Mittwoch, 24. April 2019

Pariser Strohhut "sens devant-derrière"

"Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten, es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Dummheit,..."
Mit diesen Zeilen eröffnete Charles Dickens seinen berühmten Roman Eine Geschichte aus zwei Städten über die Zeit der französischen Revolution.
Hatte er dabei auch die Mode im Sinn, die sich trotz aller Gräuel, Unwägbarkeiten, Unsicherheiten, trotz Triumph und Niederlage in den Theatern, den Häusern und Straßen unerschrocken ihren Weg bahnte? Zwar schwiegen die großen Pariser Journale, nicht aber die Moden selbst. Ein anschauliches Bild hinterließ uns der langjährige Berichterstatter aus Paris für das Weimarer Journal des Luxus und der Moden in seinem Brief vom 15.Juli 1792.
In diesem Monat, nur wenige Wochen vor dem Tuileriensturm und dem Septembermassaker, presste ein Drucker eine seltsame Modethorheit auf ein blankes Blatt Papier:
chapeau de paille à la sens devant-derrière
"It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, ..."
These were the opening lines of Charles Dickens' famous novel A tale of two cities about the french revolution.
Was fashion also on his mind, which, despite all the atrocities, imponderables, uncertainty, despite triumph and defeat in the theatres, the houses and streets, remained determined and still found it's way into the hearts?
Indeed the parisian journals were silent, but not fashion itself. A very good summary of the daily life in Paris was delievered by the longtime journalist there, who has sent a letter to the Weimar Journal des Luxus und der Moden on July 15th 1792.
In this very month, only few weeks before the storm of the tuileries and the September massacre, a printer put a perculiar fashion fad onto blank paper:
chapeau de paille à la sens devant-derrière
1792, Fashion plate, watsonline record number b17509853 (Quelle/source: THE MET Digital Collection)
Verkehrt herum, das spiegelte den Zeitgeist wieder - eine Welt, in der es kein oben und unten, kein richtig und falsch mehr zu geben schien, die durfte ihren Damen auch ein solches Hütgen für den Kopf vorschlagen. 
Ob die Pariser ihre Frisuren mit dem kleinen Strohhut schmückten? Möglicherweise, denn immerhin dauerte es nicht lang, ehe diese Mode als hoeden sens devant derriere in einem Modejournal im niederländischen Haarlem den Damen den Kopf verdrehen sollte.
Upside down, this reflects the Zeitgeist - a world, where there's seemingly no up and down, no right or wrong anymore, was allowed to suggest the ladies such odd headwear.
Did the Parisians adorned their heads and hair with it? Possibly, because it didn't took long until the fashion was mentioned as hoeden sens devant derriere in a dutch journal in the city of Haarlem.
1792, Kabinet van mode en smaak, August/September (Quelle/source: googlebooks)

Einen Monat länger benötigte der neueste Schrei, ehe er in Weimar und im Journal des Luxus und der Moden erhört wurde.
And another months until this dernier cri was heard in Weimar and the Journal des Luxus und der Moden.
1792 (Jahrgang 7), Journal des Luxus und der Moden, Oktober, Modeneuigkeiten, Paris 20.September (Quelle/source: ThULB Jena)
Selbstverständlich lieferte der Berichterstatter aus Paris auch eine Beschreibung der jungen Pariser Dame im Negligée nach neuster Mode und Geschmack.
Certainly it came with a description of the young Parisian lady in her negligée after the latest fashion and taste.
1792 (Jahrgang 7), Journal des Luxus und der Moden, Oktober, Modeneuigkeiten, Paris 20.September (Quelle/source: ThULB Jena)
Transkription:
Fig.2. Diese Figur ist erwas mehr componiert, und macht mehr Anspruch auf Eleganz. Sie trägt einen Pariser feinen Strohhut, von der neuen Form die man sens devant derriere nennt, mit zwei großen grünen Bandschleifen vorn und hinten decoriert, und der untere Teil der Krempe mit runden Dollen von weißem Flor garniert...
Translation:
Fig.2. This figure is a bit more composed, and shows it's claim for elegance. She wears a fine Parisian straw hat of the latest fashion, which is called sens devant derriere, with two big green bows at the front and back, and the edge of the brim is decorated with a length of white organdy.

