Freitag, 22. März 2013

̶G̶̶e̶̶f̶̶ä̶̶h̶̶r̶̶l̶̶i̶̶c̶̶h̶̶e̶ Herrliche Liebschaften - oder: die doppelte Paspel

All die Leser, die meinen Seiten schon ein wenig länger folgen, wissen um meine Vorliebe für die Kleidung der Mitt 1810er Jahre und hier insbesonders für die Paspel.
Diese winzige zeitgenössische Dekoration erfreute sich stets großer Beliebtheit, bereitwillig außer Acht lassend, dass sie ein bisschen mehr Aufwand bereitet.
Eine besonders schöne Variante ist die doppelte Paspel, die nicht wie üblich als Kantenabschluß, sondern als Band zum Einsatz kommt.
Die erste Begegnung hatte ich während der Arbeit an dem 1815 Spenzer aus der Sammlung der LACMA/Fashioning Fashion.
My dear readers, who follow these posts for quite some time, probably know about my love for the mid 1810s fashion and especially the piped edges.
These lovely period decoration was also very popular back then, although it always meant a bit more time and effort.
A truly beautiful variation is the double piping, which isn't used for a smooth edging, but as a band for cuffs and such.
My first encounter with this piping I've had while working on the 1815 spencer from the LACMA/Fashioning Fashion collection.
Die doppelte Paspel als Band
The double piping as band

Um die doppelte Paspel herzustellen, benötigt man drei Streifen Stoff.
For this kind of piping three strips of fabric are needed.
Zwei Streifen ergeben die Paspelbänder. Ich verwende den Stoff in einer Breite von 3 cm, faltet man diesen erhält man eine Breite von 1.5 cm. Mit einer eingelegten Kordel ergibt sich ein Stichmaß von 1.3 cm, was einem halben inch entspricht (also der Nahtzugabe)
Das eigentliche Band wird in der doppelten Breite zugeschnitten, zuzüglich der Nahtzugabe an beiden Seiten.
In diesem Falle soll das Band 2 cm breit werden, also ergibt sich folgende Rechnung
(2+2)+2x1.3 = 6.6cm
Two strips will be turned into pipes. Therefore I'll take a fabric scrap 1.2 inch wide, folded it has a width of 0.6 inch. With the cord inserted we have a stitching line of exactly 0.5 inch (the common seam allowance)
The actual band is cut in doubled width with an additional seam allowance on both sides.
In this case the finsished band will be 0.8 inch wide, thus we have the following calculation:
(0.8+0.8)+2x0.5 = 2.6 inch

An beiden Seiten werden die Paspeln angeheftet und...
 Pin the piping on both sides and...

...angenäht. Es eignet sich sowohl der Rückstich, als auch der Kombinationsstich oder auch der Punktstich. Verwendet man nur den Vorstich, sind sehr kleine Stiche empfehlenswert.
...stitched on. I recommend the back stitch or the combinationstitch or point stitch. If you chose the running stitch instead use very small stitches.

 Die Naht auf der Rückseite bleibt beim fertigen Band unsichtbar.
The stitching on the back, which will remain invisible on the finished band.

Da es sich bei meinem Band um ein sehr schmales Stück handelt, muß die Nahtzugabe anschließend ein wenig eingekürzt werden.
As I've chosen a small band the seam allowance has to be cut.

Die gepaspelten Kanten werden dann zu beiden Seiten umgebügelt.
The piped edges are then flat ironed to both sides.
Die umgebügelte Rückseite. Diese beiden Seiten werden nun zur Mitte hin zusammengeklappt bzw (poetisch ausgedrückt) neigen sich einander zu wie zwei Verliebte, sodass die Nahtlinie nicht mehr sichtbar ist...
The flat ironed back. Both sides come together at the middle or (saying it rather poetically) lean towards each other as if being madly in love, so the seamline isn't visible anymore...

...allmählich nimmt die doppelte Paspel Gestalt an. Die Seiten werden mittels Stecknadeln zusammengeheftet und...
...gradually the double piped band takes shape. The piped edges are then pinned and...

...entlang der Kante der Paspeln angenäht.
...stitched down along the piped seamline.


Das fertige Band von außen und innen. Die innere Seite mit den Stichen ist hernach nicht mehr sichtbar, da diese Technik eingesetzte wird bei Bändern, wo lediglich die schmückende Oberseite verwendet wird.
The finsihed band from the right side and left side. The left side with the stitching will be invisible as this technique is solely used with cuffbands on the wrist or decoration where just the lovely upper side is shown.
Wer immer noch nicht genug Paspeln hat, kann in einem gefalteten Band (3 cm/bzw gefaltet 1.5 cm) die eingelgte Kordel einnähen, das Band anschließend aufklappen und mittig zwischen die beiden Paspeln einlegen, bevor diese festegenäht werden...so entseht eine dreifache Paspelierung.
If you still can't get enough of piping, you might take a third folded strip (1.2 inch/ 0.6 inch folded), stitch in the cord, then open the piping and put it under both pipes on the band before stitching them down...then you'll have a triple piping band.

