Donnerstag, 11. Oktober 2018

Novität der Michaelis-Messe zu Leipzig: rosa Frauenzimmer-Schuh aus Leder nach englischem Vorbild

"Madame, Ihre Bestellung wurde geliefert."
"Madame, your order has been delievered."
Aber mal ehrlich, wie kam eigentlich der Frauenzimmerschuh in den 1790er Jahren an den Fuß der Dame?
Messen, wie zum Beispiel die oben erwähnte berühmte jährlich stattfindende Michaelismesse in Leipzig im September, und Jahrmärkte waren eine gute Gelegenheit neue Moden kennenzulernen und auch bereits gefertigte Schuhe zu erwerben, aber üblicherweise wandte sich Madame an den örtlichen Schuhmachermeister. Lebte sie in einer größeren Stadt, konnte sie gar bei einem sogenannten Frauen-Schuster ihre Bestellung aufgeben.
Dazu fand sich Madame zumeist vor Ort ein, um zunächst ihren rechten Fuß mit einem papierenen Band und einer Holzschieblehre ausmessen zu lassen. Von ihren Maßen fertigte der Schuhmacher einen einzigen Leisten, welcher nicht nur dem Fuß, sondern auch der neuen Schuhmode entsprach.
Aber werfen wir doch einen Blick in eine solche Werkstatt:
Seriously, how does a shoe made it's way to the foot of a lady in the 1790s?
Trade fairs, for example like the above mentioned famous annual Michaelsmas in Leipzig in September, or other fairs always have been a good opportunity to learn more about the latest fashions and even purchase readymade shoes, but usually Madame would prefer to visit the local shoe maker. If she happened to live in a big city, she could even shop at a specialized shoemaker for ladies.
Generally madame would choose to pay a visit in the shop to have her right foot measured with a paper tape and a wooden calliper. Having her foot's measurements the shoemaker first created a single last, which did not only match her feet, but also the desired fashion.
At this point we might have a peek into the shoemakers workshop:
1791, Johann Peter Voit, Faßliche Beschreibung der gemeinnützlichsten Handwerke und Künste (Quelle/source: googlebooks)
Dargestellt wird das Maßnehmen des Schuhmachers am schwarzbestrumpften Fuß der Dame. Im Hintergrund an der Wand sieht man die Leisten, wie damals üblich immer nur einer. Frauenzimmerschuhe konnten aus Leder oder "Zeug" (also verschiedenen Stoffen) hergestellt werden, wobei das Schuhblatt gar von der Kundin selbst mitgebracht werden konnte, dazu findet sich auch ein erläuternder Text in den Quellen:
Depicted is the measuring of the black-stockinged foot of the lady. In the background is a shelf with all the lasts, as it was common back then always only one for both feet.
Female shoes could be made of leather or fabric, where the uppers could even be contributed by the female costumer, this is well-described in the following passage:
1791, Johann Peter Voit, Faßliche Beschreibung der gemeinnützlichsten Handwerke und Künste (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Gefärbtes Leder wird zu Frauenzimmerschuhen und zu Pantoffeln genommen; dahin gehören nun rother, grüner, gelber, blauer Safian, roth und paillegelb, auch blau und weisses Taffentleder, rauhes Kalbleder von den Weiß-und Sämischgerbern, ingleichen allerhand weisse, farbige und bunte Ledersorten. Jetzt sind reiche, gestickte, barchentne und seidene Frauenzimmerschuhe Mode, wozu man die Blätter im Kramladen kauft.
Translation:
Coloured leather is used for ladies' shoes and mules; as were red, green, yellow, blue moroccan leather, red, straw yellow, also blue and white soft leather, raw calf hide from the tanner, and also plenty white, coloured and painted leathers. Currently rich, embroidered, fustian and silk ladies' shoes are fashionable, where the uppers are bought in corner shops, general stores or rummage shops.

Auf diese Art und Weise wurde ein Schuh zu einem sehr individuellen Stück, das bis ins Detail den Vorstellungen der Kundin entsprechen konnte.
Besonders in England waren lederne bemalte Schuhe zur Mitte der 1790er sehr beliebt, wobei die Muster bisweilen für den heutigen Betrachter äußerst modern wirken: von Blümchen und Punkten über geometrische Muster ist in den Museen beinah alles zu finden, was das Frauenherz vor über 200 Jahren höher schlagen ließ und auch heute noch für Entzückung sorgt.
This way a shoe turned into quite an individual piece of fashion, as it could be fulfilled very detailed after the customer's delight.
Especially in England painted leather shoes were highly popular in the mid 1790s, while the patterns are still appealing to the modern eye: from flowers and dots to geometrical patterns, a wide range still to find in the museums and with the ability to raise the heart rate as much today as 200 years ago.

Und auch ich bin dem Charme dieser Schuhe erlegen, aber leider konnte ich nicht einfach zum örtlichen Schuster mit meinem Schublatt aus dem Kramladen und mir den Traum erfüllen, also verschwand ich - den heiligen Crispin um Beistand anrufend - in meiner Werkstatt, um zunächst einen Leisten mit dieser markanten Spitze herzustellen. Der Originalleisten in meiner Sammlung, mit dem ich zuvor den Pantoffel hergestellt habe, half mir dabei sehr...dennoch bedeutete es einige Stunden Schleifen und zig Schuhprobestücke aus Papier.
I also succumbed to the charms of these shoes, but unfortunately I could not just visit the local shoe maker with an upper from the next corner shop to realize my dream, hence I went into my own workshop - while calling St.Crispin for guidance - to build a last with the distinctive pointy toe. The original last in my collection, from which I made the mules recently, helped me a lot...nevertheless it meant hours of sanding and quite a number of paper shoe samples.
Der fertige Leisten wirkt recht zierlich und schmal, aber mit der Spitze misst er beinah 26 Zentimeter. Überhaupt führt den Betrachter das Aussehen der Schuhe oftmals in die Annahme, dass die Schuhe (und somit auch die Füße der Damen) äußerst klein waren, und sicherlich galt ein zierlicher Fuß damals als Ideal (dazu an anderer Stelle demnächst hoffentlich mehr), aber dank der detaillierten Auflistung der Museumsbestände ist zu erkennen, dass die meisten Schuhe durchaus heute gängigen Größen entsprachen.
The finished last looks rather dainty and small, but with the pointy toe piece it measures 10 1/8 inch.
Actually the shape of the shoe often misleads to think, that shoes (and the feet of the ladies) commonly have been much smaller, and most certainly a petite foot meant an ideal (more about that hopefully soon in another blog post), but due to precise museum's data it is revealed, that most shoes conform with today's sizes.

Nachdem der Leisten gefertigt war, folgte das Schuhblatt. Wie bei den Originalen kam sehr dünnes Leder zur Verwendung (mein alter Lederblouson aus den 80ern lässt grüßen), welches entsprechend der englischen Vorbilder gefärbt und bemalt wurde.
After the last was finished, I made the uppers. Following the originals I've chosen a very fine and thin leather (taken from my old leatherjacket from the 1980s), which was painted and then coloured according to the museum's pieces.

