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Mittwoch, 29. Februar 2012

KCI 1826 Day Dress

...oder: wie das Kleid möglicherweise tatsächlich zu diesem Zeitpunkt ausgesehen haben mag.
In meinen vorherigen Beiträgen zu dem Kleidungsstück, habe ich bereits angedeutet, dass ich mich für eine andere Ärmelform als beim Original des Kyoto Costume Institutes entschieden habe, da ich in den Modekupfern der Zeit keinerlei Hinweis auf andersfarbige und üppig weite Ärmel (außer weißen, hauchzarten Mousselinüberärmeln)  gefunden habe.
Aber nun endlich der wohlverdiente Blick auf das Kleid!
...or: how the dress possibly might have looked like in that year.
I already tried to explain in my previous posts, that I'd chose another style of sleeves than those of the original in the Kyoto Costume Institute collection, as I couldn't find any hint in the fashion plates about huge sleeves in a totally different colour scheme (except the thin white muslin oversleeves).
But now on to the dress!


Für das gesamte (natürlich komplett handgenähte) Kleid habe ich 4.50 m Seidentaft benötigt, sowie etwa 1.5 m grünen Baumwollsatin und etwa 1.5 Baumwolle (mit Tee gefärbt) für das Futter.
The whole dress (which certainly is completely hand sewn) called for 5 yards of silk taffeta, and 1.6 yard of cotton satin and the same amount of tea-dyed cotton for lining.


Der Gürtel ist aus einer Lage Baumwollsatin (versteift mit Rosshaareinlage) und einem aufgenähten Streifen dunkelgrünem Baumwollbrokat mit Eichenlaubmuster.
The belt is made from a layer of cotton satin (stiffened with horsehair canvas) on which I mounted a strip of dark green cotton brokade with an oakleaf ornament.


Zur Konstruktion der Ärmel ist hinzuzufügen, dass ich mich für eine mittlere Weite entschieden habe, wie sie um 1825/26 in Mode waren. In einigen europäischen Ländern hielten sich die schmaleren Ärmel länger als in anderen, was ein Vergleich verschiedener Modekupfer darlegt.
I have to add to the construction of the sleeves, that I went for a semi wide sleeve puff, how it was fashionable in 1825/26. In some European countries the narrower sleeves lasted longer than in others, which is clearly documented with the different fashion plates from various magazines.

Das endgültige Schnittmuster/ the final pattern

Der zusammengenähte Ärmel. Um einigermaßen Stand zu gewährleisten wurden die Ärmel noch mit Baumwollstoff gefüttert.
The constructed sleeve. To provide the sleeve with a stand it is lined with cotton.

Bei der Wahl des Ärmelaufschlags hielt ich mich daran, das Muster des Kleides wieder aufzugreifen. Ich setzte grüne Paspeln ein und einen breiteren Streifen Satin wie am Rockteil. Die Ärmelaufschläge für Tageskleider waren seinerzeit zumeist eher schmaler gehalten.
My choice of the cuffs was influenced by the pattern of the dress. I added green piping and a Rouleaux of satin like I've done on the skirt. The cuffs of day dresses usually were quite small.

Das ganze Kleid von Innen. Leider ist der Rocksaum etwas kurz geraten, da der Rock des Originalkleids vom KCI auf der Puppe recht kurz wirkt. Der Rock wurde auch in der Tat mit der Zeit kürzer, aber um 1826 war er noch länger. Leider machte ich die Feststellung erst nachdem der Rock zugeschnitten war.
Der übergeschlagene Saum diente im gekräuselten Rückteil zudem als eine Art "Pokissen", um dem Kleid mehr Stand zu verleihen.
Im Bild erkennbar sind die Nähte und das eingesetzte Taillenband.
The inside view of the dress. Unfortunatley the skirt seam is pretty short, due to the pictures of the original KCI dress. The skirt was in fact becoming shorter during that decade, but in 1826 it still had to reach the ankle. Pitty, I've noticed that after the skirt was cut.
The folded and gathered seam served as a kind of bum pad in the the back.
Seen in the picture are the seams and the added waistband.
Die Rückseite. Das Kleid wird mit 8 Haken und Bügeln (anstelle von Ösen!) geschlossen - an dieser Stelle nochmal vielen Dank an Natalie, die mir ein paar dieser Verschlüsse zugesandt hat!
The back view. The dress is closed with 8 hooks and loops - a heartfelt thank you to Natalie, who sent me these wonderful closures!

Die versäuberten Ärmel. Häufig lasse ich die Ärmel unversäubert, aber da Seide dazu neigt, stark auszufransen, habe ich mich für das Vernähen entschieden.
The finished sleeve caps. Usually I leave the sleeve seams unfinished, but as silk tends to fray too much I decided to finish the ends.


