Montag, 23. November 2015

Vernet's 1814 Merveilleuses & Incroyables: Chapeau de Paille d'Italie

Mal ehrlich, häufig sind es doch gerade die Details, welche uns für ein bestimmtes Kleidungsstück gewinnen. Und im Bann der Begeisterung findet man sich nicht selten geblendet von dem wahren Ausmaß der Arbeit.
Als ich die Modekupfer Vernets betrachtete war es der Hutschmuck aus weißen Lilien, der mir eifrig Sand Blütenstaub in die Augen streute, anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mir ausgerechnet ein Kleid mit Stickerei und einem Strohhut ausgesucht habe.
Es waren die Lilien, die mich an ein Bund weißer Amaryllis erinnerten, welche in seidener Form vor vielen Jahren von meiner lieben Freundin Linda in mein Haus kamen und seither neben den Hüten in meinem Nähzimmer ihren Platz fanden.
Lilien hin oder her, diese gewagte botanische Freiheit wollte ich mir gönnen.
Erst dann fiel mein (zugegeben entsetzter) Blick auf den Strohhut selbst:
Chapeau de Paille d'Italie.
Und wie ich bald herausfinden sollte, war dieses Italienische Stroh von allerfeinster Qualität. Glücklicherweise hatte ich noch eine Restkrone (Hutdeckel und etwa 10 Reihen) und Strohband von einem alten Hut in dieser Qualität, aber das reichte bei Weitem nicht, also bestellte ich noch weitere Meter in feinster Ausführung dazu.
Honestly, it's often a certain detail that catches our attention for a garment. And exactly this excitement sometimes blinds our eyes for the real amount of work.
When I looked through the Vernet fashion plates it was the decoration of white lillies, which bedazzled me, I can't offer another explanation, why I've chosen a dress with plenty of embroidery and a straw hat.
Those lillies reminded me of a bunch of silk amaryllis, which was given me years ago by my dear friend Linda and which was placed ever since on a shelf in my sewing room next to my hats.
Lillies, of course, but I was determined to commit this botanical faux pas.
And then I noticed (with slight horror) the straw hat itself:
Chapeau de Paille d'Italie.
Soon I realized that italian straw was always of finest quality. Luckily I had an old hat's remnant (straw hat's toplid and about 10 rows attached) and straw braid, but that wasn't enough by far. I've ordered more of the finest and most tedious variety.

Aber wie sah es damals bei den Hutmachern aus? Meine Quellen verrieten, dass das Flechten des Strohs, welches in bester Qualität von Sommerweizen gewonnen wurde, und das Nähen der Hüte zumeist von Frauen auf dem Land getätigt wurde. Manche Dörfer hatte sich auf dieses Handwerk spezialisiert und in beinah jedem Haus dort fand man eifrige Frauen vor. Unterschieden wurden Landhüte von einfacher Ausführung und Hutstroh für die Modehüte.
How do we have to imagine the work of a straw hat maker? My sources revealed, that it was most common that the braiding of the straw - the finest quality was made of summer's wheat - and sewing of hats was done by female workers of the country sides. Some villages specialized on straw hat making and nearly in ever house women were busily braiding straw. For country straw hats in common quality as well as for fashionable hats.
1818, The book of English Trades (Quelle/source: googlebooks)
 Und wie wurde ein solcher Hut genäht?
And how was such a hat stitched?
1806, G.C. Bohns Waarenlager (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Bei der Verfertigung der Hüte näht man die Strohflechten einzeln zusammen, und zwar so, daß die Nadel ringsherum unter den Maschen am Rande hinfährt. Den Kopf verfertigt man auf einem hölzernen Modell. Soll der fertige Hut weiß beiben, so schwefelt man ihn noch einmal in einer Trommel;
Translation:
The manufacture of hats is done by sewing the straw braids together by poking the needle along the loops on the edges. The crown is made on a wooden model. If the hat should remain white, it is sulfurated a second time in a barrel;