Wie in historischen Quellen beschrieben, wurde das feine Leder mittels Stärkekleber auf das Leinenfutter aufgeklebt, um dem Schuh mehr Stabilität zu geben. Die Nähte und der obere Rand wurden mit einem Band eingefasst. Im historischen Kontext waren diese Näharbeiten zumeist die Aufgabe für die Frau (oder die Töchter) des Schuhmachers.
Like described in historical sources, the thin leather was added to the linen with glue, to give more stability to the shoe itself. The seams and the upper edge were finished with a ribbon. Historically this sewing was usually done by the wife (or daughters) of the shoe maker.
Die Schuhblätter auf der Innensohle befestigt. 
Da ich durch die Verwendung von Kunstledersohlen, die nicht vernäht werden können, vom Original abweiche, gestaltet sich auch die Konstruktion ein wenig anders. Im Netz sind zahlreiche Anleitungen für die Konstruktion im Wendeschuhverfahren zu finden, weshalb ich das an dieser Stelle nicht weiter erläutere.
The uppers are attached to the insole.
As I use faux leather soles, which cannot be stitched, I therefor differ from the original construction. There are plenty of tutorials in the worldwideweb for turnshoe construction, thus I won't go into detail here.

Nachdem die Schuhe auf die Innensohle aufgeklebt wurden, habe ich zwei verschiedene Sätze Absätze gefertigt, welche anschließend mit Leder bezogen wurden. Da das Fertigen der Absätze bisweilen eine Kunst für sich war, gab es in größeren Städten auch Stöckelmacher, die sich auf die Herstellung spezialisiert hatten.
After attaching the uppers to the insole, I've done two sets of heels, which were then covered with leather. As the process of heel making is rather an art of it's own, there also have been heel makers (Stöckelmacher) in larger cities, which have specialized in this craft.
Die Entscheidung fiel schließlich auf die linke Absatzvariante. Nachdem diese an beiden Schuhen befestigt war, folgte schließlich noch das Anbringen der Laufsohle und der beliebten Pompons...
The decision was made for the left heel style. After these were attached to the shoes, finally the outer sole was assembled and the popular pompom decororation...

...und dann konnten die Schuhe, wie eingangs im Bild gezeigt, abgeholt oder geliefert werden.
...and then the shoes were ready to be fetched or delievered, like shown in the photo at the opening of this blogpost.
J.D.Felgenhauers Novität: bemalte rosa Frauenzimmerschuhe. Kein Wunder, dass die Deckel von den Schachteln gerissen wurden - ob begleitet von dem heute verbreiteten Kreischen sei dahingestellt.
J.D. Felgenhauer's novelty: coloured pink lady's shoes. No wonder that the lid was ripped of from the box - whether with a sigh or squeeze, we do not know.
Gut, ein bisschen geseufzt hat Madame dann schon bei dem Anblick von diesem Traum in rosa.
Well, a bit of a sigh was heard from Madame, when she first glanced at this pink dream.
Gut besohlt und geschmückt.
Well soled and adorned.
Auch die (Kunstleder-)Sohle ist ein Hingucker.
The (faux leather) sole is eye candy as well.
Selbst beim Umdrehen und Abschiednehmen macht Madame fortan Eindruck.
Even with turning around and walking away Madame will leave a lovely impression.
Auf Felgenhauers Modelle ist modisch einfach Verlass.
You can always rely on Felgenhauer's fashionable shoes 

Ich bin wirklich sehr zufrieden mit meinem ersten Paar Schuhen und sie waren ein gutes Lehrstück. Beim nächsten Paar weiß ich genau, worauf ich zu achten habe und wo Verbesserungen vonnöten sind. Zum Beispiel ist dieses feine, weiche Leder sehr viel nachgiebiger als man es von modernen Schuhen gewohnt ist und es schadet nicht die hintere Naht kurviger zu schneiden, ein Band in die obere Kante einzufügen (wie man es auch bei vielen Originalen sieht).
Während man beim modernen Schuhkauf eher eine halbe Nummer größer wählt, ist es hier umgekehrt, denn das feine Material und dazu der gleiche Leisten geben dem Fuß gut nach.
Überhaupt sind und waren diese Schuhe zumeist nur ein Saisonvergnügen, denn die feine Spitze stößt schnell an und es empfiehlt sich auf dem Kopfsteinplaster Überschuhe zu tragen. 
I'm truly happy with my first pair of shoes and they've been a good teacher. 
With the next pair I now know what to consider and improve. For example this fine leather is much more pliable than we are used from modern shoes and it is recommended to have a more curved back seam and a ribbon along the top (like seen in original shoes). 
While it's usually good to choose half size up in modern shoes, it's quite the contrary here, because the thin and smooth material on a straight last widens. 
Actually these shoes are and were always meant as a seasonal fun and fashion, as the pointy toe is prone to get in trouble, hence wearing overshoes on cobbled streets might be reasonable.

Dennoch kann ich es kaum abwarten sie zu tragen, auch wenn man sie unter den herrlichen Kleidern vielleicht nicht immer sieht!
Nevertheless I can't wait to wear them, although they're usually hidden under the huge dresses.

Aber Felgenhauers Schuhe machen die Füße einfach schöner!
But Felgenhauer's shoes make feet so pretty!


Und wer auch gerne ein individuelles Paar Schuhe sein Eigen nennen möchte, sich aber scheut selbst in der Werkstatt zu verschwinden, dem bietet sich die Möglichkeit ein bisschen in die Zeit um 1800 einzutauchen und ein Paar nach eigenen Wünschen bei Charos Atelier Angelica Absenta zu bestellen:
If you'd love to have your own pair of individual shoes, but are afraid to assemble them in your own workshop, there's a wonderful possibility to go back in time into around 1800 and order them after your very own desire at Charo's Atelier Angelica Absenta:
Atelier Angelica Absenta

Freitag, 21. September 2018

¡Hola! Un retrato femenino con Schnürleib

Eigentlich bin ich immer noch dem Hl.Crispin verpflichtet und eifrig in der Pantoffelmacherwerkstatt (und am Schreibtisch) unterwegs, als mich Mme.R. vom Pavillon de la Paix auf einen Fund hinweist, der mich unverzüglich ins Schwärmen und Staunen versetzt - und diese ausgelöste Euphorie muß ich nun einfach teilen.
Im Museo del Prado in Madrid existiert eine kleine und feine Miniatur, welche ein Herz sicherlich schon vor zweihundert Jahren hat höher schlagen lassen.
Actually I'm still on a mission to please St.Crispin and quite busy making mules in my mule-maker-workshop (and at the desk), when Mme R. from Pavillon de la Paix pointed me to an amazing find, which catapulted me into awe and exictement - and I simply have to share this euphoria.
There's a fine miniature in the Museo del Prado in Madrid, which probably have raised the heart rate already 200 years ago.

