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Mittwoch, 6. Januar 2016

Über Stroh und so...

Ja ich weiß, mein Seufzen ob der Verarbeitung des Strohhuts für den Vernet Merveilleuses & Incroyables Modekupfer klingt noch durch die Höhen und Täler des Sauerlandes...
Aber besagtes "Nie wieder Stroh!" war rasch vergessen, als ein lieber Freund und großer Verehrer des Directoire und Consulat mich eher zufällig auf ein besonderes Reticule in der Sammlung Villa Rosemaine stieß.
Die kleine Tasche weckte augenblicklich mein Interesse. Die Oberfläche hatte einen wunderbaren Glanz. War das Seide? Nein, es handelte sich bei dem Material um Stroh...Grund genug allen Verdruss zu vergessen und sich abermals diesem faszinierenden Werkstoff zu widmen.
Yes I know, my sighing upon the assembling of the straw hat for the Vernet Merveilleuses & Incroyables fashion plate still echoes through the hills and valleys of the Sauerland...
But said "Never ever straw again!" was quickly forgotten when a dear friend and great admirer of the Directoire and Consulat turned my attention to a reticule from the Villa Rosemaine Collection by fluke.
The charming bag caught my interest in an instant. The surface attracted me with a beautiful shine. Was it made of silk? No, the chosen material was straw...reason enough to forget the past struggle and embrace the fascinating material once again.
1806, Gottfried Christian Bohns Waarenlager (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
In Frankreich verfertigt man in mehreren Gegenden vielerley Arten von Möbeln mit buntem Stroh überflochten im neuesten und besten Geschmack, Tische in mancherley Formen, Feuerschirme, Fächer, Blasbälge, Souvenirs, Etuis, Theebüchsen, Arbeitsbeutel und allerley Kästchen für Frauenzimmer.
Translation:
In some regions of France many varieties of furniture are embellished with coloured straw, following the best and latest taste, tables in different styles, fire screens, fans, bellows, souvenirs, cases, tea caddys, working bags and different boxes for ladies.

Buntes Stroh für einen Arbeitsbeutel. Genau nach diesem Hinweis hatte ich gesucht. Und glücklicherweise lassen uns die Quellen nicht im Stich, wenn es darum geht, die Verarbeitung des Strohs aufzudecken.
Coloured straw for a working bag. That was exactly the hint I was looking for. Luckily the sources never let us done when it comes to the process of making such straw bags.
1806, Gottfried Christian Bohns Waarenlager (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Zu eingelegten Arbeiten wird das Stroh gespalten, indem man es benetzt, der Länge nach aufschneidet, etlich Male unter einem Messer herzieht, dadurch ganz gleich und glatt macht, vor- oder nachher auf verschiedene Art färbt, und es dann auf Pappe oder Holz leimt, wobei man verschiedentlich gefärbte Halme zusammenlegt und zu mancherley Figuren ordnet.
Translation:
In the process the straw is split after it was wetted, then it is cut several times in length. The next step is running over it with a knife, which will make the straw even and glossy. Before or after this step the straw is dyed and then glued to cardboard or paper, arraning the stems in patterns.

Die erste Hürde war das Färben der Strohhalme. Ich bemühte einige Quellen und stellte fest, dass es ein umständlicher Arbeitsgang war, denn Stroh besitzt eine natürliche Wachsschicht und um das Eindringen der Farbe zu gewährleisten, ist ein chemischer Vorgang vonnöten.
Ich entschied mich daher, bereits gefärbte Ware zu erwerben. 
Die Halme landeten zunächst für mehrere Stunden in einem lauwarmen Wasserbad.
The first obstacle was the dye. I searched for more sources and soon realized, that on one hand it was a tedious process, because naturally straw has a waxed surface, and on the other hand such material called for a chemical treatment.
Hence I decided to purchase dyed straw.
The stems ended up soaking in luke warm water for a few hours.

Links sieht man das Stroh vor dem Wasserbad, rechts ist es bereits gespalten und glattgebügelt. Die Farbe ist - wie damals auch - wasserfest.
On the left is the straw before taking it's bath, on the right it is already split and ironed flat. The dye is - like it was back then - waterproof.

Beim weiteren Zuschnitt der Halme hielt ich mich an die Vorgabe des Originals der Villa Rosemaine.
Further widths were decided upon the original reticule from the Villa Rosemaine.
    