Leider verrät mein Modekupfer nur in einer Andeutung die tatsächliche Form des Strohhutes. Ich ließ mich bei der Ausführung daher durch einen anderen Modekupfer aus dem Jahr 1813 inspirieren.
Unfortunately my fashion plate leaves hardly any clues on the shape of the straw hat. I looked for inspiration in another fashion plate of the year 1813.
1813, Costume Parisien No.1318, Journal des Dames et des Modes (Quelle/source: sceneinthepast)
Zunächst fertigte ich ein Model aus Pappe und gestärktem Stickleinen. Da ich weder ein geeignetes Holzmodel, noch mir eine freihändige Ausführung der feinen Arbeit zugetraut habe, nutzte ich das Modell aus Stickleinen später als Unterkonstruktion, wobei auch der Schirm aus Stickleinen gefertigt wurde.
First I made a model of cardboard and stiffened embroidery linen. As I neither have a suitable wooden model, nor the skill to stitch the braid free hand, I used the embroidery linen as a base. I also did the brim of embroidery linen, closely following the paper modell.

 
Die Krone mißt 17.5 Zentimeter und entspricht dem Verhältnis der Länge zur Krempe, wie sie auf dem Costume Parisien Modekupfer angegeben ist.
The crown measures 17.5 centimetre according to the lenghts of the brim, as shown in the Costume Parisien fashion print.

Ich habe die beiden Hutteile getrennt bearbeitet. Bei der Krempe habe ich am äußeren Rand begonnen, da zur Krone hin die Strohbänder später nicht mehr komplett herumführen, sondern angesetzt werden.
I worked on the pieces seperately. I started on the edge of the brim, because the closer you get to the connection to the crown, the braid doesn't lead entirely around the brim anymore, but has to be pieced.

Der untere Rand des Stickleinengerüsts ist mit Hutdraht verstärkt. Das Gerüst selbst ist sehr leicht und da der Hut im Modekupfer gefüttert ist, sieht man diese Nähhilfe später nicht mehr.
Der komplette Hut hat ca. 40 Meter Hutstroh verschlungen.
The edge of the embroidery linen was enforced with a wire. The linen itself is light weight and as the hat on the Vernet plate is lined, the sewing aid won't show.
The complete hat needed approx. 40 metres of straw braid.

...und herum und herum und herum. Ich weiß gar nicht wie oft ich nicht nur das Stroh, sondern gleich auch den Finger erwischt habe...
...and round and round and round. I can't count how many times I not only pierced the straw, but also my fingers...

...nach nur einem Hut ist meine Verehrung für die damaligen Handwerkerinnen um ein vielfaches gewachsen.
...after only one hat my appreciation for the period artisans has at least tripled.

Der Übergang von Krempe zu Krone. Meine Stiche sind nicht immer ganz so sauber, wie in Bohns Waarenlager beschrieben...
The connection of crown and brim. My stitches weren't as neat as those described in Bohn's Waarenlager...

...aber schließlich hatte ich doch einen Chapeau de Paille d'Italie.
...but finally I've made my first Chapeau de Paille d'Italie.

 Der Hut wird nun noch gefüttert, angefeuchtet und in Form gebracht, und schließlich dekoriert...mit Amaryllis!
The hat needs to be lined, damped and pressed into shape, and decorated...with amaryllis!

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Sonntag, 15. November 2015

Die kahlen Äste des Winters

Im vergangenen Dezember erkundigte sich mein guter Freund Frank Hammerschmidt, ob ich nicht Interesse hätte, bei der Gestaltung des Covers seines geplanten Hörspiels "Die kahlen Äste des Winters" mitzuwirken. Was für eine Frage! Natürlich!
Allerdings ließ der erhoffte Schnee für das Shooting auf sich warten. Es war bitterkalt und in der Nacht vor dem Fototermin hatte es ein wenig gerieselt, zumindest hatte der Waldboden den nötigen kalten Zuckerguß.
Past December my dear friend Frank Hammerschmidt asked, whether I'd be interested to do a cover shooting for one of his planned radio plays "Die kahlen Äste des Winters" (The bare branches of winter). What a question! Sure I'd be interested!
Unfortunately the anticipated snow did not fall. It was bitter cold and during the night before the photoshoot we've had mild gushing of snow, at least the frozen ground had a soft cold sugar coat.
Copyright: Frank Hammerschmidt
Die Temperaturen lagen unter null Grad Celsius und zumindest die Äste der Bäume waren kahl, wie es der Titel des Hörspiels verlangte.
Temperatures had dropped below zero degrees Celsius and the branches of the trees were bare indeed, like mentioned in the title of the play.