1810, Retrato femenino, atribuida a Luis de la Cruz y Rios (Quelle/source: Museo del Prado Madrid)
"...aber, Moment mal!" Wird sicherlich so mancher denken, nachdem ein Seufzer ob der Schönheit der Unbekannten getan ist, "...das sieht aus wie ein Bernhardtscher Schnürleib!"
Tatsächlich! Diese - sicherlich persönlich gedachte - Miniatur beweist einmal mehr, wie sich die Damen unter ihren wundervollen Roben kleideten.
"...wait, what?!" Some of you might exclaim after a sigh is done to compliment the beauty of the unknown sitter, "...that looks like a pair of Bernhardt's short stays!"
Indeed! This - probably very personal - miniature proofs how women used to dress under their gowns.

Ob J.S. Bernhardt diese Art des Schnürleibs bis nach Spanien bekannt machte, oder ob es sich um ein allgemein weitverbreitetes Kleidungsstück handelte, wird noch zu erforschen sein, aber die Funde mehren sich.
Whether Bernhardt's book was also known in Spain or it was a common piece of garment will hopefully one day be cleared by more research, for now we can see that there are more and more finds.
Schnitt Fig.C und der dazugehörige Text aus J.S.Bernhardts Buch und den daraus resultierenden Schnürleibstudien führen jedenfalls zu einem Kleidungsstück, welches dem der Miniatur äußerst ähnlich ist. Bis hin zu den schmalen Trägern und der unverkennbaren Silhouette.
Patron Fig.C and the accompanying text from J.S.Bernhardt's book and the resulting Short Stays Studies reveal a garment, which is pretty close to the one in the miniature. On point to the very small shoulder strapes and the overall famous Bernhardt stays silhouette.

J.S.Bernhardt empfiehlt Fischbein oder einen Blankscheid zu diesem Schnürleib.
J.S. Bernhardt recommends baleen or a busk for these stays.

Besser kann ein Wochenende nicht beginnen.
Mit neuem Elan und in der Gewissheit, dass man täglich dazulernt (und dieser Winter sicherlich voller spannender Forschung werden wird!), verabschiede ich mich vorerst wieder unter den Pantoffel...
There's no better way to start into a weekend. 
With new verve and the certainity, that there's something new to learn every day (and that this winter will be filled with exciting research), I return to mule-making for now...

Donnerstag, 13. September 2018

"... und senden Sie mir 1 Paar blaue Frauenzimmer Pantoffeln von bemahltem Leder!"

Wenn man in diesem Sommer ein wenig mit dem Kopf in den Wolken gesteckt hat, sollte man sich vergewissert haben auch auf soliden Füßen zu stehen - kurz: nach einer ausgedehnten sommerlichen Auszeit fiel mein Augenmerk nach Jahren der Missachtung mal wieder auf passendes Schuhwerk.
Also kramte ich in meiner kleinen Werkstatt nach der Kiste, die ganz weit hinten auf einem Schrank verstaut war und zum Vorschein kam ein wunderbarer Leisten, den mir der Zufall auf einem Antikmarkt in die Hände gespielt hatte (und der zudem noch genau meiner Schuhgröße entsprach), Lederreste aus alten abgetragenen Handschuhen, die mir Ute von Schneiderherz großzügig zugesandt hatte (Erinnerst Du Dich überhaupt noch daran?!) und festes Sohlengummi.
Da man mit jedem neuen Handwerk erstmal klein anfangen sollte, um die Handgriffe und Vorgehensweise zu verstehen, entschied ich mich für ein Paar wundervolle Pantoffeln aus der Sammlung des Rijksmuseums in Amsterdam:
If you have - like me - spent the past summer with your head in the skies, it was highly recommended to have your feet firmly on the ground - in short: after a long hiatus during summer I eventually remembered my attempts at shoemaking, which I have neglected for quite a while.
Hence I searched for a small box in my workshop, high up on a shelf, which contained an amazing period straight last from an antique shopping spree (in exactly my size), leather pieces from old worn and torn gloves, which were generously given to me years ago by Ute from Schneiderherz and strong soles made of rubber.
As I usually start each new craft with easy-to-assemble pieces, to understand the process, I decided on a lovely pair of mules from the Rijksmuseum in Amsterdam:
1775-1800, Muiltje van gebatikte Katoen BK-1973-496-B (Quelle/source: Rijksmuseum Amsterdam)
Statt des bemalten Baumwollstoffes entschied ich mich allerdings dazu Leder zu bemalen und zwar mit den geometrischen Mustern, die man auf den Schuhen der 1790er so häufig sieht.
Neben Material aus Altbestand entschloss ich mich in zwei Punkten auf Authenzität zu verzichten: die Schuhsohlen sind aus festem Gummi, das Leder im Aussehen und der Haptik sehr nahe kommt, und die Schuhe sind geklebt und nicht genäht. 
Zudem ist mein Leisten nicht aus den 1790ern, sondern ein paar Jahre/Jahrzenhnte später entstanden, aber für erste Gehversuche in einem neuen Handwerk (dessen Erfolg noch ungewiss war), wollte ich nicht erst in mühevoller Kleinarbeit einen neuen Leisten fertigen.
Instead of the coloured cotton, I decided to paint leather with a geometrical pattern common for the 1790s shoes in many collections.
I used material from old stock, but went away from authenticity in two things: the shoe soles are made of leather like rubber material and the mules are glued and not sewn.
Also the straight last isn't from the 1790s, but a tad later, still I felt it okay for the first few steps into a new craft, which outcome was quite uncertain.

