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Freitag, 22. Oktober 2021

Von London (über Paris) bis Weimar: Galloschen und Ueberschuhe

 Seit ein paar Tagen hält herbstlich regnerisches Wetter das schöne Westphalen fest in den kalten Händen: die Jahreszeit ist da, die auch vor über zweihundert Jahren nicht eben für Begeisterungsstürme sorgte.
Die Kamine brannten, warme Kleidung wurde aus den Truhen und Kästen geholt und - sodenn man es sich leisten konnte - blieb man in der Stube...die Frauenzimmer vornehmlich auch wegen der kalten Füße!
Ja, die kunterbunten feinen Frauenzimmer Modeschuhe, die ich in meinen letzten Beiträgen vorgestellt habe, luden nicht gerade zum Spazierengehen ein, wenn sie auf regennassen Straßen zu ruinieren drohten.
Wie kam man dennoch dazu ein wenig erquickliche Herbstluft zu schnuppern und die winterlich gestimmten faulen Glieder zu strecken?
Mir fiel ein, dass ich vor vielen Jahren (neun, um es genau zu schreiben) einen Beitrag über Trippen verfasst habe, aber taugen die für die feinen Modeschuhe?
Nein, natürlich nicht - daran lässt das Werk "Englische Miscellen" im vierzehnten Band von 1804 in einer Fußnote über Pattens keinerlei Zweifel:
1804, Englische Miscellen, Vierzehnter Band, Johann Christian Hüttner bei Cotta, Tübingen (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Die bekannten pattens kommen niemals an den Fuß einer Dame oder wohlhabenden Frau, sondern sind in der Regel blos auf die Frauen des Mittelstandes und besonders des niedrigen Volks eingeschränkt. Sodann trägt man ja die Pattens blos in schlechtem nassen Wetter unter den Schuhen.[...]

Aber Hüttners Text gibt noch weitere Einblicke in die gängige Schuhmode in London, wenn er schreibt:
1804, Englische Miscellen, Vierzehnter Band, Johann Christian Hüttner bei Cotta, Tübingen (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Aber die Damen sieht man trotz der bequemen Seitenwege in der Hauptstadt selten zu Fuße, oder wenn es je etwa in der Bondstreet, oder anderswo geschieht, so verpanzern sie meistens den Fuß, der an die wolllüstigen Teppiche der englischen Häuser gewöhnt ist, mit allerlei Arten von Ueberschuhen und Galoschen, so wie die Frauen der mittleren und niederen Stände, aus Furcht vor nassen Füßen die bekannten Pattens tragen. Die Galoschen sind daher eben so sehr der Änderung und Mode unterworfen, als die Schuhe selbst. Diesen Winter findet man in Bondstreet Galoschen, die inwendig mit feinem Pelzwerk gefüttert sind, und die Stelle der Pelzschuhe vertreten können, welche ein junges Frauenzimmer natürlich nicht gern trägt. Die Galoschen gehn stark und werden nach Beschaffenheit des Pelzwerks höher oder niedriger verkauft[...]

Die Galoschen, Galloschen, Golloschen oder Ueberschuhe gingen also mit der Mode und für die 1790er finden sich in einigen Museumssammlungen wunderschöne Exemplare.
ca.1797 Pair of Overshoes, England, Accession Number: 608A&C-1884 (Quelle: Victoria & Albert Museum, London)

1785-1795 Pair of Woman's Overshoes, England (Quelle: LACMA)

Ein weiteres Paar mit vielen Detailbildern befindet sich in der Sammlung Antique Gown (Raimar Kremer), es ist ebenfalls englischen Ursprungs und wird auf das Jahr 1792 datiert.
Einige Überschuhe gleichen vom Entwurf tatsächlichen den eigentlichen Modeschuhen und wurden stets zusammen getragen, wenn es darum ging die feinen Schuhe auf regennasser Straße zu schützen und die Dame trockenen Fußes von ihrem Haus zu einer Geselligkeit zu begleiten.
Jene Galloschen, wie das schlichte schwarze Paar aus der Sammlung des LACMA, waren für verschiedene Paar Schuhe zu verwenden.
Und genau solch ein universeller Entwurf schwebte mir für meine Überschuhe vor.
Gemein scheint diesen englischen Paaren der Lederring, der um den Absatz gelegt wurde, und das Futter aus feinem weißen Lammleder.
Ich ging an die Planung und Materialbeschaffung und beschäftigte mich zunächst mit den lederbezogenen Ringen. Das Victoria & Albert Museum und die Seite Antique Gown geben detailliert Auskunft darüber, dass es sich bei diesen Ringen um lederummantelte Drahtspiralen handelte.
Diese hatte ich bereits vor Jahren in meinem 1801 Corsetlet Corset Soie (Corset Elastique) verwendet und ich war voller Zuversicht noch einen Vorrat davon zu haben...diese Hoffnung zerschlug sich schnell und in der Not der Stunde wich ich kurzerhand auf ein breites Haargummi aus.
Die Fertigung erklärt sich folgendermaßen:

