Mittwoch, 10. April 2024

Stille (Mode-)Post durch halb Europa oder: Journal des Luxus und der Moden Oktober 1791 Rock mit gemahlter Arabesque

 Manchmal begibt man sich an Projekte, die schon jahrelang reifen und die, wenn man sie dann endlich gut gerüstet in Angriff nimmt, alles offenbaren, was einen an der Beschäftigung mit der Mode um 1800 mit Leidenschaft erfüllt: eine wirklich spannende Recherche, interessante neue Einblicke in die Fertigung von Kleidung, neue Techniken und zuletzt eine unglaubliche Prise Humor!
Bei solchen Arbeiten rückt man ganz nah an die Vorfahren heran, lacht, leidet und staunt mit ihnen.
Ich verspreche dieser Blogbeitrag hat wirklich von all dem etwas zu bieten und einmal mehr ist es eine Verbeugung vor dem Journal des Luxus und der Moden, das mich immer wieder überrascht und meine Freude über die Mode des ausgehenden 18. und frühen 19.Jahrhunderts ungebrochen entfacht.
Außerdem löse ich folgend ein weiteres Versprechen aus einem früheren Beitrag, wie im Titel erwähnt geht es abermals um einen "bemahlten" Rock! 
Genug der Lobgesänge und Andeutungen und hinein in eine hinreissende Geschichte, die sich im Jahr 1791 zugetragen hat, in der Zeit als in Paris die Konstitution der Nation durch den König besiegelt wurde.
Wenige Wochen zuvor erschien im Pariser Journal de la mode et du goût ein besonders schönes Kleidungsstück, dessen bemalter Saum die modischen Damen sicherlich in Verzückung versetzte.
1791, August, Journal de la mode et du goût, No.17 (Quelle: BnF Gallica)

Es handelt sich um den Jupe links im Bild.
Die Beschreibung erklärt ihn wie folgt:
 
1791, August, Journal de la mode et du goût, Seconde annee, No.17 (Quelle: BnF Gallica)

Ein Rock aus weißem Seidentaft, mit verziertem Saum durch aufgemalte Arabesken in verschiedenen Farben.

Die Kopie ist nicht sehr aussagestark, aber man erkennt zwei Fabelwesen vorn auf dem Rocksaum, welche eine Fackel oder ein Horn gefüllt mit Blumen halten und einen wilden Reigen an Arabesken.
Die Mode im Journal orientierte sich an tatsächlich existierenden Kleidungsstücken, die in den Pariser Straßen und Salons entdeckt worden waren.
Leider bleibt uns der Korrespondent schuldig, wo er den Rock erblickt hat und aus welchem der Pariser Ateliers er stammte.
Aber die Bekanntmachung im Heft war ausreichend, um weitere Korrespondenten anzulocken.
Nur einige wenige Wochen später im September 1791 machte das holländische Journal Kabinet van Mode en Smaak seine Leserinnen auf den schönen Rock aufmerksam.
1791, September, Kabinet van Mode en Smaak, Tweede Deel, XVIIII (Quelle: Delpher)

 Der Text - ganz weltmännisch - kam in Französisch und Niederländisch daher
1791, September, Kabinet van Mode en Smaak, Tweede Deel, XVIIII (Quelle: Delpher)


Hier zeigt sich erneut ein Fabelwesen mit buntem Arabeskenschweif. Die Frage bleibt offen, ob der Korrespondent des Kabinet van Mode en Smaak das Kleid im Original entdeckt hat oder ob er sich der Publikation seiner Pariser Kollegen bediente.
Fächer und ein federbekrönter Hut finden sich in beiden Modebildern.

