Die Umwälzungen in der Mode in den frühen 1790er Jahren von Kleidern und Caracos vornehmlich in einem Fourreau Zuschnitt hin zu den Chemisen mit Coulissen, führte zu einem Accessoire, welches den Anzug der Damen auf ökonomische Weise rasch verändern konnte.
In dem heutigen Blogbeitrag möchte ich dieses Detail in der Kleidung, welches heute oft namenlos daherkommt, ein wenig beleuchten.
Es gibt sicher noch zahlreiche frühe Belege, die ich gerne nach und nach ergänzen werde. Meine Recherche beginnt sozusagen in den Kinderschuhen mit einem Bild, das leider ein bisschen an Schärfe zu wünschen übrig lässt, aber uns einen Eindruck über den Ursprung gibt.
frühe 1790er, Henri Nicolas van Gorp, Zwei Frauen mit Kind (Quelle: Balclis Auction, Barcelona via Invaluable)
In der Mitte des Bildes ein Kind, welches die ersten unsicheren Schritte tut und dessen Stürmen und Drängen von der Mutter oder Verwandten oder Bediensteten mit einem Seidenband oder auch Gängelband gemäßigt wird.
Wir sehen nur das Ende des Bandes in der Hand der Dame, ein kleiner Kragen verdeckt die Sicht, aber diese Art der Bänder finden sich bald auch in der Modewelt der Damen wieder und was hier in der Hand einer Aufsicht endet, verliert sich dann in losen Schärpenenden oder Schleifen.
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| 1791, Adélaïde Labille-Guiard, Potrait Julie Candeille (Quelle: Wikipedia Commons) |
Die Dame trägt das breite gebundene Seidenband über die Schulter und vermutlich im Rücken gekreuzt nach vorn mit einer Schleife, und kappt damit die Vorstellung es als Gängelband zu nutzen.
Ein frühes Portrait aus Frankreich ist gefunden, allerdings schweigen die bekannten Quellen wie z.B. das Journal de la mode et du goût (1790-1793) über eine namentliche Bezeichnung oder gar eine Abbildung.
Erstaunlicherweise hat das Kind der Mode im Journal des Luxus und der Moden im Jahr 1794 dann einen Namen gefunden.
Nicht etwa in französischer Mundart oder in seinem ursprünglichen Gebrauch als Gängelband, sondern die komplette Tracht erhielt eine neue Bezeichnung:
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| 1794, Journal des Luxus und der Moden, Dezember, Modenneuigkeiten, Seite 604ff (Quelle: ThulbJena) |
Transkription (markierter Text):
[...]Hier sieht man noch fast allgemein die beliebten und sogenannten Strupf-Kleider, eine Art von Chemisen mit Zügen, die fast wie Schlafröcke aussehen, mit ganz kurzer oder vielmehr mit gar keiner Taille, und einer Band-Schärpe gebunden, die oben über die Achseln weg, vorn unter den Armen durch, dann kreuzweise über den Rücken, und um die Taille läuft. [...]
Das Strupf-Kleid.
Zugegeben ist der Name ein wenig sperrig und vielleicht liest man ihn deshalb sonst nirgendwo in der Literatur rund um Mode.
Sein Urprung liegt im Wort Strupf/Strippe (Quelle: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm über Wörterbuchnetz) und bezeichnete ab dem 14.Jahrhundert einen geknoteten Riemen oder eben ein Band.
Geschuldet ist die Namenswahl wohl der Abkehr von allem Französischen nach den Geschehnissen in Frankreich und Paris 1793.
Schon im darauffolgenden Jahr begegnet uns die Mode wieder gedruckt in London in Heideloffs Gallery of Fashion, aber nicht mehr als Strupf-Kleid, sondern in französisch und sich zurückbesinnend auf den Ursprung dieser Mode.
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| 1795, Gallery of Fashion, Morning Dress April (Quelle: Bunka Gakuen) |
Im beigefügten Text wird das kreuzweise über den Rücken gebundene lila Band als Sash à l`enfantine bezeichnet. Also eine Kinder Schärpe.
Ende des Jahres erscheint dann in Berlin die Kopie des londoner Journals unter dem Namen Moden-Gallerie von Friedrich Nitze & Comp.
Und auch hier wird das Strupf-Kleid mit dem klingenden französischen Namen vorgstellt:
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| 1795, Moden-Gallerie, Friedrich Nitze, Berlin, Fig.32 (Quelle: googlebooks) |
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In der Zeit um 1795 begegnet uns die ökonomische Mode dann auch auf vielen Portraits.