Ein Bild ohne Gürtel. Hier wird deutlich, wie wichtig das Accessoire gewesen ist. Der Gürtel betont nochmal die schmale Taille - die, nebenbei bemerkt, natürlich kaum so schmal ist, wie es uns die Modekupfer weismachen wollen (Da hat sich in den Jahrhunderten nicht viel geändert, was?)
A photo without the belt. It clearly shows how important this accessoire was. The belt emphazises the small waist - which is, I may remark, never as tiny as the fashion plates would love to make us believe back then (Not much has changed in this regard throughout the centuries, eh?)

Zu einem kompletten 1826 Ensemble gehört selbstverständlich auch eine passende "verrückte" Frisur. Als Vorbild dienten mir Johanna Henriette Engelen und diverse Modekupfer aus dem Jahr 1826. Die Frisur ist mir auch recht gut geglückt, allerdings stellte sich im künstlichen Licht des gestrigen Abends heraus, dass einzelne Locken nicht erkennbar sind, schlimmer noch, es wirkte wie eine große dunkle Einheit. 
Was tut man da?! Einfach zu einer verrückten großen und gerüschten Haube greifen, wie sie in den 1820ern in Mode kam.
(Ich bitte die schlechten Lichtverhältnisse im Bild und die mindere Qualität der Aufnahmen zu entschuldigen)
A complete 1826 ensemble calls also for a kind of "silly" hair. I was inspired by Johanna Henriette Engelen and various fashion plates from 1826. The hair turned out wonderfully, but due to the artificial light yesterday evening, not a single curl could bee seen, even worse the hair seemed to look like a giant dark, rather comical mass.
What to do?! I grabbed a huge and frilly silly cap instead, how it was fashionable throughout the 1820s.
(My apologies for the poor light and overall quality of the photos)


Zu dem Kleid trage ich ein Unterkleid, ein langes 1820er Korsett und einen Unterrock, weiße Strümpfe und flache schwarze Schuhe.
Ich weiß, im Anbetracht der vorherrschenden guten Sitten um 1826 hätte ich ein wenig ernster dreinblicken sollen, aber dieses Kleid bringt mich einfach immer zum Lachen.
Under this dress I'm wearing a shirt, a long 1820s corset, a petticoat, white stockings and black, flat slippers.
I know, according to the good manners of 1826, I should have put on a more decent face, but this dress simply makes me giggle.

Dienstag, 14. Februar 2012

Das Warten nimmt kein Ende...

Es scheint als hätten Eis und Schnee in den letzten Tagen nicht nur die Landschaft eingehüllt, sondern auch das alltägliche Leben ein wenig verlangsamt. Leider warte ich noch immer händeringend auf Nachschub für die Ärmel des KCI 1826 Kleids.
Damit aber nicht erst das Gerücht aufkommt, ich hätte mich aufgrund des Wetters ebenfalls in den Winterschlaf verabschiedet, im Folgenden ein paar Zeilen und Fotos zum Oberteil des Kleides (natürlich ohne Ärmel).
It seems as if snow and ice have not only spread their freezing veil upon the landscape, but also slowed down life in general. Alas! I still desperatley wait for the silk delievery for the planned sleeves of the KCI 1826 dress. And as I'm not likely to support rumours, that facing the current weather I decided to hibernate, I'll share some information and photos about the bodice of the dress (minus the sleeves).

Das Kyoto Costume Institute versagt uns leider den Blick auf die Rückansicht des Kleidungsstückes, also hieß es folglich wieder ein paar Modekupfer als Referenz herauszusuchen. Glücklicherweise wurde ich auf den tumblr Seite Old Rags und Dames a la Mode mit wunderbaren "Kehrseiten" belohnt.
Folgten Verzierungen in der ersten und zweiten Dekade häufig noch dem tatsächlichen Kragenverlauf, legte man in den 1820er Jahren  - mit der Wiederentdeckung der Taille - großen Wert darauf die Figur zu betonen und die Verzierungen auf der Vorder - und Rückseite des Kleides in einer Art und Weise anzusetzen, dass die schmale Taille noch mehr betont wurde. 
Unfortunately the Kyoto Costume Institut denies us a peek on the backside of the dress, thus I had to search fashion plates galore for reference. Luckily I was rewarded with beautiful fashion plates from the superb tumblrs Old Rags and Dames a la Mode.
While embelishment in the first and second decade of the 19th century usually followed the true neckline of a dress, the fashion of the 1820s - with the rediscoverery of the dropped waistline - added the embelishment on the bodice and collar to put emphasize on the shape.