Fächer, Hut und der wunderschöne bemalte Rock gelangten auch nach Mailand.
Das italienische Il Giornale delle dame et delle mode di Francia publizierte mit dem Kupfertsich Nummer zwölf (höchstwahrscheinlich ebenfalls im September) das modisch überzeugende Ensemble.
1791, Il Giornale delle dame et delle mode di Francia, Il Giornale delle nuove mode di Francia et d'Inghilterra T.XII, N.180 fig n (Quelle: Wikipedia und Rijksmuseum Amsterdam)

Erneut zeigen sich zwei Fabelwesen, die gemeinsam eine Art Fackel/Füllhorn mit Blumen halten und deren Leiber sich an der Hüfte abwärts in polychromen Arabesken verlieren.
Das Caraco der eleganten Mailänder Dame ist am Schößchen mit den selben Farben verziert.
Leider konnte ich nur den Kupfer, nicht aber den Text finden, also bleibt ungewiss, ob sich der Korrespondent der französischen Ausgabe bedient oder das Original als Vorlage verwendet hat.
 
Nach den großen Erfolgen in Paris, Amsterdam und Mailand gelangte das Ensemble in der Oktoberausgabe 1791 schließlich auch nach Weimar, zusammen mit dem Hut und dem Fächer, aber vor allem mit dem JouJou de Normandie, dem neusten Spielzeug aus Paris!
Auch heute noch ist das Ensemble bzw. der Modekupfer wohl einer der meist gezeigten, was er vor allem dem hölzernen Spielzeug verdankt.
Erst auf den zweiten Blick entdeckt man vielleicht den Saum des Rocks...
...und fragt sich:
Was war mit dem Korrespondenten los?
Was hat Georg Melchior Kraus da im Journal wiedergegeben? 
Wohin sind die zwei eleganten Fabelwesen mit den Arabeskenschweifen entschwunden?
1791, Oktober, Journal des Luxus und der Moden, Kupfertafel T30. (Quelle: thulb Jena)

Die Arabeskenschweife sind verschwunden, stattdessen wird die Szenerie von rosa und grünen Bändern gezähmt...und statt der zwei Fabelwesen, tanzt ein ganzer Reigen an - ja, an was eigentlich??? - um den Rocksaum!

1791, Oktober, Journal des Luxus und der Moden, Modenneuigkeiten aus Paris, Seite 579 ff (Quelle: thulb Jena)

Transkription (markierter Text):
[...]der Rock hat unten eine breite Bordüre von rosa und grünem Bande, und eine sehr lebhaft colorirte gemahlte Arabesque, Kinder die halb Delphin sind, und mit Fruchthörnern spielen[...]
 
Bitte was, Herr Kraus und Herr Bertuch? 
Kinder, die halb Delphin sind und mit Fruchthörnern spielen?
Statt Pariser Eleganz sehen wir pausbäckige kleine Wesen, die zwischen Kindern und Putten schwanken und Delfinflossen statt Arabesken haben...nicht nur zwei, sondern eine kleine ausgelassene Schar und ein jeder mit Fruchthorn aus dem sich Blümchen ergießen.

 Keine Frage für welche Nacharbeitung ich mich entschieden habe!
Oder?!
Wer kann diesen pummeligen und fröhlichen Wesen widerstehen? 
Und man stelle sich vor, wie eine deutsche Dame diese Modeneuheit aus Paris in Weimar oder anderswo bei einem Schneider in Auftrag gibt, es voller Stolz bei passender Gelegenheit trägt und zufällig auf eine holländiche, italienische oder französische Dame trifft!
Das ist ein so hinreissend herziger Übermittlungsfehler des Pariser Korrespondenten, dass mir ganz warm um mein Herz geworden ist...die Fertigung wurde hier am Nähtisch auch wechselnd von einem breiten Grinsen bis zu einem herzhaften Lachen begleitet.
Mitten aus dem Leben.
 
Aus dem Text des Journal des Luxus und der Moden erfährt die eifrige Leserin, dass der Rock aus weißem Pecking gefertigt ist. Dieser sehr glatte, dichte und nicht sonderlich glänzende Seidenstoff war auch unter dem Namen Pequin oder Pekin bekannt.
1806, Gottfried Christian Bohns Waarenlager, Zweiter Band M-Z, Hamburg (Quelle: google)

Transkription:
[...]Pequins, glatte oder gestreifte chinesische Seidenzeuge, welche durch den Holländisch-und Dänisch-Ostindischen Handel nach Europa kommen. Durch letzteren erhält man insonderheit glatte 22 bis 22 1/2 Kopenh.Ellen lang und 1 1/3 breit, die im Kaneling von 10 Stück verkauft werden. Außerdem kommen vor: glatte vierdrähtige, glatte und gestreifte sechsdrähtige, und glatte achtdrähtige von verschiedenen Sorten. Man verfertigt diese Zeuge jetzt auch in Creveld und in verschiedenen deutschen Manufakturen[...]

