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Donnerstag, 29. Januar 2026

Das Jahr, in dem die Hüte in den Himmel wuchsen und ihre Trägerinnen nach den Sternen griffen!

Bevor es wieder in die Welt der Putzmacherinnen und Hüte und das Jahr 1791 geht, möchte ich mich zunächst für den regen Austausch zu meinem letzten Beitrag über die Strupf-Kleider und die dazugehörigen Bänder bedanken.
Das ist es, was die Recherche krönt: der Dialog - die Diskussion. Neue Blickwinkel erlangen, Wahrheiten bestätigen oder widerlegen, Wissen erweitern...und nie aufhören zu lernen.
Ich hoffe, diese wertvolle Fähigkeit lassen wir uns nicht von der Künstlichen Intelligenz oder eher der Künstlichen Rechenleistung nehmen, denn da ist es gleichgültig, ob man Information über Zahlenkolonnen, Flugverbindungen, Klosteine oder über Moden, hinter denen ein Menschenleben steckte, sammeln lässt.
Verlieren wir nie die Neugierde, das Einfühlungsvermögen in fremde Schicksale und die Freude am Lernen und Entdecken...den selbst herbeigeführten Heureka! Augenblick.
Suchen und Finden, Zusammenhänge erkennen und ja, auch Scheitern und Lernen, das ist Belohnung für die müden Augen und den schmerzenden Rücken, im Handwerk, wie auch in der Recherche.
 
Und heute darf ich wieder Beides vereinen, während wir den Damen auf die Köpfe gucken.
Der conische Huth, den ich im letzten Dezember vorgestellt habe, hat es mir wirklich angetan. Und wie so oft, hat man eine Sache entdeckt, sieht man sie fortan beinah überall! 
Das bezaubernde Hüthgen lässt sich nicht nur in Journalen entdecken, sondern auch auf Gemälden und Miniaturen. Meist klein und keck, unterscheidet es sich in:
-  Material. Von Seidentaft über Plüsch zu Castor
- Farbe. Sehr beliebt waren zunächst Nakarat (ein Rotton) und Pistaziengrün
-Krempenform. Geradlinig oder eher mäßig hochgeschlagen (eine Seite, oder Beide) bis hin zum Extrem
Allein die Höhe wirkt immer ein wenig übertrieben, wenn es schräg auf dem Haupt sitzt.
Und die Zier ist scheinbar grenzelos, auch wenn der Hut eher klein scheint, passt doch allerhand an Federn, Bändern und sogar Ähren darauf! 
 
vers 1790, Nicolas Lafrensen, Dame a sa Couture (Quelle: Galerie-Jaegy-Theoleyre via pinterest)

1791, Göttinger Taschenkalender, Ernst Ludwig Riepenhausen, Tafel 10 (Quelle: smb Staatliche Museen zu Berlin)

1791, Journal des Luxus und der Moden, Februar, Tafel 6, Weimar (Quelle: Thulb Jena)

1791, Journal des Luxus und der Moden, Februar, Modenneuigkeiten aus Frankreich, Paris, Seite 90 (Quelle: Thulb Jena)

Transkription:
[...] Die hohen sogenannten Flamändischen Filzhüthe (Chapeaux Flamands) mit spitzigem Kopfe; weiß und blau gemuscht, oder bunt geplüscht, mit goldnem Bourdaloue, Schleifen und hohen Federn sind noch allgemein Mode. Ueberhaupt steigt der Kopfputz unserer Damen jezt alles in die Höhe. Dieß beweißen auch die sogenannten Bonnets a Cylindre, deren Kopf von farbigem Atlas völlig die Höhe eines wahren Zuckerhuthes hat. Daher kommts auch, daß fast alle Lustres und Girandolen in dem Assemblee-Zimmer höher gehängt werden müssen, um Feuersbrünste auf den Köpfen unserer Schönen zu verhüthen[...]
 
Ach, ich kann einfach nicht genug bekommen von diesen wunderbar lebendigen Beschreibungen der Moden und Marotten! Und den zuckersüßen Hüthen gleichermaßen.
Also schauen wir nicht nur von Weimar aus zur französischen Mode, sondern direkt nach Paris!
An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Doug Stott für den großartigen Hinweis zu dem Link der folgenden zwei Modekupfer, die ich bislang nur in einem etwas unscharfen Schwarz/Weiß Scan der {bnf Gallica kannte.
 
Journal de la Mode et du Goût, ou Amusemens du Salon et de la Toilette. Seconde Année, no. I, Premier Cahier, 25 Février 1791 (Quelle: Special Collections John D. Rockefeller jr. Library Colonial Williamsburg Foundation)
  
Was für eine Kopfbedeckung! Aber das Feuerwerk der Farben erlischt! Nur einige Wochen später sehen wir ein vielsagendes und dramatisches Schwarz:
 
Journal de la Mode et du Goût, ou, Amusemens du Salon et de la Toilette, Seconde Année, No. IX, Neuvième Cahier, 15 Mai 1791 (Quelle: Special Collections, John D.Rockefeller jr. Library, Colonial Williamsburg Foundation)
 
1791, Journal de la mode et du goût, Mai 15, 1791Seconde Année No.9 Planche II (Quelle: {bnf Gallica)

Ein schwarzer Filzhut mit schwarzen Bändern und goldenen Ähren ziert den Kopf der Schönen.
Eine Hutform, die vertraut ist.
 