Auch den Zuschnitt für die beiden notwendigen Pappen habe ich vom Original übernommen.
Die Wände messen etwa 24 x 20 Zentimeter und sind mit Baumwollstoff überzogen. Diesen Stoffüberzug benötigt man später beim Zusammennähen mit den gepaspelten Seiten. Als Kleber habe ich einen Stärkekleber verwendet.
I also copied the cardboard pieces from the original.
The pieces measure approx. 24 x 20 Centimetre and they are covered with cotton. This cover is necessary in a later step, when the pieces are sewn to the piped side piece. I used a glue based on starch.

Mit diesem Kleber werden auch die Halme auf die vorbereitete Pappe geklebt. Das Stroh wird mit einem Falzmesser glatt aufgepresst. Sind alle Halme aufgeklebt, werden die Ränder entsprechend mit einer kleinen, feinen Papierschere zugeschnitten.
This glue was also used to put the stems onto the prepared pieces. The straw is pressed on the surface with a folding knife. When all stems are attached, the edges are cut with a very fine paper scissors.

Die Oberfläche hat einen wunderbaren Glanz.
The surface is beautifully glossy.

Die angedeutete Klappe des Retiküls aus Seide und Stroh (auf Pappe). 
Ich freue mich sehr, dass ich genau die Seide aus einem Altbestand erworben habe, die dem Orignal nahe kommt, obwohl die Farbe nur als "Gelb" gekennzeichnet war. Einer meiner Vorsätze für dieses Jahr ist es, bei Material tierischen Ursprungs (Leder, Seide und Wolle) ausschließlich auf Altbestände zurückzugreifen. Überhaupt möchte ich versuchen vorrangig mit Stoffen und Materialien zu arbeiten, die aus alter Lagerware stammen, was sicherlich interessant wird, denn oftmals werde ich auf abweichende Farbtöne etc. zurückgreifen müssen, also so agieren, wie es in den Zeitungen um 1800 beschrieben wird, wenn ein Händler einen Ballen von jener Farbe und Güte bekommen hat. Auch damals war man in der Auswahl häufig eingeschränkt und mußte hier und da umdenken oder stückeln.
The faux flap of the reticule made of straw (on cardboard) and silk.
I am very happy that I managed to get exactly the silk I was looking for from vintage stock, although the colour was merely offered as "yellow". One of my resolutions for this year is to get animal fibres (leather, silk and wool) only from vintage stock. Actually I would like to try to work more with materials and fabrics from vintage stock, which might be interesting, because that means that I might have to deal with different colours or lenghts. This is exactly what happened in the papers around 1800 when a merchant in a small town suddenly offered a bolt of new fabric. Many have been quite limited in their choices and instead come up with new ideas or piecing.

 Die gepaspelte Seide für das Seitenteil wird entlang der Bogenkanten angenäht. Der Streifen ist ca. 5 Zentimeter breit. In die verbundenen Pappen wird dann noch ein Beutel eingenäht, der spätere Taschenbeutel.
The piped silk for the side piece is stitched along the scalloped edges. The stripe is about 5 centimetres wide. Between the connected cardboards another bag is stitched in, this will be the actual bag.
Der fertige Arbeitsbeutel. Die Vorderseite grüßt in glänzendem Stroh, die Rückseite in schlichter aber nicht minder glänzender Seide.
The finished working bag. The front shows the glossy straw, the back the more plain but also glossy silk.

Die Kordel war eine weitere kleine Herausforderung, denn eine Seidenkordel in diesem Farbton war auf dem Antikmarkt nicht aufzutreiben. Ich entschied mich schließlich für eine weiße Kordel aus glänzender Viskose, welche ich in einem Bad aus heißem Kaffee und Rotwein in genau den passenden Ton färbte.
The string was a further challenge, because I couldn't get a silk string in the exact shade on the antique market. I eventually decided on a white string made of glossy viscose, which I dyed in a bath of hot coffee and red wine into the exact colour.

Die Kordel wird entlang der Paspel angenäht.
The string is stitched down along the piping.

Ein Blick auf die Seite. Die Stroharbeit glänzt wunderbar.
A view of the side. The straw has a wonderful shining structure.