Leider habe ich derartiges Seidenzeug nicht in meinem Vorrat, also wich ich auf einen sehr glatten, dünnen und dichten Baumwollstoff aus.
Aus diesem fertigte ich auch die dargestellten und beschriebenen Bänder, welche den Delphin-Kind-Fruchthorn-Reigen am Saum im Zaum halten. Es ist ausdrücklich von Bändern die Rede und nicht etwa aufgemalten Streifen.
Die Bänder sind in den Farben Rosa und Grün gehalten, eine - wenn nicht gar DIE beliebteste Farbkombination in den 1790er Jahren.
Die Bänder messen etwa 2 bis 2 1/2 Zentimeter in der Breite. Aus Mangel an Stofffarbe habe ich ein wenig Acrylfarbe angerührt bis ich den passenden Farbton hatte und diesen anschließend mit Wasser aufgekocht.

Ich benötigte etwa drei Farbgänge, um die Farbe zu erlangen, die dem Original und meinen Tuschefarben nahe kommt.

Nach dem Färben und Bügeln erfolgte der Zuschnitt.

Die drei oberen Reihen am Saum habe ich vor dem Aufnähen mit Handnaht verbunden. 
Ich liebe dieses Farbspiel, das die Laune gleich hebt!

Nach der Auswahl der Stoffe und Farben folgte die Umsetzung der Vorlage für die "Bemahlung".
Auf dem kleinen Kupfer sind Details manchmal nicht wirklich deutlich zu erkennen, allein die fröhlichen Gesichter, die wilden Haarschöpfe und die rosa Pausbacken sollten meine Delphin-Kinder ebenfalls haben.


Wie zuvor schon bei der Stoffauswahl erlaubte ich mir ein paar kleine Freiheiten bei meiner Arbeit.
Mit der Vorlage konnte ich mit der Übertragung auf den Stoff beginnen. Die Vorlage schimmert durch den Stoff.

Die Übertragung erfolgt mit Bleistift

Und dann folgt die schönste Arbeit, das Ausmalen. Das Patron liegt etwa 45 bis 50 Zentimeter breit, bei einer Stoffbreite von ca. 330 Zentimetern, bedeutet das sieben Wiederholungen.


Zuerst reihum die Blumenpracht in den Füllhörnern mit grüner, rosa und roter Tusche.
Um die Wirkung zu sehen und etwas Ansporn zu haben, habe ich nach dem ersten Durchgang des Farbauftrags die Bänder probeweise aufgelegt.

Mit großer Freude und vergnüglichem Lachen ging es an die nächste Tuschefarbe.



Und die Pausbacken!
Die Delphin-Kinder scheinen genauso viel Vergnügen zu haben wie ich, dass sie nach mehr als zweihundert Jahren wieder zum Leben erweckt werden.


Georg Melchior Kraus möge es mir verzeihen, dass ich beim Colorieren der Delfinflossen nicht seinem Braunton gefolgt bin, sondern ein helles Lichtblau gewählt habe, aber seine Farbwahl erinnerte mich mehr an Shrimps und wurde der im Text erwähnten "lebhaften" Colorierung nicht gerecht.
Schneller als gedacht waren die Farben aufgetragen und ich konnte damit beginnen, das grüne Band an den unteren Saum zu nähen, aber Oh Weh!

Ich hatte mich tatsächlich vermessen und ich hatte keinen weiteren Zuschnitt zur Hand.
Also ging es nochmals an den Färbetopf, drei Farbvorgänge, Bügeln, Fluchen, Schneiden, Seufzen, Nähen.

Das Fluchen und Seufzen war dann aber wieder schnell vergessen.
Statt Pariser Eleganz munterte mich Weimarer Drolligkeit auf...
 

