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Mittwoch, 5. Juni 2013

1814 Chapeau de Gros de Naples

In den letzten Tagen ist die Berichterstattung leider ein wenig dürftig ausgefallen, aber das hat einen guten Grund. Mila, meine Muse am Nähtisch, ist buchstäblich von diesem gestürzt und hat sich einen Kreuzbandriss zugezogen. Um ihr nach dem chir. Eingriff die nötige Ruhe zur Genesung zu ermöglichen, mußte das Nähzimmer 'musentauglich' geräumt und in ein Lazarett verwandelt werden.
Daher hat die Fertigstellung von dem geplanten Hut nach einem Costume Parisien Modekupfer aus dem Jahr 1814 ein wenig mehr Zeit in Anspruch genommen als geplant...aber was lange währt wird endlich gut!
I'm afraid the blog coverage has been a bit sparse lately, which is due to a reason. Mila, my muse at the sewing table, literally fell off the said and had a cruciate ligamnet rupture on her rear leg.
To assure a good convalescence after surgery I had to empty my sewing room in order to provide her with her very own comfy space.
This is the excuse for my hat after a 1814 Costume Parisien fashion plate for taking more time than expected...but finally it's done!

1814 Chapeau de Gros de Naples Costume Parisien (1400)
(Quelle/source: SceneInThePast)

Es handelt sich um den Hut oben links. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, die 1814er Jahre waren nicht nur was die Kleider betrifft ein wenig verrückt, sondern dies gilt umso mehr bei den Kopfbedeckung.
Bevor ich fortfahre, möchte ich an dieser Stelle für die deutschen Leser einfügen, dass ich bei dem Studium deutscher Modejournale und Wörterbücher aus den ersten beiden Dekaden des 19. Jahrhunderts an keiner Stelle auf den Begriff 'Schute' gestoßen bin. Selbst in einem deutsch-englischen Wörterbuch  wurde der Bergiff 'bonnet' mit 'Hut' übersetzt. Weitere gebräuchliche Begriffe waren 'Kappe', 'Kapotte' oder das französische 'Capote' bzw 'Chapeau'. 
Die Schute ist etymologisch als 'Boot' belegt und wurde möglicherweise erst im Laufe des 19. Jahrhunderts gebräuchlich als Synonym für eine Kopfbedeckung.
I was aiming for the hat on the top left. At first glance we see that not only the fashion in 1814 was sligthly weird, but especially the headwear.
Le bon Genre No.60 (Quelle/source: gallica)

Auf die Spitze getrieben wurde die Mode mit dem Knick in der Krone und übermäßigem Blumenschmuck in dieser Karikatur des 'Le Bon Genre'.
The hick-up shape of the crown and exeggerate use of flowers was taken to the extremes in this caricature of the 'Le Bon Genre'.

Die ungewöhnliche Form und vor allem der Blumenschmuck haben es mir natürlich angetan und in diesem Augenblick war auch die Verbindung zu der aktuellen Veranstaltung unter dem Motto 'Literature' von Dreamstress' Leimomi Oakes 'The Historical Sew Fortnightly' hergestellt.
Eines der prägendsten Symbole der deutschen Frühromantik ist sicherlich die 'Blaue Blume' aus dem Romanfragment 'Heinrich von Ofterdingen' aus der Feder von Novalis.
Leider wurde das Fragment erst nach Novalis Tod im Jahre 1802 durch Friedrich Schlegel veröffentlicht. Dennoch, der Bergiff 'Blaue Blume' erwirkte seither eine unauflösliche Verknüpfung mit der literarischen Strömung der Romantik...und ist diese Farbe - die als Sinnbild für 'Glück' steht - nicht auch unmittelbar in den Gedanken, sobald der Begriff der Romantik auftaucht?
Für einen ersten Überblick über Novalis, Heinrich von Ofterdingen und die 'Blaue Blume', mögen meine interessierten Leser bitte hier weiterlesen.
The most unusual shape and even more so the flower decoration have quickly made a link to the latest challenge 'Literature' at the Dreamstress Leimomi Oakes' 'Historical Sew Fortnightly'.
One of the most concise symbols of the German Romanticism certainly is the 'blue flower' from the novel fragment 'Heinrich von Ofterdingen' from Novalis.
Unfortunatley the text was only published after Novalis' death in 1802 by Friedrich Schlegel. Nevertheless, ever since the term or image of the 'blue flower' immediatley links to the literary epoch of Romanticism...and is this colour - which is the symbol for good luck - not immediatley emerging when thinking of romanticism?
For more information about Novalis, Heinrich von Ofterdingen and the blue flower, my dear readers might want to read here.
 