Und was soll ich sagen? Der Modetrend erlebte nach mehr als zweihundert Jahren schließlich in Westfalen eine neue Renaissance, denn bereits der ungewöhnliche Witterhorn Hut hatte es mir seinerzeit sehr angetan und ich war auf die Konstruktion eines ähnlichen Stückes sehr gespannt.
Als Basis diente mir ein runder Strohhut mit eingeschlagener Krempe, dessen Krone ich komplett auftrennte. Das Strohband wurde gewässert (ein herrlicher Geruch!) und zum Trocknen geglättet, bevor es galt eine neue, schmale Krone von Hand zu nähen.
And what should I say? This fashion trend had it's revival almost two hundred years later in Westphalia, because I already loved my Witterhorn Hut and was eager to discover the construction of a similar piece.
I used a straw hat with a turned-in brim, which crown I ripped apart completely. The straw was then watered (a lovely scent!) and pleated for drying, before I sew a new much smaller crown.
Am Rand des Hutdaches angelangt, wurde dieser erneut gewässert und in Form gebogen. Der Durchmesser beträgt etwa 15 Zentimeter.
When I reached the edge of the crown's top, I watered it again and pulled it into shape. The diametre is approx. 15 centimetres.

 Und dann war Fleißarbeit gefordert. Mit kleinen Stichen ging es rundherum bis eine Höhe von etwa 15 Zentimetern erreicht war.
And then diligence was needed. I went round and round with tiny stitches until the crown reached about 15 centimetres in height.

Die fertige Krone und die Krempe, die in ihrer originalen Form belassen wurde.
The finished crown and the brim, which remained in it's original shape.

Den Kupfern aus Paris, Haarlem und Weimar folgend, wurde die Krempe an den Hut angenäht, um die außergewöhnliche Form zu erhalten.
Zuletzt kam die Entscheidung für die Garnierung, denn die grünen Bandschleifen gefielen mir nicht für einen eher sommerlichen Strohhut. Da die Dollen bereits aus weißem Baumwollorganza genäht wurden, entschied ich mich für helle, gestreifte Bandschleifen, in Erinnerung des ursprünglichen Geburtsortes dieses Hutes in den Farben blau-weiß-rot.
Following the plates from Paris, Haarlem and Weimar, the brim was attached to the hat to achieve the unusual shape.
Then I had to decide on the decoration, as I wasn't too fond of the green bow for a summerly straw hat. As the decoration of the edges was already made in white organdy, I ordered a light, striped ribbon and in memory of it's origin I decided on a blue-white-red colour.
Das Konzept der sommerlichen Garnitur ging auf. Ich benötigte etwa vier Meter für beide Bandschleifen.
The concept of the light summer decoration for the hat worked well. I needed about four metres for both bows.
 Voilà: un chapeau sens devant-derrière


 
Ich kann die Begeisterung der Pariser Damen nun verstehen. Wirkt er auf den Modekupfern doch etwas gewöhnungsbedürftig, so zeigt sich der gefertigte Strohhut doch in der im Journal des Luxus und der Moden beschriebenen Eleganz. 
I can relate to the excitement of the Parisian ladies by now. While it requires quite getting used to the look at first, the finished straw hat meets the elegance mentioned in the Journal des Luxus und der Moden.



Beinah ein kleines Kunstwerk für sich ist die hintere Bandschleife, die im üppigen Bandflor wie ein Federkleid wirkt und mich unwillkürlich an das Balzkleid einer Großtrappe denken ließ.
The ribbon bow in the back is almost a work of art, which resembles the feathers of a bird and reminded me of the giant bustard during mating season.


