source: Mme Kaya)

Der ächte Kaschmir, den schon lange Europäische Augen mit Staunen ansehen, und welcher wie Perlen und Diamanten immer eine ausschließliche Tracht der Reichen und Vornehmen bleiben wird, ist schon in Shawls und Kleidern seit mehreren Jahren durch Franzosen und Sachsen glücklich nachgeahmt, und für diesen Herbst von unseren Damen unter dem Titel Merinos, (den von der Wolle der ächten spanischen Schafe oder Merinos trägt, aus welchen er, wenn er gut sein soll, gewebt sein muß) zum Lieblingsstoff für Ueberröcke erwählt worden. Man hat davon geringere und feinere Gattungen.
Die gewöhnliche Gattung, 4/4 breit, kostet 1 Rthlr. bis 1 Rthlr. 4 Gr.,
5/4 breit 1 Rthlr. 8 Gr. bis 1 Rthlr. 12,
feinere 6/4 breit 1 Rthlr. 16 Gr. bis 1 Rthlr. 20 Gr.
und 5/4 breite superfeine sogenannte Double-Merinos wozu nur die allerfeinste Streichwolle verwandt werden kann, 2 Rthlr. bis 2 Rthlr. 4 Gr. die Elle.
The real cashmere, which European eyes marvel at with great amazement for quite some time, and which will - like pearls and diamonds – remain and exclusive fashion for the wealthy and genteel society, is already mimicked for some years in shawls and dresses by the French and Saxons, and this autumn the most popular fabric for dresses is labelled as Merino (which has to be woven from the real Spanish merino shep, if it should be of fine quality). There are fine and minor qualities available.
The common quality, 4/4 wide costs 1 Rthlr to 1 Rthlr. 4 Gr.,
5/4 wide 1 Rthlr. 8 Gr. to 1 Rthlr. 12,
finer quality 6/4 wide 1 Rthlr. 16 Gr. to 1 Rthlr. 20 Gr.
And 5/4 wide superfine quality, so-called Double-Merino, which is made from the finest smooth wool, is 2 Rthlr. to 2 Rthlr. 4 Gr. per ell.

1812, Costume Parisien Robe de Merino (Quelle/source: via pinterest)

Man trägt die Merinos nur in lebhaften Shawl=Farben, als: scharlach, amaranth, jonquille, grasgrün, himmelblau, drachengrün, dunkelblau, aurora, und orange, und besetzt die Ueberröcke und Kleider davon mit wollenen türkischen Bande, die Elle zu 4 bis 6 Gr., in dessen Fabrikation das gewerbfleißige Annaberg im Erzgebirge große Fortschritte gemacht hat, und wovon sich eine geschmackvolle Auswahl ebenfalls in dem genannten Gewölbe zum Verkauf befindet.
 The merinos are solely worn in very lively shawlcolours, like: scarlet, amaranth, jonquilla, grass green, celestial blue, dragon green, dark blue, aurora, and orange. The outerwear and dresses made from these are decorated with a woollen Turkish trim, 4 to 6 Gr. per ell, which is manufactured with lots of success and progress in Annaberg in the area of Erzgebirge (Saxonia), hence an elegant variety is available at the mentioned warehouse for sale.
 Zwei Stücke frz. Baumwoll Bordüre ca.1805 -1810
Two lenghts of french cotton trim ca.1805-1810

Ein dem Merinos gleichendes Gewebe ist auch in Baumwolle erschienen. Diese sogenannten baumwollenen Merinos kosten ¼ breit 20 Gr., 10/4 breit 1 Rthlr. 4 Gr. Eine angenehme und wohlfeile Tracht zu Hauskleidern.
Zu gleichem Behuf empfehlenswert für solche Damen, die sich nicht gern gewöhnlich und doch geschmackvoll im Hause tragen wollen, sind die schmalgestreiften Ginghams, und Sirsagas (lt. Bohns Waarenlager 1806: Sirsakas. Der Name deutet es an, hier handelt es sich um den Ursprung des ‚Seersucker’). Letztere, ursprünglich ostindische Zeuge, sind aus Baumwolle und Seide gewebt, liegen 7/4 breit und kosten 20 Gr. bis 1 Rthlr.
A similar weave like the merino is also available in cotton. The so-called cotton merinos cost ¼ wide 20 Gr., 10/4 wide1 Rthlr. 4 Gr. A suitable and pretty fabric for deshabille.
Recommendable for those ladies, who wish to wear a less common, but elegant dishabille, are small striped Gingham fabrics and Sirsakas (as the name already indicates this is the origin of 'seersucker'). The latter, originally East Indian fabrics, are made of cotton and silk, they are 7/4 wide and cost 20 gr. to 1 Rthlr. 