Friedrich Freiherr von Hardenberg, gen. Novalis (1772-1801)
(Quelle/source: wikicommons)

Aber kommen wir von der Literatur zurück zur Mode!
In dem Modekupfer des Costume Parisien wird der besagte Hut als 'Chapeau de Gros de Naples' beschrieben, also ein Hut aus einem festen Seidenstoff.
Leider hatte ich nur gewöhnlichen cremefarbenen Seidentaft zur Hand, aber daran sollte es nicht scheitern.
Der Unterbau besteht aus feinem Steifleinen, zum Teil mit Hutdraht und Pappe verstärkt. Darüber eine Lage wattierte Baumwolle und zuletzt der Seidentaft.
Als Futter für die Krempe diente mir hauchzarter Baumwollbatist in Weiß.
But back from literature to fashion!
In the Costume Parisien fashion plate the hat is described as 'Chapeau de Gros de Naples', which is a stout silk fabric.
Unfortunately I only had ivory silk taffeta at hand, but that would do just fine.
The base is made of a light buckram, stiffened with millinery wire and cardboard. It is covered with a layer of cotton padding, before I've added the actual silk taffeta.
The lining of the crown is made from superfine white cotton batiste.


Die Dekoration folgt dem Motto der 'blauen Blume' mit einem hellblauen Seidenband und Kornblumen aus Popeline. Leider habe ich keine schönen Seidenblumen gefunden, weshalb ich kurzerhand selbst zur Schere gegriffen habe, um ein paar Blüten zu fertigen.
Insgesamt sind es neun Blüten.
The decoration is following the motto of the 'blue flower' with a light sky blue silk ribbon and cornflowers made from cotton poplin. Unfortunately I haven't found any lovely silk flowers, which has led me to grab the scissors and cut some out of fabric remnants.
Altogether there are nine blossoms.

Bei diesem Hut ist die Krone aus zwei Teilen gefertigt. Auf die erste abgerundete Form wird sozusagen noch ein weitere Krone aus Steifleinen aufgesetzt. Wie im Modekupfer wird die Krone umlaufend von einem Kranz aus kleinen, gepaspelten (oder zeitgenössisch ausgedrückt: geschnürten) Buffonées geschmückt.
The crown is actually made of two pieces. On the first rounded crown a second crown of buckram is added. Sticking closely to the fashion plate I've added a band of piped buffonées to the crown.
Das Band ist entlang der Paspeln nicht angenäht.
The hatband isn't sewn on at the piping.

Ich habe den Hut absichtlich in einer neutralen Farbe gewählt, denn so habe ich die Möglichkeit die Dekoration passenden zu einem jeweiligen Kleidungsstück zu wechseln.
Die Blumen, die Schleifen und selbst das Schleifenband sind nicht angenäht.
I have chosen a neutral colour on purpose, hence I'm able to change the decoration according to my dresses.
Neither the flowers, the bow nor the ties are sewn on.
Das Schleifenband wird lediglich gebunden. Dieser Art der Befestigung findet sich auch in einem weiteren Modekupfer aus der Sammlung des 'Le Bon Genre'. Der Hut hängt an dem Stuhl links im Bild.
The ties are merely attached by looping. This kind of fastening is also seen in another print of the 'Le Bon Genre'. The hat is on the chair in the left.
No. 104, Luxe et Indigence, Le Bon Genre
(Quelle/source: mfa)

Um dem neuen Hut den richtigen Rahmen zu geben, haben wir uns am gestrigen Tag bei herrlichstem Frühsommerwetter auf den Weg ins Grüne zu Schloss Wocklum in Balve aufgemacht.
To put the new hat into an appropriate frame, we took a stroll around the grounds of Schloss Wocklum in Balve, which is a nearby manor.
Zu dem neuen Hut trage ich eine Chemise, den Schnürleib 'C' nach Bernhardt, einen Unterrock, meine 1815 Robe de Perkale und den blauen Spencer nach dem Schnitt des Danske Dragter, weiße Baumwollstrümpfe und Lederschuhe.
I'm wearing my new hat with a chemise, short stays 'C' after Bernhardt, a petticoat, my 1815 Robe de Perkale and a blue spencer following the Danske Dragter pattern, white cotton stockings and black leather shoes.

