Samstag, 15. Juni 2013

Diesen schmackhaft' warmen Kuchen, sollten Sie versuchen!

Da der Fortschritt am Nähtisch augenblicklich nicht bedeutend ins Gewicht fällt, ist es möglicherweise mal wieder an der Zeit, um sich den Gaumenfreuden eines zeitgenössischen Rezeptes zu widmen.
In diesem Zusammenhang bietet sich die Cölner Köchinn von 1806 als hervorragende Lektüre, nicht nur, was die Rezepte betrifft, sondern auch in Hinsicht auf Ratschläge für die Hausfrau.
As the progress at the sewing table currently isn't worth much writing about, it might be a good idea to focus on the treat of period recipes.
In this regard the publication from 1806 'Cölner Köchinn' is such a wonderful read, not only concerning the recipes, but also the advice given to the housewives.
(Unfortunately this publication is only in German, but I'm sure there are plenty of similar cook books in the english language available, which are worth to be read)
Die Cölner Köchinn, 1806 (Quelle/source: googlebooks)

Kennzeichnend für die Speisen und vor allem für die Süßspeisen der Zeit, war der hohe Verbrauch an Eiern. Sie dienten als Backtriebmittel und prägten maßgebend den Geschmack.
Eierlastig und sättigend.
Ich habe ein Rezept ausgesucht, auf das beide Eigenschaften bestens zutreffen:
Reiskuchen.
Aber bevor es an das Rezept geht, erlaube ich mir noch einen kurzen Blick auf die damals übliche Vieh - und Geflügelhaltung unserer Vorfahren. Denn bei der heutigen Auswahl an Zutaten, kann uns dieser Rückblick hilfreich sein. Sollte doch dort die gleiche Sorgfalt gelten, wie bei der Auswahl der Stoffe beim Nähen.
Viele Haushalte verfügten über eigene Geflügelhaltung - Freilauf tagsüber im Hof und nächtens im Stall.
Period food and especially desserts and cakes, were known for a usage of plenty of eggs.
They served as backing agent and significantly influenced the taste.
Eggs galore and satiably.
I've chosen a recipe, which fulfills both characteristics:
rice cake.
But before I share the recipe, I'd like to do a peek on livestock and poultry husbandry of our ancestors. Maybe looking back might influence our modern choice of ingredients, as the same care and diligence given on fabric at the sewing table, should be guaranteed in the kitchen.
Many households kept their own poultry - free range in the yard by day and safely in the barn at night.
 
1823 Der Hühnerhof (poultry yard) Johann Michael Voltz (Quelle/source: Bib. für Bildungsgeschichtliche Forschung)

Waren, die nicht durch den eigenen Hof oder Garten zur Verfügung standen, wurden zumeist auf dem Markt eingekauft. 
Goods, which couldn't be provided from the own farmyard or garden, have been purchased on the market.
1806 Norwich Market place (Quelle/source: Wikimedia)

Nun aber endlich zu den Zutaten, die sich im Original wie folgt lesen:
Now on to the ingredients, which originally were written like the following excerpt:
1806 Cölner Köchinn (Quelle/source: googlebooks)

Die Zutaten für einen sättigenden Kuchen:
1/2 Pfund Reismehl
etwa 600 ml Milch
1/2 Pfund Butter
7 Eier
90 gr Zucker
30 gr Bittermandel
MSP Salz
Zucker und Zimt
 Übrigens diente das Reismehl aufgrund seiner feinen Beschaffenheit auch lange Zeit als Haarpuder. Selbst im Jahr 1835 wird es in den Enzyklopädien noch als solches Schönheitsmittel aufgegührt. Mit Düften verfeinert, wurde es auf das Haar oder die Perücke aufgetragen.
The ingredients for a satiable cake:
250 gr rice flour
approx 600 ml milk
 250 gr butter
7 eggs
90 gr sugar
30 gr bitter almond
pinch of salt
sugar and cinnamon
On a sidenote: the rice flour was also commonly known as hair powder, because of it's fine and powdery qualities. Even in the year 1835 it was still mentioned in an encyclopedia as beauty cosmetics. Mixed with fragrances it was applied to the hair or wigs.

Wie immer gestalten sich die Mengenangaben in dem Kochbuch ein wenig rätselhaft, denn über die Menge an Milch gibt das Rezept im Original keinerlei Auskunft. Zunächst empfiehlt es sich etwa 500ml der Milch in einem Topf aufzusetzen und das Reismehl einzurühren.
Unter ständigem Rühren wird der Brei zum Kochen gebracht und so lange weitergerührt, bis er anzieht und steif wird.
Danach wird der Topf mit dem Reisbrei zum Abkühlen beiseite gestellt.
In der Zwischenzeit trennt man die 7 Eier und schlägt die Butter in einem Topf weich. Wer erfahren möchte, wie anstrengend die Hausarbeit damals war, greift zum Schneebesen statt zum Mixer. Ist die Butter weich (beinah flüssig) geschlagen, fügt man 7 Eigelb hinzu und den Zucker.
Ebenso die fein griebenen Bittermandeln. Leider habe ich vor Ort auf die Schnelle keine Bittermandeln auftreiben können. Sie stehen im Ruf giftig zu sein und da sie Blausäure enthalten werden sie diesem Ruf gerecht. Allerdings nimmt man nur eine geringe Menge und durch das Backen verflüchtigt sich die giftige Wirkung. Aus Mangel an besagter Zutat, mußte ich beschämenderweise auf Bittermandelöl zurückgreifen. Drei Tropfen genügen.
Der angeührte Teig wird sorgfältig mit dem abgekühlten Reisbrei vermengt und zu guter Letzt hebt man noch die 7 steif geschlagenen Eiweiß unter.
Der Kuchen bleibt bei 150 Grad etwa 45 - 60 Minuten im Ofen, bis sich eine goldgelbe Kruste gebildet hat.
Danach wird er sofort mit Zucker und Zimt bestreut und noch heiß auf den Tisch gebracht und verzehrt. Dazu passt wunderbar Apfelkompott oder Erdbeermarmelade.
As common in period recipes the measurements are often a bit mysteriously vague, as the amount of milk isn't given in the original recipe. I heated about 500 ml in a pot and then stirred in the rice flour (ready to add some more milk if necessary).
Stir constantly and thoroughly like porridge until it is firm (not slurry!) and let it cool down.
Meanwhile seperate the egg white and yolk of the 7 eggs and beat the butter until it is softened and almost liquid. If you'd like to try it the period way and experience the labour of housework take an egg whisk instead of a mixer.
If the butter's beaten soft, add the egg yolk, the sugar and the finely chopped and ground bitter almonds. Unfortunately I wasn't successful in shopping bitter almonds local, as they are known to be poisonous because of hydrocyanic acid. They are, but the recipe calls only for very little and the poisonous effect vanishes completely while cooking/baking. In lieu of bitter almonds I used bitter almond aroma. Three drops are sufficient.
The mixed ingredients are then added to the cooled rice flour pap and finally the beaten egg white is carefully fold in.
Put the cake into the oven at 150 °C for 45-60 minutes until it has a lovely golden crust.
If you fetch it from the oven put sugar & cinnamon on top immediately and serve hot. It is delicious with apple sauce or strawberry jam.
  Der Kuchen ist sehr reichhaltig, mit einer wunderbaren Süße und voller Saftigkeit.
Das Rezept findet sich auch ein paar Jahrzehnte später in dem Kochbuch von Katharina Prato. Dort allerdings wird das Reismehl nicht mehr in Milch eingerührt, sondern einfach so unter die Eiermaße gerührt, was dem Kuchen wohl eine etwas festere Konsistenz verleiht.
This is a very rich cake, with a tasty sweetness and very soft and moist.
A similar recipe is in Katharina Pratos cookbook only a few decades later. She skipped the step of adding milk to the recipe, instead she stirred the flour directly into the egg mixture, which might give the cake more firmness.
 Mit einem Happen kann man das frühe 19. Jahrhundert erschmecken -
Guten Appetit.
With a mouthful you'll be able to taste the early 19th century - 
Bon appétit.