...und steigerte sich zusehens.
Die Bordüre aus drei Bändern habe ich von der Rückseite mit Punktstichen angenäht, welche auf der Vorderseite nicht sichtbar sind.

Die Rückseite mit Punktstichen und den durchschimmernden Tuschefarben.


Der fertige Saum - ein Traum!
Und dann wird mit der Nähnadel ein Rock daraus - ganz so wie vor über zweihundert Jahren, dürfen die kleinen weimarer Delphin-Kinder am Rocksaum wieder ihren Reigen tanzen und alle Aufmerksamkeit auf den Straßen und in den Salons auf sich ziehen.


Mit der letzten Lieferung des Schneiders, kommt der ersehnte Pariser Rock ins Haus!
 

Ob sich Madame dazu noch die im Journal vorgstellte lillas Robe-coupée bestellen wird oder eher ein frühlingshaftes Caraco in Grün und Rosa?


Und welche Schuhe dazu, wenn die Weimarer Delphin-Kindchen bei jedem Schritt vergnügt auf und ab hüpfen wie das JouJou de Normandie.


Großartig, dass man dank Kraus und Bertuch denselben modischen Chic tragen kann wie die Damen in Paris...und Amsterdam und Mailand!
Was werden die Damen beim nächsten Salon erst Staunen!




Aber der fröhliche Tanz währte nicht lang!
Bereits in meinem letzten Beitrag über einen bemalten Rock  habe ich auf die Publikation "Die Kunst zwölf Sorten Farbentusche für die Malerey und Zeichenkunst selbst zu verfertigen" hingewiesen und an dieser Stelle möchte ich aus dem Buch von 1793 zitieren:

1793, Die Kunst zwölf Sorten Farbentusche für die Malerey und Zeichenkunst selbst zu verfertigen, Ulm, Verlag der Stettinischen Buchhandlung (Quelle: Collections Thulb Uni Jena)

Transkription:
[...]Es ist bekannt, daß auf Cottune und Leinwatte sehr viele falsche Farben gedruckt und gemalt werden, kein Mensch aber nach ihrer Haltbarkeit fragt, sondern bloß auf ihre Lebhaftigkeit, Schönheit und Reinigkeit sieht. Erst neulich habe ich ungemein schönes Muster von einem ganz feinen Ziz aus einer der ersten Augsburger Fabriken in Handen gehabt, welches Roth, Violet, Grün, Gelb, Blau, Lielot/Liclot* theils eingedruckt, theils eingemalt hatte; man zeigte mir dieses Muster absichtlich, um mich mit den sehr schönen Farben darin zu neken. Von allen diesen schönen Farben aber blieben bey der Untersuchung im Saifenwaser keine übrig, als Roth und Violet, alle übrige, nämlich Blau, Grün, Gelb und Lielot/Liclot* giengen ganz verloren. Ein Beweiß, wie wenig es bey solchen eingemalten Farben darauf ankommt, ob sie vest seyen, wenn sie nur recht schön auf der neuen Waare stehen[...]
 
*In den Ausgaben einer ergänzenden  Publikation von 1795, 1799 und 1807 ist nicht mehr von "Lielot", sondern von "Liclot" die Rede, möglicherweise eine Ableitung des Wortes "Coquelicot" also Klatschmohnrot und Lilla, denn die Tuschefarbe Lielot/Liclot wird in der Publikation Vollständiges Färbe und Blaichbuch Band 6 von 1795 auf Seite 341 als eine Mischung in gleichen Teilen zwischen Rot und Blau beschrieben.  

Diese Erkenntnis kann ich nun teilen, denn auch wenn meine Farbe leider nicht nach dem zitierten Buch angesetzt wurden, so entpuppte sich doch eine meiner Tuschefarben trotz Bügeln als wunderschön, aber nicht farbecht.