Copyright: Frank Hammerschmidt
Ich hatte mein 1813 Winter Habit nach dem Belle Assemblée herausgesucht und darüber noch meine 1814 Costume Parisien Redingote.
and on top the 1814 CostumeParisien Redingote.  
 
Copyright: Frank Hammerschmidt
In die wärmenden Kleider eingemummt, mußte ich nur noch durch die Furchen im Wald laufen. Einige Bilder mit der Redingote und einige ohne...
Wrapped up in the warm clothes, I was asked to run through the woods.
A few pictures were taken with the Redingote a few without...
 
Copyright: Frank Hammerschmidt
Copyright: Frank Hammerschmidt
Copyright: Frank Hammerschmidt

 Das letzte Bild wurde es dann schließlich. Herbert Ahnen setzte es als Cover für das Hörspiel um.
The last picture was finally chosen. Herbert Ahnen designed the cover for the radio play.

Coverdesign copyright: Herbert Ahnen
Es dauerte etwa ein Jahr bis Franks Skript "Die kahlen Äste des Winters" umgesetzt wurde.
An diesem Wochenende feierte das Hörspiel bei HoerTalk Premiere.
Hört unbedingt mal rein, gerade beim Nähen ist so ein Hörspiel ein ausgezeichneter Begleiter!
It took about one year from script to premier.
This weekend it was introduced at HoerTalk.



Montag, 9. November 2015

Vernet's 1814 Merveilleuses & Incroyables: par dessus à la chinoise

Die vergangenen Tage habe ich mit dem Erstellen des Schnittmusters, Zuschnitt und Nähen verbracht.
Glücklicherweise ist das par dessus à la chinoise von der Schnittführung recht schlicht, lediglich die Verzierungen sind aufwändig. Der Rock mißt in der Länge ca. 75 cm und hat einen Saumumfang von ca. 1.60m. Die Kante ist in die namensgebenden chinesischen Bogen zugeschnitten. Im Rücken sitzt es nur leicht gekräuselt.
Vernet hat nicht nur die hochmodische Variante veröffentlicht, sondern auch noch ein gemäßigtes Kleid in ähnlichem Stil im Jahr 1813 im Journal des Dames et des Modes vorgestellt.
I've spent the past days with patterning, cutting and sewing.
Luckily the par dessus à la chinoise is easy to draft, only the embellishment is a bit challenging.
The skirt measures about 75 cm in lenght and has a circumference of less than 1.60 m. The hem is cut in the so-called chinese scallops. The back is only very slightly gathered.
Vernet did not only publish this highly fashionable variety, but also a more modest version in a similar style in an 1813s issue of Journal des Dames et des Modes.
1813, Costume Parisien No.1324 Pardessus de perkale, Robe de perkale (Quelle/source: sceneinthepast)
Wer denkt, dass es nur schlichter geht, verkennt allerdings die Experimentierfreudigkeit unserer Vorfahren, denn es gelang ihnen auch meisterlich Moden auf die Spitze zu treiben und zu karikieren.
But there's not only the direction to more plain varieties. Never underestimate our ancestor's joy of creating, they were ingenious in coming up with brave fashion ideas and caricatures.

1813, Le Bon Genre No. 60 Une Chinoise de la Chausée d'Antin (Quelle/source: Deutsche Digitale Bibliothek)
Mein Kleidungsstück ist folglich irgendwo zwischen diesen beiden wundervolen Kupfern angedacht.
Nachdem ich also das par dessus aus weißer Baumwollperkale zusammengenäht hatte, fiel mir auf, dass die kleinen Wimpelverzierungen nach meinem Geschmack zu dominant ausgefallen sind.
Der erste Schritt war, die Einfassungen zu überarbeiten.
My garment is somewhere in between these two amazing fashion plates.
After assembling the par dessus from white cotton perkale, I realised that the pink buntings were way too dominant for the overall look.
I decided to work on the tape again.

Ich habe das Einfassband noch einmal gefaltet und auf der Rückseite angenäht.
I folded the tape to the inside and stitched it down. 

