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Donnerstag, 21. Juli 2022

Journal des Luxus und der Moden Mai 1797 Tafel 13: Die Schuhe

Als eine ganz besondere Herausforderung in der Nacharbeitung erwiesen sich die Schuhe des Modekupfers aus dem Mai 1797 (der Modekupfer samt Beschreibung wurde bereits im letzten Blogbeitrag vorgestellt: Journal des Luxus und der Moden Mai 1797 Tafel 13: der Aufsatz - oder: Fadensaum und Federn). 
Nur ein einziger Schuh des Paares lugt vorwitzig unter dem Saum der Falten-Chemise hervor und verrät auf den ersten Blick, das Ensemble folgt der strahlenden Modefarbe in Sachen Schuhwerk in den Jahren 1796 - 1798: gelb!
Und auch in Form und Absatz stimmen sie mit der vorherrschenden Mode überein, sie sind spitzig und mit "plattem" Absatz wie die Beschreibung des Modeblattes verrät.
Einzig der Einschub "schwarz geschnürt" ließ mich mit den Schultern zucken und war der Beginn einer langwierigen aber sehr spannenden Recherche, die mir schließlich zwei (!) Paar Schuhe bescherte...
 
Friedrich Justin Bertuchs Beschreibung in Bezug auf die "Schnüre" nimmt sich vage aus, wo Georg Melchior Kraus in seinem Modeblatt sehr konkret ist:
1797, Mai, Journal des Luxus und der Moden, Tafel 13 Modenneuigkeiten (Quelle: Uni thulb Jena)
 
Aber mit seiner Darstellung stiftet er - nicht zum ersten Mal - einige Verwirrung, denn es sind lediglich zwei Zacken zu sehen, der Rest des Fußes verbirgt sich unter dem Saum des Kleides.

Im Jahr 1796/97 sieht man im französischen Journal des Dames et des Modes häufig spitze, flache Schuhe mit "Schnüren".
An 6, Costume Parisien, Journal des Dames et des Modes Blatt 19 (Quelle: Bunka Gakuen Digital Library)

An 7, Costume Parisien, Journal des Dames et des Modes Blatt 73 (Quelle: Bunka Gakuen Digital Library)

Jedoch sind diese Schuhe nicht mit Schnüren auf dem Leder verziert, sondern sie kreuzen sich über dem Spann oder Rist und werden um die Knöchel bis manchmal hinauf um die Wade geschnürt.
Meine Suche ging weiter und führte schließlich zu einem weiteren Modestich, der aufschlussreicher war.
An 7, Costume Parisien, Journal des Dames et des Modes Blatt 72 (Quelle: Bunka Gakuen Digital Library)

Schnüre auf dem Leder! 

Ein vergleichbares Paar Schuhe findet sich sogar als Original, wenngleich der Absatz höher ist, aber man bekommt einen ersten guten Eindruck.
Lady's Blue Silk Satin Shoes, worn 1803 (Quelle: Augusta Auctions)

Nachdem ich einige Bildquellen zum Vergleich herausgesucht hatte, begann ich die Texte der Modenneuigkeiten aus dem Jahr 1797 im Journal des Luxus und der Moden genauer zu studieren.
Die Schuhe wurden im Mai 1797 auf der Kupfertafel Nummer 13 vorgstellt, dazu der Text vom Berichterstatter aus Frankfurt vom 08.April 1797.
Erstmals erwähnt wurde die Mode mit den Schnüren im Heft vom Januar 1797, dort schreibt der französische Berichterstatter aus Paris am 02.Dezember 1796:
1797, Januar, Journal des Luxus und der Moden, Moden Nachrichten (Quelle: Uni ThUlb Jena)

 Transkription:
[...]aber was wir auf dem Balle bey Wenzel und Richelien mit unsern leiblichen Augen gesehen haben, ist, daß die modischen Damen ganz ohne Strümpfe und Schuhe, bloß mit einer dünnen Sohle unter dem Fuße, die mit Bändern über die Füße leicht angeschnürt war, auf dem Tanzsaale erschienen sind, und an den Fußzehen Ringe hatten. Doch ich muß Ihnen eine Stelle französisch hersetzen: encor si a la jambe fine elles joignoient le pied mignon, le pied chinois - mais de pieds de roi, de pieds larges, comme vos deux mains, des jambes d'elephnat, et des annaux aux pieds. Oh, ma foi, la mode est deliceuse![...]