***
Exkursion 
Excursion
 Der erste französische Modekupfer mit dem Titel 'Robe de Cachemire', einem Kleid mit buntem Besatz erschien 1806 im Journal de Dames et des Modes.
First time a french fashion plate with the label 'Robe de Cachemire' appreared in the Journal des Dames et des Modes in 1806.
1806, Costume Parisien No.717 et No.718, Robe de Cachemire
 (Quelle/source: SceneinthePast)

Etwa zur gleichen Zeit beginnen findige Händler den Markt mit Stoffen zu bedienen, welche den echten Cashmerewollstoff imitieren, denn wie zuvor erwähnt, war das Original äußerst kostspielig und
nicht für die breite Masse gedacht. Dennoch weckten Modekupfer ein allgemeines Begehren.
Der Markt für Imitate bricht danach nicht mehr ein und die Güter verbessern sich ständig.
Die original Shawls aus Cashmere waren in der Tat so hochpreisig, dass sich neben der Nachahmung ein weiterer Handel etablierte, der Färber Appreteur Chappe aus Paris bietet ein Verfahren an, in dem der Shawl nach der neusten Mode eingefärbt werden kann, ohne die Palmettenornamente mitzufärben. (Quelle: Annalen der Fotschritte und neusten Erfindungen, 1811, Seite 648)
At the same time smart merchants tried to introduce fabrics to the market, which mimic the real cashmere wool, because as mentioned beforehand the original fabric was very sumptuous and not meant for everyone.
But the fashion plates nourished desires.
The market for mimicking fabrics expanded ever since and the goods improved.
The original cashmere shawls were so expensive, that next to mimicking them a second branch has developed, namely that of the dyer Monsier Chappe from Paris, wo has invented a method to dye the base of the shawl without dyeing the palm-tree ornaments.

1806, Rapport du jury sur les produits d'industrie
(Quelle/source: googlebooks)

1810, Journal de Paris
(Quelle/source: googlebooks)

19th century French wool shawl Acc.No. C.I.53.18.2
Cashmere? Merino?

Ist in den französischen und deutschen Kupfern stets nur die Rede von Cashmere Roben und Merino Roben, ist es das englische Journal La Belle Assemblée, das im Jahr 1810 den Begriff 'Shawl Dress' gebraucht, aber hier ist nicht etwa ein Kleid aus dem kostbaren Cashmere gemeint, sondern, wie die begleitende Beschreibung des Journals belegt, ein Seidenstoff.
While French and German fashion plates solely used the terms cashmere robes and merino robes, it was the English Journal La Belle Assemblée, which introduced the term 'Shawl Dress', but - as the accompanying description of the journal reveals - it is made of silk, not the pricey cashmere.
 1810, La Belle Assemblée Fashions for May
(Quelle/source: Text via googlebooks, Photo via pinterest)

Den Begriff 'Cachemire Chale Robe', also ein Kleid explizit aus einem Cashmereshawl, habe ich nicht gefunden, 
lediglich ein Gemälde der Kaiserin Josephine von 1808.
Ist das was wir sehen, tatsächlich ein Kleid aus einem Cashmere Shawl?
Wenn ja, war es als Ohrfeige für die Engländer gedacht, um Wohlstand und Macht zu demonstrieren? (Siehe auch das Foto/den Text weiter oben, in dem die Engländer angeblich 3 Shawls, die für Mme Buonaparte bestimmt waren, als Prise erbeutet hatten! War das etwa ihre Antwort darauf?)
Oder täuscht uns die Wahrnehmung und sie trägt voller Stolz ein Kleid aus bester französischer Produktion?
I couldn't find the term 'cachemire chale robe', a dress truly made of a cashmere shawl, 
 I've only found a portrait of Empress Josephine from 1808. Could it really be a dress made of a shawl?
 Was it meant as a slap in the face of the English, to demonstrate wealth and power? (Also see the photo/text above about the English having taken 3 shawls as prize, which were meant for the empress! Has this been her answer?)
Or is our perception wrong and she's proudly wearing a dress made of the finest french manufacture?