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| ca.1795, Jean-Francois-Marie Huet-Villiers, Dame an Tischchen mit Blumenstrauß, Paris (Quelle: The Tansey Miniatures Foundation) |
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| ca.1795, Jacob Röngren, Dame in weißem Kleid, Finnland (Quelle: The Tansey Miniatures Foundation) |
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| ca.1795, Frederic Dubois, Dame in gepunktetem Kleid mit roten Bändern (Quelle: The Tansey Miniatures Foundation) |
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| ca.1795, Pierre Paul Prud'hon (Quelle: Wikiart) |
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| vers 1795, Henri Pierre Danloux, Madame de Polastron, Lot 638 Auction 2023 Collection Hubert Guerrand-Hermes (Quelle: Sotheby's) |
Obwohl der Text vom Strupf-Kleid bereits im Dezember 1794 im Journal des Luxus und der Moden erschien, erhielten die Leserinnen erst im März 1796 erstmals einen Modekupfer mit dem gekreuzt gebundenen Band.
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| 1796, Journal des Luxus und der Moden, März, Tafel.7 (Quelle: Thulb Jena) |
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| 1796, Journal des Luxus und der Moden, März, Modenneuigkeiten aus Frankfurt, Seite 165 ff.(Quelle: Thulb Jena) |
Transkription (markierter Text):
[...]Als Scherpe trägt sie ein goldfarbenes Atlasband, das sich hinten um die Schultern kreuzt, und zur linken Seite zierlich aufgebunden ist[...]
Keine Rede mehr von einem Strupf-Kleid, überhaupt bleibt die Mode mit den Schärpen auch in den weiteren Modekupfern weitgehend namenlos.
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| 1796, Journal des Luxus und der Moden, April, Tafel 10 (Quelle: Thulb Jena) |
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| 1796, Journal des Luxus und der Moden, April, Modenneuigkeiten aus Deutschland, Seite 215 ff (Quelle: Thulb Jena) |
Transkription (Markierter Text):
[...]An dem weißen Kragen der Chemise sind zu beyden Seiten weiße Bänder, die über die Achseln gelegt sind, sich vor der Brust kreuzen, um die Taille laufen, und an der Seite leicht geknüpft werden[...]
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| 1796, Journal des Luxus und der Moden, Juni, Modekupfer Tafel 16 (Quelle: Thulb Jena) |
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| 1796, Journal des Luxus und der Moden, Juni, Modenneuigkeiten aus Leipzig, Seite 323ff (Quelle: Thulb Jena) |
Transkription (Markierter Text):
[...]Eine besondere Wirkung thut das breite, weißseidene Band welches sich auf der Brust vorn und hinten unter den Schultern kreuzt, und in den Gürtel von eben diesem Bande mit einer Schleife verliert. Ihre schönen Leserinnen begreifen übrigens gewiß auch ohne meine Erinnerung, daß diese Tracht nur für ganz jugendliche Personen schicklich und putzend sey, da besonders das doppelt sich kreuzende Band ein gewisses air enfantin giebt, das bey Personen von einem etwas reiferen Alter nicht mehr so gut ansehen will[...]
Und endlich taucht wieder eine vage Verbindung zum Ursprung enfantin bei dem Modeaccessoire auf, das laut der Modeberichterstatter und Herausgeber des Journals der Jugend vorbehalten ist.
Und in Frankreich? Viele Belege in Gemälden gibt es und dann mit dem Erscheinen ab 1797 und in den Jahren bis 1799 taucht die Mode im berühmten Journal des Dames et des Modes endlich als Beleg auf.
Zunächst erscheinen die Schärpen im Revolutionsjahr 6 und 7 als angenähter Teil des Körpers (Oberteil) der Kleider. An dieser Stelle bedanke ich mich für einen Hinweis: die Kleider mit ausschließlich roten Bändern erhielten zu jener Zeit den Namen à la Victime, wie im ersten Kupfer der folgenden Auflistung zu sehen. In späteren Erwähnungen und bei anderen Farbakzenten wählte man lediglich die Bezeichnung Ceinture Croisée.
| An6, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.37 (Quelle:{bnf Gallica) |
| An7, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.74 (Quelle:{bnf Gallica) |
Aber dann scheint der Siegeszug der Mode nicht mehr aufzuhalten zu sein und die Schärpe taucht immer wieder in vielen verschiedenen modischen Variationen auf.
| An7, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.75 (Quelle:{bnf Gallica) |
| An7, Journal des Dames et des Modes, Costume parisien No.78 (Quelle: {bnf Gallica) |
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| An7, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.98 (Quelle: Bunka Gakuen) |
| An7, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.140 (Quelle:{bnf Gallica ) |
| An8, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.244 (Quelle:{bnf Gallica ) |
| An8, Journal des Dames et des Modes, Costume Parisien No.246 (Quelle:{bnf Gallica ) |
Auch die deutsche Ausgabe des Journal des Dames et des Modes, in Frankfurt erschienen, veröffentlichte die Mode in einem ihrer ersten Hefte im Jahr 1797 nicht mehr unter dem Namen à la Enfantine, sondern mit der Bezeichnung à la Victime, nach dem Vorbild der französischen Publikation Mésangères.