Die verarbeiteten Materialien auf einen Blick.
The different materials in one glimpse.

Kein Wunder, das diese Arbeiten nicht nur in Frankreich beliebt waren, sondern auch den Weg nach Deutschland fanden, wenngleich zunächst auch nur zögerlich. Sachsen war bekannt und geschätzt für derartige Stroharbeiten vom Strohhut bis zu diesen entzückenden Taschen.
Besonders erwähnenswert sind die Geschwister Engelhardt aus Dresden und ihre Strohwarenfabrik, sie haben wohl tatsächlich aus Stroh Gold gesponnen.
Not surprising that this beautiful fashion spread from France to Germany, albeit the german ladies warmed up to it only gradually. Saxon was famous for such straw products like hats and bags.
The most outstanding factory was Geschwister Engelhardt in Dresden, they might truly have spun straw into gold.
1797, Oktober, Journal des Luxus und der Moden, Moden-Neuigkeiten (Quelle/source: thulb Jena)
Transkription:
Aber heirbey blieb der spekulative Erfindungsgeist der Dresdner nicht stehen. Sie lernten nun auch die aufgeschlitzen Halme durch besondere Werkzeuge glätten, daß sie wie Spiegel glänzten, durchflochten und durchnähten die meisten Strohgeflechte mit buntgefärbten, ebenso zubereitetem Strohe, leimten diese auf Seide und Atlas auf, erfanden alle Wochen neue Facons von Hüten, Toquen, Hauben, machten von selbst zierliche Guirlanden, Federbüsche, Bänder, Schnüre aus eben diesem Material, und trugen es auch auf andere Gegenstände des Luxus, auf Arbeitskörbe, Vasen, Tafelaufsätze, Bouquets u.s.w. über. Den Anfang zu allen diesen künstlichen Strohverfeinerungen machte die Familie Engelhardt in Dresden.
Translation:
But the zest for inventing new things did not stop there for the Dresdner. They learnt to smooth and polish the split stems of the straw with special tools, thus they would be glossy like mirrors. They braided the coloured straw, glued it to silk and satin and invented a new style every other week for hats, toques, caps, they made delicate garlands, tufts of feathers, ribbons, strings from this very material, and added it to other luxery goods such as working bags, vases, table's centerpieces, bouquets, etc. The first, who came up with these fine straw works was the family Engelhardt in Dresden.


Montag, 24. August 2015

Hüten Sie sich, theuerster Freund, diese Bagatellchen ja nicht mehr Ridicules zu nennen!

Viele Artikel des Journal des Luxus und der Moden sind von einem solch köstlichen Humor geprägt, dass es bedauerlich wäre, sie nicht zurück ins Rampenlicht zu holen. Auch wenn es sich bei meiner Bühne möglicherweise nur um ein kleines Provinztheater handelt, hoffe ich, dass der folgende Artikel über Taschen dem geneigten Publikum gefällt.
Many texts from the Journal des Luxus und der Moden are of such awesome humour, that it would be a pity to not push them back into the limelight. Although my stage might only be a provincial theater, I do hope that the audience will enjoy the following article about bags.

Der Textauszug stammt aus dem Heft des Journal des Luxus und der Moden, Juli 1804 (Jahrgang 19), III. Modenbericht und Miscellen - Modenbericht aus Paris, 12.Juli 1804:
The excerpt is taken from the issue of Journal des Luxus und der Moden, July 1804 (year 19),
III. Fashion and Miscellany - Fashions of Paris, 12th July 1804:

In den Arbeitsbeuteln existieren hier, wie überall im Gebiete der Laune und Mode, die Extreme der Kleinheit und Größe – les extremes se touchent.
Die kleine nettere Form enthält bloß das kleine Taschentuch, in das eine Ende den Schlüssel zum Bureau der geheimsten Geheimnisse gebunden, - in das andere Ende einige Geldstücke geknüpft. Über alles wird natürlich der begleitende treue Ami als Großsiegelbewahrer gesetzt.
Concerning bags we do see here, like everywhere in the area of fancy and fashion, the extremes of tiny and huge – les extremes se touchent.
The small, more appealing shape only contains a handkerchief, on one end the little key to the box of most secretly secrets is knotted, - the other end holds a few coins. Everything guarded by the accompanying faithful ami (attendant), being the lord keeper.
Ein kleines ̶R̶̶i̶̶d̶̶i̶̶c̶̶u̶̶l̶̶e̶̶  Caprice mit Taschentuch, Schlüssel und verknoteten Münzen
A small ̶r̶̶i̶̶d̶̶i̶̶c̶̶u̶̶l̶̶e̶̶  caprice with a handkerchief, key and knotted coins