Mittwoch, 20. März 2013

1815 Merveilleuse Robe Quadrillée

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wenn Stoffe, die mitunter Jahre im Stoffschrank auf ihre Berufung warten und dabei beinah in Vergessenheit geraten, beim Anblick der passenden Inspiration plötzlich vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen.
Und noch erfreulicher ist es, wenn das Ergebnis nach langen Nähstunden schließlich überzeugen kann.
So geschehen vor einigen Wochen, als ich dank der bezaubernden Mme Kaya auf ein ungewöhnliches Kleid stieß....und am Wochenende gab es endlich die Fertigstellung und den letzten Nadelstich.
It never ceases to amaze me, when a fabric, which has spent years in a fabric stash and almost vanished into oblivion, suddenly emerges in the mind's eye as a completed dress while coming across a proper inspiration.
And it's even more pleasant, when there's a convincing result after long hours at the sewing table.
This happened a few weeks ago, when thanks to the lovely Mme Kaya I set my eyes on a most unusual dress...and this weekend the garment was finally done with the last stitch.
1815 dress Museo del Traje (Quelle/source: omgthatdress)

Leider scheint das Kleidungsstück derzeit nicht in der Ausstellung des Museo del Traje zu sein, jedenfalls konnte ich keine weiteren Informationen über die Internetseite des Museums einholen.
Mir schwebte aber auch keine detaillierte Nacharbeitung vor, sondern ich wollte lediglich einige Details übernehmen. Allen voran, statt des puderfarbenen Stoffes mit der Borte am Saum, sollte der oben erwähnte Stoff seinen großen Auftritt bekommen: ein kleinkarierter Baumwollstoff. 
Kariert, wie die Pelisse aus dem Belle Assemblée von 1815, die unter diesem link zu finden ist (bitte auf der Seite ein wenig herunterscrollen zu Fig.10)
Außerdem wollte ich dem Rock die 1815 in Mode befindliche kürzere Form angedeihen lassen.
Unfortunately the garment doesn't seem to be part of the actual exhibition/collection of the Museo del Traje, at least I couldn't get any more information on their site.
Anyway I haven't had a complete reconstruction in mind, but wanted to use some of the amazing details.
First and foremost I decided to take the above mentioned fabric, instead of the powder red fabric with the border on the hem: a small plaid cotton.
A plaid, like taken in this pelisse of the 1815 La Belle Assemblée, which is under the following link (please, scroll down to Fig.10)
Furthermore I was going for a shorter skirt, which was fashionable in 1815.

Während ich ein passendes Schnittmuster erarbeitete und über den sagenhaften Details brütete, mußte ich immer wieder an die Modekupfer von Emile Jean-Horace Vernet (1789-1863) mit dem Namen "Merveilleuses et Incroyables" denken. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von 33 Arbeiten aus dem Jahr 1814, die äußerst modebewusste französische Damen und Herren zeigen, deren Kleidung nicht nur zu damaligen Maßstäben als schrill bezeichnet werden kann.
Auch wenn mein Ergebnis ein wenig stiller ausgefallen ist, einige Details sind unglaublich und hätten zumindest in meiner Kleinstadt vor zweihundert Jahren  für einigermaßen Aufsehen gesorgt! 
Ich kann den Klatsch noch deutlich hören: "...Merveilleuse..."
Wer mehr über den Ursprung der Bewegung Mitte der 1790er erfahren möchte, kann hier einen ersten Überblick gewinnen: Merveilleuses und Incroyables (leider nur englischsprachig)
While I was working on a proper pattern and studying the marvellous details, I couldn't help but think of the fashion plates in 1814 from Emile Jean-Horace Vernet (1789-1863) called 'Merveilleuse et Incroyables'.
It was a set of 33 engravings, which displayed highly fashionable french ladies and gentlemen, whose clothing would be best described as screaming loud.
Even though my dress turned out a bit less loud, some of the details would surely have caused an uproar two hundred years ago in my provincial town!
I'm able to imagine the gossip: "...merveilleuse..."
If you're interested to learn more about the fashion movement of the mid 1790s, please go here for a first impression: Merveilleuses et Incroyables

1815 Merveilleuse Robe Quadrillée

Für das Kleid habe ich etwa 7 Meter Karostoff benötigt (der Stoff lag lediglich 90cm breit), außerdem kam für die Paspellierung etwa ein Meter kontrastierender roter fester Wollstoff (Kammgarn) zum Einsatz, sowie endlose Meter an Kordel.
Lediglich das Oberteil ist mit Baumwollstoff gefüttert.
I've used approx. 8 yards of plaid cotton (which was approx. 35 inch wide), furthermore about one yard of contrasting red wool for piping, and a good lenght of cord.
Only the bodice is lined with cotton.

Das auffälligste Detail an dem Kleid ist wohl die herausgearbeitete (falsche) Brustpartie, die durch die Trennung und hoch angesetzte Linie das Ideal der weiblichen Figur um 1815 wiederspiegelt.
Der Stoff für die Einsätze wurde im Querverlauf zugeschnitten und in etwa 25 Biesen eingenäht, um elastisch zu sein.
The most striking detail on the dress is the bodice with it's emphasized (faked) bosom, which divorce and high line display the ideal of female's shape in 1815.
The fabric was cut on the bias and sewn into 25 pintucks, which makes these parts quite elastic.

Von links. Das Futter wird rund um die Brustpartie ausgespart. Es wird mit Staffierstichen eingenäht. Die gepaspelte Kante bleibt an dieser Stelle unversäumt.
Die kurzen Puffärmel wurden ebenfalls im Schrägverlauf zugeschnitten, dann in Falten gelegt und mit rotem Paspelband versehen.
Left side. The lining was added with slip stitch around the bosom parts. The piped edge remains unfinished.
The short puffed sleeves are cut on the bias, too. They are pleated and then sewn onto the piped red edge.

Ebenso wie die untere Kante des Futters unversäubert bleibt, bleiben auch die Säume am Ärmel offen. Keine Sorge, das war durchaus üblich und durch das Tragen, ribbelt irgendwann der Stoff auch nicht weiter.
Not only the seams of the lining on the edge of the bodice remain unfinished, also those on the sleeve caps. Don't worry, this was actually period and it stopps ravelling through wear.

Auch der Gürtel wurde mittig in Biesen gelegt, dieser Teil des Gürtels wird an den Paspeln am Kleid festgenäht. Der Gürtel mißt etwa 3 Meter in der Länge und 15 Zentimeter in der Breite. Er ist komplett gepaspelt. Die Paspel ist auf der Rückseite umgenäht und versäubert.
The belt is also sewn into pintucks along the front. It is attached to the dress at the piping. The belt measures around 3 yards in lenght and is about 6 inch wide. It's completely piped with the back of the piping folded under and stitched down.