1808, Antoine-Jean Gros, Empress Josephine
(Quelle/source: wikimedia)

Im gleichen Jahr saß auch Hortense de Beauharnais für ein Portrait. An ihrem Kleid, das nach der neusten Mode ist, sieht man sehr schön, dass die schmale Bordüre am Kragen angesetzt und nicht etwa eingewebt ist. Im Vergleich dazu die Kante von ihrem cremfarbenen Shawl.
Also in 1808 Hortense de Beauharnais did sit for a portrait. On the collar of her dress, which was entirely following the latest fashion, we see that the trim is not woven into the fabric, but stitched onto it. For comparison see the border of her creme-coloured shawl.

1808, Anne-Louis Girodet de Roucy-Trioson, Hortense de Beauharnais, Rijksmuseum
(Quelle/source: webgallery of art)

Ein Beispiel für ein solches Kleid aus Wolle (Cashmere? Merino?) und Seide mit aufgenähten modischen Kanten findet sich im Centraal Museum in Utrecht. Dieses Kleid in der Farbe jonquille wirkt, wie gerade eben von der Michaelismesse 1811 in Leipzig entsprungen.
An example for such a dress made of wool (cashmere? wool?) and silk with stitched trims is in the collection of the Centraal Museum in Utrecht. This dress in the colour jonquilla looks like as if it just left the Michaelmas Fair in 1811 in Leipzig.
ca.1810, Japon, wol, zijde (Quelle/source: Central Museum)

***

Die glatten Seidenwaren, namentlich die Florences und Levantines, verkaufte man diese Messe zu Spottpreisen, jene zu 10 – 11 Gr., diese zu 16 – 17 Gr.
Dieser wohlfeile Verkauf rührte von einigen Commissionspartien her, und wird nur so lange dauern, als diese noch vorhanden seyn werden, denn die reellen Fabrikpreise in Lyon sind nicht allein nur unbedeutend gewichen, sondern fangen auch nach den letzten Berichten von daher wieder an zu steigen. Nicht minder wohlfeil wurden die gestreiften Marcellines, nämlich die Elle zu 14 Gr. verkauft.
Tücher und Shawls in Seide, Baumwolle und Wolle haben sich seit letzter Messe wenig verändert, aber in kleinen Fichus sah man wieder eine große Mannigfaltigkeit. Unter ihnen erhielten die glatten viereckigen von Merinos und dergleichen dreizackigte, mit türkisch gefransten Bordüren besetzt, das Stück zu 2 ½ bis 3 Rthlr., den entschiedensten Beifall.
Buntgedruckte Filoche Fichus im orientalischen Styl das Stück zu 4 Rthlr. wählten die Damen zu Turbans. Dergleichen halbe Shawls gab es auch das Stück zu 11 Rthlr. glatt im Fond, mit breiten türkischen Palmenkanten. Seidene Pelerinen mit runden buntbrochirten Ecken verkauften sich zu billigen Preisen. Auffallend neu waren die seidenen Fichus a l’Iris, mit regenbogenfarbigen Kanten, drei-und viereckig zu 1 Rthlr. 12 und 2 Rthlr. 16 Gr. Und die von peluchirten Sammte in ähnlichem Geschmack das Stück zu 5 Rthlr. 16 Gr.
Ob sich diese Mode lang in der Gunst der Schönen erhalten, oder eben so schnell wie die lieblich bunten Farben der Götterbotin verschwinden werde, steht zu erwarten, wäre sie aber Vorbedeutung eines friedlichen Himmels, so sei sie uns freundlich willkommen!
The plain silks, namely Florences and Levantines, are sold on a bargain at this Fair, the first for 10 – 11 Gr., the others for 16 – 17 Gr.
This sale is due to a commissioned lot, and will only be available until they are sold out, because the prices in Lyon have not only changed slightly, but start to rise again. At the same conduct striped marcellines are sold for 14 Gr. per ell.
Kerchiefs and shawls in silk, cotton and wool have changed little since the past Easter Fair, but small fichus are offered in great variety. The most popular are those plain square or triangle ones made of merino, which have a Turkish fringe trim along the borders, sold for 2 ½ bis 3 Rthlr. per piece. Colourfully printed filoche fichus in oriental design for 4 Rthlr. per pieces are chosen for turbans. Also half shawls for 11 Rthlr. in single coloured body with a wide border in Turkish palm-tree ornament is available. Silk tippets with round colourfully stitched edges are offered at low price. A new apparent fashion are silk fichus a l’Iris, with rainbow coloured borders, square or triangle shaped, for 1 Rthlr. 12 and 2 Rthlr. 16 Gr. And those of plush velvet in a same manner for 5 Rthlr. 16 Gr. per piece.
If this fashion will remain popular among our beauties, or whether it will vanish as quickly as the lovely vivid colours of the messenger of the Gods, is still on the brink, but we would welcome it, if it means the anticipation of a peaceful heaven.
1812, Le Bon Genre, Manches en Spiral (Quelle/source: University of Washington)
Nur selten zeigte die Dame so viel Bein, dass man nicht nur das Schuhwerk, sondern auch noch die Strümpfe sehen kann, dennoch kostete eine Paar Seidenstrümpfe a la Psyche auf der Leipzigr Michaelismesse beinah das dreifache eines Paar Merinoschuhe...(mehr dazu im folgenden Text)
 Hardly ever a decent lady would show much of her legs, that she's reveal not only her shoes, but her stockings, nevertheless a pair of silk stocking a la Psyche was nearly three times the price of a pair of Merino shoes at the Michaelmas Fair in Leipzig....(more about it in the following excerpt)