1791, Journal des Luxus und der Moden, Januar, Tafel 2, Weimar (Quelle: Thulb Jena)

 Das Model der Damen sitzt ein wenig charmanter, aber unverkennbar stammt die dunkle Farbe aus der Herrenmode, die im Jahr 1791 gleich auf vier verschiedenen Kupfern im Weimarer Journal zu finden ist.
Eine Kopfbedeckung, die wir bei den Damen oft mit dem Reitkleid verknüpfen, verbreitet sich in der Modewelt, mal eher burschikos, dann aber auch vorwitzig und reich geschmückt.
 
Jacques Samuel Louis Piot, Madame Bernez-Bardaud (Quelle: via pinterest)

 Vollkommen schlicht und Teil eines Reit-Ensembles.
 
In the manner of Heinsius, Young Lady, Sale April 2002 Lot No 746 (Quelle: Christie's)

Ein conischer Castorhut mit dezenter Zier und einem modisch  gebundenen Kopftuch darunter. 
 
 
1792, John Downman, Portrait of Countess of Tyrconnell (Quelle: The British Museum Collection)

Ein bisschen mehr Putz mit Feder und Bandschleife...und zuletzt eine sehr verspielte Variante:
 
Louis Lie Perin-Salbreux (1753-1817), Portrait of an unknown Lady (Quelle: Boris Wilnitsky Fine Art)

An dieser Stelle erlaube ich mir in der Recherche einfach mal um die Ecke zu denken:
Hat das vermehrte Erscheinen dieser sonst eher männlich konnotierten Kopfbedeckung etwas mit der aufstrebenden Frauenbewegung in Frankreich nach 1789 zu tun? 
Im Jahr 1791 schreibt Olympe de Gouges ihre Erklärung über die Rechte der Frau und Bürgerin (Declaration des droits de la Femme et de la Citoyenne).
Ist die strenge und doch verspielte Mode ein Zeichen gegen den Ausschluß der Frauen aus der französischen Volkssouveränität, ein Ruf nach Gleichheit? 
Zu jener Zeit greifen in Europa auch Mary Woolstonecraft und Theodor Gottlieb Hippel zur Feder, um für die Frauen zu streiten, so wie in vielen anderen Beiträgen in Publikationsorganen der Zeit.
Und, wer weiß, vielleicht eilte so manche Frau zum Nähtisch oder beauftragte ihre Putzmacherin, einen dieser dramatischen schwarzen Hüte zu fertigen, sei's weil es tatsächlich ein stiller Wink war oder einfach nur weil die Kopfbedeckung  in ihrer schwarzen Schlichtheit mit so viel Putz lockte.
 
Ich war inspiriert! Nach meinem engländischen conischen Hut durfte der Schnitt diesmal mit einem neuen Akzent daherkommen...Mit viel Vergnügen verwandelte ich meinen Nähtisch abermals in die Werkstatt von Deppe & Bouvier aus Berlin und tauchte in die Fertigung in den 1790ern ein.
Wie beim letzten Mal verwendete ich wieder ein Hutgestell aus Finnpappe und hochwertigen deutschen Viskose Stoff von Helmbold.
Dazu kommt eine schlichte Bandschleife aus gestreifter Seide, die mir Natalie vor vielen Jahren anvertraut hat. Ich denke, die Schleife hat nun einen passenden Platz gefunden! 
 

Getragen wird der Hut, wie in den frühen 1790ern üblich mit einem Band im Haar, zu einem Kopftuch oder einer Haube. Selbstverständlich auf Locken und mit einem Chignon. 
 




Der Kopf (Krone) ist mit einem Leinen-Baumwoll Gemisch gefüttert, welches innen durch ein Bändchen reguliert wird, so kann die Zier, die festgenäht ist, gelöst und durch eine andere Dekoration schnell ersetzt werden.
 


Die Materialien in einem wunderbaren Zusammenspiel! Die Viskose ist herrlich glänzend und weich.
 

 Ich hoffe, in nächster Zeit finde ich Gelegenheit die Hüte getragen mit dem passenden Ensemble vorzustellen. 
 