Das Fruchthorn, was ja eigentlich ein Blumenhorn ist, blutete bei Kontakt mit Wasser aus, was sich vermeiden lässt, wenn man die befeuchtete Stelle gleich wieder bügelt.
Aber tatsächlich besitze ich nun einen delikaten Rock, der wie seine Vorgänger in den 1790er Jahren das "Saiffenwasser" eher meiden sollte.
Nach einem ersten Schreck, empfinde ich die Tatsache doch nun als spannende Erfahrung, denn wie so viele Seidenröcke, sollte dieses Stück besser nie mit Wasser in Berührung kommen.
Der Saum sollte eher ausgebürstet werden und Flecken mit einem feuchten Tuch ausgeputzt und hernach schnellstens gebügelt werden.

Dieses wunderbare Projekt brachte und bringt mich, wie eingangs erwähnt, mitten ins Leben um 1790 - mit aller Freude, allen Flüchen und ganz herzhaftem Lachen.
Ich hoffe, der Modekupfer Nummer 30 aus dem Jahr 1791 wird fortan nicht nur wegen des JouJous beachtet und gefeiert, sondern auch wegen des wundervollen Rocks und seiner großartigen Geschichte.
 
Das feuerrote Journal des Luxus und der Moden erweist sich einmal mehr selbst als großartiges Füllhorn!

Montag, 18. März 2024

Das von der Leyen Schlafzimmer im Jagdschloss Linn

 Hier geht es im Bezug auf Blogbeiträge in den letzten Tagen beinah zu wie im Taubenschlag. Möglicherweise beflügelt mich der nahende Frühling...oder die vielen Notizen und Erlebnisse der letzten Wochen und Monate.
Nach unserem Besuch in der Ausstellung "Prestigesache - Der bürgerliche Kleiderluxus des 18.Jahrhunderts"  in Krefeld zog es uns ob des herrlichen Tages und dank eines Kombitickets noch in das nahgelegene Jagdschloss Linn.
 
Eines vorweg: die nüchterne Überschrift zu diesem Blogbeitrag trifft bei Weitem nicht das Erlebnis an diesem Sonntagvormittag.


Der Vormittag unserer Ankunft war kühl, der Himmel noch wolkig, aber mit jedem Schritt klarte der Himmel auf und die Sonne schob sich hinter dem trüben Grau hervor.
Meine Gedanken kreisten noch durch die Textilausstellung und ich begab mich ein wenig unaufmerksam durch die Räume, bewunderte hier und da Portraits und Möbel, erfreute mich an der herrlichen Küche, erklomm die Treppe in das zweite Geschoss, wo mich ein Sonnenstrahl im Flur erwartete und mich in eines der Zimmer lockte - ja, und dann wurde es tatsächlich ein wenig theatralisch!
Ein Seufzer der Überraschung:
 
Das von der Leyen Schlafzimmer vereinahmte meine Aufmerksamkeit und Begeisterung im Nu...

...und verzauberte mich binnen Augenblicken!
Dem Zimmer mit den hellblau-weiß gefassten Louis XVI Möbeln (Westdeutschland um 1780) gelang es schon vor dem Eintreten, mich in die Zeit um 1790 zu versetzen.
Die kleine Kammer war sonnendurchflutet und nur über die Treppe stahl sich das Knarren der Dielen in der ersten Etage hinauf. Ein zeitloser Augenblick. Untermalt vom idealisierenden Sonnenlicht...das nennt man wohl zur rechten Zeit am rechten Ort!
 
Der erste Blick durch den Türrahmen an die gegenüberliegende Wand mit großem und kleinen Feuerschirm und zwei entzückenden und etwas freizügigen Portraits im Oval.
 
Das zarte graue Hellblau passt wunderbar zu der gelblichbraun gestreiften Papiertapete und den Pastellmalerei Portraits.
Davor ein Tischfeuerschirm. Rechts oben die eiserne Klappe zum Kamin.
 
Der große Feuerschirm, der die Farben des Zimmers gekonnt aufgreift.


Dreht man sich nach links blickt man in das kleine möblierte Zimmer und durch das Fenster in die Gartenanlage. Davor der einfache Schreibtisch mit Stuhl. Der Dielenboden ist hellblau getüncht.