Donnerstag, 13. Juni 2013

Alles neu macht der ̶M̶̶a̶̶i̶ Juni!

Beim Durchstöbern meiner Garderobe, ist mir ein Kleid in die Hände geraten, das in seiner Konstruktion sehr spannend war, welches ich aber - so muß ich leider gestehen -  niemals getragen habe.
Die Rede ist von diesem weißen Kleid. 
Rasch war der Beschluss gefasst, den schönen Stoff nicht dem Zahn der Zeit zu opfern, sondern ein neues Kleid daraus zu schneidern.
Was vormals ein wenig bieder und zugeknöpft erschien, verwandelt sich in den kommenden Wochen hoffentlich in ein sommerfrisches Promenadenkleid, inspiriert durch Modekupfer aus dem Jahr 1814.
Ein blumiger Anfang ist bereits gemacht!
While browsing my wardrobe, I came across a dress, which was very interesting in it's construction, yet I have to admit, I've never worn it.
I'm talking about this white dress.
For this reason I decided to alter it into a new dress, instead of leaving the pretty fabric to the ravages of time.
What seemed to be a bit sober and overly respectable before, will hopefully turn into a lovely summerly promenade dress, which is inspired by the fashion plates of the year 1814.
Let the flowery fun begin!

Detail des Rocksaums/ Detail of the skirt's hem

Samstag, 8. Juni 2013

Von blauen Blumen, die Hüte zieren...

Der dänische Dichter und Märchenerzähler Hans Christian Andersen (1805-75) hat es wunderbar zum Ausdruck gebracht:
Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muß man auch haben.
 Eine Erkenntnis, der man vor seiner Geburt 1805 bereits ausgiebig gehuldigt hat. Die Liebe zur Natur und selige Naturbetrachtungen, spiegelten sich auch in der Mode wider.
Blumen dienten als bevorzugtes Schmuckwerk, aber man wusste um ihre Vergänglichkeit und griff gerne auf Exemplare aus Papier, Wachs oder auch Stoff (zumeist Seide) zurück.
The danish poet and storyteller Hans Christian Andersen has expressed it in beautiful words:
Just living is not enough, said the butterfly, one must have sunshine, freedom and a little flower.
An insight, which was already appreciated before his birth in 1805. The love for nature and blissful nature reflections, have been also mirrowed in the fashion.
Flowers served as preferred embelishment, but were also known as fragile, petite and prone to perish quickly, hence artificial flowers made of paper, wax or fabric (mostly silk) have been in demand.

Für meinen 1814 Chapeau de Gros de Naples schwebten mir Blumen voller Leichtigkeit vor, die fast wie kleine Federbüschel an der Krone heraufklettern und in steter Bewegung sein sollten. So wie die herrlichen Kornblume, die derzeit in schönstem Blau den Sommer begrüßen.
For my 1814 Chapeau de Gros de Naples I had some flowers full of lightness in mind, some that would be similar to tiny plumes, which would climb up the crown and be in constant motion. Just like the beautiful cornflower, which currently embraces the summer in lovely blue.

Zur Herstellung des Blumenschmucks benötigt man lediglich ein paar Stoffreste (Seide ist sicher am schönsten, aber Baumwolle tut es auch, wie man sieht), eine scharfe Schere und ein wenig Draht.
Only little is needed to assemble a flower: a few fabric remnants (silk is first choice, but cotton works also fine), sharp scissors and a lenght of wire.
Die vier blauen und der violette Kreis haben einen Durchmesser von etwa 7 Zentimeter, hingegen mißt der kleine rosafarbene Kreis nur etwa 5 Zentimeter.
The four blue and the purple circles have a diametre of approx. 2.7 inchs, whereas the small pink one measures only close to 2 inchs.

Im ersten Schritt werden alle sechs Stoffkreise an den Kanten bogenförmig zugeschnitten, dabei braucht man nicht gleichmäßig zu arbeiten, sondern kann den Zuschnitt nach Augenmaß vornehmen.
In the first step cut scallops along the edges of the six circles, don't worry to cut them even, just work by eye.