Im Vergleich
A comparison

Vorderseite und Rückseite der Wimpel. Die überlappenden Enden dienten dann im nächsten Schritt dazu die Troddeln zu halten. Die Fäden der Troddeln wurden in 5er Einheiten (jede Troddel besteht aus insgesammt 20 Fäden, die in der Mitte umgelegt wurden) direkt um diese Enden drapiert, angenäht, umgeschlagen und abgebunden.
Front and back of the buntings. The overlapping ends of the trim served as base for the tassels. The threads of the tassels - each bundle counts 5 threads (each tassel is made of four such bundles, which are then folded in the middle after attaching), which is directly sewn to the overlapping ends, stitched down, folded and then bound into the appropriate shape.

Die Troddeln befinden sich am Gürtel, der Kragenzier und am Saum des Rocks. Die Troddeln haben jeweils eine unterschiedliche Länge. 
The tassels sit on the belt, the collar and the hem of the skirt. Depending on their place, they come in three different sizes.


Der Rock erhielt oberhalb der Bögen zusätzlich eine Stickerei, die sicherlich aufgrund meiner mangelnden Fertigkeit schlichter ausgefallen ist als auf dem Modekupfer dargestellt.
The skirt also has some embroidery above the scallops, which might have turned out less elaborate as shown in the fashion plate, due to my minor embroidery skills.

Nanu! Was liegt denn dort auf Stuhl und Kommödchen? Das sieht aus wie diese neumodischen Geckereien der Pariser Journale.
Hey! What is lying there on the chair and drawer? Looks like this highly fashionable frippery from the parisian journals.

Ein bisschen kurz geraten! Und ach, wie vorlaut scheint der Saum! Das mag in Paris die neueste Mode sein, aber hier wird es sicherlich für Spott sorgen...
A little short! Oh dear, look at the hem! This might be a thing in Paris, but over here it will cause quite some ridicule...

Welcher Hut dazu wohl passen mag?!
What kind of hat will match such dress?!

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Sonntag, 1. November 2015

herbst|blät|tern (verb)

Wenn die Tage wieder kürzer werden und es draußen so richtig ungemütlich wird, gibt es doch nichts Wunderbareres, als es sich auf der Couch behaglich zu machen. Möglichst mit einem warmen Getränk, einer Katze und einem guten Buch - herbstblättern eben!
When the days get shorter and the weather outside gets nasty, what can be more appealing than getting yourself installed on a couch. Preferably with a hot beverage, a cat and a good book - simply autumn-leafing!

 
Glücklicherweise überschneidet sich das Fallen der Blätter draußen mit den Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
Vor wenigen Wochen hat Kelly Anne Swallow ihre wundervolle Sammlung von Originalen aus der Zeit um 1800 bis in die 1830er in einer dreibändigen Ausgabe veröffentlich. Um die Lektüre zu vervollständigen gibt es noch als kleinen Appetithappen, ein Taschenbuch mit einer Zusammenfassung.
Luckily the falling of the leaves outside and new publications in the book market overlap.
Few weeks ago Kelly Anne Swallow has published her amazing fashion collection, ranging from the early 1800s to the 1830s, in three volumes. To complete the reads she also added an appetizing pocket book as summary.


Viele meiner Leser werden ihre erstaunliche Sammlung sicher schon von ihrem pinterestboard kennen. Ich freue mich besonders, dass sie den Schritt zur Veröffentlichung gewagt hat, denn ihre Kleidungsstücke sind wirklich spannend. Und genauso spannend sind ihre vier Bücher.
Many of my readers will probably be already familiar with her beautiful collection via her pinterest board. I am really excited, that she now has published, because the garments are highly interesting.
And so are the four books.

Ein jedes kommt mit einer kurzen Einführung, einem vergleichenden Modekupfer, vielen Fotos, Deatilfotos und den Maßen des Originals. Ursprünglich als persönliche Bibliographie ihrer Stücke gedacht, dienen die Ausgaben nun auch als Fundgrube für jeden Interessierten.
Each one comes with a short introduction, a comparing fashion plate, many photos, detailed shots and the measurements of the original. Originally intended as personal bibliography of her collection, now everyone is invited to peruse the books.