Das vordere Teil des Oberteils wurde im Schrägverlauf des Stoffes geschnitten und mit einem Abnäher versehen. In der Mitte wird es durch eine farblich kontrastierende Paspelierung zusammengefasst. Auch am Kragen befindet sich eine Paspelierung, diese wird allerdings noch von einem Streifen Seide (im Schrägverlauf zugeschnitten) gefasst.
Die Verzierungen bestehen aus jeweils zwei leicht winklig zulaufenden Stoffstücken, die mittig (Schulter) zusammengenäht wurden. Die Streifen werden gepaspelt und mit Dreiecken versehen. Dadurch, dass der Stoff im Querverlauf zugeschnitten wurde, schmiegt sich die Verzierung gut an.
Auf der Schulter werden  die Schleifen drapiert.
The front piece of the bodice was cut on bias with one dart on each side. Both parts are attached with a contrasting piped strip of cotton satin. The collar is edged with piping and finished with a further piece of silk (cut on the bias).
The embelishment is made of two straight pieces (again cut on the bias), which are sewn together in the middle (shoulder part). The strips are piped and vandyked. As the silk is cut on the bias, it's easy to get a smooth shape following the body lines. There are two ties draped on the shoulder.

Vorderansicht/ front view

Rückansicht (Haken und Ösen sind noch nicht angebracht)
Back view (hooks and eyes still missing)

Ein Blick unter die Verzierung. Keine Sorge, die losen Fäden und das ungefütterte Durcheinander werden später von den weiten Ärmeln verdeckt.
A view of the backside of the embelishment. Don't worry, the loose threads and unlined seams will later be covered by the huge sleeveheads.

Das Oberteil ist mit Baumwolle gefüttert, die zuvor mit Tee ein paar Nuancen dunkler gefärbt wurde.
The bodic is lined with cotton, which I have dyed with tea to a darker shade.

Im Bild gut sichtbar sind die Abnäher, die Versäuberung des Kragens, sowie die Stiche mittels derer die Verzierungen angebracht wurden.
Shown are the darts, the finish of the neckline and the stitches, which were used to attach the embelishment.


Und beim nächsten Mal gibt es dann hoffentlich etwas über die Ärmel zu berichten...bis dahin 
Happy Sewing!
And next time it's hopefully all about the sleeves...til then 
happy sewing!

Freitag, 27. Januar 2012

Dilemma 1826

Den Stein des Anstoßes gab der Herr des Hauses vor ein paar Tagen, als er kritisierte, dass der Stoff, den ich mir für die üppigen Ärmel aus meinem Stoffvorrat ausgesucht hatte, nicht recht zu dem Kleid aussehen würde. 
Seine Kritik bezog sich zwar eher auf die Farbwahl (ein Blaugrau), aber dennoch veranlasste es mich eifrig über dem Original zu brüten. Die Ärmel des KCI 1826 haben - wenngleich in der Beschreibung von Grün die Rede ist - einen blaustichgen Farbton, der allerdings so gar nicht zu den anderen Farben des Kleidungsstückes passt...
MOMENT!
Nicht nur die Farbe wiederholt sich nirgendwo auf dem Kleid, auch die Ärmel haben doch eine merkwürdige Form für 1826...allmählich dämmerte es mir!
Im Nachfolgenden stelle ich meine Vermutung dar, dass das Kleid im Laufe der Zeit zweimal verändert wurde.
Ich hoffe, meine Erklärungen sind am Ende dieses Beitrags nachvollziehbar.
The confusion started with a remark of my dear husband a few days ago, who critisized that the fabric I had chosen from my stash wouldn't match the dress. Although his remark referred merely to the choice of colour (a greyish blue), I started pondering about the complete original dress once again. The sleeves of the dress -  mentioned in the description as being a green colour - have a blueish colour, which doesn't match to any other colour on the dress...
WAIT!
Not only the colour doesn't match, the sleeves also have a strange shape for being 1826...gradually it dawned on me!
Following I'll try to explain my speculation about the dress being altered at least two times.
Aber zunächst nochmal ein Blick auf das Original...und da fallen sofort die Ärmel ins Auge, wenngleich das Ensemble harmonisch wirkt und durch seine ungewöhnliche Art gleich gefällt. Vielleicht war es diese Tatsache, die meinen Blick ein wenig verschleiert hat, obwohl es doch derart offensichtlich ist, dass vieles nicht zusammen passt.
First another look on the original dress...the sleeves are one of the details that pop into the eyes at once, although the ensemble harmonizes in detail and it's attractive due to being unique. Maybe it was these emotions, which blinded my eyes, though it's evident that some details just won't match.


