Donnerstag, 6. Dezember 2018

Schuhmoden in Weimar und Westphalen

Ja, wo fang ich denn mal an mit dem Beitrag?
Zunächst vielleicht mit der - wohl eher wenig verwunderlichen - Mitteilung, dass St.Crispinius Geist noch immer durch unser Haus weht und es ihm offensichtlich derart behaglich erscheint, dass er beschlossen hat meine kleine Werkstatt für längere Zeit zu beehren.
Also gibt es am heutigen St. Nikolaustag zwar keine Stiefel, aber mit neuen Schuhen kann ich dienen.
Im letzten Jahr an dem Jubeltag eines weiteren Heiligen, nämlich St.Valentin, erhielt ich ein Paar wunderschöne Schuhschnallen, die sich mir nach der Fertigstellung der ledernen Felgenhauer Schuhe, augenblicklich in Erinnerung riefen.
Glücklicherweise trug man in den 1790er Jahren noch ab und an die lange in Mode gewesenen Schnallenschuhe, wenngleich sich der Stil ein wenig angepasst hatte.
In Bertuchs Journal des Luxus und der Moden wird 1789 der sinkende Stern der Schnallenschuhe erläutert, ebenso im Journal de la Mode et du Gout vom Juni 1790. Monsieur Heurteloup, der derzeit mit diesem Journal für ein neues Kleidungsstück arbeitet, hat sich darüber freundlicherweise mit mir ausgetauscht.
Well, where do I start with this blogpost?
Maybe first I should let you know that St.Crispin's spirit probably is quite fond of our house and now dwells in the nooks and crannies of my workshop.
Hence this year I won't fill any boots on St.Nikolaus Day, but probably come up with shoes.
Last year on another saints day, namely St.Valentin, I received the gift of a pair of gorgeous shoe buckles, which came to my mind again after finishing the Felgenhauer shoes. 
Luckily these were still worn in the 1790s, although the shape slightly changed.
Bertuch's Journal des Luxus und der Moden keeps us informed in 1789 about the fall of shoe buckles and shoes with latchets. A fact that is also stated in the Journal de la Mode et du Gout from Juni 1790. Monsieur Heurteloup, who is currently working with the Journal, has kindly shared a text passage about it with me.
1790, Journal de la Mode et du Gout (Quelle/source: Bunka Gakuen)
Die Schnallenschuhe verabschiedeten sich seit den 1780er schleichend aus der Mode, denn mit den schweren Schnallen galten sie als unbequem, wie uns das Journal blumig beschreibt.
Lediglich farbenfrohe Schnallenschuhe fanden noch an die Füße der eher jungen Damen...und im westfälischen Sauerland hielten sich bekanntermaßen die Moden auch ein wenig länger. 
Vor meinem geistigen Auge sah ich schwarze Schnallenschuhe, die über das heimatliche Pflaster knirschten.
Ich liebäugelte also mit einem Modell, dass bereits die neue spitze Form der 1790er aufwies, aber dennoch meine Schuhschnallen zur Geltung bringen würde.
Shoes with latchets gradually took their leave from fashion since the 1780s, because the heavy buckles suddenly were seen as uncomfortable, which is described in both journals mentioned above.
Only colourful shoes with latchets were still found on the feet of young ladies...and most probably they also remained in fashion in the westphalian Sauerland, where fashions generally were slower.
I already imagined black shoes, which walk over the cobbled sauerlandian streets. 
I've chosen a pair, which already had the very pointy 1790s shape, yet could be still adorned with my shoe buckles.
1780-1800 Black English Satin Shoes (Quelle/source: Manchester Art Gallery)
Und endlich würde der etwas in die Jahre gekommene Kummerbund aus schwarzem Satin, den mir meine Freundin Natalie von A Frolic through Time schon vor einigen Jahren zugesandt hatte, zum Einsatz kommen. Damals ahnten wir sicherlich nicht, dass der Stoff ausgerechnet in Schuhen enden würde!
Zunächst galt es auf dem Leisten ein Schnittmuster für die Schuhe zu entwickeln, mit einer Pappsohle, weißer Baumwolle und etwas Malerkrepp.
And finally the vinatge sash made from black satin, which was kindly given to me by my dear friend Natalie from A Frolic through Time, has had it's purpose found. I guess we both haven't imagined it to be turned into shoes!
First I needed to come up with a pattern on the last, with a cardboard sole, cotton and tape.
Wie man unschwer erkennen kann, steht es meinem Schusterjungen Oskar ins Gesicht geschrieben: "Nicht Dein Ernst?"
Aber das mumienhaft anmutende Probestück verfehlte nicht seine Wirkung und schon bald ging es an das Nähen des Schuhblatts der westphälischen Schuhe.
You cannot fail to notice the frown on my apprentice Oskar's face, saying:
"Seriously?"
But the mummified-like mockup was helpful and it resulted in sewing the uppers.
Voila! Quartier und Vorderblatt aus Satin mit Leinen, der - wie historisch erwähnt - mit Stärkekleber aufgeleimt wurde. Das Einfassband besteht aus feinem baumwollenen Band in Leinwandbindung, das mit Eisengallustinte eingefärbt wurde. Das Münsterische gemeinnützliche Wochenblatt erklärt in seiner Ausgabe von 1793 die verschiedenen Beizen, die Verwendung fanden, u.a. auch simpel angesetzte Eisenbrühen für die schwarze Farbe.
Voila! The front and back made of satin and linen, which is - historically authentic - glued together. The ribbon is made of cotton in plain weave, dyed with iron gall ink or oak gall ink. The Münsterische gemeinnützliche Wochenblatt 
explains in it's 1793 issue different mordants, which were used, like a quick and easy iron gall mordant.
Das vernähte Schuhblatt ist bereit um auf den Leisten und die Sohle gezogen zu werden.
The assembeled upprs, ready to be attached to the sole.
Mit dem Ergebnis war ich sehr zufrieden und nach der Trocknung, konnte ich einen ersten Eindruck darüber gewinnen, ob der Absatz zum Schuh passt.
I was contend with the result and after it dried, I could decide whether the heel would match the shoe.
Passt!
Fits!