Im zweiten Schritt schneidet man aus der Bogenkante Blütenblätter, indem man einfach etwa 1.5 cm in den Stoff hin zur Mitte schneidet.
In the next step cut petals by cutting half an inch into the fabric along the scallops to the middle of the fabric.
Wenn man die Kreise mit 'Blütenblättern' versehen hat, werden diese noch jeweils zweimal eingeschnitten, um die fedrige Struktur der Kornblume zu erhalten.
Once the 'petals' are cut, each petal is cut again twice to get the feathery look of the cornflower.
Die violette und die rosafarbene Blüte erhält drei Schnitte pro Blütenblatt, um eine noch feinere, fiedrigere Struktur zu erhalten.
The purple and pink layer needs three cuts on each petal, to provide the flower with an even more feathery structure.
Nach dem Zuschnitt legt man die einzelnen Lagen in dieser Reihenfolge aufeinander. Auf die blauen Blüten kommt zunächst das kleine pinke Blatt, dann die purpurfarbene Blüte.
After the cutting put the flowers together in this order: on bottom are the four blue layers, then add the little pink one and on top the purple one.
Als nächstes sticht man zwei Löcher im Abstand von etwa einem Zentimter von oben durch die sechs Lagen Stoff und zieht einen Draht (etwa 20 Zentimeter lang) hindurch, sodass die beiden losen Enden auf der blauen Unterseite hervortreten.
Next prick two holes about 0.4 inch apart through all six layers and add the wire (ca. 8 inchs long), that you have the loose ends sticking out at the blue bottom.
Das Violett ist also die Mitte bzw das Staubblatt der Blüte.
The purple layer is the middle or stamen of the blossom.

Im letzten Schritt muß der Draht als Kelchblatt und Stengel auf der Rückseite verrdreht werden.
In the last step the wire has to be twisted to create the sepale and stem of the flower.



Mittwoch, 5. Juni 2013

1814 Chapeau de Gros de Naples

In den letzten Tagen ist die Berichterstattung leider ein wenig dürftig ausgefallen, aber das hat einen guten Grund. Mila, meine Muse am Nähtisch, ist buchstäblich von diesem gestürzt und hat sich einen Kreuzbandriss zugezogen. Um ihr nach dem chir. Eingriff die nötige Ruhe zur Genesung zu ermöglichen, mußte das Nähzimmer 'musentauglich' geräumt und in ein Lazarett verwandelt werden.
Daher hat die Fertigstellung von dem geplanten Hut nach einem Costume Parisien Modekupfer aus dem Jahr 1814 ein wenig mehr Zeit in Anspruch genommen als geplant...aber was lange währt wird endlich gut!
I'm afraid the blog coverage has been a bit sparse lately, which is due to a reason. Mila, my muse at the sewing table, literally fell off the said and had a cruciate ligamnet rupture on her rear leg.
To assure a good convalescence after surgery I had to empty my sewing room in order to provide her with her very own comfy space.
This is the excuse for my hat after a 1814 Costume Parisien fashion plate for taking more time than expected...but finally it's done!

1814 Chapeau de Gros de Naples Costume Parisien (1400)
(Quelle/source: SceneInThePast)

Es handelt sich um den Hut oben links. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, die 1814er Jahre waren nicht nur was die Kleider betrifft ein wenig verrückt, sondern dies gilt umso mehr bei den Kopfbedeckung.
Bevor ich fortfahre, möchte ich an dieser Stelle für die deutschen Leser einfügen, dass ich bei dem Studium deutscher Modejournale und Wörterbücher aus den ersten beiden Dekaden des 19. Jahrhunderts an keiner Stelle auf den Begriff 'Schute' gestoßen bin. Selbst in einem deutsch-englischen Wörterbuch  wurde der Bergiff 'bonnet' mit 'Hut' übersetzt. Weitere gebräuchliche Begriffe waren 'Kappe', 'Kapotte' oder das französische 'Capote' bzw 'Chapeau'. 
Die Schute ist etymologisch als 'Boot' belegt und wurde möglicherweise erst im Laufe des 19. Jahrhunderts gebräuchlich als Synonym für eine Kopfbedeckung.
I was aiming for the hat on the top left. At first glance we see that not only the fashion in 1814 was sligthly weird, but especially the headwear.
Le bon Genre No.60 (Quelle/source: gallica)

Auf die Spitze getrieben wurde die Mode mit dem Knick in der Krone und übermäßigem Blumenschmuck in dieser Karikatur des 'Le Bon Genre'.
The hick-up shape of the crown and exeggerate use of flowers was taken to the extremes in this caricature of the 'Le Bon Genre'.

Die ungewöhnliche Form und vor allem der Blumenschmuck haben es mir natürlich angetan und in diesem Augenblick war auch die Verbindung zu der aktuellen Veranstaltung unter dem Motto 'Literature' von Dreamstress' Leimomi Oakes 'The Historical Sew Fortnightly' hergestellt.
Eines der prägendsten Symbole der deutschen Frühromantik ist sicherlich die 'Blaue Blume' aus dem Romanfragment 'Heinrich von Ofterdingen' aus der Feder von Novalis.
Leider wurde das Fragment erst nach Novalis Tod im Jahre 1802 durch Friedrich Schlegel veröffentlicht. Dennoch, der Bergiff 'Blaue Blume' erwirkte seither eine unauflösliche Verknüpfung mit der literarischen Strömung der Romantik...und ist diese Farbe - die als Sinnbild für 'Glück' steht - nicht auch unmittelbar in den Gedanken, sobald der Begriff der Romantik auftaucht?
Für einen ersten Überblick über Novalis, Heinrich von Ofterdingen und die 'Blaue Blume', mögen meine interessierten Leser bitte hier weiterlesen.
The most unusual shape and even more so the flower decoration have quickly made a link to the latest challenge 'Literature' at the Dreamstress Leimomi Oakes' 'Historical Sew Fortnightly'.
One of the most concise symbols of the German Romanticism certainly is the 'blue flower' from the novel fragment 'Heinrich von Ofterdingen' from Novalis.
Unfortunatley the text was only published after Novalis' death in 1802 by Friedrich Schlegel. Nevertheless, ever since the term or image of the 'blue flower' immediatley links to the literary epoch of Romanticism...and is this colour - which is the symbol for good luck - not immediatley emerging when thinking of romanticism?
For more information about Novalis, Heinrich von Ofterdingen and the blue flower, my dear readers might want to read here.
 
Friedrich Freiherr von Hardenberg, gen. Novalis (1772-1801)
(Quelle/source: wikicommons)

Aber kommen wir von der Literatur zurück zur Mode!
In dem Modekupfer des Costume Parisien wird der besagte Hut als 'Chapeau de Gros de Naples' beschrieben, also ein Hut aus einem festen Seidenstoff.
Leider hatte ich nur gewöhnlichen cremefarbenen Seidentaft zur Hand, aber daran sollte es nicht scheitern.
Der Unterbau besteht aus feinem Steifleinen, zum Teil mit Hutdraht und Pappe verstärkt. Darüber eine Lage wattierte Baumwolle und zuletzt der Seidentaft.
Als Futter für die Krempe diente mir hauchzarter Baumwollbatist in Weiß.
But back from literature to fashion!
In the Costume Parisien fashion plate the hat is described as 'Chapeau de Gros de Naples', which is a stout silk fabric.
Unfortunately I only had ivory silk taffeta at hand, but that would do just fine.
The base is made of a light buckram, stiffened with millinery wire and cardboard. It is covered with a layer of cotton padding, before I've added the actual silk taffeta.
The lining of the crown is made from superfine white cotton batiste.