Wollene mit kleinen türkischen Blümchen durchwebte Roben in ponceau, grün oder jonquille werden zum
höchsten Staate getragen. Die Elle von diesen borchirten Merinos 5/4 breit kostet 2 ½ bis 3 Rthlr.
Zu Ballkleidern empfehlen wir Ihnen farbige Petinets oder dergleichen weiße mit Silberlahn gestickt. Dünkt Ihnen aber diese leichte Rebeltracht zu vergänglich, so wählen sie eins der gestickten Perkal- oder Mullkleider, von denen auch diese Messe in dem erwähnten Magazin ein geschmackvolles Assortiment zu finden war.
Die Dessins dieser Kleider Ihnen deutlich zu beschreiben, wäre eine schwierige Aufgabe, nur so viel müssen wir Ihnen sagen, dass der Fond der Kleider meist noch immer aus kleinen Muscheln, Punkten oder Blättchen besteht, und die Kanten ausgebogt und größtenteils mit unterlegtem Petinet oder Spitzengrund durchbrochen sind. Man besetzt diese Kleider mit Falbeln von brodiertem Mull. Diese Mullkanten, sowohl an beiden Seiten, als auch in der Mitte gestickt und auslankirt, finden sie eben daselbst die Elle zu 11 bis 20 Gr.
Brodierte Kragen und Busentücher in Mull, und in Petinet und Atlas besetzt zu 6 bis 10 Rthlr. erschienen in neuer Mannigfaltigkeit, nicht minder die Pariser Bonnets, bei denen besonders die kleinen Schnällchen eine Hauptrolle spielen.
Die neuesten Arbeitsbeutel sind von Merinos mit schmalem türkischen Bande oder auch mit silbernen Schnüren besetzt, das Stück zu 2 1/3 bis 3 Rthlr.
Pariser Schuhe ebenfalls von Merinos in allen Farben das Paar 1 Rthlr. 8 Gr. und dergleichen Schnürstiefelchen mit Leder ganirt das Paar zu 2 Rthlr 8 Gr.
Dazu gehören feine weißseidene Strümpfe a la Psyche (das Paar zu 3 Rthlr.), die über den ganzen Fuß und bis an die Wade ringsherum spitzenartig durchbrochen sind.
So haben sie die ganze Bekleidung einer Dame im neuesten und elegantesten Geschmack.
Woollen robes with woven turkish flowers in ponceau, green or jonquilla are seen for formal wear. An ell of this stitched merino costs 2 ½ to 3 Rthlr, 5/4 wide.
For ball gowns we recommend coloured petinets or white ones with silver embroidery. If you think this ‘rebel’s dress’ too ephemeral, better choose one of the percale or gauze dresses, of which the mentioned warehouse carries an elegant wide range in their stock.
It is difficult to describe the pattern of these dresses, though we might state, that the fabric has small shells, dots or leaves, the borders are scalloped and usually adorned with Petinet or embroidery. These dresses are decorated with rows of embroidered gauze. You’ll find these gauze borders, which are embroidered at both edges and in between, for 11 to 20 Gr. an ell.
Embroidered collars and fichus made of gauze, embellished with petinet and satin are offered in great variety for 6 to 10 Rthlr., as well as Parisian bonnets, which please the eye with tiny clasps.
The latest bags are made of merino with small Turkish border or with silver ribbon, 2 1/3 to 3 Rthlr. per piece.
Parisian shoes, also made from merino, in different colours 1 Rthlr. 8 Gr. per pair, and boots with leather added to it for 2 Rthlr. 8 Gr. a pair.
To complete the ensemble you need the new silk stocking a la Psyche (3 Rthlr. a pair), which cover the whole feet up to the calves with a lace-like pattern.
This is the overview of the latest fashion for the elegant lady.