Es stellte sich heraus, das Pantoffel-machen ist ein herrliches Vergnügen!
Nachdem das erste Paar fertiggestellt war, vertiefte ich mich noch ein wenig in die Geschichte der Schuhmacherei und Schusterei und Pantoffelmacherei der 1790er Jahre.
In großen Städten gab es neben den Schuhmachern auch spezialisierte Pantoffelmacher, allerdings war es ihnen versagt auch Schuhe zu fertigen, während Pantoffeln zum Repertoire der Schuhmacher zählten. 
Für die kleine Herstellermarke, welche noch so viele Schuhe in historischen Sammlungen ziert, entschied ich mich der Werkstatt des Schuhmachermeisters Johann David Felgenhauer wieder Leben einzuhauchen...und gibt es einen passenderen Namen für einen Schuhmacher?!
I found out that mule-making is such a delightful pastime! 
After the first pair was done, I delved deeper into the history of shoe-making, shoe-mending and mule-making of the 1790s.
There have been specialized mule-makers in the bigger German towns, but they weren't allowed to make shoes, while mules were part of the repertoire of shoemakers.
For the small shoe label with the maker's name, which is seen on so many shoes in historical collections, I decided to breathe new life to the shoe workshop of shoemaker Johann David Felgenhauer.
1799, Dresden zur zweckmäßigen Kenntniss seiner Häuser und deren Bewohner (Quelle/source: SLUB Dresden)
Einen weiteren tollen Fund bescherte mir durch Zufall Mme du Jard mit einer Quelle, in der detailliert über die Arbeit der Schuhmacher berichtet und zudem noch die Kosten einer Schuh- und Pantoffelanfertigung in Dresden aufführt wird.
Another great find was done by Mme du Jard, who kindly shared a link with a detailed text about the work of shoemakers and the costs/prices in Dresden for shoes and mules.
1779, Policey-und Cameral-Magazin nach alphabetischer Ordnung (Quelle/source: googlebooks)
Vor dem geistigen Auge weben sich die Fäden zu einer Geschichte, die ihren Anfang auf der berühmten Ostermesse in Leipzig nimmt, wo der Dresdener Schuhmachermeister Felgenhauer seine Pantoffeln vorgestellt hat.
Selbstverständlich ist die Damenwelt entzückt und die kleinen feinen Schuhe finden ihren Weg in die besten Haushalte der Stadt und von dort in die umliegenden Städte - dem Journal des Luxus und der Moden sei Dank - bis nach Weimar und schließlich nach Westfalen!
Imaginations starts to weave a story, which took it's beginning at the Easter Fair in Leipzig, where the Dresden shoemaker Felgenhauer introduces his new mules to the public.
The ladies are certainly delighted and the little shoes find their way into the best houses in town and in the neighbouring cities and - with the help of the Journal des Luxus und der Moden - to Weimar and finally Westphalia!
Felgenhauer Pantoffeln im Hause Schiller, im Hause Goethe und im Hause Kirms Krackow
Felgenhauer’s mules in the Schiller House, the Goethe House and the Kirms Krackow House
Die kleinen Pantoffeln schleichen sich auf klipp-klapp Sohlen in die gute Stube von Charlotte Schiller an der Esplanade in Weimar, auch im Haus am Frauenplan werden sie von Christiane Vulpius getragen und selbstverständlich fehlen sie auch nicht im Kirms Krackowschen Haus und Garten...ein Modetrend entsteht und die ortsansässige Modenhändlerin Mad.Oels kann sich vor lauter Nachfrage kaum retten!
The lovely mules sneak on clipp-clapp soles into the home of Charlotte Schiller at the Esplanade in Weimar, they are also worn in the house at the Frauenplan by Goethe's favourite Christiane Vulpius and of course they are seen in the Kirms Krackow house & garden...a fashion trend is spurring up and the local milliner shop owner Mad.Oels is overrun by demand!
…wenn das Journal des Luxus und der Moden heutzutage veröffentlicht hätte
...if the Journal des Luxus und der Moden would have published nowadays
Und was in Weimar die Mode beherrscht, darf in Westphalen nicht fehlen...also erging eine Bestellung und die Schuhe wurden mit großer Ungeduld erwartet!
An what is fashionable in Weimar, should not be missed in Westphalia...thus an order was made and the shoes were expected with great impatience!

Ein Paar Frauenzimmer Pantoffeln in blauem Leder und ein Paar in grünem Seidenzeugs
A pair of mules in blue leather and one in green silk


Fortan stehen die begehrten Frauenzimmerpantoffeln nicht nur am Bett von den Damen Schiller, Vulpius und Kirms, sondern auch in der westphälischen Provinz
From now on the desired mules are not only displayed in the bed chamber of the ladies' Schiller, Vulpius and Kirms, but also in Westphalia

So sollte jeder Morgen beginnen: mit Blick auf die Pantoffeln und Sophie!
This is how each morning should begin: with a glance of new mules and Sophie!
Aber selbstverständlich werden die Schuhe auch getragen! Und ich muß sagen, es ist ein seltsames Gefühl Pantoffeln, die auf gleichem Leisten gefertigt sind, zu tragen.
Aber das feine Leder umschmeichelt den Fuß recht schnell und auch die Mulde auf der Sohle über den Absätzen (siehe Original)  wird sich nach längeren Tragen zeigen.
But of course these mules are also worn! And I have to admit it feels strange at first to wear straight lasted shoes.
But the fine leather quickly embraces the feet and the little dent on the sole over the heels (see original) will show after some wearing.
Morgenstund hat Gold im Mund und Felgenhauers Frauenzimmer Pantoffeln an den Füßen
Praise the early mornings with Felgenhauer’s mules at your feet


Da nun der Herbst beginnt und ich genügend Zeit finden werde die Pantoffeln im Haus zu tragen, werde ich sicherlich demnächst noch einen kleinen Bericht über den Tragekomfort nachschieben können...und weitere Schuhe sind geplant. Ein Leisten mit spitzer Kappe ist bereits gefertigt und ich hoffe, bald wieder etwas aus dem Hause Felgenhauer vorstellen zu dürfen!
Für all jene, die auch schon lange von einem indivduellen, handgefertigten Paar Schuhen träumen, sich aber nicht an das Schuhmacherwerkzeug trauen, das Atelier Angelica Absenta erfüllt alle Schuhwünsche 💓
As autumn is about to be our host I will find enough time to wear the mules around the house, and hopefully I'll be able to add more about the comfort of wearing them...more shoes are planned. I've already carved a straight last with pointy front for the next Felgenhauer model.
For all, who dream about their own individual and handmade pair of shoes for quite a while, but do not dare to assemble them by themselves, the Atelier Angelica Absenta makes shoe dreams come true 💓

Dienstag, 13. Februar 2018

J.S. Bernhardt 1790er Schnürleib Studien (1790s Stays Studies)

Im Februar 2013 begann ich erstmals mit den J.S.Bernhardt Studien, seither sind fünf Jahre vergangen und zu dem ursprünglichen Beitrag gesellte sich 2014 ein Aufsatz namens Schnürleibstudien 2.0 über einen interessanten Schnürleib aus dem Centraal Museum in Utrecht, dem folgte eine Reise nach Dresden im Jahr 2016, was mich schließlich - sicherlich haben es findige Leser auf der Navigationsleiste schon vor ein paar Tagen entdeckt - zu neuen und höchst spannenden Studien in die 1790er Jahre führte. 
In February 2013 I started with the J.S. Bernhardt Studien (Short Stays Studies), ever since five years passed by, during which I added another article called Schnürleibstudien 2.0 in 2014 about an interesting pair of short stays from the Centraal Museum in Utrecht, and I went to Dresden in 2016, all that has led - some readers may have noticed the announcement on the sidebar these past days - to new and exciting studies, which directed me into the 1790s.

Bevor ich zu den Ergebnissen dieser neuen Studien und zu einer praktischen Anleitung nebst Schnittmuster komme, möchte ich mir die Zeit nehmen, diesen interessanten Menschen, Schneidermeister und beinah in Vergessenheit geratenen Autoren ein wenig näher vorzustellen. Seine Geschichte ist faszinierend, wenngleich nur noch kleine Facetten dieser wegweisend leuchtenden Persönlichkeit im Schneiderhandwerk funkeln. Ich hoffe, am Ende dieser folgenden kleinen Biographie wird J.S. Bernhardts Leistung und sein damaliger Einsatz etwas heller glänzen als es ihm gar zu seinen Lebzeiten vergönnt war.
Before I'll share the results of my latest study, a tutorial and a helpful pattern, I'd like to take a moment to introduce this interesting person, master tailor/dressmaker and almost forgotten author. His story is fascinating, despite only few facets of his once seminal bright personality in the tailors trade still sparkle. I hope that by the end of this short biography J.S. Bernhardt's achievements will shine a bit brighter than it did during his life.