Die Dekoration folgt dem Motto der 'blauen Blume' mit einem hellblauen Seidenband und Kornblumen aus Popeline. Leider habe ich keine schönen Seidenblumen gefunden, weshalb ich kurzerhand selbst zur Schere gegriffen habe, um ein paar Blüten zu fertigen.
Insgesamt sind es neun Blüten.
The decoration is following the motto of the 'blue flower' with a light sky blue silk ribbon and cornflowers made from cotton poplin. Unfortunately I haven't found any lovely silk flowers, which has led me to grab the scissors and cut some out of fabric remnants.
Altogether there are nine blossoms.

Bei diesem Hut ist die Krone aus zwei Teilen gefertigt. Auf die erste abgerundete Form wird sozusagen noch ein weitere Krone aus Steifleinen aufgesetzt. Wie im Modekupfer wird die Krone umlaufend von einem Kranz aus kleinen, gepaspelten (oder zeitgenössisch ausgedrückt: geschnürten) Buffonées geschmückt.
The crown is actually made of two pieces. On the first rounded crown a second crown of buckram is added. Sticking closely to the fashion plate I've added a band of piped buffonées to the crown.
Das Band ist entlang der Paspeln nicht angenäht.
The hatband isn't sewn on at the piping.

Ich habe den Hut absichtlich in einer neutralen Farbe gewählt, denn so habe ich die Möglichkeit die Dekoration passenden zu einem jeweiligen Kleidungsstück zu wechseln.
Die Blumen, die Schleifen und selbst das Schleifenband sind nicht angenäht.
I have chosen a neutral colour on purpose, hence I'm able to change the decoration according to my dresses.
Neither the flowers, the bow nor the ties are sewn on.
Das Schleifenband wird lediglich gebunden. Dieser Art der Befestigung findet sich auch in einem weiteren Modekupfer aus der Sammlung des 'Le Bon Genre'. Der Hut hängt an dem Stuhl links im Bild.
The ties are merely attached by looping. This kind of fastening is also seen in another print of the 'Le Bon Genre'. The hat is on the chair in the left.
No. 104, Luxe et Indigence, Le Bon Genre
(Quelle/source: mfa)

Um dem neuen Hut den richtigen Rahmen zu geben, haben wir uns am gestrigen Tag bei herrlichstem Frühsommerwetter auf den Weg ins Grüne zu Schloss Wocklum in Balve aufgemacht.
To put the new hat into an appropriate frame, we took a stroll around the grounds of Schloss Wocklum in Balve, which is a nearby manor.
Zu dem neuen Hut trage ich eine Chemise, den Schnürleib 'C' nach Bernhardt, einen Unterrock, meine 1815 Robe de Perkale und den blauen Spencer nach dem Schnitt des Danske Dragter, weiße Baumwollstrümpfe und Lederschuhe.
I'm wearing my new hat with a chemise, short stays 'C' after Bernhardt, a petticoat, my 1815 Robe de Perkale and a blue spencer following the Danske Dragter pattern, white cotton stockings and black leather shoes.

Das Schloß befindet sich im Privatbesitzt und ist nur anlässlich einiger weniger Veranstaltungen öffentlich zugänglich. Aber auch die Umgebung ist wunderschön und hier und da kann man einen Blick über die Mauer wagen.
The manor is a private property and only open to the public at a few annual events. But the surrounding grounds are beautiful, too, and you can always get a sneak peek over the walls.
Umgeben von Feldern in saftigem Grün...
Surrounded by fields in lush green...

...und einer Allee.
...and an avenue.

Ein herrliches Fleckchen Erde...und am Morgen zumeist in wunderbare Stille getaucht.
 A quaint spot...and at early morning everything's silent.




Sonntag, 12. Mai 2013

Miss Maria Caroline Cubitt

Wenn ich alte Dokumente und Literatur durchforste, ist es immer wieder augenscheinlich, dass Begebenheiten zumeist mit Worten, weniger mit Bildern erläutert wurden.
In einer Welt der gedruckten Worte war ein Bild umso anziehender.
Etwas, das in der heutigen Zeit bedauernswerterweise immer mehr verloren geht: da wird gepinnt, gesammelt und eine wahre Bilderflut gespeichert. Wie oft nimmt man sich noch die Zeit, um ein Bild genauer zu betrachten?
Besonders bei Portraits, wo wir in das Antlitz eines Menschen sehen, von dem manchmal nur dieses eine Bild geblieben ist, nichtmal ein Name...und doch versteckt sich dort ein ganzes, buntes Menschenleben.
Whenever I look through historic documents and books while researching, it is evident that incidents usally were explained with words rather than pictures.
In a world of printed letters a picture was even more appealing.
Something that gradually gets lost nowadays: we pin, collect and copy pictures galore. However do we take the time to take a thorough look?
Especially in portraits, where we are face to face with a person, of whom in some cases nothing has remained than the protrait, not even a name...yet, there has been a whole, colourful human life.

Heute möchte ich meinen lieben Lesern Miss Maria Caroline Cubitt vorstellen und hoffe, sie haben ein wenig Zeit, sie etwas näher kennenzulernen.
Today I'd like to introduce Miss Maria Caroline Cubitt to my dear readers and hope, they'll enjoy getting to know her.