An dieser Stelle gebe ich ab an Alessandra für die neusten Moden aus Paris vom/
And now I like to direct you to Alessandra for the latest fashions of Paris from
und an Maggie für einen Überblick aus London/and to Maggie for an overview from London via
  "Ackermann's Repository",
sowie an Natalie für die Neuigkeiten vom Londoner Hof/and to Natalie for news from London's court
  "LaBelle Assemblée"
 

Montag, 8. Juli 2013

1814 Robe de Perkale garnie guirlande florale

Bisher war das Wetter in diesem Sommer doch eher verhalten, wenn nicht gar missmutig, aber dennoch nähte ich unbeirrt an meinem Sommerkleid weiter.
Und tatsächlich kehrte mit dem letzten Nadelstich der Sonnenschein in unsere Gefilde ein.
Endlich!
Der Sommer scheint mit der Verwandlung von einem hochgeschlossenen Kleid zu einem luftigen Kleidungsstück, gesäumt mit Gänseblümchen und Margeriten, einverstanden.
Zunächst habe ich das alte Kleid in seine Einzelteile zerlegt und die Querfalten im Rock aufgetrennt. Die zusätzliche Länge half mir, den Saum umzuschlagen und in eine Bogenkate zu vernähen.
Der Rock selbst sollte in der Taille ein paar Zentimeter verlieren, weshalb ich einige Abnäher vornehmen mußte.
Das Oberteil habe ich aus einem Reststück gearbeitet, denn bei dem Original hatte ich den Stoff dort im waagerechten Verlauf verarbeitet. 
Die Ärmel wurden gekürzt und die Reste vernäht und in den Kragen mit Bogenkante verwandelt.
Und dann ging es an die Blüten.
Die Blütenblätter bestehen aus drei Lagen Baumwollstoff in Weiß bzw die mittlere Lage aus Zartrosa. Die Kelchblätter und der Blütenstempel sind aus Wollfilz gefertigt.
So far this summer was less than moderate weatherwise, even discontented, but nevertheless I stitched along on my summer's dress.
And to my utmost amazement and delight sunshine made an appearance with the very last stitch.
Finally!
Well, it seems that the summer is very agreeable with my alteration of a high-necked dress into a light white garment adorned with daisies and marguerites.
First I took all the pieces of the dress apart and opened the pintucks on the skirt. The additonal lenght of the skirt helped me to build up enough fabric for stitching scallops along the hem.
The skirt itself should be narrower in the waist, thus I made some darts.
The bodice is sewn from a remnant of the former dress, as the stripes of fabric on the original dress ran horizontally.
The sleeves were shortened and the cut off was transformed into the scalopped collar.
And then the flowers.
The petals are made of three layers of white cotton, with the middle layer made of pale pink cotton.
The sepals and pistils are made of wool felt.

Das neue Oberteil mit der Bogenkante als Kragen und einem Blütenkranz rundherum. Insgesamt ist das Kleid trotz der Verzierung recht schlicht, aber mit vielen liebevollen Details versehen. 
Der Kragen ist durchgehend zusammengenäht und am Ausschnitt befestigt. Das bedeutet, dass man in das Kleid kopfüber hineinschlüpfen muß.
The new bodice with a scalopped edge around the collar and a daisy wreath all the way round. Overall the dress has a quite simple look, but with a lot of lovely little details.
The collar is made of one piece with no opening, which means that the wearer has to slip into the bodice head over heels.

Die Rückseite mit dem durchgehenden Kragen. Das Band als Verschluß läuft durch einen Tunnel (coulisse) und wird von den Seiten her verschlossen.
The back with the one-piece collar. The ribbon ties run through a tunnel (coulisse) and are closed coming together from the sides.

Eine Nahaufnahme des Innenlebens. Man erkennt auch deutlich das Taillenband, das vorne befestigt wurde, damit das Kleid unter der Brust gut anliegt.
A close-up of the interieur. A good view on the waist ribbon, which is attached at the front to help the bodice lie flat under the bust.