 Also, wo fange ich nur an?! Vielleicht mit der Entstehung des Kleides und darüber gibt uns das Rockteil Aufschluß, genauer gesagt die Ornamente. Glücklicherweise existieren viele Modekupfer aus dieser Zeit und, wie ich in einem früheren Beitrag bereits erwähnte, gewähren uns die eine hervorragende Möglichkeit ein Kleidungsstück zeitlich einzuordnen. Zu welchem Zeitpunkt waren in den 1820er Jahren Applikationen in Blätterform auf den Röcken zu finden?
Wir landen im Jahr 1824.
But where to begin?! Maybe with the actual origin of the dress and here a closer look at the ornamented hem of the skirt is quite helpful. Luckily a lot of fashion plates from this decade  exist, and as I've mentioned in a previous post, these happen to give us the possiblity of an exact order. In which year of the 1820 do ornamented leaves and flowers have been in fashion?
We end up in the year 1824.



Das Kleid ist also irgendwann 1824 oder 1825 entstanden, denn in späteren Jahren war als Zierde der Röcke eher der Gebrauch von Rouleauxs oder üppigen Rüschen bevorzugt. Im Hinterkopf sollte allerdings bleiben, wie aufwändig die Anfertigung der Bordüre war, denn schließlich bleibt sie dem Kleid als Erkennungsmerkmal erhalten. 
Beim Anblick der Bilder fallen einem unweigerlich die schmaleren Ärmel auf. Von 1824 bis 1825 begannen sie allerdings ein wenig üppiger zu werden: Beleg
Eine andere Tatsache springt ins Auge: die Ärmel hatten die gleiche Farbe, wie der Rest des Kleides!
The dress was without doubt made between 1824 and 1825, because in later years the hems would have been decorated with rouleauxs and frills/ruches/pleats. But keep in mind how very tedious the work with the leaved hem has been, and this hem remained a hallmark of the dress throughout the years.
First thing to notice are the smaller sleeves. Between 1824 and 1825 they started to become slightly bigger: see here.
Another detail is evident: the sleeves always had the same colour/fabric as the dress!

Um 1826/1827 dann kam eine neue Zierde auf die Oberteile der Kleider und die Besitzerin des Kleides ließ es sich scheinbar nicht nehmen, diese neue Mode umzusetzen.
Auf den ersten Blick erkennt man, dass das Grün der Zacken und Paspeln ein viel dunkleres Grün ist, als das der Dekorationen am Saum.
Around 1826/1827 a new fashion was added to the bodice and the owner of the dress seem to have added that, too.
It's noticable that the green used for decoration and piping is a much darker shade than that of the decorated hem.

Und dann im Jahr 1829 schließlich wurden die Ärmel gegen die ausladendenen Ärmel ausgetauscht, die zum Ende der Dekade bis weit hinein in die 1830er in Mode waren.
Und wenn man das obere Bild vergrößert erkennt man, dass auch der Abschluß der Kante mit einer Paspel aus eben diesem blauen Stoff verziert wurde. 
And finally in 1829 the smaller sleeves have been replaced by those huge sleeves, which came in fashion at the end of the decade and remained favoured into the 1830s.
When looking carefully at the picture above, you'll notice that the piping around the collarline is the exact shade of blue as the sleeves.

Eine letzte Änderung trat dann irgendwann an den Ärmelaufschlägen ein. Hier handelt es sich aber wohl nur um eine Ausbesserung aufgrund von Verschleiß.
A final change was done on the cuffs. But this time it seems to be merely a mend due to wear and tear.

Und nun zurück zu meinem Dilemma, das ich in der Überschrift erwähnt habe.
Ich habe in letzten Tagen abermals wirklich ausgiebig nach einem passenden Farbton für die Seide der Ärmel gesucht, aber kein Muster fügte sich so harmonisch ein, wie bei dem Original.
 Und überhaupt, wäre es nicht angebracht bei der Interpretation zu versuchen das Kleid in den Zustand von 1826 zu versetzten, also der Zeitpunkt in dem die Veränderung eher gering war. Das Jahr 1824 würde sich schon schwieriger gestalten, da ich keinerlei Anhaltspunkt bezüglich der Verzierung des Oberteils habe.
Ich tendiere dazu die verzweifelte Suche nach passender blauer Seide einzustellen (obwohl die weiten 1829 natürlich reizend sind) und stattdessen den gestreiften Stoff für die (moderat weiten) ursprünglichen Ärmel zu nehmen.  
Ist das der Weg aus dem Dilemma?!
And now back to the dilemma, which I have mentioned in the headline.
 I'm afraid my search for a matching blue silk for the sleeves was hopeless to date, because no sample gave the dress the look of the original.
And furthermore, wouldn't it be interesting that I'd interpret the dress as it has been in the year 1826, that year in which the alterration have been moderate. The look of the year 1824 would be harder to achieve, as I don't have any proof about the former decoration of the bodice.
I tend to give up the search for matching blue silk (although I fancy the huge 1829 sleeves) and instead use the main fabric for the sleeves of origin.
Is this the way out of my dilemma?!