Tatsächlich, die Mode ist köstlich! Und schwärmt man Anfang April noch von geschnürten Schuhen, erfährt man bereits im Juni und Juli aus dem Journal, dass die Pariser und auch die Berliner Damen der Mode Ende April bereits wieder überdrüssig geworden sind:
1797, Juni, Journal des Luxus und der Moden, Modenneuigkeiten Berlin (Quelle: Uni ThUlb Jena)

 Transkription:
[...]Unsre jungen Damen tragen zwar noch immer platte, ganz fein zugespitzte Schuhe, aber nicht mehr geschnürt[...]
 
1797, Juli, Journal des Luxus und der Moden, Französische Modenneuigkeiten (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Strümpfe und Schuhe.
Schon mit dem Aprilregen verschwanden die schwarzen und feuerfarbenen Bänder, womit Cothurnen bis an die Hälfte des Fußes geschnürt wurden[...]

Der zweite Modebericht enthält dabei einen wichtigen Hinweis, nämlich dass die Schuhe nur auf dem halben Fuß geschnürt wurden.
Damit ergab Kraus Modestich einen Sinn, es war nicht nötig, den ganzen Schuh abzubilden, denn tatsächlich befanden sich die Schnüre lediglich auf dem vorderen Schuhblatt und - die Bezeichnung Cothurne deutet es an - die Schnüre kreuzten sich.
Ähnliches sehen wir auf dem Schuh aus dem Jahr 1798/99:

An 9, Costume Parisien, Journal des Dames et des Modes Blatt 262 (Quelle: Bunka Gakuen Digital Library)



Und dann ging es an die Umsetzung! Zunächst bemalte ich das feine Ziegenleder mit einem hellen Gelb, ehe die schwarzen Seidenschnüre aufgenäht wurden.



Tatsächlich entspricht das "geschnürte" Schuhblatt dem von Kraus dargestellten Schuh.


Das Paar wurde mit geleimtem Leinen verstärkt und erhielt einen Saum aus schwarzem Leder.


Spitzige, gelbe Schuhe mit plattem Absatz und schwarzen Schnüren.



Der Absatz ist flach, er besteht lediglich aus zwei Lagen Sohlenleder.





Das eingenähte lederne Einfassband.


Die Schuhe, die sich nur wenige Tage im April der Gunst der Frauenzimmer gewiss waren, stimmten mich nachdenklich. Wahrscheinlich war es die fehlende Funktionalität der Schnüre, dass sie derart schnell aus der Mode fielen und in Vergessenheit gerieten, denn Schnürschuhe blieben gegen Ende des 18.Jahrhunderts weiterhin in Mode.

1795-1805, Red Leather Shoes, probably British (Quelle: Met Museum, NY)

Eine gänzlich andere Wirkung erzielen diese Schuhe mit ihren funktionalen Schnüren.


Die Papiervorlage für das Schuhblatt.


Farbversuche in Rot

Seidenripsband mit Rote Beete gefärbt


Das passende Garn.


Das Schuhblatt wurde auf Leinen kaschiert, um ihm Festigkeit zu geben. Die Schnürlöcher sind - wie beim Original - lediglich in das Leder gestanzt und nicht umstochen.
Der recht flache Absatz wurde aus Holz (Fichte) gefertigt und mit rotem Leder bezogen.






Leider mussten wir in diesem Jahr in Weimar feststellen, dass der Schuhmachermeister Schönkett wohl nur für Herrenschuhe ins Haus Goethe bestellt wurde und er keine Frauenzimmerschuhe für Christiane fertigte.





Die Schuhe tragen sich einfach wundervoll und sie waren auf dem Weimarer Pflaster in diesem Juni meine treuen Begleiter. Leider entspricht mein Gang nicht dem zephyrlichen Ideal einer Charlotte von Stein und das feine Leder der Schuhe mußte auf den Steinen sehr leiden.


Die typischen Abnutzungsspuren der "spitzigen" Schuhe, wie man sie auch bei Originalen oft sieht.
Mit einem bedachteren Gang, der weniger schlurfend ist, besser abrollt und eher auf den Ballen konzentriert ist, lässt sich das vermeiden. Glücklicherweise reichte ein wenig Pflege, um den Schuhen wieder Glanz zu verleihen.




Dienstag, 5. Juli 2022

Ein Schritt weiter...in Frauenzimmerschuhen

 Noch im letzten Jahr fiel mir ein interessantes Buch über Schuhe aus den 1780er Jahren in die Hände.