Strohband und Florband in eleganter Verbindung.
Straw and organdy ribbon in an elegant relation.
Ich bin mir sicher, das sich der Hut mit diesen Bandschleifen in Weimar auch neben dem Original mit grüner Zier behauptet hätte.
I'm quite convinced that the hat with this kind of decoration would have won the hearts of the ladies in Weimar as much as the green decoration.
Ein geschmackvoller Schwung aus Stroh
A tasteful swing of straw
Der Strohhut blieb ungefüttert. Das Stroh ist sehr fein und wurde glatt verarbeitet.
The hat remained unlined. The straw is very fine and smoothly sewn.
Es lohnt sich doch immer wieder, Stücke möglichst originalgetreu nachzuarbeiten, damit sie den Zauber entfalten können, dem die Damenwelt auch damals schon verfiel.
It's always rewarding to recreate with as much love for the detail and construction as the original, to help them unfold the same kind of magic, which entchanted the ladies back then.

Montag, 8. April 2019

Eine Empfehlung: Madame, seien Sie gut betucht!

Lesen wir noch im Juni 1789, nur wenige Wochen vor dem Sturm auf die Bastille, im Journal des Luxus und der Moden einen Lobgesang auf Nippes oder den beliebten Modeschmuck [...]Und noch hunderteley anderer theure Kleinigkeiten, womit unsere erwachsenen Kinder spielen. Ein Hang, etwas Buntes und Glänzendes an sich zu hängen, den doch alle Nationen der Welt,..., mit einander gemein haben[...] (Quelle: Journal des Luxus und der Moden, Juni 1789 VI.Nippes von neuester Mode), so schweigen die französischen Modejournale verständlicherweise alsbald und in Deutschland entwickelt sich in den frühen 1790ern ein neuer Geschmack. Gold, Geschmeide und eine Fülle an funkelndem Nippes räumen den Platz zu Gunsten der Mäßigung und Natürlichkeit.
Der neue Schmuck der Damenwelt sind Tücher.
While we still read a praise of jewelry and shiny bric-a-brac in the Journal des Luxus und der Moden June 1789, only a few weeks before the bastille storm, [...]And a hundreds more of expensive little things, our grown up children love to play with. The bias to have something colourful and shiny covering the neck, is common in all nationalities[...](Source: (Quelle: Journal des Luxus und der Moden, Juni 1789 VI.Nippes von neuester Mode), the french journals suddenly and quite understandably went silent and soon a new fashion taste spreads across Germany in the early 1790s. Gold, jewelry and shiny bric-a-brac galore cleared the way for moderation, modesty and naturalness.
The new fashion for women were kerchiefs.
1790er, Augustin Christian Ritt, Unbekannte Dame (Quelle/source: jeannedepompadour blog/Reinette)
Man sieht Tücher an Hüten, unter Hüten, im Haar, am Hals, über den Schultern. Sie finden sich in allen Farben vom monochromen Weiß hin zu polychromer Vielfalt. Seide, Muslin und Batist umhüllen und betonen die weibliche Anmut zugleich.
In den 1790ern wurden Tücher zum unverzichtbaren Accessoire, welches es vermochte, einem Kleid einen gänzlich neuen Anstrich zu geben. Darum zeigten sich die Damen gut betucht und füllten ihre Schubladen und Truhen, Schachteln und Kleiderhaken mit den fein gesponnenen Quadraten und Dreiecken.
We see kerchiefs and cloths on hats, under hats, in the hairdo, around the neck, on the shoulders. They are found in all shades from monochrome white to polychrome varieties. Silk, cotton muslin, batiste veil and emphasize the female attributes.
In the 1790s kerchiefs became the new popular accessoires, which allowed a dress to get a complete new look. Hence the ladies gathered kerchiefs galore in their drawers and chests, boxes and hooks, plenty of finely woven squares and triangles.

Haupt und Haar wurde gern mit kleinen Tüchern und Schals geschmückt und verziert.
Head and hair preferably have been adorned with small kerchiefs and shawls.