Zunächst wird ein schmaler Lederstreifen in der Länge zugeschnitten, die von der Kante der Sohle um den Absatz bis zur Kante zurück reicht. Dieses Lederstück ist selbstverständlich länger als der Spiraldraht (oder in diesem Fall die Länge des Haargummis).
Um den Kern zu ummanteln wird der Lederstreifen zu einem Ring vernäht und auf einen runden Gegenstand mit entsprechendem Umfang gezogen, sodass die Innenseite aufliegt. Das kann ein Rohr, ein Glas oder wie in meinem Fall ein Gebäckausstecher sein.
Der elastische Kern (Spirale) wird aufgelegt und mit dem Leder eingerollt, anschließend vernäht.
Und heraus kommen die gewünschten Absatzhalter:

Diese werden mit einem Lederstück verklebt und später zwischen Innensohle und Laufsohle verankert.


Das Oberleder ist 2nd Hand und entstammt einer abegetragenen Jacke. Es wurde mit schwarzer Lederfarbe behandelt. Das Futter ist aus einem Restbestand zerschlissener und gerissener Lederhandschuhe.




Geformt wurden die Galloschen über einen Leisten, über welchen bereits ein Schuh gezogen ist. Auf diese Weise ist der Überschuh groß genug, um auf den eigentlichen Schuh zu passen.

Und so sieht ein Überschuh bei seiner ihm zugedachten Arbeit aus:



Während ich mich von der Arbeit in der Werkstatt erholte, freute ich mich am Anblick der fertigen Galloschen und las noch in verschiedenen Werken über diese Schuhmode...


...und landete unweigerlich einmal mehr in Weimar, im Journal des Luxus und der Moden.
Oder genauer gesagt im April 1795 in dem Beitrag über Galloschen und Überschuhe.
1795, April, Journal des Luxus und der Moden, Ueber den Gebrauch der Galloschen und Ueberschuhe (Quelle: ThULB Jena)

Transkription:
[..]Etwas schwieriger sind die Galloschen für Frauenzimmer (Taf.15) wegen des weiten Ausschnitts und der unglücklich hohen Absätze ihrer Schuhe. Die Gebrechlichkeit eines Damenschuhs, der höchstselten von Leder, fast immer von seidenem und anderm Zeuge ist, die sonderbare und unnatürliche Form desselben, und hauptsächlich die Abneigung der Damen etwas Solides an den Füßen zu haben, macht tausend Schwierigkeiten ein Frauenzimmer bey üblem Wetter auf die Beine, oder ihr Galloschen an die Füße zu bringen.
Ich kenne indessen doch eine meiner Freundinnen, die sehr viel auf Bewegung und Gehen, sonderlich des Winters, hält, beynahe täglich, zu großem Nutzen ihrer Gesundheit, spazieren geht, wenn es nur nicht gar zu übles Wetter ist, und dies durch eine sehr gute Verbesserung der weiblichen Galloschen, die sie selbst erfunden hat, bewürkt. Taf.15, Fig.5 zeigt die Form davon. Da der Damenschuh hohe hölzerne Absätze hat, folglich nicht die Ferse, sondern nur die Sohle des Fußes in den Koth treten und naß werden kann, so hat die Gallosche f g e d auch keinen Absatz, sondern nur eine Sohle und ein Oberleder, und Etwas, das diese an den Schuh befestigt, nöthig. Diese Gallosche ist also von schwarzem Kalbleder, mit einer ziemlich starken Sohle, die nur bis g geht, und ist innerhalb, so wie die Riemen, mit weißer Leinwand gefüttert. Von g läuft über das Quartier und die Ferse hinweg, bis auf die andere Seite des Fußes, ein Riemen, der genau abgemessen seyn, und in d eine Spitze haben muß, daß man ihn über die Ferse herauf ziehen kann. Ueber das Fußblatt läuft sodann das schmale Riemchen e g, womit, wenn die Gallosche angezogen ist, dieselbe fest geschnallt wird; wodurch sie gut und sicher sitzt. Ich bekenne freylich, daß diese Galloschen ein wenig mühsamer sind, als die männlichen; allein ist dies nicht überhaupt der Karakter der weiblichen Kleidung? Und sollte dies wohl nicht von dem großen Nutzen, den sie er schönen Welt leistet, weit überwogen werden?
Ich wünsche sehr, daß man die Materie der Galloschen ernstlich beherzige. J.F.B.[...]