1782, Peter Campers Abhandlung über den besten Schuh, bei C.F.Wappler, Wien (Quelle: googlebooks)

Ein kurzes Werk über die Voraussetzungen einen bequemen Schuh herzustellen, angedacht für Schuhmacher, die dem Autoren zufolge, oft kein großes Geschick bei ihrer Arbeit zeigen.
Peter Camper gibt Einblicke in die Anatomie des Fußes, die Beschaffenheit von Sohlen, Absätzen und Schuhblättern, in die Straßenverhältnisse und den idealen Gang.
Er lässt kein gutes Haar an den Frauenzimmerschuhen der 1780er mit ihren hohen Absätzen, vor allem, wenn sie nicht mit großer Kunst auf den Fuß der Trägerin angepasst sind.
Ja, er empfiehlt den Frauen gar, robuste Herrenschuhe zu tragen oder sich an den Gepflogenheiten der Landbevölkerung zu orientieren.
Diese neue Betrachtungsweise in Kleiderfragen taucht in den 1780ern in vielen Schriften auf, aber ein tatsächlicher Umbruch findet erst später im Jahrzehnt und vor allem in den 1790ern statt.
Der viel gepriesene kleine Frauenfuß wird selbstbewusst in lange und sehr spitze Schuhe gesteckt, der Absatz wird immer flacher, bis er tatsächlich dem Ideal von Peter Camper entspricht.
 Eine neue Mode - gerade das macht die Kleider-und die Schuhbetrachtung in der Zeit während und nach der französischen Revolution spannend. Ja, die 1790er strotzen geradzu vor einer großen Auswahl der verschiedensten Schuhformen, die nebeneinanderher existierten.

In den Frankfurter Frag-und Anzeige Nachrichten vom 24.März 1796 erfahren wir von einer großen Lieferung an Schuhen zur Ostermesse:
Sammlung Frankfurter Frag-und Anzeige-Nachrichten, 1796 (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Pariser Damen Schuhe.
Sacey, wird in dieser Ostermeß hier ankommen mit einer großen Parthie Pariser Frauenzimmer-Schu, in Seiden, Saffian, Maroquin u.f.w. auf englische Art genähet, von fl 15 bis fl 20 das Dutzend, von sehr schöner Facon, und in allen möglichen Größen. [...]

Da werden Monsieur Saceys Schuhe bei Hrn. Cornill in der Sandgasse in Frankfurt gleich im ganzen Dutzend und in verschiedenen Größen für die Damenfüße angeboten, ohne einen Leisten angepasst zu haben. Die Paßgenauigkeit wird Peter Campers wohl sehr mißfallen haben.
Zum Vergleich findet sich in Karl Kriedrich Henslers komischer Oper die Tochter des Schuhmachers, welche ein Schuhblatt für eine wohlhabende Kundin fertigt:
1798, Karl Friedrich Hensler, Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen, Wien (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...] Röschen: Von der gnädigen Frau in der Stadt, der ich heute früh die atlassenen Schuhe eingefasst habe.[...]

Die Nachfrage für modische Schuhe war groß, gerade weil Moden so schnell wechselten und die Frauenzimmerschuhe es ermöglichten die passenden Schuhe zum Kleid herzustellen, herstellen zu lassen oder fertig zu kaufen. 
Eine besonders charmante Gouache hat der Maler Jean-Baptiste Mallet (1759-1835) hinterlassen. Es zeigt einen Schuhmacher oder Schuhhändler oder einfach nur einen galanten Herren, der bei einer Schuhanprobe nicht nur zugegen, sondern auch gern behilflich ist  - Nun, es hat sich herumgesprochen, dass es mit Schnürbrust oder Schnürleib angenehm ist, wenn man beim Wechsel der Schuhe ein wenig Hilfe bekommt...außerdem lässt sich auf diese Art wunderbar kokettieren.
Eighteent-century French Drawings in New York Collections, Metropolitan Museum of Art (Quelle: pinterest via googlebooks)

Eine besonders schöne Mode kam in den 1790ern aus England, es sind Schuhe aus feinem Leder mit ausgestanzten und bestickten Schuhblättern. Auch sind Exemplare aus Seide zu finden, aber mit Leder arbeitete es sich in dieser Technik wohl einfacher.
1790-99, Pair of Shoes, Victoria and Albert Museum London, No. T.478-1913 (Quelle: V&A, London)

1790s, Pair of Shoes, Great Britain, No. T.196&A-1914 (Quelle: V&A, London)

Das dunkle Grün hatte mein Herz gleich höher schlagen lassen. Ein ähnliches Paar wie diese herrlichen Schuhe aus den Wunderjahren der 1790er fertigte ich während der Lektüre von Peter Campers Publikation. Allerdings dauerte die Fertigung ein wenig länger als der Lesegenuss.
Am Anfang stand der Kettstich, der möglichst klein und fein und gleichmäßig ausfallen musste.