1794/95, attributed to Henri-Pierre Danloux, Portrait of a mother and daughter (Quelle/source: The Cleveland Museum of Art)
Besonders beliebt für den Kopfschmuck waren seidene Tücher mit monochromen oder polychromen Streifen oder Karomustern.
Mit etwas Geschick und Geduld bei der Suche, lassen sich ähnliche Tücher auch heute noch finden.
Silk fabrics with monochrome or polychrome stripes and checks have been the most popular and fashionable.
With a bit of luck and patience those patterns are still around in vintage or modern fashion.

Vintagetuch aus schwarzer Seide mit blauen, gelben, roten und silbernen Streifen, Größe 70 x 70 Zentimeter.
Vintage black silk with blue, yellow, red and silver stripes, measure 70 x 70 centimetres.
Hauchzarter Seidenschal in der Größe 24 x 172 Zentimeter
Lightweight silk shawl, measuring 24 x 172 centimetres

1796, Elisabeth-Louise Vigée Le Brun, La comtesse Skavronskaia (Quelle/source: wikipedia)
Hauchzarter Schal mit eingewebten Streifen in Blau, Silber und Gold
Fine shawl with woven stripes in blue, silver and gold

Aber nicht nur Haar, sondern auch der Hals gibt sich - ohne funkelnden Schmuck und üppigem Geschmeide - keine Blöße, sondern enthüllt Natürlichkeit.
But not only the hair, also the neck - without a lush use of shiny jewelry - wasn't bare, but revealed natural modesty.
Das Journal des Luxus und der Moden begeistert seine Leserinnen im Juli 1793 mit zarten baumwollenen Fichus. Sie sind entweder sehr schlicht gehalten, mit aufwändiger Stickerei verziert oder mit Rüschen garniert, aber immer unverzichtbar.
The Journal des Luxus und der Moden inspired it's readers in July 1793 with delicate cotton fichus. These were either very plain, with lavish embroidery or with ruffles, but always indispensable.
Die Tücher sind viereckig oder im Dreieck zugeschnitten.
The fichus are cut in square or triangle.
Die Kanten mit feinstem Saum oder säuberlich nur einen Millimeter oder zwei eingefasst.
The edges have a tiny selvedge or were finished with delicate seams.
Die Stickerei in dem feinen Stoff wurde mit größter Sorgfalt ausgeführt.
The embroidery in this fine fabric was performed with utmost care.
 
War das Weiß bei den Fichus auch vorherrschend, so finden sich dennoch auch immer wieder farbenfrohe Exemplare der beliebten Tücher. 
While white was the predominant colour in fichus, we also find colourful examples.
1780-1820, Halskläde bomull, 86 x 81 Zentimeter ID NM.0010756 (Quelle/source: Nordiska Museet)

Dreieckstuch aus dünner bedruckter Baumwolle 
Triangle of lightweight printed cotton

Zarte Baumwolle mit polychromem Druck, ca. 100 x 98 Zentimeter
Fine cotton with polychrome print, ca. 100 x 98 centimetres


Im OettingischenWochenblatt vom 05.Oktober 1791 findet sich eine Diebstahlanzeige über folgende Kleidungsstücke, die aus einem Kasten in der Stube eines Wirtes entwendet wurden:
In the Oettingisches Wochenblatt from 5th October 1791 we find a notice of a theft of the following pieces, which were kept in a landlords chamber:

1791, Oettingesches Wochenblatt (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
1 Halstuch von Damast mit braunen Blumen und blauen Ecken
1 Karmesinrothes Halstuch mit blauen Streifen und Ecken
1 weiß seidenes Halstuch mit geschlagenen Spitzen
1 braun seidenes Halstuch mit blauen Leisten und Blumen
1 schwarz florenes Halstuch
1 rosenroth seidenes Halstuch mit blauen Strichen
Translation:
1 kerchief of damask with brown flowers and blue edges
1 deep red kerchief with blue stripes and edges
1 white silk fichu with embroidery
1 brown silk fichu with blue edges and flowers
1 lightweight black fichu
1 rose red silk kerchief with blue stripes


Den Schwärmern und Bewunderern der 1790er Jahre möchte ich mit diesem Beitrag empfehlen, ihre Schubladen mit herrlichen Tüchern, Schals und Bändern zu füllen.
For the admireres of the 1790s this short article hopefully helps to stock their drawers and boxes with kerchiefs, fichus and ribbons.