 Die obere Kante des Rockteils wurde umgeschlagen, aufgereiht und an das Oberteil angenäht.
The upper edge of the skirt was folded, gathered into tiny pleats and then stitched onto the bodice.

Ein Details des Ärmelaufschlags. Eine doppelte Paspellierung.
A detail of the sleeve cuff. Double piping.

Das Kleid wird im Rücken durch 10 Haken und Riegel geschlossen.
The dress is closed at the back with a set of 10 hooks and bars.

 Der Rocksaum wird innen mit Stoffresten hinterlegt.
The skirt's hem is faced with fabric scraps on the inside.

 Die aufgesetzte Rockverzierung, ebenfalls im Querverlauf zugeschnitten, in Falten gelegt und beidseitig mit Paspeln gesäumt. Der Rock hat einen Umfang von etwa 2 Metern und endet ein gutes Stück über dem Knöchel. Zu dem Kleid trage ich lederne schwarze Halbschuhe von Robert Land Footwear, die auf geradem Leisten gefertigt sind.
The skirt decorations was also cut on bias, then pleated and piped on both sides. The skirt has a circumference of 78 inches and reaches a bit above the ankle. I wear black leather shoes from Robert Land Footwear with this dress. The shoes are built on straight lasts.

Ausgehfein wird das Kleid durch ein Hemd/Unterkleid, ein Mieder a la Paresseuse, einen Unterrock, weiße Strümpfe und ein Chemisette mit dreifach Faltenkragen.
I'm wearing a shift/chemise under this dress, half stays a la paresseuse, a petticoat, white stockings and a chemisette with a three-layered pleated collar.

 Die Rückseite mit der Schleife.
The back with the huge bow tie.

Beide Seiten. Durch die kleinen Puffärmel, die weit an den Schultern angesetzt sind, entsteht die typische Silhouette der Mitte der 1810er Jahre.
Both sides. The puffed sleeves set on the very edge of the shoulders create the desired mid 1810s look.

Ich konnte nicht widerstehen, meine Muse mit auf's Bild zu nehmen (Mila war leider weniger begeistert von der Idee)
I couldn't resist to have a picture taken with my muse (Mila wasn't that fond of the idea though)

Die sehr langen Ärmel werden durch gepaspelte Bänder gestaucht und bezähmt. Die Verzierung an der Kante besteht aus einem gefütterten Ring, der - wie beim Original - nach oben geöffnet bleibt. 
The very long sleeves are tamed and gathered with the piped cuff ties. The decoration of the very edge is made of a lined and pleated ring, which is sewn onto the lower edge, whereas the upper edge remains open.

 Das Kleid ist wirklich unglaublich bequem und der Rock hat einen wunderbaren Schwung...
The dress is incredible comfortable and the skirt has a lovely swing...

...darüber hinaus erzeugt die Schleife im Zusammenspiel mit den Falten im Rücken einen reizenden Eindruck.
...furthermore the bow tie and the pleats in the back create a proper Regency impression.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an meine kluge & wunderbare Nichte, die diesmal für die Fotos verantwortlich war, ohne sich von zwei schwierigen Modellen aus der Ruhe bringen zu lassen. Du bist großartig, Cora!
I'd like to give thanks and credit to my smart & amazing niece, who was responsible for taking this set of photos without being impressed by two difficult sitters. You're gorgeous, Cora!

Samstag, 9. März 2013

Needles and Pins...und Nadelkissen!

Die gegenwärtige Stille bedeutet nicht, dass ich mich dem Müßigang hingebe - nein, ganz im Gegenteil.
Angesichts des bevorstehenden Nadelmarktes am kommenden Wochenende im wunderschönen Iserlohner Maste-Barendorf stehen die Zeichen hier auf eifrige Geschäftigkeit.
Gemeinsam mit einer lieben Freundin dürfen wir die kleine Schneiderstube abermals "beleben", was bedeutet, dass wir die Kleider für die Ausstellung vorbereiten müssen...und nebenbei haben wir diesmal auch ein kleines Sortiment feilzubieten.
Was könnte auf einem Nadelmarkt besser passen als handegnähte Nadelkissen?
Auf der Suche nach Inspiration stolperte ich auf einem Antikmarkt auf ein reizendes kleines und äußerst ungewöhnliches Kissen aus Seide mit wunderschöner - wie ich damals auf den ersten Blick glaubte - Perlenstickerei.
Bei genauerer Untersuchung entpuppten sich die Perlen als Köpfchen von Stecknadeln.
Das hatte mein Interesse geweckt, nicht zu schweigen von dem herrlichen Sprüchlein, welches das Kissen zierte.
Eine ausführliche Recherche führte mich schließlich zu dem Begriff  'Christening Pillow' und auf die bemerkenswerte Seite/Sammlung von Peggy McClards Antiques .
Die Geschichte der sonderbaren Nadelkissen fesselte mich und schnell stand fest, dass diese wunderbaren Kostbarkeiten dringend mehr Aufmerksamtkeit benötigen.
The current silence does not tell that I idle away these days - no, on contrary.
 In the face of next week's annual Nadelmarkt in the beautiful scenery of the early 19th century industrial grounds of Maste-Barendorf, here's a lot of fuss and bustle.
Together with a dear friend we're invited to once again enliven the little tailor's shop, which means preparing a lot of dresses for the exhibition...and this time we have also some lovely knick-knack to offer.
What would be more appropriate for a 'Nadelmarkt' than pincushions?
While searching for some inspiration, I stumbled upon an unusual, yet charming little pincushion on an antique market. It was made of cream silk and I loved the - what I thought was - pearl embroidery.
On close excamination I found out that the "pearls" were the shiny heads of pins.
This has caught my attention, not to mention the lovely quote, which adorned the pillow.
After a thorough search and research I learnt that these pincushions were called "christening pillows", which led me to the remarkable site/collection of Peggy McClards Antiques.
The story behind these cushions is fascinating and I decided that these precious little gems needed more attention.