Mittwoch, 25. Januar 2012

Seidenraupen im Sauerland

Das verregnete Sauerland?! 
Das klingt erstmal unglaublich, ist aber wahr!
Da das KCI 1826 mein erstes Seidenkleid wird, habe ich mich ein wenig ausführlicher mit dem wunderschönen Gewebe beschäftigt und bin dann auf Umwegen auf folgenden Artikel gestoßen:
"...Am Anfang des 19. Jahrhunderts steht das nur kurze Zwischenspiel einer Textilindustrie, die der Iserlohner Adolph Friedrich Basse eingeführt hatte...Basse hatte nun seit 1789/90 die Seidenweberei (in Menden) eingeführt. 1801 waren 45 Webstühle mit 80 Arbeitern in Betrieb, doch bald nach 1820 hörte die Seidenweberei auf, da sie mit den Elberfelder Betrieben nicht konkurrieren konnte..." 
(Quelle: "Menden - eine Stadt in ihrem Raum", 1973)
Weiteren Berichten zufolge ist es auch wahrscheinlich, dass die Mendener (ähnlich wie Iserlohn) Maulbeerbäume pflanzte, um die Seidenraupenzucht vor Ort zu gewährleisten.
Silkworms in the Sauerland?
In such a rainy area of Germany? 
Sounds unbelievable, but it's true!
As the KCI 1826 will be my very first silk dress, I was eager to learn more about this beautiful fabric and I suddenly came across this interesting article:
"...at the beginning of the 19th century there was a minor intermezzo of the textile industry, which Adolph Friedrich Basse has introduced to the area...Basse has settled silk weaving in 1789/90 (in Menden). In 1801 there was an account of 45 weaving looms with 80 weavers, but soon after 1820 the silk weaving stopped as Menden couldn't compete with the Elberfeld' silk weavers..."
(Source:  "Menden - eine Stadt in ihrem Raum", 1973)
Further sources reveal that Menden (like Iserlohn) was likely to have Mulberry trees to guarantee the silkworm breeding in this area.

Nach dem kleinen Ausflug in die Vergangeheit meiner Heimatstadt, geht es nun aber wieder zurück an den Nähtisch. Mittlerweile ist das Rockteil komplett fertig.
Für den Schnitt habe ich folgende Bücher zur Hilfe genommen: "Costume in Detail", "The Lady's Stratagem" und "The Cut of Women's Clothes 1600-1900"
Wichtig war ein Schnitt, der aus sechs Teilen besteht. Also einem Vorderteil, einem Rückteil und jeweils zwei Seitenteilen.
After this short visit into my hometown's past, I'll now return back to the sewing table. Meanwhile the skirt is completely done.
For the pattern I used the following books: "Costume in Detail", "The Lady's Stratagem" und "The Cut of Women's Clothes 1600-1900"
I came up with a skirt pattern containing of six pieces. A front piece, a back piece and two side pieces each.
Beim Zusammennähen habe ich mich an die Empfehlungen aus dem Lady's Stratagem gehalten. Die geraden Kanten wurden mit einem Kombinationsstich aus Vorstich und Rückstich vernäht, die mit schrägem Stoffverlauf mit Rückstichen.
Bei Seidenstoffen, die zum Ausfransen neigen, ergeht der Rat, dass die Nähte gefaltet und dann mit Überwendlichstich versäubert werden (bis auf die Webkanten, die nach Möglichkeit genutzt werden sollten).
I closely followed the sewing instructions in the "Lady's Stratagem". It's advised that the straight seams be put together with a combination stitch (backstich and running stitch), and those cut on the bias are sewn with backstitch only.
As silk fabrics tend to fray it's recommened to fold the finished seams and overcast them (instead: consider to use the selvedges wherever possible)

Nachdem die Rockteile verbunden und versäubert sind, wird der Saum etwa 4 cm umgenäht und wattiert.
Zum Wattieren empfiehlt das "Lady's Stratagem" Baumwolle, während in dem Buch "Nineteenth Century Fashion in Detail" Wolle Erwähnung findet. Ich habe beide Varianten ausprobiert. Für den Saum habe ich Baumwollwatte verwendet.
After the skirt pieces are sewn together and finished, the hem is turned under about 4 cm and then stuffed with either cotton wadding (as mentioned in "Lady's Stratagem") or wool padding (mentioned in "19th century fashion in detail"). I've tried both variations. The hem is padded with cotton.