 

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Das werthe Befinden des eleganten teutschen Morgen-Huthes vom Juli 1794 ein paar Wochen später im Februar 1795

Die berüchtigte Terrorherrschaft in Frankreich im Jahre 1793 führte dazu, dass man sich auch in Weimar im Journal des Luxus und der Moden entsetzt von der Pariser Mode abwandte. 
Der Blick richtete sich ab Dezember 1793 und vor allen in den ersten drei Monaten des Jahres 1794 nach Berlin, wo die Vermählungsfeierlichkeiten (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Januar1794, Seite44f.) der preussischen Prinzessinen Luise und Friederike den Blick auf die deutsche Mode lenkten.
Nur wenige Monate danach, veröffentlichte Friedrich Justin Bertuch im Mai (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Mai 1794, Seite 239f.) und Juni (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang9, Juni 1794, Seite 293f.) die Modenberichte einer einheimischen Leserin mitsamt Modekupfern und ihrer Aufforderung fremden Moden zu entsagen.
Die Modeberichte erfolgen in dieser Zeit zumeist über Korrespondenten aus Berlin und Frankfurt. 
Im Oktober 1794 wandte sich der Herausgeber des Journals dann schließlich mit einem eindringlichen Appell zur Unterstützung der heimischen Mode und Industrie (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Oktober 1794, Seite 495f.) an seine Leserschaft. 
Bemerkenswert dabei ist, dass in den Modenneuigkeiten im selben Band anschließend an Bertuchs Appell ein Bericht von der Leipziger Messe gedruckt wurde, in welchem erwähnt wird, dass französische Produkte durchaus vorgestellt und eifrig nachgefragt werden. (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Oktober 1794, Seite 497 [...]Es fehlt in dieser Messe nicht an Französischen und Englischen Moden-Waaren[...]). Das wirtschaftliche Auskommen immer im Blick, hält Bertuch sich alle Möglichkeiten offen.
Als im Januar 1795 schließlich bei Maurer in Berlin das Berlinische Archiv der Zeit und ihres Geschmacks als Konkurrent an den Markt geht, nehmen die Modeberichte aus Berlin ab, während London und englische Moden nun in den Mittelpunkt gerückt werden.
Im Februar 1795 wird in den Modenneuigkeiten  (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 10, Februar 1795, Seite 100f.) bereits wieder ein teutsch-französisches Ensemble vorgestellt und Lyoner Seidenwaren werden über die Schweiz eingeführt.
Einige Monate später im September 1795 erscheint erstmals wieder ein Modenbericht aus Paris (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 10, September 1795, Seite 520f.)
Inmitten des Jahres 1794, dem Höhepunkt der Fürsprache deutscher Mode und Fertigkeiten, stellte Friedrich Justin Bertuch als Herausgeber seinen Leserinnen den eleganten deutschen Morgen-Huth aus Produkten deutscher Fabriken vor (Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 9, Juli 1794).
In meinem Beitrag über den Huth vom Juli 2023, hatte ich schon schmunzelnd festgestellt, wie "französisch" die modische Kopfbedeckung wirkte. Das passte nicht wirklich zur hochgelobten Simplizität der deutschen Mode.
Damals entschied ich mich gegen die Verwendung einer Strohkrempe und von grünem Band und heraus kam ein kecker Aufsatz in Gelb.
Der Aufsatz wird, wie im Modekupfer des Journals, weit vorn auf der Stirn getragen und zwar vornehmlich im Haus oder auf morgendlichen inoffiziellen Visiten.


 Aber Madame bedauerte die Wahl der Bänder schon bald und erwarb auf der Leipziger Herbstmesse französische Seidenbänder, die sie schließlich im Februar 1795 aufnähte, um dem Huth ein neues Aussehen zu verleihen.
 

 



Die gelben Bänder wurden durch drei verschiedene hellblaue Seidenbänder ersetzt. Um den Sack aus Flor spannen sich zwei eisblaue schmale Seidensatinbänder. Die Schleifen links und rechts des Kopfes (Krone) sind von durchbrochenem Seidentaft und die langen Bänder schließlich aus breitem Seidentaft.

 
Kleiner Aufwand, große Wirkung.
 

 Von einem kecken Sommerhütchen zu einem eleganten Morgen-Huth, der zu jeder Jahreszeit schmückend ist und bei der morgendlichen Visite bei Freunden unersetzlich.
 


Mittlerweile hat der häufige Gebrauch schon ein wenig dazu geführt, dass hier und da ein paar Knicke in den Hut gekommen sind, aber das gibt einen guten Einblick in die Trageeigenschaften der Kleidungsstücke damals.


Tatsächlich trug man Aufsätze und Hüte in den frühen 1790er bis hin zur Mitte gerne mit üppigen Schleifen im Haar.
Das komplette Ensemble besteht aus einem Caraco-Pierrot mit hellblauem Seidencorset, einem weißen Rock aus Linon, einem Flormantel, einem schlichten Fichu, zwei Unterröcken und einem frühen Schnürleib nach J.S.Bernhardt. 
 
Ja, der neue Aufsatz mit dem französischen Band wurde so auch noch im Sommer getragen, aber wer weiß, vielleicht wechselt seine Farbe im nächsten Februar wieder...