Bevor es wieder in die Welt der Putzmacherinnen und Hüte geht, möchte ich mich zunächst für den regen Austausch zu meinem letzten Beitrag über die Strupf-Kleider und die dazugehörigen Bänder bedanken.
Das ist es, was die Recherche krönt: der Dialog - die Diskussion. Neue Blickwinkel erlangen, Wahrheiten bestätigen oder widerlegen, Wissen erweitern...und nie aufhören zu lernen.
Ich hoffe, diese wertvolle Fähigkeit lassen wir uns nicht von der Künstlichen Intelligenz oder eher der Künstlichen Rechenleistung nehmen, denn da ist es gleichgültig, ob man Information über Zahlenkolonnen, Flugverbindungen, Klosteine oder über Moden, hinter denen ein Menschenleben steckte, sammeln lässt.
Verlieren wir nie die Neugierde, das Einfühlungsvermögen in fremde Schicksale und die Freude am Lernen und Entdecken...den selbst herbeigeführten Heureka! Augenblick.
Suchen und Finden, Zusammenhänge erkennen und ja, auch Scheitern und Lernen, das ist Belohnung für die müden Augen und den schmerzenden Rücken, im Handwerk, wie auch in der Recherche.
Und heute darf ich wieder Beides vereinen, während wir den Damen auf die Köpfe gucken.
Der conische Huth, den ich im letzten Dezember vorgestellt habe, hat es mir wirklich angetan. Und wie so oft, hat man eine Sache entdeckt, sieht man sie fortan beinah überall!
Das bezaubernde Hüthgen lässt sich nicht nur in Journalen entdecken, sondern auch auf Gemälden und Miniaturen. Meist klein und keck, unterscheidet es sich in:
- Material. Von Seidentaft über Plüsch zu Castor
- Farbe. Sehr beliebt waren zunächst Nakarat (ein Rotton) und Pistaziengrün
-Krempenform. Geradlinig oder eher mäßig hochgeschlagen (eine Seite, oder Beide) bis hin zum Extrem
Allein die Höhe wirkt immer ein wenig übertrieben, wenn es schräg auf dem Haupt sitzt.
Und die Zier ist scheinbar grenzelos, auch wenn der Hut eher klein scheint, passt doch allerhand an Federn, Bändern und sogar Ähren darauf!
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| vers 1790, Nicolas Lafrensen, Dame a sa Couture (Quelle: Galerie-Jaegy-Theoleyre via pinterest) |
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| 1791, Göttinger Taschenkalender, Ernst Ludwig Riepenhausen, Tafel 10 (Quelle: smb Staatliche Museen zu Berlin) |
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| 1791, Journal des Luxus und der Moden, Februar, Tafel 6, Weimar (Quelle: Thulb Jena) |
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| 1791, Journal des Luxus und der Moden, Februar, Modenneuigkeiten aus Frankreich, Paris, Seite 90 (Quelle: Thulb Jena) |
Transkription:
[...] Die hohen sogenannten Flamändischen Filzhüthe (Chapeaux Flamands) mit spitzigem Kopfe; weiß und blau gemuscht, oder bunt geplüscht, mit goldnem Bourdaloue, Schleifen und hohen Federn sind noch allgemein Mode. Ueberhaupt steigt der Kopfputz unserer Damen jezt alles in die Höhe. Dieß beweißen auch die sogenannten Bonnets a Cylindre, deren Kopf von farbigem Atlas völlig die Höhe eines wahren Zuckerhuthes hat. Daher kommts auch, daß fast alle Lustres und Girandolen in dem Assemblee-Zimmer höher gehängt werden müssen, um Feuersbrünste auf den Köpfen unserer Schönen zu verhüthen[...]
Ach, ich kann einfach nicht genug bekommen von diesen wunderbar lebendigen Beschreibungen der Moden und Marotten! Und den zuckersüßen Hüthen gleichermaßen.
Also schauen wir nicht nur von Weimar aus zur französischen Mode, sondern direkt nach Paris!
| 1791, Journal de la mode et du goût, Avril3, 1791Second Année No.17 Planche I (Quelle: {bnf Gallica) |
Leider lässt die Qualität der Wiedergabe dieses zweiten Jahrgangs zu wünschen übrig, aber ich denke, die Vorstellungskraft tut Wunder sich diesen Kopfputz mit der flachen Krempe in hellen Farebn vorzustellen!