Wie kann man Friedich Justin Bertuch, der den Ursprung der Überschuhe übrigens - wie im weiteren Text erwähnt - nach Paris verortet, diesen Wunsch abschlagen? Erst recht, wenn er der geneigten Leserin des Journals noch eine Modetafel an die Hand gibt.
1795, April, Journal des Luxus und der Moden, Kupfertafel 15 (Quelle: ThULB Jena)


Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist nicht nur der Einblick in weibliche Gepflogenheiten des höheren Bürgertums, welchen Bertuch gibt, sondern auch die Tatsache, dass der abgebildete Schuh eher den Modellen entspricht, wie sie Ende der 1780er getragen wurden. Dieser Hinweis zeigt, dass neue Moden nicht grundsätzlich frühere Moden gänzlich verdrängten, sondern sie durchaus nebeneinander her existierten.
Ich orientierte mich bei meiner Nacharbeitung eher an meinen Frauenzimmer Flitterschuhen von 1794.
Wie auch die englischen Überschuhe fertigte ich sie auf dem Leisten über dem eigentlichen Modeschuh, um eine gute Passfrom zu erzielen.
Leider war ich vom Prozess am Werktisch derart eingenommen, dass ich in diesem Fall nicht mit Fertigungsbildern dienen kann, allerdings ist die Vorgehensweise durch Bertuch gut beschrieben und grundsätzlich einleuchtend.


Die Front ist eher abgerundet, wie auf der Kupfertafel Bertuchs und entsprechend meiner Frauenzimmer Flitterschuhe von 1794. Das Schuhblatt ist im Gegensatz zu den englischen Schuhen nicht mit Leder, sondern mit Leinen gefüttert.


Die Riemen habe ich entgegen Bertuchs Beschreibung nicht mit Leinen, sondern mit weichem Handschuhleder hinterlegt. Die kleine Schnalle mißt etwa 11 x 18 Millimeter. Die Riemchen sind 12 Millimeter breit.

Ein direkter Vergleich des englischen Überschuhs mit der Weimarer Gallosche.
 

Die von Bertuch erwähnte "starke Sohle" entspricht im Fall der Nacharbeitung einer Stärke von 3,5 Millimetern.
 

Der Überschuh ist umständlicher anzulegen als jene aus englischer Produktion und sie verdecken selbstverständlich auch mehr vom eigentlichen Modeschuh.

Aber einen gewissen Chic kann man ihnen nicht absprechen! Besonders die kleine Schnalle erweist sich als Hingucker.
Und sie erfüllen bestens ihren Zweck, eine Dame mit dem Versprechen eines trockenen Fußes vor die Tür zu locken.


...denn vor der Tür lauert dieser Tage nasskaltes Herbstwetter und die dunkle Jahreszeit, also schützt eure Schuhe!

Montag, 22. Februar 2021

Liedchen der Sehnsucht

 Den Titel des heutigen Beitrags habe wir der Weimarer Sängerin Corona Schröter (1751 - 1802) zu verdanken. In dem kleinen Werk "Fuenf und Zwanzige Lieder", das 1786 von ihr selbst veröffentlicht und von der Hoffmannischen Buchhandlung in Weimar in Commission vertrieben wurde, findet sich das Lied mitsamt ihrer Vertonung durch Noten unter der Nummer 20 (Quelle: Herzogin Anna Amalia Bibliothek haab-Klassik, Digitale Sammlung)
 
1787, Corona Schröter gemalt von Anton Graff (Quelle: wikimedia)