Das Schloß befindet sich im Privatbesitzt und ist nur anlässlich einiger weniger Veranstaltungen öffentlich zugänglich. Aber auch die Umgebung ist wunderschön und hier und da kann man einen Blick über die Mauer wagen.
The manor is a private property and only open to the public at a few annual events. But the surrounding grounds are beautiful, too, and you can always get a sneak peek over the walls.
Umgeben von Feldern in saftigem Grün...
Surrounded by fields in lush green...

...und einer Allee.
...and an avenue.

Ein herrliches Fleckchen Erde...und am Morgen zumeist in wunderbare Stille getaucht.
 A quaint spot...and at early morning everything's silent.




Montag, 23. April 2012

1815 Spencer (Danske Dragter)

Schon vor einigen Jahren kreuzte ein interessanter Spencer meinen Weg. Leider hatte ich das Bild nicht gespeichert und hernach auch den Pfad nicht wieder entdeckt, umso überraschter war ich, als mir der Spencer durch Zufall wieder unter die Augen kam. Dank Louise von Suo ergo sum erhielt ich Einblick in das fabelhafte Buch "Danske Dragter 1790-1840" von Ellen Andersen, das sich mit der Sammlung Tidens Toj des Nationalmuseet befasst. Und dort entdeckte ich nicht nur den wollenen Spencer (datiert 1815 - wobei ich mir bei der zeitlichen Einordnung nicht recht sicher bin), sondern auch eine Schnittzeichnung!
Das Copyright achtend, möchte ich keine Bilder des Originals einstellen, aber ich kann nur dringend empfehlen, nach dem Buch Ausschau zu halten oder es mal über die Fernleihe der Bibliotheken zu ordern - es lohnt sich!
Few years ago I stumbled over an interesting spencer. Unfortunately I neither bookmarked the picture, nor ever succeeded in tracking it again. Just imagine how surprised I've been when my eyes laid upon the spencer again. Thanks to Louise of Suo ergo sum I was able to get a peek into the fabulous book "Danske Dragter 1790-1840" by Ellen Andersen, which is about the Tidens Toj Collection of the Nationalmuseet. I not only found a picture of the spencer (which is dated 1815, but I'm not sure about it's age, my guess would be a bit earlier), but also a drawing of the pattern!
Due to the book's copyright I can't share pictures of the spencer or pattern, but I highly recommened to try purchase this book or order it through your library, it's very worth the effort!

Bei dem originalen Spencer handelt es sich um ein Kleidungsstück aus tiefroter Wolle und dunklem Flanell.
Es sind insgesamt 14 Schnittteile (ohne Futter):
2 Kragenteile
1 Pelerine
jeweils ein zweiteiliger Ärmel
2 Ärmelaufschläge
1 Rückenteil
2 Seitenteile
2 Vorderteile
Statt roter Wolle habe ich mich für Vergissmeinnichtblauen Wollstoff entschieden.
The original spencer was made of deep red wool, lined with dark flanell.
It consists of 14 pattern pieces (without the lining):
2 collar pieces
1 cape collar piece
two pair of two pieced sleeves
2 cuffs
1 back piece
2 side pieces
 2 front pieces
Instead of the deep red I've chosen a forget-me-not blue wool.

Für den Spencer habe ich 1.5m Wollstoff (Breite 1.60m) benötigt, sowie ein kleines Stück dunkelgrünen Flanell für das Futter des Rückteils/der Seitenteile und einen Rest Baumwollstoff für die gefütterten Ärmel. Außerdem zwei größere Knöpfe (mit dem Wollstoff bezogen) für den Verschluß und vier kleinere Knöpfe für die Ärmelaufschläge.
 Auf den ersten Blick wirkt er nicht ungewöhnlich, aber es sind die Details, die den besonderen Charme ausmachen!
I needed 1.62 yard of woolen fabric (62 inch width) and a small piece of dark green flanell for the lining of the back piece/side pieces and some cotton from my stash for the sleeves' lining. Furthermore two big buttons (covered with self fabric) for the front closure and four smaller buttons for the cuffs.
On the first glance the spencer seems to look quite common, but it's all about the details!