La Belle Assemblee February 1818

Ich habe das Frontispiz neulich erworben, denn Miss Cubitts einnehmendes Äußeres ist auch heute noch sehr gewinnend. Glücklicherweise kam der Kupfer mit dem Folgeblatt und einer kurzen Erläuterung, wie es für das Journal 'La Belle Assemblee' üblich war.
In den, für die damalige Zeit üblichen, blumigen Worten, erfährt der Leser, dass Miss Cubitt seit 1817 als Schauspielerin am Drury Lane Theatre in London auftrat, wo sie als Margaretta in dem Stück 'No song no supper' debütierte.
Schon in früher Kindheit entwickelten sich ihre musikalischen Talente. Neben einer vorzüglichen Stimme, beherrschte sie das Pianoforte. Schnell fand sie einige Gönnerinnen in der gehobenen Gesellschaft.
Sie war berühmt für ihre feine, ausdrucksstarke Stimme und einer glänzenden Zukunft sollte nichts im Wege stehen. Nicht nur mit künstlerischen Fähigkeiten reich beschenkt, schwärmten ihre Freunde und Gönner zudem von ihrem tadellosen Charakter und bedachten Sittlichkeit.
I recently purchased this frontispiece, as Miss Cubitts charming appearance is still appealing.
Luckily the engraving came with the following page, which gives a short note, common for the engravings in the journal 'La Belle Assemblee'.
With the charactaristically flowery words of the Regency, the reader learns, that Miss Cubitt started her career as an actress in 1817 at the Drury Lane Theatre in London, where she debuted with the performance of Margaretta in the play 'No song no supper'.
Already in early childhood she developed her fine musical talents. She did not only have a lovely voice, but also played the piano forte. Several of the high ranked ladies of nobility took delight in patronizing her.
She's famous for her lovely, expressive voice and life treated her with the kindest attentions.
She was not only blessed with talents, but her friends and patrons often refer to her as having a fine umblemished character of prudent virtue.

Drury Lane Theatre, London 1812 nach dem Brand von 1809
Drury Lane Theatre, London 1812 after the fire in 1809 
(Quelle/source: V & A Collections)

Nach ihrem glänzenden Debüt am Drury Lane Theatre, taucht ihr Name im Jahr 1821 im Ensemble des Vauxhall Gardens als Solosängerin auf.
Jedoch erscheint nur ihr Name, kein Hinweis zu bestimmten Auftritten.
After her brilliant debut at the Drury Lane Theatre, her name appeared again in 1821 being part of the ensemble as solosinger at Vauxhall Gardens. Only a mention of her name, no hint on further  performances.

Vauxhall Gardens 1810, Microcosm of London Plate 089
(Quelle/source: wikicommons)

Die nächste Quelle bringt die traurige Entwicklung der einst aufstrebenden jungen Schauspielerin ans Licht. Aus dem 'Bibliographical Dictionary of Actors, Actresses, Musicians, Dancers,...' geht hervor, dass Miss Maria Caroline Cubitt, geboren am 06. April 1800 in Lambeth als erste Tochter des Schauspielers William Cubitt und seiner zweiten Frau Anne Milbourne, bereits im Alter von nur dreißig Jahren am 20. Juli 1830 verstarb. Sie wurde in St.Paul's Covent Garden beigesetzt.
Ihre aufstrebende Karriere, ihr verdienter Erfolg und ihre Tugendhaftigkeit fanden ein jähes Ende, als ein Schauspieler sie sitzen ließ und sie dem Alkohol verfiel.
Nach ihrem Tod kamen Gerüchte auf, dass sie heimlich verheiratet gewesen sein soll mit einem Sohn aus reichem Haus, dessen Eltern gegen die Verbindung waren.
The next source shows the sad developement of the promising and talented young actress. The book 'Bibliographical Dictionary of Actors, Actresses, Musicians, Dancers,...' reveals, that Maria Caroline Cubitt, born on the 6th of April 1800 in Lambeth as first daughter to the actor William Cubitt and his second wife Anne Milbourne, died prematurely at the age of thirthy years on 20th July 1830. She was buried at St.Paul's Covent Garden.
Her promising career, her well-earned sucess and her virtuousness draw to a sad close, when an actor jilted her and she took to drink.
After her death rumours occured, that she had been secretly married to the son of a rich East India director, whose parents have dissaproved of the match.

Miss Maria Caroline Cubitt (1800-1830) - 
nicht nur ein Kupferstich, sondern eine junge Frau mit einer Geschichte.
 Miss Maria Caroline Cubitt (1800-1830) -
not only an engraving, but a young woman with a (hi)story.

Montag, 6. Mai 2013

'Short Stays' Studies - Schnürleib Studien

Zunächst einmal möchte ich mich herzlich bei meinen werten Lesern für ihre Geduld bedanken, die hoffentlich heute reich belohnt wird.
Ich fürchte allerdings, dass ich dem Begriff 'short' in der Überschrift nicht gerecht werden kann, denn es wird ziemlich ausführlich. Ich verspreche jedoch, dass es wirklich ausgesprochen interessant wird und es neben allerlei theoretischen Ergebnissen auch praktische Anleitungen geben wird.
Am besten ist es, sich mit einer Tasse Kanne Tee auszustatten (so wie ich es in diesem Augenblick tue) und mir in die erste Dekade des 19. Jahrhunderts zu folgen.
Kann's losgehen?!
First I'd like to thank my dear readers for their patience, which will hopefully be rewarded properly today.
I'm afraid the above mentioned term 'short' in the headline won't do, actually this will be a very long post. However I promise a whole lot of interesting news and there won't be mere theoretical studies, but also plenty of practical tutorials.
I may recommend to fetch a cup pot of tea (like I have at hand) and follow me into the first decade of the 19th century.
Ready to start?!

Zu meinem letzten Beitrag über die 'Half Stays a la Paresseuse' habe ich viele Hinweise bekommen, unter anderem, dass der Begriff 'short stays' sehr wohl in einem Patent um 1800 und später nach 1812 in einer anderen Schrift auftaucht. Durch die jetzigen Studien darf ich behaupten, dass in diesem Fall eine etymologische/semantische Betrachtung dienlich ist.
Worte und deren Bedeutung änderen sich häufig innerhalb einiger Jahre, etwas, dass wir heute auch noch erfahren. Um das im Zusammenhang mit den Jahren um 1800 zu verstehen, müssen wir uns auf die Zeit und ihre Gepflogenheiten einlassen, dann wird schnell klar, dass sich die Bezeichnung 'short' und 'long' bei dem Patent um 1800 nicht etwa auf die Länge des Stoffs bezieht, sondern welche Silhouette dadurch erzielt wird. 'Long', also lang, für den ursprünglich anatomisch korrekten Sitz der Taille, 'short', also kurz, für die Empiretaille.
Ab 1808/10 verschwimmen diese Begriffe erstmalig, denn zu dieser Zeit tritt das Korsett zum ersten Mal in Erscheinung und löste mit der Bezeichnung 'long' den Sitz der Taille ab, hin zur Länge des Stoffes in gerader Linie über die Hüfte.
Ähnliches findet sich auch in der deutschen Sprache, dazu später mehr.
I received some remarks and hints with my last post 'Half stays a la paresseuse', one of them was that there was a mention of 'short stays' in a patent from around 1800 and later after the 1812 in another publication.
With my latest research I'd like to refer to a helpful etymological/semantical examination.
Words and their meaning often change in the course of years, something we still experience today. To understand  the terms and meanings of the time around 1800 we have to understand the habits and general circumstances of life, then it's clear that the terms 'long' and 'short' in the mentioned patent are not referring to the lenght of fabric, but what silhouette the stays create. 'Long' means the anatomical correct waist, whereas 'short' refers to the fashionable high waist.
From 1808/10 onwards these terms mingle for the first time with the newly invented/introduced corset, 'long' does not refer to the waist anymore, but to the lenght of the fabric.
Something similar can be found in the German language, which I will later relate to.
Corset de Ninon, Costume Parisien 1808 (Quelle/source: SceneInThePast)