Die vortreffliche und von vielen ihrer Zeitgenossen verehrte Sängerin, die bei der Uraufführung des Singspiels "Die Fischerin" 1782 in Tiefurt die Rolle des Dorchens übernahm und in dieser Goethes Erlkönig darbot, wird heute sicherlich nicht selten wegen ihres Vornamens für fragende Blicke oder hochgezogene Augenbrauen sorgen.
Corona im Jahr 2020/2021 bedeutet wohl die Auseinandersetzung mit Einschränkungen des äußeren Lebens und das Ausloten der inneren Grenzen, manchmal bringt das Unbehagen, aber sicherlich auch so manches Liedchen der Sehnsucht.
Die Sehnsucht nach Reisen, nach dem Wiedersehen mit Freunden und Zeiten, in denen die Gesellschaft nicht mit der Unwägbarkeit einer Epedemie konfrontiert ist.
Mein dilettantisches Philosophieren hat mich schließlich zu der Erkenntnis geführt, dass wir durch die äußeren Einschränkungen in diesen Tagen der Lebenswelt einer Corona Schröter wieder näher gerückt sind.
Eine Zeit, in der Edward Jenner (1749 -1823) ab dem Jahr 1796 in vielen Journalen Erwähnung fand, weil er mit einigen unabhängigen Mitstreitern die Behandlung gegen Kuhpocken bei Menschen untersuchte und erstmals durch einen Impfstoff vorantrieb und das Wort "Vakzination" für die Pockenschutzimpfung prägte, aber in der man ansonsten vielen grassierenden Krankheiten noch hilflos ausgeliefert war. So haben der berühmte Weimarer Reformer Johannes Daniel Falk (1768-1826) und seine Frau Caroline (1780-1841) sieben ihrer zehn Kinder verloren, vier davon im selben Jahr durch Typhus (eindrücklich nachzulesen in Ingrid Dietsch Buch "Da fühlst Du einmal meine Last - Vom Alltag der Caroline Falk in Weimar", Wartburg Verlag 2003).
Penicillin, Aspirin und viele Medikamente und Verfahren, die der heutigen Gesellschaft zur Verfügung stehen, waren nocht nicht entdeckt.
Und auch das ausgiebige Reisen, vor allem als Bildungsreise durch Europa, war damals mehrheitlich (aber nicht ausschließlich) den höheren Ständen, dem gehobenen Bürgertum und Adel vorbehalten. 
Jede Reise bedeutete ein Wagnis, aber die Sehnsucht danach war auch um 1800 schon weit verbreitet, was einen Anstieg (und die Nachfrage!) der veröffentlichten Reisebeschreibungen im letzten Quartal des 18.Jahrhunderts anschaulich belegt (Michael North, Genuss und Glück des Lebens, Kapitel 1 Buch und Lektüre, Böhlau Verlag 2003)
Ja, die äußerlichen Einschränkungen betrafen nicht nur das Reisen zu fernen Zielen. Mit Schrecken denken wir an den Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843), der seine Tage ab 1807 bis zu seinem Lebensende in den wenigen Quadratmetern des Turmzimmers in Tübingen fristete.
Aus seinem Unglück eine Tugend machte Xavier de Maistre (1763-1852), der 1790 in Turin eine Haftstrafe von 42 Tagen verbüßte und dort seinen Roman "Voyage autour de ma chambre" als Parodie auf all die Reisebeschreibungen schrieb, der 1794/95 veröffentlicht wurde.
Weniger dramatisch, aber sehr poetisch philosophisch begegnet uns Johann Peter Uz (1720-1796) in seinen Briefen an Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803), die es ihm ermöglichten an den Erlebnissen seiner Freunde teilzuhaben, ohne Ansbach zu verlassen (zur Vertiefung: Wolfgang Adam, Freundschaft und Geselligkeit im 18.Jahrhundert)

Durch Briefe gepflegte Freundschaften bedeuteten damals zumindest ansatzweise das Stillen der Sehnsucht, wenn äußere Umstände ein Wiedersehen verhinderten.
Und unvorhergesehen finden wir uns in ganz ähnlicher Situation. 
In den vergangenen Wochen und Monaten reiste das ein oder andere Brieflein, aber auch Emails, Telefonate und Videoanrufe trösteten über manch trübe Tage und aus der Ferne durfte ich an einem Projekt mitwirken, dessen Idee bereits im Jahr 2019 gereift und entwickelt worden war.
Meine verehrten Freunde von Les Soirées Amusantes setzten ein wundervolles Stück aus der Feder des Sozialreformers Friedrich Eberhard von Rochow (1734-1805) um, welches 1795 Eingang in Bertuchs Journal des Luxus und der Moden gefunden hatte: Die Schleppen.
 