Links neben dem Schreibtisch das Bett und anschließend eine Kommode direkt neben der Zimmertür, durch welche ich zuvor das Frauenzimmer betreten hatte.


Im gleichen sanft einfallenden Licht die gefasste Louis XVI Kommode mit Uhr und zwei flankierenden Feuertöpfen in herrlichstem antikisierenden Stil.



Wunderbare Simplizität mit Liebe zum Detail. Die Feuertöpfe oder Feuervasen dienen als Kerzenhalter und sind aus gefasstem Holz.



Fehlt das Sonnenlicht, erhellen Kerzen in den Feuertöpfen und eine bestückte Deckenleuchte das Zimmer.


Links neben der Kommode befindet sich die Bettstatt.

[...]Wie süß ist die Ruhe, wenn man mit dem Bewusstseyn, den verflossenen Tag wohl angewandt zu haben, sich zu Bette legen kann[...]
aus: Magazin Häuslicher Scenen und Beschäftigungen, Nürnberg, in der Johann Trautnerischen Kunsthandlung


Das Bett ist ebenfalls im dominierenden Weiß und Hellblau gefasst.

Die beiden Hinterglasschattenrisse auf blauem Grund über dem Kopfteil zeigen die Portraitsilhouetten von Nicolaus und Agnes Molenaar. Die Familie Molenaar stammt aus dem friesischen Workum. Im 18.Jahrhundert wurden zwei Mitglieder der Familie Prediger in der Mennonitengemeinde in Krefeld.
Nicolaus Molenaar indess war einer der beiden Mitbegründer des ersten Krefelder Bankhauses.
Auf dem Baldachin befindet sich eine Hutschachtel aus Span.

Der Baldachin vom Bett aus liegend betrachtet, mit einer Falballa ringsum und einem Stoffdach mit gefasster Stoffrose.

 
Der Blick aus der Bettstatt zur Tür zum Flur an einem sonnigen Vormittag.
 
Detail des Baldachinfries in Weiß und Hellblau, darüber ein kleines Sturmlicht.
 
Der Blick vom Schreibtisch neben dem Bett in den Raum hin zur Tür zum Flur...

...und der Blick zurück.

Die zweite Tür im Zimmer zur Raumflucht in das nachbarliche Zimmer. Dahinter eine niederrheinische Wellenkommode aus der Mitte des 18.Jahrhunderts, dem Stil der Einrichtung folgend ist sie weiß getüncht.

Auf der Kommode eine Devotionalie und die Mitglieder der Krefelder Familie Scheuten.

Ach, wie herrlich die Vorstellung hier über der Korrespondenz gebeugt Platz nehmen zu können...

...und dabei ab und an einen Blick hinaus durch das Fenster zu werfen.

Oder auf die wirklich bemerkenswerte gegenüberliegende Seite des Schlafzimmers.


Wohl einer der beeindruckensten Rokoko Waschtische, die man sich vorstellen kann!
Der Toilettenschrank aus einem Krefelder Bürgerhaus wurde in Neuwied gefertigt und stammt vermutlich aus der Werkstatt von David Röntgen (1743-1807).
Die polychrome gestaltete Arbeit zeigt die mythologische Darstellung des Raub der Europa.
Man stelle sich die vielen kleinen Ablage bestückt und von Kerzen umrahmt vor.
Im flackernden Licht mit grüßendem Blattgold ist das zweifellos ein unvergesslicher Anblick.

Der Kontrast zum Weiß, Hellblau und Grau des Schlafzimmers könnte nicht wirkungsvoller sein.
Im Raum die farbenfrohe, fantasievolle Mythologie, draußen vor dem Fenster die sich stets ändernde Natur mit ihren bewegenden Lichtern. Ich hätte noch Stunden in dem Zimmer bleiben und den Stimmen der Vergangenheit lauschen können...

...aber irgendwann heißt es Abschied nehmen.
Ein letzter Blick zurück in ein Zimmer, welches die Magie hat, einen für einen kurzen Augenblick in eine andere Zeit zu versetzen.
Vielleicht lässt sich meine Leserschaft auch vor Ort verzaubern?
Das Jagdschloss Linn in Krefeld hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.