Die Nadelkissen waren bereits im 18.Jahrhundert im englischsprachigen Raum ein beliebtes Geschenk zur Geburt. Es heißt, sie wurden häufig an der Tür oder im Fenster aufgehängt und ausgelegt, um Nachbarn und Freunde über den Familienzuwachs zu unterrichten.
Nadeln waren darüberhinaus nicht nur nützliche Nähhilfen, sondern sie hielten auch Kleider und eben Windeln zusammen. Wie so häufig zeigen die kleinen Kissen, dass man verstand Nützliches mit Schönem zu verbinden.
Die Kissen im 18.Jahrhundert waren zumeist mit einer Fransenborte verziert oder Troddeln an allen vier Ecken, während die Exemplare des 19. Jahrhunderts (die Kissen blieben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode) eher mit Spitze besetzt waren.
Wunderschöne Beispiele zum Schauen und Staunen finden sich auf der oben genannten Seite.
Already in the 18th century these pincushions have been a favourite present for a birth and a new mother.
It is said that they were hung out at the door or in the window to apprise the neighbours and friends about the arrival of a new family member.
Pins have not only been useful in regard of sewing, but would also keep clothes and cloth diapers together.
The lovely pincushions tell, that people back then did understand how to amazingly combine beauty and benefit.
18th century christening pillows mostly have a fringe around the edges or tiny tassels, while 19th century pieces (the cushions remained in fashion til mid century) have white lace.
There are beautiful examples on the above mentioned site to marvel.

Glücklicherweise hatte ich noch einiges an Material vom Polstern zur Hand und schon wagte ich mich gemeinsam mit meiner lieben Freundin ans Werk.
Luckily I still had lots of material from a recent upholstery, thus I ventured into sewing pincushions with my dear friend in order to have some on stock.

Ein geläufiger und schöner Spruch auf den Kissen zu einer Zeit, in der man das Geschlecht des Kindes erst bei der Geburt erfahren hat. 
A common and lovely quote in a time, when the gender of a child remained unknown til the birth.

 Für ein Kissen veranschlagt man etwa 200-400 Nadeln, tatsächlich eine kleine Kostbarkeit.
Ein kleiner Segensspruch für das Neugeborene zu einer Zeit in der Kindstod allgegenwärtig war.
Each cushion needs around 200-400 pins, truly a treasure.
A little blessing to the newborn in times when infant death was common.

Ein weiterer gängiger Spruch. Den bereits im Haushalt lebenden Kindern wurde das Brüderchen oder Schwesterchen oftmals als 'kleiner Fremder" vorgestellt, der plötzlich ins Haus gekommen war und nun zur Familie gehörte.
Another common quote. The newborn was often introduced to the sisters and brothers as little stranger, who came along and was all of a sudden member of the family.

Unsere kleine Kollektion an Nadelkissen nach historischem Vorbild. Handgenäht und Strohgestopft. Die Vorderseite besteht aus Seidentaft, der Rücken aus festem Baumwolltuch.
Our small collection of christening pillows, following period examples. Hand-sewn and stuffed with straw. The front is made of silk taffeta, the back is sturdy cotton.

Sonntag, 17. Februar 2013

Die wundersame Reise des Mr. Campbell, oder wie ein Gentleman gänzlich schuldlos durch höchst kuriose Umstände beinah sein Gesicht verlor

Zu den besonderen Vergnügungen zählt für mich nach wie vor der Besuch eines Antikmarktes.
Allein die Aussicht Stunde um Stunde durch die Reihen zu schlendern, die Auslagen der Händler zu betrachten und ein Sortiment vorzufinden, das vielleicht hundert Jahre, zweihundert Jahre oder älter ist, macht den Eintrittspreis zumeist schon wieder wett.
Es ähnelt nicht selten einem Museumsbesuch, nur dass man die Preziosen auch in die Hand nehmen kann.
Eben diese einstigen Augäpfel der früheren Besitzer zaubern dann das Lächeln ins Gesicht, das sie auch schon vor langer Zeit hervorzubringen vermochten.
Noch weitaus lohnender ist es aber, wenn man nicht mit leeren Händen heimkehrt oder aber wenn man eine höchst überraschende Bekanntschaft schließt.
So wie meine Begegnung mit Mr. Campbell.
Es ist der Aufmerksamkeit des Herrn des Hauses zu verdanken, der Mr Campbell in einer Kramkiste entdeckte. Ohne sich von dessen etwas heruntergekommenen Äußeren beeindrucken zu lassen, stellte er ihn mir unverzüglich vor.
Ein wissender Blick, eine gezückte Börse und Mr Campbell befand sich unwiderruflich in unserer Gesellschaft.
It's always an extrodinary pleasure to visit an antique market.
Just the prospect of lingering through the aisles and rows of booths hour after hour, gazing at the displays of the antique sellers and find goods, which are one hundred years, two hundred years or even older make up for the admission charged.
It's similar to a museum's visit, yet one can examine the precious goods carefully not only with the eyes, but also with the hands.
Those former owner's apples of the eyes never fail to bring the same smile into one's face as they did in the past.
Still more rewarding it is, if you return home without empty hands or if you've done a most delightful acquaintance.
Like when I met Mr. Campbell.
I'm very thankful for my dear husband's attention, who discovered Mr. Campbell abandoned in a junk box. Without being put off by his ragged appearance, he immediately introduced me to him.
An exchange of a knowing glance and a quickly fetched purse later, Mr Campbell found himself irrevocably in our company.