Hüten Sie sich, theuerster Freund diese Bagatellchen ja nicht mehr Ridicules zu nennen, sie würden als Conspirateur gegen den guten Geschmack angesehen werden, und ohne dass man Ihnen vielleicht etwas überwiesen hätte, würden Sie sogleich aus dem Damenkreis deportiert werden. – Doch treten Sie näher, Bester, ich zischle Ihnen leise die heutige Parole unserer Damen in das Ohr: An die Stelle der verbannten Ridikules räumen unsere Schönen jetzt den Capricen (so heißen die neuen Kunstsäcke) vollen Spielraum ein – von der Morgenpromenade bis zur nächtlichen Wanderung nach Frascati ist Caprice der stete Begleiter. (Wer mehr über das sagenumwobene Frascati erfahren möchte, sollte unbedingt dem Pavillon de la Paix einen Besuch abstatten!)
Schiefe Beobachter wollen zwar bemerken, dass bloß der Name erneuert wäre, die Form, die Sache dieselbe bliebe – doch diese Kurzsichtigen stürze Göttin Pandora nur auf kurze Zeit in den Fond einer solchen Caprice – bald wird der Arme zwar bemerken, dass der alte Schnitt des Ridikule zum Grunde liegt, allein bald wird er auch in den hundert kleinen neuen Fältchen und Anhängseln, wo nur hie und da der alte Ridikule durchblickt, die neue Schöpfung des Caprice erkennen.
Be aware, my dear friend, to not call these bagatelles ridicules, as you then would be seen as conspirer against the good taste, and without any further notice, you’d be denied company of the circle of fashionable ladies.- But come a little closer, dear, I quietly whisper today’s parole of our ladies in to your ear: Instead of the abandoned reticules our beauties now favour the Caprices (that’s the very name of the new bags) – from morning’s promenade to the walk tot the Frascati in the wee hours the Caprice is their constant company. (If you'd like to learn more about the famous Frascati in Paris, please pay a visit to the Pavillon de la Paix!)
Some observer are said to have noticed that only the name is new, whereas the shape remained the same – but these short-sighted fools will be put into the very bag of a caprice by the goddess Pandora – sooner or later this poor fellow will admit that it’s the same pattern as that of the ridicule, but sooner or later he will also learn that within all the many pleats and additions, through which the ridicule might reveal itself, it’s in fact the new creation of the caprice.

Die andere gigantische Form der Arbeitsbeutel, die den Gegensatz zum vorigen macht, wird Refectoire des Dames genannt. Sie haben die Größe kleiner Mantelsäcke, und dienen um bei Parthien auf das Land, eine kleine Toilette, Nähkästchen, Etui, Brieftasche, Schere, Geldbeutel u.s.w. aufzunehmen.
The other gigantic shape of the working bag, which is different to the former, is called Refectoire des Dames. They have the size of small coat bags and serve for jaunts to the countryside; and they contain the toilette, a sewing kit, purse, letter case, scissors, etc. …

1798 (An 7), Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No. 77 (Quelle/source: via pinterest)


1798 (An 7) Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.81 (Quelle/source: via pinterest)
Diese schlichte Form des Arbeitsbeutels (Vgl. dazu eine aufwändige Variante: Arbeitsbeutel aus Seide) sieht man - wie soeben erfahren mit wechselnden Bezeichnungen - während der Frühromantik immer wieder auf Modenkupfern des Journal des Dames et des Modes und auch des Journal des Luxus und der Moden. 
This plain shape of the working bag (Compare to the elaborate shape: working bag of silk) is seen - as learnt from the text above, with changing names - in many fashion plates of the Journal des Dames et des Modes and also the Journal des Luxus und der Moden during the Early Romanticism.

 Passt alles rein, was aus einem Arbeitsbeutel ein Refectoire des Dames macht:
Toilette, Nähkästchen, Schere, Geldbörse, Briefe...
Everything at hand and fitting, what turns a working bag into a Refectoire des Dames:
toilette, sewing box, scissors, purse, letters...