Freitag, 8. März 2019

Rettung der Rechte des Weibes

Ein Blick auf den Kalender verrät's! 
Am heutigen Internationalen Frauentag möchte ich an Mary Wollstonecraft und ihre Geschlechtsgenossinnen in den 1790ern erinnern. Mit ihrer mutigen Schrift sprach sie (neben weiteren klugen Frauen in Europa) öffentlich eine neue Idee an, deren Umsetzung noch mehr als ein Jahrhundert und unendlich viel Mut und unglaubliche Beharrlichkeit benötigte. 
Ihr Buch und ihre Biographie sind auch heute noch empfehlenswert und inspirierend.
A peek into the calendar reveals it!
I'd like to remember Mary Wollstonecraft and her contemporaries in the 1790s on today's International Women's Day. With her brave approach (and that of several more European women) she publicly addressed society with a new idea, which took more than a century to be finally realized, and which meant an incredible amount of dedication and determination.
Her book and her biography haven't lost their spark and are well worth a read toady.
1797 John Opie, Mary Wollstonecraft (1759 - 1797) (Quelle/source: wikipedia)
 Unter dem, in der Überschrift erwähnten, Titel veröffentlichte Christian Gotthilf Salzmann bereits im Jahr 1793 die deutsche Übersetzung von Mary Wollstonecrafts revolutionärem Buch "A vindication of the rights of women" (1792) im Verlag der Erziehungsanstalt Schnepfenthal.
In 1793 Christian Gotthilf Salzmann translated and published the famous and revolutionary title"A vindication of the rights of women" (1792) by Mary Wollstonecraft in his publishing house Erziehungsanstalt Schnepfenthal.
1793, Mary Wollstonecraft, Rettung der Rechte des Weibes. Verlag Schnepfenthal, Christian Gotthilf Salzmann (Quelle/source: googlebooks)

Für Mary Wollstonecraft bedeutete Gleichberechtigung die Grundlage für ein erfülltes Miteinander.
Wie modern und allumfassend ihre Idee war, zeigt sich am Frontispiz ihres vorherigen Werkes, einem Kinderbuch aus dem Jahr 1788, das unter dem Namen "Original Stories from Real Life" veröffentlich wurde.
Danke an meine wundervolle Freundin Mme Reeves von Pavillon de la Paix, die mich auf diesen schönen Kupfer aufmerksam gemacht hat. Ein echtes Bonbon der Inspiration für jeden Morgen und ein großartiger Start in den Tag!
For Mary Wollstonecraft the call for equal rights meant the foundation for a peaceful cooperation in society. How modern and all-embracing her idea was, is beautifully shown in the following frontispice of her earlier publication, a children's book called "Original Stories from Real Life" (1788).
Thank you to my dear friend Mme Reeves of Pavillon de la Paix for sharing this amazing print with me. It's inspiration candy for each new morning and a great reminder for every day!
1791, Frontispiz Original Stories from Real Life, Mary Wollstonecraft (Quelle/source: wikimedia)