Im nächsten Schritt wird ein Streifen Baumwollsatin von vier Fingern breite (also etwa 8cm) im Schrägverlauf des Stoffes geschnitten und an jeder Seite etwa 2 cm umgebügelt. Das ergibt das erste Rouleaux. Angebracht wird es ausschließlich mit Vorstichen (die eine hohe Flexiblität erlauben) unmittelbar über der wattierten Kante.
In the next step a piece of cotton satin fabric is cut on the bias about four fingers wide (approx 8cm), both edges are folded and ironed about 2 cm. This will be the first rouleaux. It is attached with running stitches (which allow a better flexibilty) exactly above the padded hem. 

Vorderansicht
front view

 Die Rückansicht. Erkennbar ist hier der Stich, mit dem der eingeschlagene Saum angenäht wurde, sowie der Vorstich des Rouleaux.
The back view. You can recognize the stitch, which attaches the folded hem and the running stitch of the rouleaux.

Zurück zum Rouleau, das im nächsten Schritt gefüllt wird. 
Diesmal habe ich mich für Schafswolle entschieden. Die kann man glücklicherweise in gleichmäßigen Strängen erwerben. Benötigt habe ich nur etwa 50 gr.
Ein Blick auf das originale Kleid zeigt, dass die Rouleauxs in dem Fall nur wenig Füllung benötigen.
Back to the Rouleau, which is then stuffed or wadded.
This time I took the wool. I've bought it in a DIY shop and luckily it is offered in long and pretty even strands. I neede less than 50gr.
The original dress reveals that only little wadding was needed in this particular case.
Links die Baumwollwatte, rechts die Schafwolle.
On the left the cotton, on the right wool.


Die Stränge werden eingeschlagen und dann wird die Kante angenäht. Ich habe einen Saumstich verwendet, der nicht sichtbar ist, allerdings nicht wie der Staffierstich gesetzt, sondern lediglich mit Vorstichen, bei denen jeweils ein paar Fäden der verdeckten Kante festgenäht werden.
Ich hoffe, das folgende Bild erklärt es besser und an dieser Stelle sei mir meine Unkenntnis bezüglich der Terminologie vergeben.
The wool is put inside the turned edge and then sewn on the skirt. I used a seam stitch, which is not visible on top. It works with running stitches where a tiny bit of the edge of the rouleaux is fetched with the needle/thread.
I hope that the following picture explains this. My apologies for not knwong the poper term.

Die Verzierungen an diesem Kleid sind reichlich. Im Folgenden wird die gepaspelte Karoborte angenäht.
Hierzu eignet sich am besten der Punktstich, denn der ist entlang der Paspel so gut wie unsichtbar.
There are plenty of application on this dress. Next is the piped diamond-shaped border.
I've attached it with point stitches, which are hardly visible along the piped edge.

Und dann - nach einer gefühlten Ewigkeit - kamen auch endlich die gepaspelten Blätter zum Einsatz.
Sie wurden ebenfalls mit Punktstichen angenäht.
And finally the piped leaves have been added to the hem. These have been sewn on with the point stitch, too.

Ein weiterer Blick auf die linke Seite:
Another peek onto the left side:

Zum Schluß fehlte nur noch das zweite Rouleau aus Baumwollsatin. Diesmal war das Band etwa zwei Zentimeter schmaler. Und hinzu kamen vierzehn kleine wattierte Stoffstücke, die jeweils in der Mitte eines jeden Karos gesetzt wurde. Diese Stücke sind kleine vernähte Teile, die an das obere Band geheftet wurden, bevor ich es mit Vorstichen aufgenäht habe. 
Danach wurden die Stoffteilchen mit Watte gefüllt und mitsamt dem Rouleaux angenäht.
The second rouleau was still to come. This time the bias-cut piece was about 2 cm smaller than before. As in the original dress the rouleaux was emblished with fourteen tiny wadded pieces following the pattern of the diamonds. These pieces are small tubes, which are pinned to the upper edge of the rouleaux before sewn it onto the diamond border with running stitches.