Der Beutel ist aus einem hübschen karierten Baumwollstoff gefertigt. Er misst 50 x 35 Zentimeter.
Am oberen Rand ist ein Kanal eingenäht der mit einem gestreiften Seidenband versehen ist.
The bag is made of a pretty checked cotton. It measures 50 x 35 Centimetre.
The opening has a channel sewn in, which holds a striped silk ribbon.


Das Refectoire des Dames hat ungefähr die Größe eines kleinen Mantelsacks oder einer modernen Juteinkaufstasche...
The refectoire des Dames has approxmately the size of a small coat bag (portmanteau) or a modern shopping bag...

 ...und es versprüht ein wenig Pariser Charme.
...and it's somehow quite french.

Eine einfache Konstruktion, aber dennoch eine schönes Accessoire und sehr praktisch.
A most simple construction, yet a lovely accessory and very practical.

Dieses Stück erhält in Kürze eine neue Besitzerin und es wird sie auf einer "Parthie auf das Land" begleiten und seinem Namen als "Speisesaal für Damen" gerecht werden.
Ich freue mich schon sehr auf unser Picknick in Weimar und einen gut gefüllten Beutel mit Brot, Kuchen und Mandelmilch! Hoffentlich freust Du Dich auch schon, Kerstin.
This bag soon will be given to a dear friend, where it will serve on "a jaunt to the countryside" and do justice to it's name as Lady's refectory.
I'm looking forward to our pique-nique in Weimar with a bag full of bread, cake and almond milk. Hope you're also looking forward to it, Kerstin.

Montag, 11. Mai 2015

Ridicule von Nacarat und Atlas (Oktober 1800, Journal des Luxus und der Moden)

Die Liebe zum Detail ist unerlässlich, um das Bild der Vergangenheit möglichst vollständig widerzuspiegeln. Mit einem Kleid ist es oft nicht getan: die passende Frisur, ein Hut, Schuhe und eine Tasche ergänzen eine Nachbildung und erwecken sie erst zum Leben.
Taschen, Ridiucles, Retiküls und Arbeitsbeutel sollten daher nicht vernachlässigt werden und ein Blick auf die Vielfalt dieser Modeaccessoires lohnt sich immer.
Mein Augenmerk verfing sich rettungslos beim Anblick eines Arbeitsbeutels im Journal des Luxus und der Moden vom Herbst 1800.
The eye and love for detail is essential to mirrow an entire and complete picture of the past. It's usually not done with a dress: the matching hairdo, a hat, footwear and bags have to be added to awake an image of the past.
Bags, ridicules, reticules and work bags should not be neglected and it's very worth to pay a close look on the variety of this fashion accessory.
I fell for a beautiful work bag in the Autumn 1800 issue of the Journal des Luxus und der Moden.

Oktober 1800, Tafel 28 Journal des Luxus und der Moden
(Quelle/source: UrMEL thulb Uni Jena)

Glücklicherweise liefert uns das Journal zu jedem Kupfer auch eine ausführliche Beschreibung, welche die Nacharbeitung erheblich erleichtert.
Luckily the plates do come with thorough descriptions, which are immensley helpful for a re-creation.

Oktober 1800, Modebericht Journal des Luxus und der Moden
(Quelle/source: UrMEL thulb Uni Jena)

Transkription:
Der Arbeitsbeutel oder Ridicule von neuster Facon ist von steiffer Pappe in halber Zirkelform, mit Nacarat und schwarzem Atlas überzogen. Der Sack mit einem Zuge von Nacarat schwarzem Atlas und Nacaratbändern zum anhängen oder tragen.
Transcription/Translation:
The working back or ridicule is of the latest shape made of stiff cardboard in a half circle, with Nacarat and black Satin. The bag has ribbons of nacarat and satin and a ribbon to attach or carry.

Zunächst galt es den Begriff 'Nacarat' zu erklären. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Stoffart, sondern um eine Farbe. Nacarat, ein Rot mit deutlich orangem Einschlag.
First I searched for an explanation for the term 'Nacarat'. This is not a kind of fabric, but a name for a colour. Nacarat, a red with a clear orange shade.