Klein, ja. Aber gleichmäßig und fein sieht anders aus. Ich übte eine Weile ehe der Stich meinen Ansprüchen genügte und ich mich zuversichtlich an das Schuhblatt begeben konnte. Mein Muster entwarf ich auf der Pappvorlage des Schuhblattes...

 Die Vorlage wird genau auf das Grün "bemahlte" Schuhblatt übertragen...


...bevor es mit Kettstichen gefasst wird...

Und zu guter Letzt dann mit einem Messer entlang der Stiche ausgeschnitten und mit feinem alten Handschuhleder hinterlegt wird:

Die drei Teile des Schuhblattes werden vernäht und vorsichtig mit Leinen verleimt. Dieser, durch die Anleitungen der Schuhmacher belegte, Schritt ist wichtig, um dem feinen Leder (oder der Seide) genügend Stabilität zu geben.

Und dann wird ein Schuh draus':



Die Nähte werden mit Einfassband, das auch gern als "Schnüre" bezeichnet wird, überdeckt.
Wie schon in früheren Blogbeiträgen erwähnt, bediene ich mich nicht der historischen Vorgehensweise des Nähens eines Wendeschuhs, sondern erlaube mir zum Schusterleim zu greifen (meine Handgelenke freut's!) Und ja - ich verwende, auch dies habe ich zuvor schon erwähnt, als Sohlenmaterial kein echtes Leder, sondern eine Sohlenplatte mit Kautschukanteil aus dem Fachhandel.
Die Trageeigenschaften des Schuhs und das "Fußgefühl" beeinflusst das nicht.
Die Schuhe wurden auf gleichem Leisten gearbeitet. 
Für die Absätze verwendete man Buche, Pappel oder auch ein Nadelholz. Ich arbeite gern mit Fichte, da ich das Holz oft als Reststücke am Lager habe und es dadurch noch eine sinnvolle Verwendung findet.
 

 Die Absatzhölzer haben eine leichte Keilform. 
Nach dem groben Zuschnitt geht es ans Schleifen, wobei beide Absätze möglichst die gleiche Form erhalten sollten, aber kleine Unterschiede sind durchaus bei vielen Originalen zu finden.

Die Absätze werden mit weißem Leder verkleidet und an der Brandsohle befestigt, ehe die Laufsohle die Arbeiten am Schuh abschließt.


Die Inspiration der kleinen Seidenschleifen erhielt ich aus dem Buch "Luise. Die Kleider der Königin."
Dort ist unter der Katalog Nummer 12 ein Paar englische Seidenschuhe von etwa 1795 dargestellt, von denen ein Schuh noch eine kleine Schleife im passenden Farbton des Leders trägt.


Die Innensohle ist mit Leinen ausgekleidet.





Durch das Einfassband laufen Schnüre, um den Schuh am Fuß zu regulieren. 
 


Selbstverständlich kommen die Schuhe in eine passende Schuhschachtel.
 
Von der Mallet Gouache inspiriert haben sich Mme Reeves von Pavillon de la Paix und The Sewing Historian bereiterklärt ein wenig im Schuh-Himmel zu schwelgen. Vielen Dank an euch Zwei für das Vergnügen!
Die Bilder sind mit freundlicher Erlaubnis im Musäus Haus in Weimar in der Ausstellung der Albert Schweitzer Gedenkstätte entstanden.


"Welche Schuhe nehme ich nur?" Wer die Wahl hat, hat die Qual. 


"Es sind einfach zu viele, Madame! Und was das alles kostet!"




Foto Copyright: Kerstin Klotsche - Flyingdreams

Foto Copyright: Kerstin Klotsche - Flyingdreams

Foto Copyright: Kerstin Klotsche - Flyingdreams

Und wer die Bilder aufmerksam betrachtet hat, wird noch ein paar weitere neue interessante Schuhe der 1790er Jahre entdeckt haben. Zur Geschichte der Schuhe - und noch ein paar weitere Geschichten rund um die Mode an den Füßen - im nächsten Blogbeitrag, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft!


Die Fertigung der passenden Schachteln ist ebenfalls ein vorzügliches Handwerk.
Hier wurde die handgefertigte Pappschachtel lackiert und mit einem Goldrand, sowie einer Tuschezeichnung versehen. Ausgekleidet ist sie mit italienischem Marmorpapier aus Venedig, mit dem mich Mme Reeves überrascht hat.

Jawohl, die Trägerin der Schuhe hat sich ganz ungeniert selbst auf der Schachtel verewigt!