(Falls das Video nicht automatisch erscheint, bitte hier entlang: Die Schleppen)

Ein wenig scheint uns der Humor aus der Zeit gefallen zu sein, aber der Einakter dreht sich um den Sinn und Unsinn der wechselnden Moden.

Im Journal des Luxus und der Moden hat die Mode zwar einen hohen Stellenwert, aber immer wieder ertappen wir Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) dabei, wie er mal augenzwinkernd, mal kopfschüttelnd über das Karusell der Kleider und Eitelkeiten berichtet. Was hatte ihn dazu bewogen, ausgerechnet von Rochows Stück auszuwählen und zu drucken?
Könnte es sein, dass seine Gattin Caroline Bertuch (1751-1810) über das Stück gestolpert ist? 
Sie war eine kluge, durchaus tatkräftige Ehefrau, die viele Ideen entwickelte und gemeinsam mit ihrem Mann verwirklichte. Sie betrieb u.a. die Kunstblumenmanufaktur in Weimar.
Erst durch die - widerum von ihren eigenen Maßstäben und Moralvorstellungen geleiteten - Betrachtung im 19. Jahrhundert und frühen 20.Jahrhundert verblassten die Lebensbilder vieler Frauen um 1800, aber glücklicherweise rücken sie mehr und mehr zurück in die Öffentlichkeit, in der sie ihren Zeitgenossen noch allgegenwärtig waren.
Ein interessanter Bericht über Caroline Bertuch findet sich hier:
 
Auch Friedrich Eberhard von Rochows Ehefrau Christiane Louise (1734-1808) war eine interessante Persönlichkeit und stand selbstbewusst als Sozialreformerin neben ihrem Mann...und wer weiß, vielleicht wirkte sie an dem kurzen Einakter maßgeblich mit.
1794, Christiane Louise von Rochow von Christoph Franz Hillner (Quelle/Fotourheber): Gregor Rom Wikimedia)

Das Rochow Museum Schloss Reckahn veranstaltete im Jahr 2010 in der Reihe "Mut und Anmut Frauen in Brandenburg Preußen" die Ausstellung "Tugend, Treue, Eigenständigkeit" zu der es glücklicherweise direkt über den Museumsshop noch ein Begleitbuch gibt!
In diesem Buch werden neun Frauenportraits vorgestellt, die spannender nicht sein könnten, denn den Autoren der jeweiligen Kapitel gelingt es, durch eine stattliche Auswahl an Quellen die Frauen selbst erzählen zu lassen...und die haben so einiges zu berichten!
Einige von ihnen waren gewiss reiselustig und begegneten sich immer mal wieder, aber oft wurden Freundschaften nur durch Briefe aufrecht erhalten und das über Jahre und Jahrzehnte. Darin teilte man seine Erlebnisse, Freuden, Verluste und Sehnsüchte...


Hier schließt sich der Kreis. Ich hoffe, mein Nähkästchengeplauder und all die Bücher und verlinkten Quellen fern ab vom Nähtisch bringen Kurzweil und tragen ein bisschen dazu bei, die Frauen hinter den Kleidern kennenzulernen...manchmal rückt uns die Vergangenheit ganz nah und wir vernehmen ihr Liedchen der Sehnsucht auch heute noch.
Bleibt gesund...und lest!

Montag, 15. Februar 2021

Über Schlaf, Schnee, engländische Schuhe und Goethes Ansichten zum Schuhmacherhandwerk


Warum es hier in den letzten Wochen und Monaten so ruhig geworden ist?
Lang habe ich Feixereien über meine Neigung zum Winterschlaf betrieben...und diesen Dezember habe ich mich tatsächlich dazu entschlossen! 
Dazu musste ich aber nicht in eine klamme, lichtlose und muffige Höhle hinabsteigen - Mitnichten! 
Und wenn ich es recht bedenke, begab eigentlich nicht ich mich in den immer wieder erwähnten Winterschlaf, sondern ich legte meine Social Media Accounts in den Schlaf, denn sonst hätte ich beinah noch das hier verpasst:
Nach Jahren trüber grauer Wintertage, wurden wir im Februar endlich mal wieder mit viel Schnee belohnt...und er blieb liegen!
Der blaue Himmel gab schon eine Ahnung vom Frühling und das strahlende Licht beflügelte und brachte neuen Schwung. Ich stürzte mich in die Arbeit!
Schon seit langer Zeit liebäugelte ich mit einem besonderen Paar Schuhen, doch ein Blick auf meine beiden bestehenden Leisten brachte es an den Tag, zunächst musste ein neuer Leisten her.
Warum der wichtig ist? 
Johann Wolfgang von Goethe gibt uns (verfasst zwischen 1812-1814) in seiner Sammlung "Gedichte. Ausgabe letzter Hand (1827)" seine Ansichten zum Handwerk im Gegensatz zum Dilettantismus preis:
 
