Ich bin den Schuhen und Schuhgeschichten keinesfalls überdrüssig geworden, aber bevor es an ein weiteres Paar geht, werde ich über ein Projekt berichten, welches im Juni stattfand - und dem Monate an Planung und Vorfreude vorausgegangen sind.
Dieses Jahr feiert Friedrich Justin Bertuch (1747-1822), der Begründer des Journals des Luxus und der Moden in Weimar ein doppeltes Jubiläum, seine Lebensdaten verraten es.
Zu diesem Anlass haben einige Entscheidungsträger in Weimar ihre Köpfe vor geraumer Zeit zusammengesteckt und herausgekommen war eine kleine, aber feine Modenschau im ehemaligen Landes Industrie Comptoir am Baumgarten, oder kurz: im Bertuchhaus, dem heutigen Stadtmuseum in Weimar.
Eine Modetafel aus dem Journal des Luxus und der Moden nachzuschneidern und auf der herrlichen Treppe hinter den Türen am Baumgarten vorzustellen, ist tatsächlich eine echte Herzensangelegenheit, deren Verwirklichung wir Allesandra Reeves von Pavillon de la Paix, Dr.Jens Riederer aus Weimar, dem Förderverein Freunde und Förderer des Stadtmuseums Weimar im Bertuchhaus e.V. und dem Stadtmuseum Weimar zu verdanken haben.
An der Modenschau teilgenommen haben neben Mme und Monsieur Reeves, Kerstin Klotsche von flyingdreams, Auguste Schumann, Tanja Grebe, The Sewing Historian, Hana Polášková, Annemarie von a.k.costumery.projects und artsdecoratifs.
Es ist zudem ein Video von der Modenschau entstanden, hier entlang: Modenschau
Allen Beteiligten möchte ich an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank für die unvergessliche Veranstaltung ausdrücken.
Aber zurück zu den Anfängen und der Planung eines kompletten Ensembles aus dem Journal des Luxus und der Moden, dessen Arbeiten bereits im Herbst des vergangenen Jahres begonnen haben.
Meine Auswahl fiel auf eine Faltenchemise mit Aufsatz und Schuhen.
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| 1797, Mai, Journal des Luxus und der Moden, Tafel 13 (Quelle: googlebooks) |
Glücklicherweise kommt der Kupferstich von Georg Melchior Kraus mit einer fabelhaften Beschreibung daher.
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| 1797, Mai, Journal des Luxus und der Moden, Tafel 13 Modenneuigkeiten (Quelle: googlebooks) |
Transkription:
[...]Mein erste junge Dame (Taf.13) trägt auf der Frisur ein kleines Käppchen von schwarzen Atlas mit schwarzen Spitzen und schmalen goldnen Tressen besetzt, die oben auf dem Kopfe eine Art von Rosette bilden. Hinten herab hängt ein schwarzes Flortuch, und der Aufsatz ist mit fünf weißen Federn in verschiedener Richtung decoriert. Um den Hals eine doppelte goldene Kette; in den Ohren goldne Ringe. Die Chemise ist von feinem Musseline bunt geblümt, vor der Brust weit offen, in ganz gerade liegende platte Fältchen gelegt, und mit einer Blonde garniert; die Aermel aber hoch aufgeschürzt, so daß der halbe Oberarm entblößt ist. Die Schuhe sind von gelbem Engl.Leder, schwarz geschnürt, sehr spitzig und ohne Absätze.[...]
Ein Käppchen oder Aufsatz war die Empfehlung des Journals. Zunächst einmal machte ich mir Gedanken über die doch recht merkwürdig anmutende Form, die auf der üppigen Frisur sitzen sollte.
Ich fertigte einige Modelle aus Filz, um Form und Größe festzulegen, dann begab ich mich mit grobem, gestärktem Leinen (Stramin), Papier und Draht an die Arbeit.
Der Aufsatz besteht aus drei Teilen.
Die Front aus Steifleinen, innen mit aufgeleimtem Papier verstärkt, außen statt mit dem im Text erwähnten Seidenatlas, mit Seidenhaar bezogen, welches mir Monsieur Robardey-Tanner von Les Soirées Amusantes geschenkt hatte und das für das Hütchen wie geschaffen ist.
(Nochmals vielen lieben Dank für den hervorragenden Modistenstoff!)
Der hintere Teil des Aufsatzes, bestehend aus zwei Teilen, ebenfalls mit aufgeleimtem Papier verstärkt und mit einem Draht entlang der Mittelnaht.
Die drei Teile wurden zusammengenäht und schließlich nach dem Vorbild der Modetafel mit echter Metalltresse garniert.