Als Material diente mir feste Finnpappe, Seidenbänder, schwarzer Chintz und Baumwollstoff in einem sehr blassen Nacarat.
I used the following material, stiff cardboard, black chintz and cotton in a very faded nacarat nuance.

Zunächst wurde der Streifen Pappe bezogen, der als Taschenboden dient.
I started with covereing the cardboard, which should become the bottom of the bag.

Die Umrisse der Pappe werden mit Vorstichen auf den Nacaratstoff übertragen (Leider fiel der tatsächliche Farbton der Kameralinse zum Opfer)
The outlines of the cardboard are transferred to the nacarat cotton with running stitches (unfortunately the true colour isn't showing in this photo)

Die schwarzen Strahlen werden mit kleinen Rückstichen aufgenäht.
The little black beams are attached with back stitches.

Der Fächer ist komplett aufgenäht...
The fan is completely stitched...
...und kann auf die Pappe gezogen werden. Dafür wird die Nahtzugabe eingeschnitten und auf der Rückseite mit Leim befestigt. Üblicherweise wurde eine Art Kleister oder Haut bzw Knochenleim verwendet.
...and can be attached to the cardboard. I've cut the seamallowance and fastened it onto the back with glue. Usually it was paste or bone or skin glue.

Mit Überwendlichstichen wird der Boden mit dem Seitenteil verbunden.
Overcast stitches were used to connect the bottom with the side pieces.

Die Arbeit an der ersten Hälfte des Ridicules ist getan. Schon jetzt ist es ein richtiger Hingucker und wirkt erstaunlich modern, fast wie eine Anfertigung aus der Zeit des Art Deco.
The work on the first half of the ridicule is finished. It's already a lovely eye-candy and it looks quite modern, almost like an Art Deco piece.

Der eigentliche Beutel wird aus zwei Teilen zusammengenäht und an der oberen Kante eingeschlagen und mit einem Kanal für das Zugband versehen.
The actual bag is made of two pieces, sewn together. The top is folded and stitched down with a channel for the ribbon.

Die Hülle des Arbeitsbeutel wird - wie in dem Modekupfer - ringsum mit einer gelblichen Kordel versehen, auch hier wählte ich einen verblassten Farbton und kein goldenes Gelb.
The cover of the ridicule is embellieshed with a silk cord, like shown in the fashion plate. To match the faded fabric I've chosen a soft colour instead of the bright golden yellow.

Der Lohn der Mühen. Ein sehr ungewöhnlicher und zugleich schöner Beutel.
The reward for the effort. A most unusual yet charming bag.

Trotz der Pappe, kann man einiges darin verstauen.
Despite the cardboard it offers lots of space.

Der Boden mißt 4.5 cm in der Breite.
The bottom measures almost 2 inches in width.

Der Beutel wurde entlang der oberen Kante eingenäht.
The soft bag was sewn into the base along the top.

Die Zugbänder sind in einem passenden Farbton aus Baumwollband gedreht. Die Tragebänder sind aus Seide.
The ribbos are made of a matching colour from cotton thread. The ties are made of silk.

Ein Blick in das Innere der Tasche.
A view to the inside of the bag.

Eine weitere Auswahl meiner nachgearbeiteten Beutel und Taschen findet sich hier: 
(zu den Taschen einfach ein kleines Stück herunterscrollen)
More re-created bags of my collection can be found here:
(please scroll down for the bags)

Dienstag, 19. August 2014

Die Kunst, Erinnerungen mit sich zu tragen...

Erinnerungen kann man nicht nur in Gedanken oder im Herzen mit sich tragen, sondern auch - und nicht minder schön - stofflich und mit einiger 'Tragweite'.
Zunächst einmal sollte man seine Erinnerungen dazu aneinanderreihen und festnähen, 
was in etwa so aussieht:
The art of carrying memories...
Memories cannot only be carried in our thoughts and hearts, but also - and not a tad less lovely - in fabric with the capabilty to carry lots.
In order to do so, we first need to collect remnants and sew them together, which pretty much looks like this:

Ich habe kleine Reststücke meiner vergangenen Nähprojekte nach Augenmaß zugeschnitten und zu einer langen Kette zusammengenäht.
I have cut out fabric scraps from past projects  and sewn them together in a long colourful chain.