Auf den Kauf
 
 Wo ist einer, der sich quälet
Mit der Last, die wir getragen?
Wenn es an Gestalten fehlet,
Ist ein Kreuz geschwind geschlagen.
 
Pfaffenhelden singen sie,
 Frauen wohl empfohlen,
Oberleder bringen sie, 
Aber keine Sohlen!
 
Jung' und Alte, groß und klein,
Gräßliches Gelichter!
Niemand will ein Schuster sein, 
Jedermann ein Dichter.
 
 Alle kommen sie gerennt,
Möchten's gerne treiben;
Doch wer keinen Leisten kennt,
wird ein Pfuscher bleiben!
 
Willst Du das verfluchte Zeug
Auf dem Markte kaufen
Wirst du, eh es möglich deucht,
Wirst Du Barfuß laufen.

In seinem poetischen Vergleich (der möglicherweise eine verspätete Anspielung auf August von Kotzebue im Zusammenhang mit dem Frühromantiker Streit um 1800 sein könnte) zwischen dem Handwerk der Schuster und dem der Dichter, verrät er uns auch einige Wahrheiten und Vorgehensweisen in Handel und Handwerk der Schuhmacher. 
Bereits in einem früheren Beitrag erwähnte ich die Möglichkeit, bei dem Schuster fertig bemalte, bestickte oder gefärbte Schuhblätter abzugeben, welche er auf einem Leisten besohlte und mit einem Absatz versah.
Wir erfahren in Goethes Zeilen aber auch, dass auf dem Markt bereits komplett fertige Schuhe angeboten wurden. Goethe, der sich wider dem Dilettantismus aussprach, hielt sich mit seiner Geringschätzung gegenüber solchen Fabrikaten nicht zurück. 
Aber gab es tatsächlich bereits gefertigte Schuhe und den Schuhversand?

Frankfurter Frag-und Anzeige-Nachrichten, Dienstag 10.April 1804 (Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Wilhelm Azbach, Schuhfabrikant aus Mainz, bezieht zum erstenmal die hiesige Ostermesse mit einem Assortiment nach dem neuesten Geschmack gearbeiteter Herren- und Frauenschuhe. Hat seine Boutique auf dem Römerberg No.18, wo sonsten der Schuhmacher Vogel aus Erfurt gestanden, und empfiehlt sich unter Versicherung bester Bedienung und billiger Preise bestens.[...]

1801, Carl Steinel, Briefe auf einer Reise durch Thüringen und Hessen(Quelle: googlebooks)

Transkription:
[...]Ein großer Schuhfabrikant Meyer, der sehr beträchtliche Versendungen an Schuhen durch ganz Deutschland macht;[...]

Der kommerzielle Schuhversand ist belegt und möglicherweise mag er bei den modischen Frauenzimmerschuhen auch bisweilen funktioniert haben, denn das sehr weiche feine Leder ist doch recht nachgiebig, aber grundsätzlich bestehen die Handwerker, wie aus Goethes Gedicht hervorgeht, doch auf die Fertigung eines Leisten um eine gute und genaue Passform zu gewährleisten.

Womit wir wieder beim Thema wären: Am Anfang eines guten Schuhs, steht ein guter Leisten!

Ohne Bandsäge heißt es Ärmel hochkrempel, die Handsäge und Feilen hervorholen und dann schleifen, schleifen und schleifen!
 