Aber was war dann mit 'short stays' gemeint? Und vor allem, wie sahen sie aus?!
Nun, zumindest nicht so, wie es uns bislang häufig suggeriert wurde. 
Wir dürfen nicht vergessen: Mode ändert sich zwar, aber sie ändert sich allmählich und wir befinden uns zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nicht im hektischen 21. Jahrhundert und Entwicklungen setzten sich nicht von heute auf morgen durch!
But what was meant with 'short stays' then? And how did they look like?!
Well, they actually do not look like those stays, which we usually see everywhere.
We have to remind ourselves: fashion means change for sure, but gradually and we're at the beginning of the 19th century, not in the hectic 21st century. Changes did not happen in a dash.

1809 La fureuer des corsets (Quelle/source: Hope Greenberg)

Bei diesem  - sicherlich so manchem Leser vertrauten - Kupferstich, sehen wir die üblichen 'short stays' oder in Deutsch 'Schnürleiber' der Damenwelt um 1800-1810. (Nicht durch den Begriff 'corset' aus dem Französischen durcheinanderbringen lassen, auch hier handelt es sich wieder um eine etymologische/semantische Entwicklung)
Die Schnürbrust des 18. Jahrhunderts hat dieser Bekleidung erst allmählich Platz geschaffen, aber es sind noch viele Gemeinsamkeiten da, aber auch einige erfreuliche Neuerungen.
This - for some readers quite familiar - copperplate, shows the common 'short stays' or in German 'Schnuerleib' of the fashionable woman in 1800-1810. (Don't get confused by the french term 'corset', this is another etymologic/semantical developement)
The heavily boned 18th century stays ('long stays' or in German 'Schnuerbrust') gradually gave way to the new stays, still there are a lot of similarities, but also lots of pleasant improvements.

Die Ärzteschaft damals war sich einig in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den Schnürbrüsten und versuchte den Damen mit allen Mitteln die 'künstliche Einzwängung' des Körpers auszureden:
The physicians back then preached against the heavily boned 18th century stays and tried to talked the female followers of fashion out of the 'artificial shaping' of the body:

1797 (London), Martha Mears The pupil of Nature (Quelle/source: googlebooks)

1804 (Breslau), Martha Mears/Elias Henschel Wohlmeynender Rat für gebildete Frauen (Quelle/source: googlebooks)

Und? 
Haben sich die Damen an den Rat von Mears, Henschel, Sömmering, Klees und anderer Ärzte gehalten?
Natürlich nicht!
What happened?
Would the women have listen to the advice of Mears, Henschel, Sömmering, Klees and other physicians? 
Certainly not!

1810 (Wien) Christian Wilhelm Hufeland (Quelle/source: googlebooks)

(Translation) VI. Faults and failures in clothing
Close fitting, but not proper made-to-measure clothes, (espcially those, which have been worn by someone else before), tight lacings, especially heavily boned stays (Schnuerbrueste), which still aren't out of fashion, and now that the upper classes would wear them less often, are more widely spread among the lower classes...

Schnürbrust, Schnürleib, Korsett, Mieder, Long Stays, Short Stays...Ebenso verwirrt, wie meine Leser es nun sein mögen, ließ ich mich Anfang März auf der Couch nieder, um in einer Reprintausgabe des "Journal des Luxus und der Moden' zu schmökern, als ich dort auf einen Verweis stieß, der sich als wahrer Schatz entpuppte:
Schnuerbrust, Schnuerleib, Corset, Long stays, Short stays...Confused, like some of my dear readers by now might be, I settled down on the couch in March to read in a reprint of the 'Journal des Luxus und der Moden', where I stumbled upon a hint, which proved to be a rare gem:

1810 (Dresden) J.S. Bernhardt, Anleitung den menschlichen Körper, besonders aber den weiblichen zu kleiden und zu verschönern (Quelle/source: SLUB Dresden)

J.S. Bernhardt, ein Schneidermeister, hat uns in seiner zweibändigen Ausgabe (1810/1811) nicht nur ausführliche Texte und Anleitungen zur Bekleidung hinterlassen, sondern auch Schnittmuster, denn sein Werk wandte sich vor allem an die Schneiderin daheim.
Dafür können wir ihm nicht genug danken!
J.S. Bernhardt, a tailor and dressmaker, has left us not only lots of text, tutorials in his two-volume publication (1810/1811), but also patterns, as he has written his book for the seamstress at home.
How could we ever thank him enough!

Auch Bernhardt wendet sich in seinem Buch gegen das Tragen der Schnürbrust, obschon er deren Anfertigung als Grundlage für die Schnürleiber nutzt.
Er lobt vor allem den Einfluß der Englischen Mode und damit ist er nicht allein:
Bernhardt also speaks against the heavily boned Schnuerbrust, although he uses the basic pattern for his recommended Schnuerleib ('short stays').
He is fond of the influence of the English Fashion...well others are, too:
1801 (Tübingen), J.C. Hüttner, Englische Miscellen (Quelle/source: googlebooks)

(Translation)
The english long stays (here: heavily boned stays!) or short stays are pleasantly different from the french and german stays, thus I'd like to talk about them.
They are, what almost stands for all english goods; lots of improvements, alterations, additions and embelishments of the London stays do not only amuse the ladies, but would also be appropriate to enter the publication of the Parisian Arts et Metiers.
Those disadvantages, which the physicians all over the country declare against the Schnuerleiber (here he mixes Schnuerbrust and Schnuerleib!), cannot be said about the english ones. Arguments for their stays are easy childbirths and less crippeled women.