Der Fund einer Abbildung des Schneidermeisters blieb leider bislang unerfüllt und so wird er immer ein wenig gesichtslos bleiben, seine Persönlichkeit aber und vor allem sein Verdienst wird das hoffentlich überstrahlen.
Johann Samuel Bernhardt - erst seine Sterbeanzeigen in diversen Blättern und Journalen im November 1817 verraten seine Lebensdaten.
Unfortunately I couldn't find any pictures of the master tailor/dressmaker and hence he will always remain a bit faceless, yet his personality and achievement will outshine this.
Johann Samuel Bernhardt - it was his obituary in different papers and journals in November 1817, which revealed his life data.

1820, Das Gelehrte Teutschland, Johann Georg Meusel, Fünfter Band (Quelle/source: google books)
Translation:
[...]BERNHARDT (Johann Samuel) died on the 27th November 1817. He was dressmaker in Dresden; born in Halle in 1763[...]

Dank der großartigen Hilfe des Freundeskreises Trinitatis-und Johannisfriedhofs in Dresden und der Verwaltung des Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs Dresden, war es möglich in den Beisetzungsbüchern einen Hinweis auf das Grab zu finden. J.S. Bernhardt fand seine letzte Ruhe auf dem Eliasfriedhof in Dresden, wo er am 01.Dezember 1817 beigesetzt wurde.
Thanks to the help of the Freundeskreises Trinitatis-und Johannisfriedhofs in Dresden and the administration of Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs Dresden, we were finally able to find a hint on his grave in the burial books. J.S. Bernhardt was laid to rest on Eliasfriedhof in Dresden on December 1st 1817.

Auszug Sterbebuch Eliasfriedhof Dresden, copyright Eliasfriedhof
Ein paar weitere Einsichten in sein Leben gehen aus den noch erhaltenen Stadtbüchern hervor. Im Jahr 1799 findet sich ein Eintrag über J.S. Bernhardt, Schneidermeister, wohnhaft Alter Markt Nr.31a
A bit more info about him is hidden in some of the still available city's registers. In 1799 J.S. Bernhardt, master tailor/dressmaker, is mentioned with the address Alter Markt Nr.31a
1799, Dresden zur zweckmäßigen Kenntnis seiner Häuser und deren Bewohner (Quelle/source: slub Dresden)
Vier Jahre später annonciert er selbst seinen Umzug in die nahe Webergasse 145.
Four years later he announces his move to the close by Webergasse 145.
1804, Dresdner politische und merkantilische Anzeigen (Quelle/source: googlebooks)
Im Jahr 1812 nach der Veröffentlichung seines zweibändigen Werkes lebt er immer noch unter dieser Anschrift. Auf der Straße befindet sich zu dieser Zeit auch die Arnoldische Buchhandlung, wo Bernhardts Arbeit verlegt worden ist.
In 1812, after publishing his two volume book, he still lives at that place. Close to his home on the same street was the famous bookshop Arnoldische Buchhandlung, where Bernhardt has published his work.
1812, Dresdner Adress-Kalender (Quelle/source: slub Dresden)
Beide Anschriften künden von einem einigermaßen vermögenden Schneidermeister, der sich sein Heim und seine Wirkungsstätte am ersten Platz leisten konnte.
Both addresses reveal that he was quite a wealthy master tailor/dressmaker, who was able to live and run his shop at a top address in the city.
1812, Dresden (Ausschnitt) Alter Markt/Webergasse (Quelle/source: Deutsche Fotothek)
ca.1770 Alter Markt (Altmarkt) Dresden (Quelle/source: wikimedia)
Dass J.S. Bernhardt schon vor der Veröffentlichung seiner beiden Bücher zu einigem Wohlstand gekommen ist, verrät ein Beitrag aus dem Jahr 1881 aus der Feder von Heinrich Klemm, der in einer kurzen Zusamenfassung mit dem Titel "Geschichte der altehrwürdigen und wohl-angesehenen Schneider-Innung" u.a. an den Schneidermeister und sein Werk erinnert. Leider ist das auch der einzige ausführliche Beleg, den ich über J.S. Bernhardt finden konnte...aber glücklicherweise verrät dieser Aufsatz einiges über ihn.
J.S. Bernhardt has earned already some wealth before he published his two books, which is told in a Dresden booklet from 1881 by Heinrich Klemm with the title "Geschichte der altehrwürdigen und wohl-angesehenen schneider-Innung" , it's a history of the tailor's guild and gives us an insight of Bernhardt's role. Unfortunately this was the only piece I could find about Bernhardt...yet it gives us valuable clues on him.