Und hat sich die Mühe gelohnt?! 
Ich denke schon - jedenfalls ist mir beim Anblick des Rockteils immer zum Juchzen zumute...;)
Was it worth all the labour?!
Well, I think so - at least I always feel like squeeing any time I look at the skirt...;)




Dienstag, 17. Januar 2012

Blattwerk im Winter

Bei Kleidungsstücken bevorzuge ich es zumeist mit den Teilen zu beginnen, die den meisten Aufwand darstellen oder durch die schiere Zahl der Dekorationselemente schnell in Monotonie geraten.
Glücklicherweise habe ich nun die Applikationen für das KCI 1826 Kleid beendet:
die stilisierten Blätter und die Karoborte sind vollständig gepaspelt.
 When sewing a garment I prefer to start with those parts, which afford the most work or labour and which - solely due to their sheer number of applications - tend to be monotonous.
Luckily I've done the ornaments on the KCI 1826 dress' skirt:
the leaf ornaments and the diamondshaped border are completley piped.

Ein erster Blick auf die Seide. Anders als bei dem Original, findet sich neben den Gelb - und Grüntönen ein bläuliches Grau, beinah Taubengrau, welches zu den ausladendenden Ärmeln passt.
Die Blätter sind naturgetreu grüner als auf dem Foto, insgesamt ist das Foto ein wenig blaustichig geraten.
Weiter geht es nun mit dem Rockteil. Im "Lady's Stratagem" habe ich einen interessanten Schnitt entdeckt, der die Stücklung des Stoffes vorsieht, allerdings mußte ich den wegen der Streifen verwerfen, zudem entdeckt man bei dem Original keinerlei Stücklung im oberen Bereich des Rockteils.
Der Rock wird lediglich im Bereich der Dekorationen mit Baumwollstoff unterfüttert.
A first glance on the silk fabric. Instead of the brown/orange colour used in the original to accompany the yellow and green shades, I opted for a blueish grey, which machtes beautifully to the large sleeves.
The leaves are greener than shown in the photo, unfortunately my camera currently teases me with a blueish shade in the pictures.
Next step will be the construction of the skirt. I've found a lovely pattern in the "Lady's Stratagem", which shows piecing the fabric with as little waste as possible, but due to the stripes this is almost impossible to match. Furthermore there's no evidence of the method of piecing on the top part of the original skirt.
The skirt will be lined with cotton at the ornamented part of the hem only.


Dienstag, 10. Januar 2012

Woman's White Dress revisited

Über die vielen Kommentare über das eher unscheinbare weiße Kleid (1815-18)
- das aber mit einigen kuriosen Sonderheiten aufwarten konnte - aus der Sammlung der LACMA habe ich mich sehr gefreut. Besonders weil darunter ein paar interessante Hinweise auf den möglichen Ursprung und Zweck des Kleidungsstücks waren. 
Diese möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten.
Leimomi Oakes, die fabelhafte Dreamstress, erwähnte die Kleidung der englischen Quäker, für die der hohe Kragen ein besonderes Kennzeichen war. (Nochmals vielen Dank dafür!)
Und Mme Theo hat mich freundlicherweise auf folgenden Modekupfer aus dem Costume Parisien des Jahres 1816 aufmerksam gemacht:
I was very happy reading the comments about the sober white dress (1815-18) from the LACMA collection, which proofed to be a rather special dress. 
Especially because among them have been some really interesting hints to the possible origin and purpose of the dress.
I'd like to share these with my dear readers.
Leimomi Oakes, the wonderful Dreamstress, mentioned the garments of the english quaker and the common use of the high neck collars. (Thanks again very much!)
And Mme Theo pointed my attention to an exciting Costume Parisien Fashion plate dating 1816:

Costume Parisien Robe de Perkale 1816 
(weitere wunderbare Modekupfer gibt es: hier!)
(an amazing collection of fashion plates is: here!)

Auf den ersten Blick sehr ähnlich: ein Fichu und ein hoher Kragen, doch im Gegensatz zu dem Kleid aus der LACMA Sammlung sind die Accessoires hier nicht angenäht (bei dem Kragen handelt es sich wahrscheinlich um eine Chemisette). Diente der französische Modekupfer dem englischen Kleid als Vorbild?
Trotz aller Hinweise drehe ich mich weiter im Kreis und folgende Fragen harren immer noch einer Lösung:
Ist ein weißes Kleid (und der mühsame Rückenverschluß) ein Hinweis auf ein Kleidungsstück für einen besonderen Anlass? Dennoch wirkt es auf den Betrachter eher bieder.
Ist das Kleid ein Kleidungsstück für eine religiöse Gruppe?
Wozu die kleine Tasche, die beim Original im Rocksaum versteckt ist?
Warum wurde das Fichu angenäht und nicht wie im Modekupfer umgelegt?
On the first glance there's a certain similarity, which can't be denied, but in contrary to the LACMA dress the accessoires on this dress are not sewn on (the collar probably is a chemisette). Was the french fashion plate the inspiration for an english dress?
Though I have these wonderful hints, still a lot of aspects remain a mystery:
Is a white gown (and the tedious back closure) a hint for a certain special occasion? Buth then the dress seems to be very plain and honest.
Was it a dress of a certain religious group?
 What was the intention of the pocket in the skirt seam?
Why has the fichu been sewn onto the shoulder seams?