Und nun endlich geben wir dem Schimpfen und Fluchen der Ärzte nach und begeben uns unter Mithilfe von J.S. Bernhardts Werk daran, einen Schnürleib ('short stays') nach historischem Vorbild zu nähen.
Voraussetzung dafür ist zunächst die Ermittlung der Linie 'gg' (nach Bernhardt)
And now we give in to all the arguments and curses of the physicians and start to assemble a historical correct pair of 'short stays' (Schnuerleib) according to J.S. Bernhardt's book.
First we need to find out the measuremnt of line 'gg' (after Bernhardt)


An der Stelle der Schulter, die am weitesten nach vorne ragt, wird in senkrechter Linie ein Lineal angelegt, das hinunter bis zur Mitte des Busens reicht (grüne Linie). Von diesem Punkt aus wird Maß genommen bis zur Mitte des Rückens bzw der Wirbesäule.
Üblicherweise liegt der Wert zwischen 20 bis 30 Zentimetern. Der ermittelte Wert wird nach Bernhardt durch 7 geteilt:
beispielsweise 26 : 7 = 3,7
Dieser Wert widerum ist der Multiplikator für die folgenden Schnittmuster.
Where the shoulder points to the front, add a ruler vertically down to the mid of the bosom (green line).
From this point measure around to the mid of the back (spine).
Usually it measures 20 to 30 centimetres. This measurement is now according to Bernhardt devided with 7:
for example 26 : 7 = 3,7
The sum will be the multipicator for the following patterns.

Mein erster Schnürleib basiert auf Bernhardts Patronen 'F' und 'D', denn er gibt ausdrücklich den Hinweis, dass die Muster nach eigenem Geschmack abgewandelt werden können.
Bei beiden Schnürleibern ist die Rückenschnürung vorgesehen, allerdings verfügen sie zusätzlich über eine 'falsche' Frontschnürung, welche bereits 1801 in den Englischen Miscellen von Hüttner Erwähnung findet:
My first pair of short stays is based on Bernhardt's patterns 'F' and 'D', as he recommends to match the personal taste regarding the look.
Both stays have back closure and an additional fake front closure, which is already mentioned in Hüttner's Englische Miscellen in 1801:
(Translation)
The stays do not have more than four small rows of boning, two at the front at the lacing holes, two at the back; in the front they only reach mid bosom with additional folded cloth behind.

Eigentlich ist es doch nicht so überraschend, dass die Schnürleiber in ihrer Form noch den Schnürbrüsten ähneln, denn wie gesagt, die Mode änderte sich nur langsam.
Aber zurück zum praktischen Teil -
Das Muster wird in zwei Schritten erstellt und ausgedruckt:
Zunächst werden die Schnitte so ausgedruckt, dass das blaue Quadrat genau einen Zentimeter mißt.
Den Wert den wir vorhin ermittelt haben, nehmen wir dann als Multiplikator für die eigentliche Vergrößerung. 
Beträgt er wie oben erwähnt z.B. 3,7 dann hat auch das blaue Quadrat auf dem eigentlichen Schnittmuster den Wert 3,7.
Bei diesem Schnittmuster sind keine Nahtzugaben dabei, die müssen noch eingezeichnet werden.
Auf der vergrößerten Kopie habe ich außerdem am Rücken (CB) noch jeweils 1,5 Zentimeter extra hinzugegeben und die Träger ein wenig breiter gemacht.
Actually it isn't that surprising to find out that the 'short stays' still resembled the 18th century stays, as I've said before, fashion changed gradually back then.
But back to the practical part -
The pattern will be printed twice as follows:
Please print out the patterns in a size that the blue square measures exactly 1 Centimetre.
The number we've measured and calculated before is then the multiplicator for the actual resized pattern.
If it measures 3.7 cm like mentioned above, then the size of the sqaure has to measure 3.7 cm on the final print, too.
There are no seam allowances in the pattern - you'll have to add them.
On the final pattern I've also added an additional 1.5 cm at the back (CB) and slightly broadend the shoulder straps.

Das Schnittmuster mit Nahtzugabe und dem angepassten Zwickel. Beim Zuschneiden des Stoffes ist es von besonderer Bedeutung dem Schnittverlauf des ursprünglichen Schnittes (hier Fig. F) zu folgen, d.h. die Teile werden ein wenig schräg auf den Stoff gelegt (wie im Bild), um die Elastizität im Querverlauf des Stoffes zu nutzen.
The final pattern with seam allowance and bust gusset. When cutting the fabric it is very important to follow the layout of the pattern (Fig.F), that means the pieces are laid out like in the picture to benefit from the bias of the fabric.

Zur Verwendung des Stoffes habe ich bei Hüttner in den Englischen Miscellen noch folgenden Hinweis gefunden:
Hüttner in the Englische Miscellen gives a good advice concerning the proper fabric:
(Translation)
The fabric of choice is dimity. The stays are stitched with contrasting light grey silk thread.

Schnürleib aus den Vorlagen 'D' und 'F'. Ich habe den Schnitt von Fig. F gewählt, allerdings mit dem falschen Frontverschluß wie bei Fig. D. Vorne sind zwei 7 mm Stäbe Plastikfischbein eingearbeitet.
Der Schnürleib ist zweilagig. Innen habe ich festeren Baumwolltwill gewählt und für außen gechintzte Baumwolle.
Short stays according to patterns 'D' and 'F'. I've chosen the draft of pattern Fig.F with the front closure of Fig.D. At the front two 7 mm plastic bonings are inserted.
The stays are made of two layers. The inner layer is cotton twill, the outer layer glazed cotton.

Die Innenansicht mit dem ungebleichten Twill. Ich habe verschiedene Nähte ausgetestet, da Bernhardt darüber keinerlei Hinweise gegeben hat.
The inside with the unbleached twill. I've tried different seams as Bernhardt did not give any advice about it. 

Die Rückseite mit den Ziernähten aus grauer Seide.
The back with the seams stitched in grey silk.