Auszug: Regency Fashion: taking a turn through time, Volume III Ladies Accessories (copyright: Kelly Anne Swallow)
Besonders interessant ist das kurze Kapitel über die Zeichen des Alters, wo Beschädigungen und Änderungen der Stücke aufgeführt sind.
My favourite chapter is the appendix "evidence of age", where the wear and tear through times is shown.

Die vier Bücher können direkt über blurb bestellt werden und ich hoffe, dass werden sie reichlich, damit Kelly ihre eindrucksvolle Sammlung noch um viele Stücke erweitern kann:
The four books can be ordered directly via blurb and I hope many will decide to do so, thus Kelly will go on and add new pieces to her unique collection and oulish more:

Und wer noch mehr Lesestoff benötigt, für den bietet Cassidy Percoco ihr neues Buch 
Bei diesem Buch liegt der Schwerpunkt auf der Analyse einiger ausgewählter Museumsstücke. Zu jedem gibt es eine Schnittzeichnung, die in ein Schnittmuster umgewandelt werden kann.
And for those, who demand even more reading material, Cassidy Percoco has just released her new book 
This book emphazises on the analysis of some selected museum's pieces. Every garment comes with a downsized pattern, which needs to be turned into a fitted pattern.

Einen interessanten Titel in Deutsch gibt es auf dem Blog Suschnas Textilen Geschichten.
Seit Ende Oktober ist nämlich ihre eigene Veröffentlichung
"Verflixt und Zugenäht - Textile Redewendungen gesammelt und erklärt" 
erhältlich.

...also, viel Vergnügen beim Lesen :)
...well, enjoy reading :)

Sonntag, 18. Oktober 2015

Vernet's 1814 Merveilleuses & Incroyables: Oberteil par dessus

Weiter geht's mit der Umsetzung von Vernets Modekupfer.
Nachdem der Unterrock fertiggestellt war, begab ich mich an die Herstellung eines Schnittes für das Oberteil des par dessus. Das Oberteil sitzt recht weit auf den Schultern und die Front ziemlich hoch, aber nach zwei Probestücken hatte ich dann schließlich auch einen Papierschnitt für die Dokumentation und künftige Projekte.
Progress on the interpretation of Vernet's fashion plate.
After I had done the petticoat, I was busy drafting a pattern for the bodice of the par dessus. The bodice sits on the very tips of the shoulders and the front is cut quite high, but after two mock-ups I finally had a working paper pattern for the documentation and future projects.
Das Vorderteil (mit Änderung) und das Seitenteil
The front (with alterations) and the side piece

Das Rückenteil in zweifacher Ausführung, einmal für den eigentlich Stoff und einmal für das Futter. Bei diesem Schnitt werden nur Rücken und Seitenteil gefüttert.
The back pattern comes in two different pieces, one for the outer fabric and one for the lining. This par dessus will only be lined in the side and back.

Der Ärmel
The sleeve

Und so schaut das Oberteil dann in der Umsetzung aus:
And this is how the bodice looks after assembling the pieces:
von vorne...
the front...
...und von hinten. Man erkennt die losen Enden des Futters, die später mit Nadeln zusammengehalten werden.
...and the back. The back lining remains loose and is later closed with pins.

Das Oberteil selbst ist außergewöhnlich schlicht gehalten, wie bei vielen Kupfern der Serie sind es erst die Details, welche das Kleid in einen Hingucker verwandeln.
In diesem Fall ein Gürtel und eine lose Kragenzier in einem lebhaften Pink.
The bodice seems unsually plain, but as it is the case with many plates of the series, it's all in the details. The decoration turns a plain dress into an eye-catcher.
Here it's a belt and a loose collar addition in a vibrant pink.

Die kleinen Wimpel werden noch mit Troddeln in der gleichen Farbe verziert und später von einer Gemme vor der Brust zusammengefasst und gehalten.
The tiny buntings will get tassels in the same colour. They will be held by a cameo in the front.

Jeder Bogen wird mit eigens gefertigtem Einfassband verziert.
Each bow is bound with self made bias tape.

Gürtel und Kragenzier sind ein wenig unterschiedlich in der Größe
The belt and the loose collar are only slightly different in size.