Donnerstag, 21. Februar 2019

Cul postiche - Cul de Paris - Polster - Aufgestecksel

Doch, doch - auch ich habe es ins neue Jahr geschafft und Kleidung um 1800 ist keinesfalls dem grassierenden Blogsterben anheim gefallen.
Ich habe die ersten Wochen des Jahres in meinem Lesefauteuil verbracht, nachdem ich mich von einigen sozialen Netzwerken verabschiedet hatte. Erstaunlich, wie viel Zeit, Muße und Ruhe einkehrt und wie rasch sich der berühmte Wanderbücherstapel, der einem mahnend durch das Haus folgt und dabei beständig an Größe gewinnt, schmaler und schmaler wird.
Meine winterliche Lektüre hat mich auf unverwechselbare Weise in eine lebendige Vergangenheit geführt und auch meinen Blick für die Zukunft ein wenig geschärft.
Well, well - I also made it into the new year and Kleidung um 1800 has not fallen into the rampant dying of blogs.
I've spent the first few weeks in my favourite reading fauteuil, after I've said goodbye to a few social networks. Amazing, how much time, idleness and silence I've suddenly had on my hands and how quickly the ever growing pile of books, which used to follow me through the house urging me to read, now became smaller and smaller.
My winter reads have brought me back into a vivid past and have sharpened my senses for the future.
Von oben nach unten: Peter Neumann, Jena 1800, Die Republik der freien Geister; Mary Wollstonecraft, Verteidigung der Rechte der Frauen; Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe; Iris Bubenik-Bauer, Ute Schalz-Laurenze, "...ihr werten Frauenzimmer auf!" Frauen in der Aufklärung
 Und wo trafen sich Vergangenheit und Zukunft? Das Studium der Bücher bestärkte mich, einen Schritt in die Mode der frühen 1790er zu wagen und zwar auf eine damals übliche und heute neu entdeckte, nachhaltige Art und Weise: indem ein altes Kleid säuberlich aufgetrennt wurde, um einem anderen Modegschmack zu dienen.
And where did past and future met? The study of the books eventually led me to take a few steps back into the early 1790s and the sustainabilty then echoed into today, I decided to completely take apart an old dress, to adjust it to a different fashion sense.
Es hat in etwa zwei Stunden Zeit gekostet, die alten Nähte aufzutrennen. Durch eine Wäsche verschwinden all die unzähligen kleinen Löcher, welche die Nadel in den Stoff gewirkt hat.
Den Rock des Ensembles, konnte ich wiederverwenden, er wird dem Geschmack der Zeit entsprechend umgewandelt.
Aber zuvor fehlt natürlich eine entscheidende Mode(thorheit), die sich im Laufe der 1790er zunächst in ihrem Nutzen und ihrer Bedeutung zuzammenschrumpfte, um nach 1800 allmählich zu verschwinden.
It took almost two hours to rip off the old seams. The fabric went into the laundry, where all the tiny needle holes dissapeared.
I could reuse the skirt of the old dress, it will be adorned according to the new fashion.
But before that step, I needed to put together a fashion fad, which gradually went out of fashion during the later 1790s and finally dissapeared after 1800.
1788, Georg Adam Keyser, Terminologietechnisches Wörterbuch (Quelle/source: googlebooks)
 Transkription:
Cul de Paris oder Cul postiche, Art neuer Kleidermode des Frauenzimmers, Art Küssen (Kissen), Polster, Aufgestecksel hinten an und unter den Weiberröcken. (eine seltsame und pöbelhafte Benennung!)
Translation:
Cul de Paris or Cul postiche, new fashionable accessoire for ladies, a kind of cushion, pad or "put on" at the back and under women's skirts. (a peculiar and plebeian term!)