Ich habe die besondere Freude unseren Gast, Mr Campbell, meinen Lesern vorzustellen und hoffe inständig, dass auch sie sich nicht von seinem Äußeren abschrecken lassen. Eingedenk der Tatsache, dass er eine lange und beschwerliche Reise - oder sollte ich sagen Odyssee -  hinter sich hat, ist das wohl verzeihlich.
I have the pleasure to introduce our guest, Mr Campbell, to my dear readers, and I do hope that they aren't put off by his appearance either, but keeping in mind his troublesome journey - or may I dare say odyssee - this is surely excusable.
Der werte Mr. Campbell in seinem marineblauen Frack, mit weißer Weste, weißem Hemd und Krawatte.
Er kam gänzlich ohne den Schutz eines Glases oder Rahmens in unsere Gesellschaft.
The dear Mr. Campbell in his navy blue coat, white waistcoat, white shirt and cravat.
We met him without the protection of a glass or frame.

Die wunderschöne Miniatur mißt 5,9 cm in der Breite und 7,2 cm in der Höhe.
Es handelt sich um Gouache auf einer hauchdünnen Elfenbeinplatte und auf eine Pappe montiert, deren Rand geschwärzt wurde.
The beautiful miniature measures 2.3 inch in width and 2.8 inch in height.
It's gouache painted on thin ivory and mounted on cardboard, which edges have been painted black.

Ein sehr feiner Pinselstrich und wunderbar ausgearbeitete Details. Leider hat die unsachgemäße Behandlung sein Gesicht in arge Mitleidenschaft gezogen, was seinem Ausdruck aber meiner Meinung nach keinerlei Abbruch tut: wir blicken in das Gesicht eines Gentleman.
A very fine stroke of the brush and beautiful details. Unfortunately the improper handling, has done much harm to his features, but his impression is still highly elegant: we look into the face of a gentleman.

Auch der Bildrand ist beschädigt. Es scheint, als wäre Wasser in den ehemaligen Rahmen gedrungen oder unter dem Glas hätte sich Wasser gebildet. Dennoch erkennt man den wunderbar gezeichneten Kragen mit dem unverwechselbaren "M" und die herrlichen Messingknöpfe. Sowie den kleinen Knopf an der Weste.
The edge of the miniature is also damaged. It seems as if there has been some water entry to the former frame, or if there has been a developement of water under the glass. Nevertheless the detail on the collar and the "M" notch and the brass buttons are amazingly clear. There's also a tiny button on the waistcoat.

 Hinter der auf Pappe aufmontierten Miniatur befand sich glücklichweise noch eine zweite lose Pappe, die in den Wirren der veragangenen zweihundert Jahre nicht verlorengegangen ist.
Dort ist handschriftlich mit brauner Tinte folgender Text hinterlegt:
 Fortunately there was a second loose cardboard still clining behind the miniature mounted on cardboard after all the commotions of nearly two hundred years.
There's a handwriting in brown ink, which reads:
"taken in the year 1820 by Mr.Campbell"

Dank dieser Beschriftung konnte wir den Namen und das genaue Datum erfahren, was bei einer weiteren Recherche von großer Bedeutung ist.
Vielleicht ist es mir irgendwann einmal möglich, die Miniatur restaurieren zu lassen, bis dahin hat Mr Campbell sein Quartier in einem Karton, ausgelegt mit säurefreiem Tuch, bezogen, wo er vor Sonnenstrahlen und weiteren Blessuren sicher ist.
Thanks to this note we have a name and a date, which will be helpful for further research.
Maybe one day I'll be able to afford a thorough restauration, until then Mr Campbell resides in in a cardboardbox with acid free tissue, out of harm's way from sunlight, water and scratch.

Freitag, 15. Februar 2013

Half Stays a la Paresseuse

 Anmerkung:
Um einen wirklich authentischen Schnürleib für den Zeitraum von ca. 1795-1815 zu erlangen, möchte ich meine Leser auf die Schnürleibstudien hinweisen:
und besonders
Die im nun nachfolgenden Text (unten) aufgeführten Verarbeitung des Korsett a la Paresseuse sind nicht authentisch für den Zeitraum zwischen 1795 - 1815, sondern einige Techniken wurden in der aufgezeigten Ausführung erst zu einem späteren Zeitraum ab 1820 und später verwandt!
Attention:
To create an authentic/historical acurate pair of stays for the time frame between 1795 - 1815, please read my new research the Short Stays Studies:
and especially
The now following text below contains techniques in the process of staymaking, which were not  entirely authentic for the period between 1795 - 1815, because techniques are used for a later construction from the 1820s  and later upwards!

Eigentlich war es meine Absicht mitten in der Arbeit an einem Schnurunterrock aus den 1830ern zu stecken, aber mir ist beim Ankleiden meiner 1818 Garderobe aufgefallen, dass mein Kurzmieder ("short stays") endgültig ausgedient hatte. Also kramte ich mein Muster der "Night stays" wieder hervor und begann mit der vertrauten Arbeit.
Während des Nähens kam mir der Gedanke, dass die Herstellung eines Kurzmieders doch auch eine interessante Angelegenheit für unser wöchentliches "Nähkränzchen" wäre. Statt damit zufrieden zu sein, das vorhandene Schnittmuster anzupassen, kramte ich das Lady's Stratagem hervor, um mir einige Aufzeichnungen zu machen...und dann stieß ich in dem Text, der dem kleinen Diagramm vorausgeht, auf eine überraschende Stelle:
"...dieses Kurzmieder ist dem Model mit den Rückenbändern gleich, bis auf..."
Das erwähnte Model hat einen Rückenverschluß!
Actually it was my intention to be absorbed with the work on a 1830s corded petticoat by now, but while recently dressing up in my 1818 garments I realized that my "short stays" have faded beyond mending. I fetched my paper pattern form the "Night stays" and started to assemble the familiar garment.
While sewing it came to my mind that this might be an interesting project for our weekely sewing circle.
Instead of just altering the pattern, I read the chapter in the Lady's Stratagem again, to add some notes...and then I stumbled upon an interesting line in the text, which accompanies the little diagram:
"...these are the same as stays with long straps..."
And said stays with long straps have back closure!