Aus dem Vorwort Von J.S. Bernhardts eigenem Buch "Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen nach seinen verschiedenen Abweichungen nach Grundsätzen zu kleiden und zu verschönern" (1810/1811) erfahren wir durch seine Hand, dass er für das Buch auf seine langjährige Erfahrung zurückgreift und die Ergebnisse vor allem für das weibliche Publikum zur Verfügung stellen möchte.
Wir erfahren an selber Stelle auch, dass er fest damit rechnet auf heftigen Widerstand in der Schneiderinnung zu stossen.
In Heinrich Klemms 1881 erschienener Schrift wird dieser Widerstand näher beschrieben, wobei das Erscheinen von J.S. Bernhardts Büchern ein zentrales Thema bildet. Dem vorrausgehend schildert Klemm Konflikte mit der Innung, zb. aus dem Jahr 1794 [...]schon wieder eine Klage der Innung wider Johanna Christiane Blaumann aus Leipzig, so zu diesigem Fastenmarkte als Händlerin in einer Bude "nur von Fischbein gefertigte Schnürleibchen" zum Verkauf feilgehalten[...] (Seite 37)
Eine äußerst faszinierende Textstelle, erfahren wir dort, dass bereits Schnürleiber die Schnürbrüste ablösen und dass diese bereits komplett gefertigt zum Verkauf angeboten wurden.
Doch zurück zu J.S. Bernhardt und seinen Büchern, bzw dem ersten, gerade erschienen Band, durch den [...]ein langwieriger Prozess durch alle Instanzen gegen den diesigen Damenschneider Bernhardt entstand[...] (Seite 37)
An dieser Stelle gibt uns der Autor Heinrich Klemm einen Einblick in die Person Johann Samuel Bernhardts [...]Meister Johann Samuel Bernhardt hatte sich als geschickter Damenschneider einen bedeutenden Ruf in Dresden erworben, und arbeitete lange Jahre hindurch meist nur für gut situierte Familien, wie besonders für die Aristokratie, und auch fast alle durchreisenden fremden Herrschaften wandten sich im Bedarfsfall an den berühmten Bernhardt. Er war zugleich ein höchst gebildeter Mann, und durch seine hervorragende Praxis erwarb er sich nicht nur ein respektables Vermögen, sondern auch eine vorzügliche Routine im Zuschneiden, welche Kunst ja damals noch ohne alle wissenschaftliche Prinzipien betrieben wurde. Bernhardt war nun in der That der erste, der seine durch Übung erworbenen Fachkenntnisse in ein gewisses System brachte, und auf seine Kosten in einem ausgezeichnet geschriebenen Werke veröffentlichte[...] (Seite 37ff)
Bernhardts Zeitgenossen waren weniger begeistert. Noch ohne das Werk überhaupt gelesen zu haben, wandte sich die Schneiderinnung am 07.Dezember 1810 mit einer Klage an die Richter und sogar ein paar Tage später an den König Friedrich August. Man fürchtete, dass gerade einfache Frauen sich die Kunst des Schneiderns aneignen und die Schneider überflüssig werden lassen würden. Man war empört, dass Bernhardt es sich erlaubte, der einfachen Frau Fachwissen an die Hand zu geben, wo sie in der Gesellschaft doch ihre Rolle zugewiesen bekommen hat und nicht am Handwerk und Handel teilhaben sollte, sondern nur im Haushalt wirken durfte und dort auch nur in ausbessernden und simplen Näharbeiten. (Die widergegeben Ausschnitte aus den Akten geben einen guten Einblick in die Frauenfeindlichkeit jener Tage)
Das Buch sollte vom Markt verschwinden!
Glücklicherweise wurde die Klage abgeschmettert, aber wir erfahren, dass es zu einem hohen Preis geschehen ist, denn Bernhardt, der bereits vor der Veröffentlichung der Bücher Unterricht im Zuschneiden für Frauen erteilt hatte, musste derart unter der Innung leiden, dass er weitere Schritte in diese Richtung unterband.
Geblieben ist sein zweibändiges Buch und das unglaubliche Bernhardt'sche System der Quadrat oder Netzzeichnung.
In the preface of J.S. Bernhardt's book "Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen nach seinen verschiedenen Abweichungen nach Grundsätzen zu kleiden und zu verschönern" (1810/1811) we learn by his own words, that he founded his books on years of experience and that it is especially meant to help the female readers to improve their techniques. In the same lines we also learn that he expected heated opposition by the tailor's guild!
In Heinrich Klemm's 1881 booklet this opposition is described in detail, wherein J.S. Bernhardt's publication is the focus.
Klemm gives us plenty of examples about the steady conflicts with the tailor's guild, e.g. from 1794 [...]another file of the guild against Johann Christiane Blaumann from Leipzig, who offered on this year's Lentmarket in her booth short stays made with whalebone[...] (page37)
A fascinating excerpt, because it reveals that short stays already started to appear and that they are offered ready-made.
But back to J.S.Bernhardt and his first published book in 1810, which led to a [...]lengthy trial through all instances against the dressmaker Bernhardt[...] (page 37)
Here Heinrich Klemm gives us a thorough description of Johann Samuel Bernhardt [...]Master Johann Samuel Bernhardt has made a very well reputation as dressmaker in Dresden, he worked for quite some years for wealthy families, especially the aristocracy, and most of the travellers, who come to Dresden followed the recommendation of his reputation if in need of a dressmaker. He was also a highly educated man, and with his excellent practice he not only made a respectable fortune, but also earned himself routine in cutting, which back then was done without any academic principals. Bernhardt was the first, who has put his knowledge into a working system, and eventually published it in his books[...] (page 37ff)
Bernhardt's contemporaries were less impressed. Without reading the book, thetailor's guild sued a file at the court on 7th December 1810 and a few days later brought this even to King Friedrich August. They  were in dire fear, that plain women could learn the art of dressmaking and hence tailors/dressmakers would become obsolete. They were appalled, that Bernhardt shared his knowledge with women, because they already had their status in society and weren't meant to built a business or trade, they were restricted to the house and simple needlework. (The excerpts of the original files give a clear impression of the misogyny of that time) 
The guild aimed to get the book off the market!
Fortunately the file was rejected by court and also the king, but it happened for a high price, because Bernhardt, who had already given lessons to women in cutting an construction before the publication, suffered immensley under the tailor's guild and finally gave up the education.
But his two volume book remained and also the Bernhardt's system of square or net patterns.

1795, Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Tafel II (Quelle/source: Rijksmuseum, Amsterdam)
Die wunderbare Silhouette der Mitte der 1790er
Ob diese drei werten Damen aus Berlin schon mit der Arbeit des sächsischen Schneidermeister Bernhardt vertraut waren? Jedenfalls war ihnen sicherlich die Schrift "Ueber die Schädlichkeit der Schnürbrüste" aus der Feder von Ch.G. Salzmann bekannt, die 1788 in der Erziehungsanstalt Schnepfenthal publiziert wurde (übrigens erschien dort nur ein paar Jahre später auch die deutsche Übersetzung von Mary Wollstonecrafts Werk "Eine Verteidigung der Rechte der Frauen").
Möglicherweise tragen sie unter ihren modischen Kleidern die empfohlenen Schnürleiber, die mit nur wenigen Fischbeinstäben auskommen und dennoch die gewünschte Silhouette zaubern.
Und während die drei Schönen noch darüber diskutieren, blicken wir in J.S. Bernhardts Publikation aus dem Jahr 1810, welche uns rückblickend die (Weiter-) Entwicklung einer Schnürbrust der 1780er Jahre hin zu den Schnürleibern anschaulich erläutert: 
Bernhardts 1790er Schnürleib (Patron "D") nach seinem Quadratsystem gefertigt.
The  beautiful silhouette of the mid 1790s
Have these three dear Berlin ladies known the works of the master dressmaker Bernhardt? Well, probably they've been familiar with the book against stays "Ueber die Schädlichkeit der Schnürbrüste" written by Ch.G.Salzmann, which was published in 1788 in Erziehungsanstalt Schnepfenthal (the same place where only a few years later the German translation of Mary Wollstonecraft's book "A vindication of the right's of women" was published).
Maybe under their fashionable dresses, they already wear the popular short stays with only little baleen, which still gives the desired silhouette.
And while the three beauties discuss, we take a look into J.S.Bernhardt's publication from 1810, where he graphically shares the change of a pair of 1780s stays to a wide range of more comfortable new stays directly developed from the early days :
Bernhardt's 1790s stays (Patron "D"), carried out with the square system.

Vorbereitung/Preparation
Wie immer bei diesem Quadratsystem muß zunächst die Linie "gg" ermittelt werden:
As always the squaresystem requires to find out the measurement "gg":
An der Stelle der Schulter, die am weitesten nach vorne ragt, wird in senkrechter Linie ein Lineal angelegt, das hinunter bis zur Mitte des Busens reicht (grüne Linie). Von diesem Punkt aus wird Maß genommen bis zur Mitte des Rückens bzw der Wirbesäule.
Üblicherweise liegt der Wert zwischen 20 bis 30 Zentimetern. Der ermittelte Wert wird nach Bernhardt durch 7 geteilt:
beispielsweise 26 : 7 = 3,7
Dieser Wert widerum ist der Multiplikator für die folgenden Schnittmuster.
Where the shoulder points to the front, add a ruler vertically down to the mid of the bosom (green line).
From this point measure around to the mid of the back (spine).
Usually it measures 20 to 30 centimetres. This measurement is now according to Bernhardt devided with 7:
for example 26 : 7 = 3,7
The sum will be the multipicator for the following patterns.