Ein Detail des Ärmels. Mittig ist er gerafft und entlang der entstandenen Falten mit Gänseblümchen versehen.
A detail of the sleeve. It's ruched in the middle and adorned with three daisies along the newly formed pleats.

Den Saum zieren etwas größere Margueriten, welche auf ein gebauschtes Band (Girlande) aufgesetzt wurden.
The hem is decorated with slightly larger marguerites, which are applied on top of a puffy rouleau (garland).
Die Innenansicht. Inside view.

Zu dem neuen sommerlichen Kleid gehörten auch unbedingt neue Schuhe in Weiß und wie es der Zufall so wollte, stolperte ich über ein verlockendes Angebot aus dem Hause Hirica. Ballerina aus sehr weichem Leder, die - man höre und staune - auf gleichem Leisten gearbeitet werden.
Es bedurfte lediglich ein wenig Dekoration, um die Schuhe anzupassen.
I truly needed a lovely pair of white slippers with this dress and you can imagine my amazement when I stumbled upon a lovely sale bargain at Hirica shoes. Ballerina flats made of very soft leather and - my amazement even grew - built on straight lasts.
It only needed a bit of decoration to transform these lovely slippers.
Ein wenig Seide, eine neue Einlegesohle aus Leinen, alte Schuhlabel und mit Tinte vermerkte Hinweise für 'links' und 'rechts'. 
Some silk, new linen insoles marked with ink for 'left' and 'right', and two old shoe labels.

 Durch den Aufbau der Schuhe auf geradem Leisten, formt sich zwangsläufig die für die Zeit um 1800 prägende Schuhspitze.
As the shoes are built on straight lasts, they inevitably form the typical front as seen in slippers around 1800.

Das neue Ensemble. Zu dem Kleid trage ich eine Chemise, einen Schnürleib und Unterrock, lange Strümpfe, Handschuhe und einen sehr üppigen Schal.
The new ensemble. With the dress I'm wearing a chemise, a pair of short stays (Schnuerleib) and a petticoat, long stockings, gloves and a huge shawl.

Hier erkennt man, wie sich die Ärmel durch die Raffung formen.
The sleeves form tiny puffs through the ruching.

Und weil es so ein herrlicher Spätnachmittag war - sozusagen eine Ahnung des Shakespeare'schen Sommernachtstraum - konnte ich nicht widerstehen in das Spiel aus Licht und Schatten in unserem Garten einzutauchen. 
And because it was such a wonderful sunny late afternoon - almost a hint to a Shakespearean Midsummer Night's Dream - I couldn't resist but had to 'dive' into the play of light and shade in our garden.


Mittwoch, 1. Juni 2011

Eingehüllt

Die riesigen Schals in der Zeit um 1800 haben es mir schon lange angetan.
Leider sind die Originale rar und nahezu unerschwinglich; und vielen der heutigen Schals oder angebotenen Nachbildungen fehlt es einfach an der Größe.
Dann stolperte ich beinah zeitgleich über diesen wunderbaren Artikel auf der Seite Romantic History und diese schöne Miniatur aus der Miniaturensammlung Tansey...
The huge shawls from the era around 1800 had my admiration for a very long time. Unfortunately original pieces are rare and nearly unaffordable. On the other hand modern equivalents or reproductions often lack their size.
Then I suddenly came across this lovely article at Romantic History and this beautiful miniature painting from Tansey's...
1811, Jean Pierre Barrois, Frau mit braunem Kleid

Dargestellt ist ein großer, einfarbiger Schal mit kurzen Fransen in einer Farbe zwischen Pink und Pfirisch. An der fransigen Kante ist kein Muster zu erkennen. Nach einem kurzen Blick in meinen Stoffschrank, landete schließlich ein schmiegsamer, schillernder Baumwollsatin in einem blassen Pink auf meinem Tisch. Die Herstellung der Fransen erwies sich als ein wenig mühsam, aber durchaus lohnenswert. Der fertige Schal mißt 145cm x 285 cm - und man kann sich darin herrlich einhüllen!
Pictured is a big, pink/peach colored shawl with a rather short fringe. And there's no hint of a pattern at the border. After a thourough look through my fabric stash, I eventually pulled out a  faded pink colored and very soft cotton sateen with a lovely silk lustre. Pulling the tiny threads for the fringe was a bit time consuming, but worth the effort. The shawl meausres 57 inch x 112 inch - perfect to wrap up into!