Aber das Feuerwerk der Farben erlischt, nur einige Wochen später sehen wir ein vielsagendes und dramatisches Schwarz:
| 1791, Journal de la mode et du goût, Mai 15, 1791Second Année No.9 Planche II (Quelle: {bnf Gallica) |
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| 1791, Journal de la mode et du goût, Mai 15, 1791Second Année No.9 Planche II (Quelle: {bnf Gallica) |
Ein schwarzer Filzhut mit schwarzen Bändern und goldenen Ähren ziert den Kopf der Schönen.
Eine Hutform, die vertraut ist.
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| 1791, Journal des Luxus und der Moden, Januar, Tafel 2, Weimar (Quelle: Thulb Jena) |
Das Model der Damen sitzt ein wenig charmanter, aber unverkennbar stammt die dunkle Farbe aus der Herrenmode, die im Jahr 1791 gleich auf vier verschiedenen Kupfern im Weimarer Journal zu finden ist.
Eine Kopfbedeckung, die wir bei den Damen oft mit dem Reitkleid verknüpfen, verbreitet sich in der Modewelt, mal eher burschikos, dann aber auch vorwitzig und reich geschmückt.
Vollkommen schlicht und Teil eines Reit Ensembles.
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| In the manner of Heinsius, Young Lady, Sale April 2002 Lot No 746 (Quelle: Christie's) |
Ein conischer Castorhut mit dezenter Zier und einem modisch gebundenen Kopftuch darunter.
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| 1792, John Downman, Portrait of Countess of Tyrconnell (Quelle: The British Museum Collection) |
Ein bisschen mehr Putz mit Feder und Bandschleife...und zuletzt eine sehr verspielte Variante:
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| Louis Lie Perin-Salbreux (1753-1817), Portrait of an unknown Lady (Quelle: Boris Wilnitsky Fine Art) |
Und die Eingangs erwähnte Recherche, das darf auch mal um die Ecke gedacht sein:
Hat das vermehrte Erscheinen dieser sonst eher männlich konnotierten Kopfbedeckung etwas mit der aufstrebenden Frauenbewegung in Frankreich nach 1789 zu tun?
Im Jahr 1791 schreibt Olympe de Gouges ihre Erklärung über die Rechte der Frau und Bürgerin (Declaration des droits de la Femme et de la Citoyenne).
Ist die strenge und doch verspielte Mode ein Zeichen gegen den Ausschluß der Frauen aus der franzöischen Volkssouveränität, ein Ruf nach Gleichheit?
Zu jener Zeit greifen auch Mary Woolstonecraft und Theodor Gottlieb Hippel zur Feder, um für die Frauen zu streiten, so wie in vielen anderen Beiträgen in Publikationsorganen der Zeit.
Und, wer weiß, vielleicht griff so manche Frau zur Nadel oder beauftragte ihre Putzmacherin, einen dieser dramatischen schwarzen Hüte zu fertigen, sei's weil es tatsächlich ein stiller Wink war oder weil die Kopfbedeckung in ihrer schwarzen Schlichtheit mit so vielen Ausdrucksmöglichkeiten lockte.
Ich war inspiriert! Nach meinem engländischen conischen Hut durfte der Schnitt diesmal mit einem neuen Akzent daherkommen...Mit viel Vergnügen verwandelte ich meinen Nähtisch abermals in die Werkstatt von Deppe & Bouvier aus Berlin und tauchte in die Fertigung in den 1790ern ein.
Wie beim letzten Mal verwendete ich wieder ein Hutgestell aus Finnpappe und hochwertigen deutschen Viskose Stoff von Helmbold.
Dazu kommt eine schlichte Bandschleife aus gestreifter Seide, die mir Natalie vor vielen Jahren anvertraut hat. Ich denke, die Schleife hat nun einen passenden Platz gefunden!
Getragen wird der Hut, wie in den frühen 1790ern üblich mit einem Band im Haar, zu einem Kopftuch oder einer Haube. Selbstverständlich auf Locken und mit einem Chignon.
Der Kopf (Krone) ist mit einem Leinen-Baumwoll Gemisch gefüttert, welches innen durch ein Bändchen reguliert wird, so kann die Zier, die festgenäht ist, gelöst und durch eine andere Dekoration schnell ersetzt werden.
Die Materialien in einem wunderbaren Zusammenspiel! Die Viskose ist herrlich glänzend und weich.
Ich hoffe, in nächster Zeit finde ich Gelegenheit die Hüte getragen mit dem passenden Ensemble vorzustellen.



















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