Ist der Multiplikator ermittelt, wird das Schnittmuster entsprechend vergrößert (das blaue Quadrat erhält die Größe des ermittelten Multiplikators).
Achtung: das Schnittmuster enthält keine Nahtzugabe!
If the multiplicator is calculated, please resize the pattern accordingly (the blue square has the same size as the multiplicator number)
Attention: the pattern does not include seam allowance!
 
1790er Schnürleib Fig.D
Nachdem ich den Orignaltext gelesen habe, fertigte ich einige Probestücke, um gewisse verwirrende Textpassagen zu verstehen. Damit sind alle Missverständnisse, Ungereimtheiten oder kleine Hinweise aus dem Original in unser heutiges Textverständnis übersetzt.
Um bei der Nacharbeitung ein gutes Ergebnis zu erzielen, möchte ich darum bitten, meine folgende Anleitung unbedingt sorgfältig zu lesen!
 After reading Bernhardt's original text, I've made some mock-ups, to understand how certain puzzling passages in the text were meant. I finally managed to translate all the misunderstandings, puzzle pieces and hints of the original into our modern understanding of texts.
To achieve a proper result, I may ask you kindly, to read my following tutorial thoroughly!

Bernhardt erinnert uns im Original daran, [...] das Seitentheil c.d. ist an dieser Naht nach der Saalleiste geschnitten, damit bei Zusammensetzung der Theile Dehnbarkeit darinnen sein[...]
 Zunächst stellte sich die Frage, ob Schnittteil zwei oder drei als "Seitentheil" bezeichnet wurde und welche Schnittkante dann parallel zur Webkante (Saaleiste) verlaufen sollte, die vordere oder die hintere?
Ich fertigte, wie zuvor erwähnt, einige Probestücke, um zu sehen, welche Schnittteile gemeint waren. Der Schlüssel zu diesem Rätsel war schließlich der Satz, den Bernhardt eingangs bei der Vorstellung dieses Schnittmusters verwendete [...]Fig.D. Ein Schnürleib, der auf gleiche Grundsätze wie Fig.C. beruht[...]
Und mit dieser Art des Zuschnitts erzielte ich auch endlich ein Probestück mit der entsprechenden Dehnbarkeit und wenig Falten.
Bernhardt reminded us [...]the side piece c.d. is cut following the selvedge along this seam, to provide a certain flexibility in the fabric[...]
First I wondered whether pattern piece two or three was meant as side piece and which edge should run parallel to the selvedge then, the front or back?
As previously mentioned I did some mock-ups, to find out which pattern pieces were meant.
The key to this riddle finally was the sentence, which Bernhardt used as the introduction of this pattern [...]Fig.D. Short stays, which are made following the same construction as Fig.C.[...]
And with this hint I eventually made a mock-up with flexibilty/stretch but hardly any wrinkles.
Bei den ersten beiden Versuchen legten sich einzelne Stoffteile in unschöne Falten. Beim dritten Versuch schnitt ich das dritte Schnittteil mit der Kante, die nach vorn weist, entlang der Webkante zu, gleichzeitig folgte ich dem Prinzip von Fig.C. bei der auch alle folgende Teile entsprechend im Querverlauf liegen.
Auf dem folgenden Bild unten (rechts) sieht man verdeutlicht, wie die Stücke auf dem Stoff plaziert werden müssen, um die von Bernhardt angestrebte Dehnbarkeit zu erhalten:
The first two attempts led to undesired wrinkles in the fabric. In the third attempt I cut the third pattern piece with the edge facing to the front parallel to the selvedge, while I also followed the construction of Fig.C. where all pattern pieces would also be arranged on the bias.
In the following picture (right) it is shown how the pattern is placed on the fabric to achieve the stretch, which Bernhardt desired:
Wie auch bei Schnürleib Fig.C. wird das Rückteil (4) bei Fig.D. parallel zur Webkante geschnitten, während die anderen Teile im Querverlauf zugeschnitten werden.
Similar to short stays Fig.C. the back piece (4) is cut parallel to the selvedge, whereas the other three pieces are cut on the bias.

Zu den Schnittteilen gehört auch noch ein individuell angepasster Zwickel, der beim dritten Schnittteil entlang der gekennzeichneten Linie "e" eingesetzt wird, sowie Schulterträger, deren Länge ebenso individuell ist und die im Rücken mit Bändern angenestelt werden.
An indivdually adjusted hip gore, which is inserted along the mark "e" in the third pattern piece, and an individual shoulder strap, which ist fastened with ribbons in the back, are also part of the whole pattern.

Für den Schnürleib habe ich mit zwei Lagen Baumwollstoff gearbeitet, wobei der Stoff als eher leicht zu bezeichnen ist, ich werde später noch ein Original aus zweilagiger Seide vorstellen.
Ingesamt gibt es nur sechs Kanäle für Fischbein.
Auch hier zeigt sich J.S. Bernhardts Konstruktion, die darauf zielt, dem weiblichen Leib Halt zu gewähren ohne ihn einzuschnüren. So erklärt er, dass dieser Schnürleib auch ohne Fischbein gefertigt werden kann.
Ive constructed the stays with two layers of cotton, the fabric is not heavy or sturdy, later in this article I'm going to show an original which is made from two layers of silk.
There are only six channels for baleen.
Here we clearly see Bernhardt's construction, which aims to support the female body without pressing it. He mentions that this kind of stays can also be worn without baleen.
Die zusammengenähte Vorderseite noch ohne Fischbein und Schnürlöcher
The attached front without baleen or lacing holes

Die Innenseite, hier erkennt man, das der Schnürleib mit dem doppelseitigen Saumstich vernäht wurde. Bei diesem werden die Nahtzugaben der einzelnen Teile umgeschlagen, die jeweilige Lage links auf links gelegt und dann von der linken Seite mit dem nächsten doppelt gelegten Schnittteil vernäht. Auf diese Weise sind die zwei Lagen innen und außen ordentlich vernäht.
The inside, which shows that the stays are sewn with the doubled overcast stitch. Here the seam allowance is folded under and then the pieces of both layers are put left to left side and then sewn together with the next doubled pattern piece from the left side. This way both layers inside and out have fine seams.
 Die Schnürlöcher im Rücken, elf an der Zahl auf jeder Seite, sind mit grauer Seide genäht und werden jeweils von zwei Fischbeinstäben flankiert.
The lacing holes in the back, eleven on each piece, are sewn with grey silk and are paraded by two plastic whalebones.
Insgesamt sind es zwanzig kleinen Schnürlöcher in der Front. Der Schnürleib ist zur Hälfte offen (von "h" bis "g") und mit einer Schnürung versehen, dadurch können sich die beiden Kanten den weiblichen Formen ein klein bisschen besser anpassen und man läuft nicht Gefahr, dass die vordere Kante unschön unter dem Kleid hervorsticht.
There are twenty small lacing holes altogether in the front. The stays remain half unattached ( from "h" to "g") in the front and close with ribbons, this way both edges can curve a bit to the inside around the female shape and it prevents that the baleen won't stick out through the dress fabric.
Bernhardt empfiehlt in seinem Text, das Fischbein so zu wählen, dass [...]wo kein starker Leib ist, können sie schwach werden[...]
Ich habe das Plastikfischbein auf der unteren Länge ("g" bis "f") verdoppelt, um diesen Effekt nachzuahmen.
Bernhardt recommends to choose the baleen, [...]were theres no strong body, they could go thinner[...]
I've chosen to double the plastic baleen on the lower part ("g" to "f"), to mimic this effect.