 

Der neue Leisten ist weniger spitz und dient eher für Modelle der späten 1780er/ sehr frühen 1790er (und dann wieder ab etwa 1800). Die Abmessungen stimmten, aber lieferte er auch einen passablen Schuh?
Bevor ich mich an den geplanten Schuh begeben wollte, entschloss ich mich, den Leisten mit einem einfachen Paar Schuhe zur Probe auf seine Passgenauigkeit zu prüfen.
Ein Modell erregte mein Interesse, das vor allem in England in den 1780er Jahren zeitgleich neben den Schnallenschuhen auftauchte bzw. sich aus diesen entwickelte und sich bis in die 1790er Jahre hielt.
Überhaupt stellen die Schuhmoden der 1790er Jahren einen bunten Reigen an verschiedenen Modellen dar, hier sah man noch hohe Absätze, dort schon eher flache, spitze Formen existierten neben eher rundlichen, Farben und Formen wurden kombiniert - Vielseitigkeit prägte dieses spannende Jahrzehnt, nicht nur in der Schuhmode!

1790-1800 Black pointed ladies' shoes, Great Britain (Quelle: Shoe-Icons)

1780-1790, Shoe NT 1348841.1, Leather Snowshill Wade Costume Collection (Quelle: National Trust)

Beide Paare weisen die langgezogene Schuhzunge auf, wie man sie von Schnallenschuhen kennt.
Während die Schuhe in den 1780er Jahren noch auf höheren Absätzen daherkamen, flachten diese zu Beginn der 1790er Jahre allmählich ab.
Ich entschied mich bei dem Obermaterial für schwarzes Leder, gefüttert mit Leinen.
Einfassband findet sich bei Originalen entweder als Köperband oder Ripsband, ich wählte für mein Paar Köperband:



Nicht selten muß ich beim Nähen zur Zange greifen. 
Mein Leder ist mit Lederfarbe bemalt, da ich ausschließlich mit dem Leder abgelegter Kleidungsstücke arbeite.


Die Kordel verläuft durch den Kanal des Einfassbandes und wird verknotet unter der langen, dreieckigen Zunge verborgen. Es ist unentbehrlich beim Regulieren am Fuß, denn trotz Einfassband sitzt das Material manchmal zu locker. Das Band habe ich - Originalen entsprechend - aus verzwirbeltem Leinenfaden gefertigt, der später noch zusätzlich mit Wachs gefettet wurde.



Dieser erste Arbeitsschritt, die Fertigung des Schuhblatts, fiel nicht immer in die Hände der Schuhmacher, sondern wurde, wie eingangs erwähnt, auch im häuslichen Umfeld hergestellt.
Sohle und Absatz wurden hingegen vom Handwerker gefertigt.
 

Ich hatte ein neues Paar Absätze gefertigt, war mir aber nicht sicher, ob meine englischen Schuhe mit den neuen, etwas höheren Absätze oder doch lieber mit den eher flacheren der 1790ern verfertigt werden sollte.
 


Ja, wer die Wahl hat, hat die Qual! Aber die schwarzen engländischen Schuhe sollten dem westphälischen Pflaster trotzen und daher entschied ich mich für den flacheren Absatz.
 

Gute Wahl, oder?




Wie alle meine Schuhe, handelt es sich auch bei diesem Paar um sogenannte Modeschuhe, deren Herstellung und Unterscheidung ich in einem früheren Beitrag bereits aufgeschlüsselt habe.



Eine genaue Bezeichnung dieses Schuhtypus konnte ich in den deutschen Journalen bislang nicht finden. Leider beschränken sich viele Beschreibungen der Kupfer zumeist nur auf Farbe und Material der dargestellten Schuhe. 
Aus diesem Grund habe ich mir erlaubt, sie in meinem Beitrag als "engländische Schuhe" zu betiteln, da ihr buchstäbliches Auftreten dort am häufigsten war.



Glücklicherweise sehen die Modeschuhe nicht nur geschmackvoll aus, der neue Leisten passt auch ganz ausgezeichnet und begleitet mich hoffentlich in Kürze auf weiteren Schuhabenteuern.
 
Apropos Abenteuer! Wie steht es bei einem solchen Modeschuh wohl um die Tauglichkeit bei nasser und kalter Witterung? 
Der Schnee im Februar lud geradezu dazu ein, dieser Frage auf den Grund zu gehen.
Mein Fazit: wer sich Modeschuhe leisten konnte, hatte sicherlich auch die Muße, bei solch abträglichem Wetter in der warmen Stube zu bleiben...es ist wirklich sehr kalt und der Fuß entwickelt sich binnen kürzester Zeit zum Eisklumpen...


...da bleibt Madame lieber im Warmen, setzt sich an den Kamin, träumt vom Frühling und einem weiteren Paar Schuhe. Die Frühlingsmode wird nach der Leiziger Ostermesse sicher wieder einige gefüllte Schachteln bescheren.