Auch in den kommenden Jahren bis etwa 1795 findet dieses Accessoire noch den Weg in die deutschen Modejournale, während Le Brun im Journal de la Mode et du Gout - so unterrichtete mich Monsieur Heurteloup freundlicherweise - schon Ende der 1780er/ zu Beginn der 1790er lieber den reichlichen Gebrauch von Unterröcken empfiehlt, statt des Aufgestecksels.
Well after 1788 and until around 1795 this accessoire was popular in the German fashion journals, while Le Brun in his publication Journal de la Mode et du Gout - I was kindly told by Monsieur Heurteloup -  already announced by the end of the 1780s/early 1790s that he favoured plenty of petticoats over the old fashioned pad.
In Bertuchs Journal des Luxus und der Moden schwört man weiterhin darauf, wie man in diesem Modekupfer No.19 aus dem Juli 1793 bildhaft erfährt.
Und da ich als Westfälin geradewegs zwischen den großen Modeströmen Paris und Weimar Zuhause bin, habe ich mich - Le Brun möge mir verzeihen - ein Kleid mit französischem Flair und weimarischer Treue zum cul postiche gewählt.
Auf der Suche nach dem unsichtbaren Gehilfen, stieß ich auf ein äußerst hübsches Exemplar auf der Seite Museot Finna:
In Bertuch's Journal des Luxus und der Moden the pad was still popular as this fashion print No.19 from July 1795 reveals.
And as I, as a Westphalian, dwell right between the influence of Paris and Weimar, I decided - Le Brun will hopefully forgive me - a dress in french style, but with Weimarian loyality to the cul postiche.
On my search for the invisible helper, I found this pretty example at the Museot Finna:
1790er, Naisten englantilaiskuosinen kaksiosainen puku sinistä silkkiä (ripsitaftia), Cul de Paris (Quelle/source: Museot Finna)
Überraschenderweise kommen hier auch abgesteppte Nähte, wie sie beim Möbelpolstern üblich sind, zum Einsatz, um das Füllmaterial und damit das Kissen entsprechend zu formen.
 Für mein Polster wählte ich drei Lagen Leinen, altes Nahtband und Schafswolle, sowie fein zerschnittene Lumpen.
Die Schafswolle ist ein Geschenk meiner lieben Freundin Natalie A Frolic through Time, die zwei Schafe auf einem Lebenshof unterstützt. Da diese, wie bei gezüchteten (und leider auch manchmal hochgezüchteten) Hausschafrassen (außer dem Soayschaf) üblich, geschoren werden müssen, erhält sie einmal im Jahr die Wolle.
Surprisingly we find the same seams, which are common in the upholstery, to give the cushion the exact shape.
I used three layers of linen, vintage ribbon and wool for stuffing, as well as old, finely cut rags. 
The wool is a present from my dear friend Natalie of A Frolic through Time, who supports two shep at a sanctuary. As these need to be sheared, like almost all breeds (except soay sheep), she got the wool and shared a bit with me.
Bei allen drei Lagen habe ich die Nahtzugabe großzügig nach innen geschlagen und zwei Lagen an der äußeren Naht mit Heftstichen verbunden. Der Rand wurde gestopft und von Hand, nach frei gezeichnetem Muster, durch beide Lagen abgesteppt. Dieser Prozess wiederholt sich wie beim Original, ehe auch der schmale Rand mit Heftstichen vernäht wird.
Die dritte Stofflage wird schließlich mit einem Kantenstich angenäht und mit Lumpen befüllt, so erhält das Polster seine leicht stufige Form.
I turned the seam allowance on all the layers to the left side and attached two layers on the outer edge with basting stitches. The edge was stuffed and then the pattern was stitched through both layers. This process was repeated following the original pattern, until the inner edge was closed.
The third layer is finally added with stitches along the edge and then stuffed with rags.
Der Stich entlang der Kante ist vergleichbar mit dem des finnischen Originals.
The stitches are similar to those used on the original.
Im folgenden sind die Maße des Polsters aufgeführt:
The measurements of the cushion are added:
Das Ergebnis der Polsterarbeit. Das Aufgestecksel wiegt etwa 200 gr.
The result. The "put on" weighs around 200 gr.
In den kommenden Wochen führe ich die Arbeit an dem neuen 1793er Ensemble fort und hoffe, dass es pünktlich zu Lenzens Einzug das Nähzimmer verlassen kann.
Bis dahin ist viel zu tun...und zu lesen!
Und um die Wartezeit für meine Leser zu verkürzen, möchte ich noch auf einen interessanten Beitrag aus dem Jahr 2011 über die cul de Paris auf dem Blog Demode unter dem Namen "Late 18th century skirt supports" (leider nur in Englisch) hinweisen - unbedingt mal reinschauen, bitte!
In the upcoming weeks I proceed with the new 1793 ensemble and I hope to finish it in time for spring.
There's much to do until then...and much to read!
Maybe my readers are interested in an interesting article from 2011 about the cul de Paris from the blog Demode called "Late 18th century skirt supports" - it's well worth a read!