Wie hatte ich diese entscheidende Stelle nur überlesen können? Ich war ziemlich bestürzt und las den gesamten Abschnitt über die Mieder und Korsetts und siehe da, alle erwähnten Stücke hatten einen Rückenverschluß und noch dazu wurde an keiner Stelle die Bezeichnung "short stays" gewählt, sondern der Begriff "half stays".
Hatte ich mich durch all die "short stays", die im Netz als gängige Rekonstruktionen zu finden sind, in die Irre führen lassen...und überhaupt, welches Original liegt denn dann den "short stays" zugrunde?!
Ich begab mich auf die leider ergebnislose Suche, denn ich fand nicht ein einziges Paar mit Frontverschluß und gerader Abschlußkante...
Glücklicherweise wurde mein verzweifelter Hilferuf von befreundeten hist. Schneiderinnen Julia, Lyze, Natalie, Alessandra and Aylwen (Dankeschön!) erhört und beantwortet, allerdings brachten die Hinweise letzendlich ähnliche Ergebnisse, wie zuvor meine Suche...natürlich waren da Korsetts und Mieder mit Frontverschluß, nämlich jene Korsetts aus der Übergangszeit der Mode vom Rokoko zum Empire.
How on earth could it happen that I've overread that introduction line? I was deeply embarrassed and read the whole chapter on stays and corsets again and found out, that all mentioned pieces had back closure, and furthermore I didn't find any mention of the term "short stays", but "half stays".
I have to admit that I was probably mislead by all those reconstructed "short stays", which are so common on the net...but what original garment was the base for all these "short stays" I wondered!?
I searched...unfortunately in vain, not a single pair with the common combination of front closure and a straight edge on the lower hem...
Luckily my desperate cry for help among fellow historical costumers was heard and quickly replied by Julia, Lyze, Natalie, Alessandra and Aylwen (Thank you!), though all the hints ended in almost the same results...of course there are stays/corsets with front closure, but these were transitional stays, which were common from the transition from Rococo to Empire fashion.

Für diesen Übergangsstil gibt es übrigens einen wunderbaren Schnitt aus dem Hause Past Patterns.
For these transitional stays a wonderful pattern is available from Past Patterns.


Aber diese beiden Originale dienten nicht als Vorlage für die "short stays", sondern ein Kupferstich aus dem Buch "The Book of English Trades, or the Library of useful Arts, 1811", das erstmals als dreibändige Ausgabe im Jahr 1804/05 auf den Markt kam.
In jener ersten Ausgabe, sowie in der folgenden von 1807 war ein anderer Kupferstich eingefügt, als in der späteren Ausgabe von 1811.
Ich erlaube mir zunächst einen Blick auf das Original der ersten Ausgabe, nämlich diesen Stich:
But these two originals weren't the inspiration for the "short stays", but an engraving from
"The Book of English Trades, or the library of useful arts, 1811", which first edition in three Volumes was first puplished in 1804/1805.
In this  print, and the following from 1807 we'll find a different engraving than in the 1811 edition.
Now please allow me to show the earlier engraving:

Eine Anprobe, die aber keinen wirklichen Hinweis auf ein Korsett oder etwa "short stays" liefert. Vielleicht verbirgt sich etwas in dem dazugehörigen Text (Übrigens empfehle ich dem link zu folgen und den Text in seiner Gänze zu lesen, er ist wirklich interessant).
A fitting, but no hint on corsets or "short stays". Maybe the text reveals more (Please, I highly recommened to follow the link and read the whole chapter of the book, it's very interesting).


Wir erfahren, dass die Unterwäsche, wie auch die Oberbekleidung einem Wandel unterworfen ist (hier: von der Mode des Rokoko zum Empire), aber erhalten keinerlei Hinweis auf "short stays".
Auch der nächste Text, gibt nicht wirklich Aufschluß, dennoch sei er hier erwähnt, denn im Gegensatz zu dem Text oben, hält er auch Einzug in die spätere Ausgabe ab 1811.
We learn, that fashion and underwear are always in change (here: from Rococo to Empire), but no clue on "short stays".
The following text also has no mention, but I share it, because that sentence will be published in the later edition, too, while the text above is cancelled.



Bevor wir uns die spätere Ausgabe ansehen, bleiben wir noch einen Augenblick in der Zeit um 1804 und wagen einen Blick in das deutsche Modejournal "Journal des Luxus und der Moden". Folgender Text ist ein Auszug aus dem "Modebericht von 1804":
Before looking at the later edition, we shall remain in the year 1804 and take a peek in one of the common German fashional journals "Journal des Luxus un der Moden". The following text is an excerpt form "Modebericht 1804":

„…die zweite Novität sind die Corsets elastiques, aus sehr dauerhaftem englischen Gurt, die, ohne dem Körper jene altmodische Steife Haltung zu geben, doch dazu beitragen, ihn vor den der Grazien so entfernten Embonpoint („Körperfüllle“) der leicht durch gänzliche Aussetzung alles Schnürens auch bei der allerschlankesten Gestalt entsteht, vorzubeugen, und die Formen des Körpers ganz leise in den schönen Wellenlinien der Natur zu erhalten. Diese Corsets tragen sehr viel bei der ganzen Gestalt eine dem Auge wohltuende Richtung zu geben.“

„…the second novelity are the corsets elastique, made of very dense english fabric, which, without pushing the body into the oldfashioned stiff posture, help those being embonpoint  („voluptuous“) and far away from the graces, to prevent a shape, which without lacing may even occur to very petite ladies, and to achieve a lovely natural wave shape. These corsets support the shape and delight the eyes…“

 Leider ist dem Text kein Bildmaterial zugefügt. 
Es gibt sowohl in der Sammlung des Kyoto Costume Institues einen Korsetttypus, der sich "Korsett Elastique" nennt (allerdings vom Museum auf 1790 datiert wurde), als auch ein Korsett, das in der Zeit des Consulat unmittelbar um 1800 scheinbar sowohl über, als auch unter dem eigentlich Kleid getragen wurde.
Unfortunately there are no engravings or plates added for explanation.
There's a certain type of corset in the Kyoto Costume Collection, which is called "Corset Elastique" (though it was dated 1790 by the museum), but there's also a soft corset type, worn during Consulat around the year 1800, which seems to be acceptable to be worn either under the dress or on top.