Die Innenseite des Schnürleibs. Die Naht "a-b" zwischen Schnittteil 1 und 2 ist hohl geschnitten, sie bestimmt die Ausformung für die Brust im fertigen Schnürleib, da hier keine Brustgeren eingesetzt werden.
The inside of the stays. The seam "a-b" between pattern piece 1 and 2 is cut slightly curved and determines the size of the cup, as there are no gores inserted at the top.

Um den Zaddeln eine gleichmäßige Form zu geben, kam ich nicht umhin direkt in den Zwickel (Markierung "e") zu schneiden, da dieser aber ebenfalls im Querverlauf geschnitten ist, läuft man nicht Gefahr, dass der Schnitt einreisst.
To give the tabs an even shape, I needed to cut one into the hip gore (marked with "e"), but as the gore was also cut on the bias, there's no danger that the cut would rip the fabric.
 Der untere Teil (g-f) mit dem doppellagig verstärkten Plastikfischein. Bei der Auswahl damals pflegte man viel Sorgfalt an den Tag zu legen und ein Stück zu finden, welches nach oben hin dünner (oder wie Bernhardt es nannte, schwächer) war.
The lower part (g-f) with the doubled layer of plastic baleen. In those days the baleen was chosen carefully, to find a piece, which was thinner at the top.

Die Schulterriemen werden im Rücken angenestelt.
The shoulder straps are attached with a silk ribbon in the back.

Das Ergebnis des Schnürleibs Fig.D. nach J.S. Bernhardt ist sehr zufriedenstellend. Durch den Zuschnitt im Querverlauf des Stoffes, schmiegt sich der Schnürleib eng um den Leib, ohne einzuengen. Die vordere Linie sitzt auf der halben Brust und hebt diese leicht an. Und wie immer bei den Bernhardtschen Schnürleibern sind sie äußerst bequem und bieten viel Tragekomfort.
The result of the stays Fig.D. after J.S.Bernhardt are very pleasing. With the fabric being cut on the bias, the stays have a snug fit without compressing the body. The front cups half of the bosom and slightly lifts it. And as usually with the Bernhardt's stays, these fit very comfortably and are bliss to wear.

Die Brustlinie fällt leicht kurvig aus, gibt aber dennoch die erwünschte 1790er Silhouette.
The front slightly curves, but still gives the desired 1790s silhouette.


Der Leib wird gehalten, die Brust gehoben.
It sits snug on the body and slightly lifts the bosom.

Für die Fertigung empfehle ich immer die Hilfe einer weiteren Person, welche das Probestück aus dem ausgedruckten Schnittmuster direkt auf den Leib anpasst.
For the assembly of these stays I highly recommened the help of another person, who adjusts the mock-up made from the printed pattern on the body.

In den Aufzeichnungen über J.S. Bernhardt und seinem Werk erfahren wir, dass er viele Jahre an diesen komfortablen Schnürleibern gearbeitet hat, bevor er sie in seinen Büchern veröffentlicht hat. Vermutlich gaben die Streitschriften, wie die von Ch.G. Salzmann oder Samuel Thomas von Sömmering und anderen ab den ausgehenden 1780er Jahren den Ausschlag sich von der Schnürbrust abzuwenden. Dieser Wunsch wird auf allen Seiten von Bernhardts Werk deutlich. Auf Tafel VII seines ersten Buches beschreibt er dann auch, wie er seinen Schnürleib aus der zuvor in Mode gewesenen Schnürbrust entwickelte. Die Form ist noch sehr ähnlich, Konstruktion, Zuschnitt und vor allem der Gebrauch an Fischbein weichen jedoch sehr voneinander ab.
Durch Zufall entdeckte ich während der Studien ein Exemplar, welches dem Bernhardtschen Schnürleib Fig.D. sehr nahe kommt.
 The notations about J.S. Bernhardt and his own works reveal, that he has worked many years on the proper construction of his stays before he published. Most probably the pamphlet against the 1780s stays by Ch.G. Salzmann or Samuel Thomas von Sömmering and others made him turn away from this garment. His desire to find and promote something more comfortable is evident on every page of his works. On tableau VII of his first book he describes how the 1780s stays developed into the new stays. The shape is very similar, but the construction, cut and the use of baleen is very different.
By fluke I discovered a similar museum original, which is very close to the Bernhardt stays Fig.D.

1780s (?) stays, England, silk taffeta, T.188-1961 (Quelle/source: V&A Collection, London)
Der Schnürleib in der Sammlung des Victoria & Albert Museums in London weist einige deutliche Gemeinsamkeiten auf, allen voran der sparsame Gebrauch von Baleen und der Konstruktion mit nur zwei Lagen Stoff. Sie sind auf die 1780er datiert, was einige Fragen aufwirft, aber leider hat das Museum auf meine Anfragen nicht reagiert.
Möglicherweise wurden sie nach Bernhardts Anleitung gefertigt (ob seinen in ganz Europa verbreiteten Büchern nach 1810 folgend oder durch persönliche Anleitung/Verbreitung durch Reisende, die ihn aufsuchten, in den Jahren zuvor bleibt ungeklärt), oder diese Art der Schnürleiber war schon in den 1790ern weiter verbeitet und J.S. Bernhardt nahm diese Form auf. Jedenfalls wage ich es, sie in die 1790er zu datieren.
These stays from the Victoria & Albert Museum Collection in London has striking similarities, first of all the sparse use of baleen and the construction with only two thin layers. They are dated to the 1780s, which brings up some questions, but unfortunately the museum decided to ignore my inquieries.
It could be, that these were made after Bernhardts system (could be taken from his books known across Europe after 1810 or through personal instruction/manufacture by travellers of his business), or maybe these stays were already quite common in the 1790s and Bernhardt added a similar modell to his collection. Well I dare say that these stays are from the 1790s.

***
Meine Faszination für Johann Samuel Bernhardt und seine Arbeit ist jedenfalls ungebremst und ich bin mir sicher es warten noch weitere Überraschungen und spannende Details in seinem Werk auf ihre Entdeckung.
Meine Studien werde ich mit Freude fortsetzen!
My fascination for Johann Samuel Bernhardt and his work is unlimited and I'm sure there are plenty more suprises and amazing finds hidden in his works, waiting for their discovery. 
I surely will continiue my studies!