Der Zuschnitt für die Tasche entspricht jenem, den ich bereits vor einiger Zeit vorgestellt habe.
Er besteht aus einem Stück  Futter, auf welches die Flicken aufgenäht werden und einem Rücken.
The pattern of the bag is exactly the same as the one, I've already introduced a while ago.
It's made of one lining piece on which the fabric patches will be stitched and the backing.

Die Flicken werden Reihe um Reihe mit Rückstichen zusammengenäht, die Nahtkanten umgebügelt und schließlich auf dem Futter festgesteckt.
The scraps are sewn together with running stitches row after row, then the seam  allowance is ironed flat and finally the piece is pinned to the lining.

Sind alle Reihen vernäht, werden die Kanten zugeschnitten.
After all rows are sewn together, the edges are cut in shape.

Ein Nahtband wird zugeschnitten, womit zunächst die Öffnung, als auch - nachdem der Rücken aufgelegt wurde - die Kante ringsum versäubert wird.
A bias cut band is sewn around the opening, and then with the backing on around the edge all the way round.


Die Vorderseite...
 The front...

...die Rückseite.
...the back.

Die Taschen waren häufig aus Reststücken gefertigt und recht bunt. Selbstverständlich wurden sie nicht unter weißen Mousselinkleidern getragen, sondern eher unter Tageskleidern.
Die Taschen bieten erstaunlich viel Platz, weitaus mehr als die Retiküls, die sie allerdings allmählich ablösten.
The bags were often sewn from fabric remnants, hence they were quite colourful. Of course they were never sported with sheer muslin dresses, but with sober day dresses.
The bags offered quite a lot of space, much more than the reticuls, which however gradually replaced this kind of bags in the course of time.


Aber ach, wohin mit all den niedergeschriebenen Erinnerungen?
Dafür gab es damals Brieftaschen. Zumeist waren sie kunstvoll gestaltet, aus feiner Seide und reich bestickt (oftmals mit wundervollen kleinen Sinnsprüchen)
In Ermangelung geübter Stickereifertigkeit, habe ich bei meiner Brieftasche allerdings zu einem Stoff gegriffen, der mit einigen Erinnerungen an meine verstorbene Tante verbunden ist.
Es handelt sich um bedruckte Baumwolle. Als Futter habe ich dann den üblichen Seidentaft verwendet. Die Zwischenlage besteht aus feinem Papier. Das rote, schmale Einfassband ist vintage. Ich habe es von meiner lieben Freundin Natalie bekommen.
But, where to keep written memories?
Back then letter cases or pocket books were used. They were beautifully emebelished, made of fine silk and often opulently embroidered (with lovely little verses)
As I truly lack embroidery skills, I decided to assemble my letter case with a fabric, that holds a lovely memory to my deceased aunt.
It's a printed cotton. The lining is silk taffeta and it's stiffened with fine paper. The red bias tape is vinatge. It was given to me by my dear friend Natalie.

Die drei Lagen der Brieftasche.
The three layers of the case.

Das Papier wird entsprechend vorgefaltet, ehe der Stoff darum gelegt wird.
Zu der Brieftasche gehört auch noch ein zweites Teil, das später die innere Klappe bildet.
The paper is already folded, before the fabric is layered around it.
There's a second similar piece build like this, which is the inner flap of it.

Die fertige Brieftasche mit Wollband
The finished letter case with a woolen ribbon

An dem Stoff mag ich besonders die Darstellung des 'tränenden Herzens' (dicentra spectabilis)
My favourite flower on the case is the 'Bleedingheart' (dicentra spectabilis)

Die geöffnete Tasche verfügt über drei Fächer für Briefe und Geld.
The opened case offers three compartments for letters and money.


In den letzten Wochen sind noch viele weitere Kleidungsstücke an meinem Nähtisch entstanden, aber leider bin ich in der Kunst, das Wetter zu beeinflussen noch keinen Schritt weiter gekommen und ein Fototermin nach dem anderen fällt sprichwörtlich ins Wasser.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf und bitte meine Leser derweil um Geduld.
In the past weeks a whole lot of garments have been finished at my sewingtable. However I did not manage to master the art of influenceing the weather and one photoshot after the other was cancelled due to rain.
I still have hopes and may ask my dear readers for some patience.