1790 Corset elastique, Kyoto Costume Institute

Aber kommen wir zurück zum "Book of English Trades, or Library of usful Arts" und dem Stich, der die Grundlage für die heute rekonstruierten "short stays" bildet. Erstmals war er in der Ausgabe von 1811 und blieb dort unverändert bis 1818.
Back to the "Book of English Trades, or Library of usful Arts" and the engraving, which influenced most of today's reconstructed "short stays". 
It was first published in the 1811 edition and was still in use in 1818.

Hier sehen wir ein Korsett/Mieder mit Frontschnürung, allerdings hat es Zaddeln am unteren Rand und ähnelt sehr den noch kurz vor 1810 modischen Übergangskorsetts.
Here we have a corset/stays with front lacing, but it has tabs at the lower edge and it is still very similar to the transitional stays, which were in fashion until c. 1810.

Für die Zeit um 1810 gibt es noch weitere Quellen, die wir auf der Suche nach "Short Stays" zu Rate ziehen können. Zum einen ist da der berühmte Ratgeber "The Mirror of Graces" von 1811
For the time around 1810 we have further written sources, which we could search for "short stays". For example the famous book "The mirrow of graces", 1811


Wie es scheint, kamen zu dieser Zeit die langen Korsetts in Mode. Leider ist auch im folgenden Text nur von dieser Neuerung die Rede und von der zuvor gefrönten "Griechischen Freiheit" - kein Wort über "short stays".
It seems that around this time the long corset came into fashion. Unfortunately only this type of corset and the "Grecian Gracefulness" is mentioned in the further reading  - no word on "short stays".

Auch der erneute Blick in das "Journal des Luxus und der Moden", diesmal aus dem Jahr 1811, verweist den Leser lediglich auf die neu in Mode gekommenen langen Korsetts. Auszug aus dem "Modebericht aus Paris, 1811":
Even the German fashion journal "Journal des Luxus und der Moden" from 1811, only refers to the newly invented long stays. Excerpt from "Modebericht aus Paris, 1811"

„…man hat vordem sehr gegen die Schnürbrüste und Corsets gepredigt, und unsere Damen trieben die Griechheit fast bis zum Stande der Natur. Aus diesem Extrem fallen sie jetzt in ein anderes. Sie schnüren sich nicht bloß wie ehedem und umgeben sich mit Fischbeinleibchen und Corsets, sondern die heutigen Corsets sind größer und stärker als sonst. Ein heutiges Corset presst nicht bloß den Magen, die Taille, die Schultern, sondern drückt und presst den Oberkörper so zusammen, dass eine so gepanzerte Dame sich kaum bewegen kann.“

„…there was a lot of arguing against those stiff laced stays and corsets before and our fashionable ladies nearly pushed the new „Grecianism“ to pure nature. From these extreme they now fall into another. They not only lace themselves as before and wear boned stays and corsets, but today’s corsets are even larger and stronger. Today’s corset does not only squeeze the stomach, the waist and shoulders, but squeezes the whole bodice, thus the armoured lady can hardly move…“


Paris? Das konnte eine gute Spur sein, nachdem das Augenmerk zuvor englischen und deutschen Quellen galt.
Wie immer sind die "Costume Parisien" Modekupfer eine wunderbare Quelle und tatsächlich, dort findet sich ein "Corset en X", das nicht zu den langen Korsetts gezählt werden kann. Aber es hat keinen Frontverschluß, sondern wird mittels Schnüren vom Rücken her geschlossen.
Paris? Well that could be a trace, after examine the English and German fashion magazines.
The "Costume Parisien" fashion plates a reliable source and really there's a "corset en X", which does not belong to the category of long corsets. But it has no front closure either, but is closed with ties from the back.

Und unglaublich, aber wahr, es gibt sogar ein Original, das dem Kleidungsstück auf dem Modekupfer ähnlich ist!
And, unbelievable but true, there's an original, which resembles the garment on the fashion plate!
Corset Museum Galliera

Über dieses Korsett gibt es bereits eine wunderbare Recherche und Schnittmuster auf den Seiten von Corsetra Design und Daffodown Dilly Regency Era Wrap Stays.
In diesem Zusammenhang soll auch das Korsett "Brassiere" vom Kyoto Costume Institute der vollständigkeit halber nicht unerwähnt beleiben. Auf der Seite Living with Jane findet sich eine wunderschöne Reproduktion. Eines der wenigen Korsetts mit Frontverschluß, es liegt die Vermutung nahe, dass dieses ungewöhnliche Korsett möglicherweise einem bestimmten gesundheitlichen Zweck diente.
There's already done lots of research on this particular corset by Corsetra Design and Daffodown Dilly Regency Era Wrap Stays.
For complete record I would also like to mention the "brassiere" corset from the Kyoto Costume Collection.
On Jenni's blog Living with Jane we'll find a lovely reproduction.  One of the rare corsets with front closing, where speculation might lead to the conclusion that it was to serve health issues.