Das Kleidungsstück ist nämlich ringsherum mit Rückstichen vernäht, wobei der Rand nicht eingeschlagen, sondern mit einem Zäckeisen verziert wurde.
The edges of the garment are finished with back stitches, but the fabric isn't folded - it was neatly cut with a pinking tool.

Der Übergang vom Kragen zu den Aufschlägen am Vorderteil wurde - wie beim Original - ohne großen Aufwand vernäht. 
The connection of the collar and lapels was sewn - according to the original - without much fuss.

Ein Detail der ausgezackten Ränder und die beiden Knöpfe.
A detail of the pinked edges and the two front buttons.

Die Ärmelaufschläge wurden gezäckt und einlagig an den eigentlichen Ärmel angenäht. Die Kanten der Knopflöcher und Knöpfe überlappen in geschlossenem Zustand.
The one layered cuffs were pinked and then attached to the actual sleeve cuff. The edges of the buttonhole and button parts simply overlap when closed.

Ein Blick ins Innere des Spencers. Während das Rückteil und die Seitenteile mit Flanell gefüttert wurden, habe ich für die Ärmel einen Rest Baumwollstoff gewählt (da die Ärmel doch recht enganliegend geschnitten sind). Die eingesetzten Ärmel wurden an den Kanten mit Überwendlichstichen versäubert. Die restlichen Kanten bleiben - bis auf das Zäcken - unversäubert.
An inside view of the garment. While the back piece and the side pieces are lined with flanell, I decided on cotton for the sleeves (as the sleeves already have a tight fit). The set-in sleeves are finished with overcast stitches. The other edges remain raw.

Die Rückansicht mit der Pelerine, welche mit anderen Zacken  ausgeschnitten wurde (leider besitze ich kein Zäckeisen, sondern bin auf andere Hilfsmittel - sprich Scheren und Cutter - angewiesen). Die Pelerine wir zum Kragen hin umgeschlagen und mit Punktstichen angenäht.
The back view with the cape, which is pinked in another shape (unfortunately I do not own a pinking tool, I depended on the use of scissors and cutters). The seam allowance of the cape is folded under and then sewn to the collar with point stitches.

Der Spencer trägt sich ganz wunderbar, wenngleich die Taille sehr hoch angesetzt ist.
Obgleich der gestrige Tag von echtem Aprilwetter gezeichnet war, haben wir uns für einen Spaziergang durch den Garten entschlossen. Selbstverständlich gehört zu unserem Landschaftsgarten en Miniature auch eine kleine Hütte im japanischen Stil - glücklicherweise, denn sie bot eine willkommene Zuflucht, als sich die Himmelsschleusen nach ein wenig Sonnenschnein kurzfristig öffneten.
The spencer is very comfortable, although the waist is cut quite high.
Even though yesterday was a true April's day weatherwise, we decided on a stroll through the garden. Being fond of the english landscape gardens, our landscape miniature garden has a japanese style hut, too - luckily, I may say, as we've been surprised by a heavy rainshower and the place was an excellent refuge.
Zu dem Spencer trage ich meine Robe de Marcelline, ein Halstuch, ein Hemd, einen Petticoat, ein Kurzkorsett, lange Strümpfe, sowie meine Robert Land Footwear Stiefel.
I wear my Robe de Marcelline with the spencer. Furthermore a kerchief/fichu, a petticoat, a shirt, short stays, stockings and my Robert Land Footwear walking boots.

Hier erkennt man den recht hoch angesetzten Taillenschnitt des Spencers. Mit im Bild: Oskar! (Ja, hier regnet es nicht "Hunde & Katzen", sondern nur letzteres - lol)
Here's proof of the high waist of the spencer. Also in the picture: Oskar! (Well, over here it doesn't rain "dogs & cats", but only the latter - lol)

Glücklicherweise haben nur die Pflanzen und Bäume etwas von dem Regenschauer abbekommen!
Luckily only the plants and trees have been watered by the rain!

Zurück durch's Gestrüpp!  Mit einem guten Blick auf die zweiteiligen Ärmel.
Find a way through the shrubs! With a good view on the two pieced sleeves.

Möglicherweise ein etwas unschicklicher Anblick, aber ein kleines Loblied auf meine Stiefel, denen selbst ein ausgewachsener Regenschauer nichts anhaben kann - trotz Ledersohle!
Maybe it's a bit unbeseeming to show off the petticoat, but I'd like to praise my walking boots, which perfectly stand the rain - even with a leather sole!