Auch hier sind die Bänder in dem bezeichnenden Rot wie Blut.
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| 1797, Journal des Dames et des Modes, Frankfurter Ausgabe, Tafel 9 (Quelle: Librairie Diktats) |
Ob nun wie in frühen Jahren und in einer breiten Farbpalette als Chemise et sash à l`enfantine, in Deutschland als Strupf-Kleid oder ab 1797 in roter Schärpe als à la Victime, das Accessoire setzt einen schönen Akzent in der Mode nach 1790.
Ökonomisch und modisch zugleich.






















Was für ein toller Blog-Artikel! Und die vielen wunderbaren Bildquellen... Da möchte ich doch auch gleich kreuzweise Bänder Binden! :-)
AntwortenLöschenVielen lieben Dank! Ich lieb's, wenn sich ein konkreter Begriff für ein Kleidungsstück oder eine Mode findet und vielleicht stolpere ich ja doch noch einmal über eine weitere Textstelle über das Strupf-Kleid! Die Liste der Bilder kann sicherlich noch ergänzt werden, mir war es dabei wichtig, die Jahre der Enstehung dieses Modetrends zu beleuchten.
LöschenIch versuche mir gerade zu überlegen, wieviel Zeit in die Recherche zu diesem Artikel geflossen sein muss...meinem Gefühl nach stecken da Stunden an Arbeitsaufwand drin. Vielen herzlichen Dank für's Teilhaben-lassen. Für mich sehr interessant, wie klug frau sich in dem Spannungsfeld zwischen Sparsamkeit und dem Wunsch nach attraktivem, modischen Aussehen positionierte!
AntwortenLöschenVielen Dank für die freundlichen Worte! In diesem Fall war ich sehr glücklich endlich über einen deutschen Begriff für diese Mode gestolpert zu sein. Heute konnte ich den Artikel dank eines Hinweises noch um den Begriff "à la Victime" ergänzen, wirklich abgeschlossen sind die Recherchen ja nie und es gibt immer wieder spannende neue Erkenntnisse.
LöschenDie Mode "à la victime" schien mir immer eine recht makabere Methode der Traumaverarbeitung. Allerdings brachte ich die gekreuzten Bänder damit gar nicht in Verbindung, sondern eher die hinten gekürzten bzw. hochgenommenen Haare und das rote Band/Tuch um den Hals. Einfach einen Ticken geschmacklos, finde ich...
AntwortenLöschenVielen Dank für den Kommentar und ja, die Einstellung, das es irgendwie fragwürdig anmutet, teile ich. Zunächst hatte ich zu meiner großen Freude den deutschen Begriff Strupf-Kleid entdeckt und daraufhin nachgeschaut, ob sich frühere Begriffe im französischen finden (bis lang bin ich nicht fündig geworden), allerdings habe ich englische und deutsche Begriffe in französisch als a la enfantine erst nach 1794 entdeckt. Allein im just neu erschienen Journal des Dames et des Modes erscheint dann 1797 niedergeschrieben der Begriff a la victime...die Veränderung der Begrifflichkeit ist zwar interessant, aber der Begriff selbst, uff...Sicherlich ist da noch viel Raum für weitere Recherchen.
LöschenIch lerne bei der Lektüre Deiner Beiträge immer dazu. Vielen Dank für diesen Einblick in Deine Recherchenarbeit! Dass das Bildnis der Adélaïde Labille-Guiard von Julie Candeille von 1791 datieren soll, scheint mir vor dem Hintergrund der Modekupfer dieses Jahres, die noch keine so hohen Taillen zeigen, allerdings wenig plausibel. Ob das Jahr tatsächlich auf der Rückseite der Leinwand steht? Jean-Gatien Heurteloup
AntwortenLöschenVielen Dank für Deinen Beitrag! Ich habe auch mit der Datierung gehadert und hätte es ein paar Jahre später eingeordnet. Eine ausführliche Analyse würde sicherlich einen weiteren kompletten Blogbeitrag füllen...ich bin mir immer unschlüssig, ob ich in einem solchen Fall das Datum übernehmen soll oder ohne Zusatz eine grobe Einschätzung wie "um 1791" geben sollte...leider befindet sich das Portrait in Privatbeseitz und es gibt keinerlei Angabe wie die Datierung zustande kam. Vielen Dank für Deinen wichtigen Einlass in diesem besonderen Fall!
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