Bisher scheint es kein Beispiel für "short stays" mit Frontverschluß und ohne Zaddeln zu geben, und in all den Journalen war auch niemals die Rede von "short stays", also schließe ich diese Recherche dort, wo ich sie begonnen habe: im Lady's Stratgem.
Ein umfassendes Kompendium aus den 1820er Jahren, dass an vielen Stellen aber noch die vorhergehende Mode aufgreift. Hier finde ich zum ersten Mal ausführliche Beschreibungen nicht nur von langen Korsetts, sondern auch von kurzen Korsetts, die sich aber nicht "short stays", sondern "half stays" nennen.
Es werden drei verschiedene Ausführungen beschrieben:
Stays a la Paresseuse
Night stays oder Brassieres
Half stays oder morning belts
Das erste Paar kann wahlweise in langer und kurzer Ausführung gefertigt werden, die anderen beiden werden nur in einer kurzen Ausführung beschrieben, wobei sie einem langen Korsett ähnlich sind und im Falle der "half stays" sogar aus ihnen gefertigt werden konnten, indem man ein langes Korsett bis auf ca. zwei Zoll unterhalb des Busens einkürzt.
Gemein haben alle einen Rückenverschluß.
Außerdem gibt es bei der Anleitung die Empfehlung, diese Korsetts ausschließlich dann zu tragen, wenn es der Anlass gebietet und nach Komfort verlangt, z.B. während einer Reise in einer Kutsche, während des Morgens oder in der Nacht.
So far there's no example for "short stays" with front closing and without tabs, and there has been no mention of the term "short stays" in the fashion journals, thus I will end my research where I've started it: in the Lady's Stratagem.
It is a period compendium from the 1820s, which descriptions often give hint to prior fashions. Here I not only found detailed decriptions of long corsets, but also of short ones, called "half stays" (to described the stays, the word "short" is used, but whenever the type is mentioned the term "half stay" is period).
There are three different types:
Stays a la Paresseuse
Night stays or Brassieres
Half Stays or Morning belts
The first pair can be made up either in a long or short version, the other two types were only described as short, while they are made up and designed like long stays, in fact the reader is advised to make the half stays using long ones cut two inch below the bust line.
They all have back closure.
And they are recommened only for wear in situations, which call for comfort, such as a carriage ride, early morning or during night.

Nach all der Recherche lag es nahe, die Bequemlichkeit und Trageeigenschaften dieser Mieder mal auf dem "eignen Leib" nachzuvollziehen, also arbeiteten wir die stays a la Paresseuse und den morning belt entsprechend der Anleitung nach.
Hier das Ergebnis (zunächst nur das "Mieder  für Faule", da die Arbeit an dem "Morning Belt" noch nicht beendet ist)
After all the research, it was unevitable to have an attempt on proofing the comfort of these stays, so we assembled the stays a la paresseuse and the morning belt according to the given description.
Here's the result (so far only the "stays for the lazy" are done, the other pair is still in the making)

Die Vorderansicht der 1815-späte 1820er Half Stays a la Pareseusse. Anstelle des Blankscheits der langen Korsetts, wurden vier Stäbe Plastikfischbein eingenäht.
The front of the ca. 1815- late 1820s half stays a la Paresseuse. Instead of the busk four rows of plastic boning are sewn in.

Die Rückenschnürung, die innen angenäht und dann durch die gegenüberliegenden Schnürlöcher geführt wird. Die Stränge (eine halbe englische Elle (=55cm) lang) werden anschließend zusammengefasst und vorne geschlossen. Entlang der Öffnung wurde ebenfalls Plastikfischbein eingesetzt.
The back lacing is sewn onto the inside at the back, then laced through the opposite holes.
The ribbons/cords (half an ell long) are put togther to a bundle and closed on the front. There's one row of plastic bone at the back sides.

An der Seite wurde jeweils ein Streifen Band angenäht, in dem die Verschlußkordeln nach dem Ausziehen abgelegt werden, um ein Verheddern zu verhindern. Die Enden der Schnüre werden mit Hilfe eines Stoffstreifens (ein Finger breit, zwei Finger lang) zusammengefasst. Dieser Streifen wird nochmal umgeklappt und festgenäht, sodass eine Schlaufe entsteht.
There are small strips of ribbon on each side, where the ribbons/cords are stored after undressing, so the cords won't get tangled. The end of the ribbons are fastened into a strip of fabric (one finger wide, two fingers long). This strip is folded and sewn secure into a loop.

Die eingenähten Schnürbänder
The sewn in ribbons

 
Die verzierte Front mit dem "Blankscheitersatz"
The decoratively corded front with the "busk replacement"

Ein kurzer Blick auf den Rückenverschluß des "morning belt"
A sneak peek on the unfinished back of  the "morning belt" and the straps

Nachdem man das Korsett übergestreift hat, werden die zusammengefassten Schnüre nach vorne gezogen.
After putting the stays on, the ribbons are pulled to the front.

Ein weiteres Band wird durch die beiden Schlaufen gezogen und zugebunden.
A further ribbons is attached to the two loops and tied.

Die Schnürung kann jederzeit gelockert oder wieder angezogen werden. Es wird empfohlen dieses Mieder auf Reisen unter einem Kleid zu tragen, das über einen Frontverschluß verfügt, so kann man es jederzeit regulieren.
The lacing can easily be loosened for comfort or pulled tight again. It's recommended to wear this corset under a front closing dress on travels/journeys/carriage rides, thus it can be easily adjusted.

 Historisch belegt und außerdem zaubert es die gewünschte Silhouette...und weiter geht es mit der Arbeit an den morning belt half stays. Und wer weiß, vielleicht finden sich bis dahin auch noch weitere zeitgenössische Quellen?!
Historical accurate and it shapes the desired silhouette...and now off to finish the morning belt half stays. And who knows maybe by then there'll be further period sources to explore?!