Im nächsten Schritt wird das Rockteil hergestellt. Dabei spielen pinkes Einfassband, pinke Troddeln und ein wenig Stickerei in Pink ebenfalls eine große Rolle.
The next step involves the skirt. Once again pink bias tape, pink tassels and embroidery in pink will play a major role.


Samstag, 10. Oktober 2015

Man nehme Oblaten...

Nein, es folgt mitnichten ein Rezept für winterliches Backwerk, denn die Oblate hatte damals durchaus noch einen anderen Zweck.
Neben der Kleidung aus der Zeit um 1800, interessiert mich auch sehr Ephemera aus vergangenen Tagen, die trotz ihres wortwörtlichen Eintagsfliegendasein überdauert hat.
Ein besonderer Genuss ist daher der regelmäßig Besuch auf Lady Smatters Seite Her Reputation for Accomplishment.
Hier war es auch, wo ich vor einigen Wochen ihrem wundervollen Beitrag über sogenannte Brief-oder Siegeloblaten entdeckte.
Mein Interesse war geweckt, denn ich wollte unbedingt herausfinden, ob die Oblaten auch im deutschsprachigen Raum verwendet wurden.
You'll need wafers...
No, there won't follow a recipe for winter's baked goods, because wafers had another important purpose back then.
Next to the history of clothes around 1800, I'm also very interested in ephemera from bygone days, which have survived despite their literally mayfly existence.
A real treasure in this regard is my regular visit to Lady Smatter's blog Her Reputation for Accomplishment
This was also the place, where I discovered the mention of letter or sealing wafers some weeks ago.
I was hooked and was determined to find whether these were in use in German-speaking areas as well.

1836, Österreicherisches Wochenblatt für Industrie, Gewerbe, Handel und Hauswirthschaft (Quelle/source: google books)
Transkription:
Man unterscheidet Kirchen-,Tafel-, (oder Backoblaten zur Unterlage verschiedener feiner Bäckereien) dann Mund- oder Siegel-Oblaten; letztere scheinen zu Ende des sechzehnten Jahrunderts in Gebrauch gekommen zu sein, sind aber erst zu Ende des 18. Jahrhunerts häufiger zum Briefsiegeln angewendet worden, insbesondere haben sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts den Gebrauch des Siegellacks bei den Handelsbriefen verdrängt.
Translation:
We distinguish church-, plate-, (or baking wafers as base for different bakery goods) then mouth or sealing wafers; the latter seem to come into use in the 16th century, but become more widely spread as seals not before the 18th century, especially at the beginning of the 19th century they replaced seal wax for business letters.


Neben diesem Rückblick aus den 1830er Jahren, findet sich in Gottfried Christian Bohns Waarenlager noch ein interessanter zeitgenössischer Beitrag zu den Oblaten.
Apart from this 1830s article, we find a more period article on wafers in Gottfried Christian Bohns Waarenlager.

1806, Gottfried Christian Bohns Waarenlager (Quelle/source: googlebooks)