Die Tresse ist lediglich 7 mm breit. Sie wird mit schwarzem Faden aufgestochen.
Nach dem Aufnähen der Tresse, folgte die seidene Spitze entlang des Saums und schließlich die Rosette, welche aus der goldenen Tresse geformt wurde und auf der dritten Tresse über der Stirn sitzt.
Das Käppchen selbst ist fertig. Es sitzt klein und fein auf der Frisur und benötigt weder ein Band, noch eine Hutnadel, sondern sitzt dank des Drahtes entlang des Saums fest auf dem Kopf.
Die eigentümliche Form ist wie geschaffen für die lockigen Frisuren mit Chignon.
Die leicht gespreizt wirkende Form verliert sich, sobald der Aufsatz auf dem Kopf sitzt, durch den Draht stellt sich das Käppchen dann ein wenig in die Höhe.
Der Aufsatz ist mit gebleichtem Leinen gefüttert.
Die Rosette, gewunden aus einer goldenen Metalltresse.
Aber das Hütchen allein wirkt auf dem Kopf ein wenig verloren und seltsam, denn erst die Garnitur verleiht diesem Aufsatz seine Einzigartigkeit.
Für das Flortuch, das auf der Rückseite drapiert wird, habe ich feinsten Seidenchiffon in Schwarz bestellt, dessen Rand ich versäubern musste.
Und was bietet sich für feinen Stoff besser an als ein Rollsaum.
Rollsaum? Findet sich dieser Begriff? Und wie wurde er technisch ausgeführt?
Meine Suche nach eben dieser Terminologie lief ins Leere. Ich konnte leider keine Publikation um 1800 finden, in der dieser Begriff gebräuchlich war, aber stattdessen fand ich eine interessante Quelle, die ich augenblicklich umsetzen wollte.
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| 1802, Carl-Philipp Funke, Anweisung für Töchter aus allen Ständen sich ihrem künftigen Berufe gemäß würdig zu bilden, Dessau (Quelle: googlebooks) |
Transkription:
[...] Die dritte Art ist der sogeannte Schnur-oder Fadensaum, wenn man einen starken Zwirnfaden nach der Länge des Saums legt, und den Einschlag des shcnittes mit der Nähnadelspitze über denselben streicht. Hierbei ist nöthig, daß die Stiche mit vieler genauigkeit in gleicher Entfernung gemacht werden, und so, daß ein jeder gleich viel vom Saume und dem Zeuge fasst; auch muß man den Faden immer gleich anziehen. Man bedient sich dieses Saumes bei seidnen Tüchern, Busenstreifen u. dergl.[...]
FADENSAUM!
Ein fester Faden oder Zwirn war also das Geheimnis eines kleinen und feinen Saums.
Im folgenden eine kurze, bebilderte Anleitung, wobei es sich lohnt im Stoff einen Faden zu ziehen und eine wirklich gerade Kante zu erhalten. Aber wie im folgenden Exkurs zu sehen, geht es auch ohne.
Je mehr Vorarbeit und Übung, umso feiner wird das Ergebnis.
Ein nicht ganz so feiner Musselin, mit dem einzulegenden Zwirn und dem feineren Nähgarn.
Der Faden wird aufgelegt und mithilfe der Nähnadel, Zeigefinger und Daumen wird der Stoff über den Zwirn gedreht.
Schließlich mit kleinen und möglichst ebenmäßigen Stichen um den Faden durch den Stoff vernäht.
In nächster Zeit werde ich noch mehr üben, um die Stiche und Zug gleichmäßiger auszuführen, aber vorerst war ich mit dem Ergebnis des Fadensaums zufrieden.
Für die weißen Federbüsche bestellt ich ein Dutzend Federn in verschiedenen Längen bis 40 Zentimeter, welche jeweils zu zweit oder dritt für mehr Fülle entlang der Kiele zusammengenäht wurden.
Schmückt man das doch etwas albern wirkende Käppchen mit dem Flortuch und den Federn, erhält man einen wirklich schönen Aufsatz, der dank des schwarzen Tuchs und der Tressen fast ein wenig militärische Strenge erhält und wirklich etwas hermacht.
Ob er die glücklichste Wahl zu der doch eher sommerlich leichten Faltenchemise ist, sei dahingestellt, jedenfalls fand gerade das Hütgen sehr viel Bewunderung.
Wieder einmal hat es sich gelohnt, dem Journal des Luxus und der Moden in Beschreibung und Modetafel akribisch zu folgen, um ein authentisches Kleidungsstück herzustellen, das in seiner Gesamtheit einfach überzeugend wirkt und an dem jede Einzelheit zu einem stimmigen Ganzen führt.


