Neben dem Wälzen der Fragen, ging es natürlich auch mit dem KCI 1826 Kleid ein wenig weiter. Mittlerweile sind alle 14 Blattornamente mit Paspeln versehen und ich warte händeringend auf die Seide.
Next to pondering about the White Dress, I was also busy with the KCI 1826 dress.
Meanwhile all fourteen leaf ornaments have been piped, now I'm avidly awaiting the silk to be delievered.


Donnerstag, 5. Januar 2012

Zurück in die Zukunft

Der Jahresbeginn hat sich seit jeher angeboten besondere Vorhaben in Angriff zu nehmen: 
all die guten Vorsätze sind noch frisch, der Elan ist ungebrochen und man strotzt vor Tatendrang.
Deshalb ist mein erstes Kleid in diesem Jahr mal wieder aufwändiger angedacht. 
Mir steht der Sinn nach einem Ausflug in die 1820er Jahre (also im wahrsten Sinne "Zurück in die Zukunft") und dank eines Zufallsfundes (einer Gürtelschnalle) kramte ich aus der Erinnerung ein dazu passendes aufregendes Kleid aus der Sammlung des Kyoto Costume Institutes hervor.
The early weeks of a new year are always prone to be a perfect time for special projects: 
the New Year's resolutions being still vivid, the mind open to something new and overall burning for action.
This led me to the conclusion to have an attempt on an extraordinary dress.
I'm in the mood for travelling forth into the 1820s (in the sense of "Back to the future") and due to a recent find (a belt buckle) I remembered a fancy dress from the Kyoto Costume Institute.


Auf der Suche nach weiteren Bildern habe ich schließlich noch ein Bild von der ehemaligen KCI Seite entdeckt. (Hier mit einem anderen Gürtel)
While searching for further reference pictures I've found the former KCI page. (With another belt/belt buckle)

Besonders freue ich mich bei der Interpretation darüber, dass mir bei allen Fragen eine fantastische Primärquelle zur Verfügung steht, nämlich Frances Grimbles umfangreicher Reprint
"The Lady's Stratagem: A Repository of 1820s Directions for the Toilet, Mantua Making, Stay-Making, Millnery & Ettiquette".
I'm really glad that I have a wonderful source, which will be helpful with this project, it's Frances Grimble's book "The Lady's Stratagem: A Repository of 1820s Directions for the Toilet, Mantua Making, Stay-Making, Millnery & Ettiquette".

Nachdem ich gestreifte Seide bestellt, dazu passende Stoffe aus dem Fundus heraugesucht und nötige Berechnungen angestellt habe, geht es gleich mit der aufwändigsten Arbeit los: die gepaspelten Ornamente am Rock. Das Lady's Stratgem gibt eine Rockweite von zweieinhalb Ellen vor, was bedeutet, dass vierzehn der grünen, blattförmigen Ornamente vonnöten sind.
After ordering striped silk, gathering matching fabrics from my fabric stash and doing some calculation, I've started with the most time consuming work: the piped ornaments on the skirt's hem.
The Lady's Stratagem calls for a skirt circumference of two and a half ell, this means that the hem has to have fourteen green, leaf-shaped ornaments.


Ich habe eine Schablone in der genauen Abmessung angefertigt, welche auf den Stoff (dunkelgrüner Baumwollsatin) geheftet wird und dann mit Kreide nachgezeichnet werden kann. Entlang der Linie wird die Paspel (ungefaltet ein Finger breit = 2cm) aufgeheftet und angenäht.
I've made a template in the calculated measurements, which is pinned onto the fabric (dark green cotton satin) and then marked with chalk. Following the chalk line the piping (being one finger or 2cm wide unfolded) is sewed onto the fabric.


Achtung!
Bei der Arbeit empfiehlt es sich unbedingt Beruhigungsmittel in folgender Form griffbereit zu haben:
schnurrende Katzen, viel Tee und noch mehr Schokolade!
Fröhliches Paspeln:)
Caution:
While working these pieces, the following tranquillizers are highly recommended:
 purring cats, lots of tea and even more chocolate!
Happy piping:)