Transkription:
Die Mund- oder Siegeloblaten, welche zum Briefsiegeln dienen, werden durch Stecheisen aus den großen Tafeln ausgetochen und in Schachteln verkauft. Die verschiedenen Farben derselben wird beim Einrühren des Teiges (Anmerk.: ein Weizenmehl/Wassergemisch) beigemischt.
Zur rothen Farbe nimmt man Zinnober oder Mennige, zur gelben Gummigutt, zur blauen Berlinerblau, zur grünen Bergblau mit Gummigutt gemischt, zur schwarzen einen mit Branntwein gelöschten Russ.
Durch Zusätze mit Zucker und anderen Dingen zum Teige macht man bessere Arten. Die Kirchen - und die Mund oder Siegeloblaten liefern insonderheit Nürnberg und Fürth in großer Menge von allen Sorten und Farben, sortiert in Schachteln; ferner eine Fabrik in Cassel, [...] die Siegeloblaten aber in Schachteln und Fässern Pfundweise, oder auch 4, 6, 8, 12, 16, 24 und 100 Schachteln verkauft; ferner Leipzig und Frankfurt u.m.a.
Translation:
The mouth or sealing wafers, which are used to seal letters, are cut out with iron broaches from large pieces and are sold in boxes. The different colours are added when the dough (wheatflour and water) is mixed.
For red colouring vermilion or minium, for yellow colour gamboge, for blue Berlin Blue, for green azurblue and gamboge, for black soot deglazed with brandy.
With additives like sugar and others, the dough becomes finer. The church-, and mouth and sealing wafers are especially delievered from Nürnberg and Fürth in great numbers and different colours, offered in boxes; also a factory in Cassel, [...] the sealing wafers in boxes and barrels by the pound, or in 4, 6, 8, 12, 16, 24 or 100 boxes; also in Leipzig and Frankfurt and many others 
In ihrem Bericht  "Making (and Faking) Wafers" erklärt uns Lady Smatter ausführlich, wie man die kleinen Oblaten herstellt.
In Ermangelung eines feinen Backeisens, habe ich mich für den einfachsten Weg entschieden und mir grünes Esspapier mit Apfelgeschmack und Backoblaten gekauft. Erstere haben leider nicht bis zum Versuch überlebt, denn ich muß gestehen, dass ich dieser sonderbaren "Delikatesse" aus Kindertagen absolut verfallen bin und man mich nicht unbeaufsichtigt damit lassen darf. Also stanzte ich meine Mund- und Briefsiegel aus Backoblaten. 
In her blogpost "Making (and Faking) Wafers" Lady Smatter gives us a thorough description how to produce these little wafers.
In lieu of a neat wafer iron, I decided for the easiest way and purchased green sugared wafers with apple flavour and baking wafers. The first unfortunately haven't survived until my first attempt was due, because I have to admit that I'm kind of addicted to the "delicacy" of my childhood days and that I should not be left unsupervised with these. Hence I punched out the little circles for the mouth and sealing wafers from the baking ones.

Wie die heutige Klebekante an unseren modernen Briefumschlägen, werden auch die Oblaten beidseitig angefeuchtet und zwischen die zusammengefalteten Seiten geschoben... 
Not very different from today's adhesive edges on modern letters, the wafers are moistened from both sides before they slide between two layers of the folded letter...


...dann vorsichtig andrücken...
...then press only very carefully...

...eine Petschaft aussuchen...
...choose a seal...

...und schließlich mit viel Druck auf die verborgene Oblate stempeln.
...and finally with lots of pressure stamp on the hidden wafer.

Und schon ist der Brief wirklich perfekt versiegelt. 
Lady Smatter hat bereits darauf hingewiesen, aber ich wiederhole nochmal, dass es wichtig ist, die Stelle, an der später die Oblate als Siegel eingeschoben wird, beidseitig nicht zu beschriften!
And then the letter is perfectly sealed.
Lady Smatter has already given the advice, but I like to repeat it here, as it is important to not write on the part were the wafer later is added! 

Zuletzt noch ein treffender Auszug aus Georg Christoph Lichtenbergs (1742-1799) Schriften über einen sehr argwöhnischen Briefeschreiber aus den späten 1770er Jahren: 
And before I end, I'd like to share an appropriate excerpt from Georg Christoph Lichtenberg's (1742-1799) texts about a very suspicious letter writer fromthe late 1770s: 

[...] Er hatte den Brief erst mit Oblaten, und obendrauf mit Lack gesiegelt, aus einer ähnlichen Absicht, wie Merkur die Grundsätze der Geometrie auf Säulen aus Ton und Erz grub. Denn ward der Brief zu nahe an den Ofen gelegt, so hielt ihn die Oblate zu, und fiel er ins Wasser, das Lack.[...] 
Auszug G.C.Lichtenbergs Sudelbuch (G220) Quelle: zeno.org 
[...] He had sealed the letter with a wafer and then on top with a wax seal, in a similar intention as Mercury did when he placed the basics of geometry on pillars of clay and bronze. Because if the letter would have been put too close to an oven, the wafer would keep it close, and in case the letter fell into water, the seal would keep everything secret.[...]
 Excerpt G.C. Lichtenbergs Sudelbuch (G220) source: zeno.org

An dieser Stelle möchte ich mich nochmals herzlich bei Lady Smatter für ihre großartige Arbeit auf Ihrem Blog bedanken - so macht Briefeschreiben fortan noch mehr Vergnügen! 
I would like to thank Lady Smatter very much for her wonderful work on her blog - this way letterwriting means even more fun!