Die Front. Der Schnürleib endet oberhalb der Hüften.
The front. The short stays reach above the hips.
Die Rückansicht mit den weit ausgeschnittenen Trägern. Und Mut zur Schnür'lücke'!
J.S. Bernhardt empfiehlt, dass bei der Schnürung eine Lücke erhalten bleiben soll (im Gegensatz zu dem, was wir auf dem dem Bild 1809 La fureuer des corsets sehen. Dort handelt es sich um eine Karikatur, die das Überschnüren anklagt)
The back with the shoulder straps reaching far back into the middle. And a lacing gap!
 J.S. Bernhardt recommends to leave a gap (in contrary to the plate
1809 La fureuer des corsets, which actually is a caricature and accuses tight lacing)

Die Brust wird nur halb umschlossen und angehoben.
The bust is only cupped half and lifted.

Und da der Schnitt auf Anhieb so wunderbar gelungen ist, habe ich nicht gezögert und mich gleich noch an ein weiteres Paar begeben. Das folgende Paar beruht auf einem Schnitt, den J.S. Bernhardt für besonders geeignet hielt.
And as the pattern worked so easily, I didn't hesitate to make up a second pair. The following pair is based on a pattern, which J.S. Bernhardt preferred and favoured.

Dieses Muster besteht nur aus zwei Teilen! Ganz wichtig bei diesem Paar ist es, dass die Rückenlinie (CB) senkrecht auf dem Stoff liegt, sodass die Front (CF) schräg verläuft, das verleiht dem kompletten Schnürleib die nötige Elastizität.
This pair is made up of two parts only! It is very important with these stays, that the back (CB) runs vertically on the fabric, whereas the front (CF) runs on the bias, which gives the stays the needed flexibility.
Mein Schnittmuster mit Nahtzugabe...
My pattern with added seam allowance...
...und den angepassten Zwickeln für die Brust und Hüfte. Dieser Schnürleib sitzt nämlich halb auf der Hüfte.
...and the bust and hip gussets. This pair of stays sits on the hips.

Von außen...
Outisde...
...und von Innen.
...and inside.

Die angepassten Zwickel an der Hüfte.
The hip gussets.

Die Träger werden im Rücken angebunden. In der Mitte befindet sich der Blankscheit.
The straps are fastened in the back. On the left is the busk.

Dieser Schnürleib kreeirt die perfekte Silhouette, die wir von vielen Kleidern kennen!
These stays create the perfect silhouette, which is familiar from many dresses!



Da der Schnürleib aus nur zwei Lagen Stoff und nur wenig Fischbein besteht, ist es sehr bequem.
As the stays are made of only two layers and very little boning, it's comfortable.

Neben Fischbein konnte auch ein hölzerner oder stählerner Blankscheit verwendet werden.
Besides boning wooden or steel busks were used for the front.

Wenn man sich das Patron Fig. C nochmal genau ansieht, ist dort eine weitere Linie an der Brust eingezeichnet, eine weitere Option für einen Schnürleib.
Oftmals fragt man sich bei hauchzarten Kleidern, warum sich darunter keinerlei Naht abbildet, die Antwort ist eigentlich simpel, der Schnürleib wird unter die Brust geschnitten.
A closer look on pattern Fig. C reveals that there's a further marked line at the bust, which is another option for a pair of stays.
If you ever wondered that there's no seam showing through the delicate fabric of muslin dresses, well the answer is simple, the short stays are cut below the bust.

Statt des Blankscheits sind hier vier Fischbeinstäbe eingesetzt worden.
Die langen Träger werden bei J.S. Bernhardt, aber auch in den Englischen Miscellen nochmals genauer beschrieben. Da ich nicht die gleichen Träger wie bei dem Schnürleib zuvor verwenden wollte, wählte ich diese Möglichkeit.
Instead of the busk there are four pieces of boning. 
The long shoulder straps are described not only in J.S. Bernhardt's book, but also in the Englische Miscellen.
As I wanted a different look on this pair I decided on this variation.
Die Bänder werden auf dem Rücken gekreuzt und seitlich eingehakt.
The straps are crossed in the back and fastened on hooks at the sides.
Außen...
Outside...
...Innen.
...inside.

J.S. Bernhardt empfiehlt, den fehlenden Teil durch eine Art Chemisette zu ersetzen, welche die Brust bedeckt und festhält. Diesen Zweck erfüllt auch das Hemd.
J.S. Bernhardt recommeneds to wear a kind of chemisette with this pair, which covers and holds the bust. This purpose is also fullfilled by the shirt.

Da der Stoff im Querverlauf geschnitten wurde, schmiegt sich der Schnürleib eng an den Körper.
As the fabric was cut on the bias, the stays fit like a glove.

Der Rücken mit den gekreuzten Bändern.
The back with the crossed shoulder straps.

Abschließend bleibt mir festzustellen, dass die tatsächlichen Schnürleiber eher den Schnürbrüsten des 18. Jahrhunderts ähneln, als den heute bekannten und auf dem Markt befindlichen 'short stays'.
Es wäre wünschenswert das diesbezüglich ein Umdenken stattfindet. Sicherlich gab es immer Sonderformen wie z.B. das Leibchen im Kyoto Costume Institute, aber wenn man sich näher mit J.S. Bernhardts Lektüre beschäftigt, erfährt man mehr darüber, wie z.B. ein kranker, alter oder nicht ebenmäßiger Körper unterstützt werden kann.
Die Stays a la Pareseusse, die ich neulich vorgestellt habe, müssen näher zu den 1820ern Jahren umdatiert werden. Sie sind in der Tat Halbkorsetts (und ähneln dem Korsett de Ninon), die allerdings lediglich zu besonderen Anlässen, wie etwa Reisen, getragen wurden.
Finally the short stays look much more like the 18th century heavy boned stays, instead of the 'modern short stays', we usually see made up.
It would be eligible to try and spread the historical correct stays. However there will always be special forms of stays like the one from the Kyoto Costume Institute, but according to J.S. Bernhardt and first hand sources there always have been many ways to support the body of ill, old or those who are lacking the well-proportioned ideal of the Empire.
The stays a la paresseuse, which I have blogged about recently, will be dated closer to the 1820s. They are true half stays (having a similar design like those long stays), only being worn on special occasions like travels.

Falls einige meiner Leser sich dazu entschließen, die Schnittmuster einmal selbst auszuprobieren, würde ich mich sehr freuen, zu hören, ob J.S. Bernhardt auch in ihrem Fall mit der Kalkulation richtig gelegen hat.
Und nun muß ich mir erstmal eine weitere Kanne Tee aufbrühen...
If any of my readers decide to give these patterns a try, I'd be happy to hear wether J.S. Bernhardt's calculation worked for them, too.
And now I have to fetch another pot of steaming tea...