Und wie immer bei Schuhpaaren, folgte das andere Stück. Beide sind auf dem gleichen Leisten gefertigt, aber durch das Tragen erhalten sie bald ihre Prägung.
And as it is usually the case, a second shoe follows the first. Both are sewn on the same last, due to wearing each gets it's unique shape.
Diesmal hatte ich die hintere Naht kurviger zugeschnitten, was dem Tragekomfort sehr zuträglich ist.
Sie passen perfekt.
This time I've cut and sewn the back seam more curved, which was helpful for the comfort of wearing them.
They do have a perfect fit.
Durch das Aufleimen haben die Laschen mehr Stabilität bekommen, sodass die Schnallen den feinen Satin später nicht einreissen lassen.
Due to the glue the latchets are more sturdy, thus the buckles' pikes do not fray the delicate fabric.
Im Gegensatz zu den Felgenhauerschuhen aus Dresden kommen die Schuhe aus der westphälischen Provinz ohne Schuhmacherlabel aus, stattdessen sind sie mit "links" und "rechts" versehen.
In contrary to the Felgenhauer shoes from Dresden, the shoes from the westphalian countryside do not come up with shoe labels, instead they are marked with "left" and "right".
Die hochwertige Kunstledersohle, die Ledersohlen nachempfunden ist.
The high quality faux leather sole, which mimics real leather.
Mit diesen Schuhen kann man das heimischen Pflaster unsicher machen, aber auch in Weimar müssen sie sich nicht verstecken!
These shoes are not only suitable for the Sauerlandian streets, but would also make a great appearance in Weimar!
Bereit für die Schuhschnallen!
Ready for the shoe buckles!
Endlich haben die Schnallen einen neuen Platz zum Glänzen gefunden!
Finally the beautiful shoe buckles have a spot to shine!
Da im Journal de la Mode et du Gout auch noch farbenfrohe Paare für die jungen Frauenzimmer erwähnt wurden, setzte ich das Schnittmuster gleich noch in einem Kontrastprogramm um und fertigte ein Paar aus der Weimarer Schuhmacherwerkstatt Schönkett & Frau.
Und welche Farben könnten fröhlicher und jugendlicher sein als Froschgrün und Pink?!
As the Journal de la Mode et du Gout also mentioned colourful shoes for young ladies, I did a second pair from the same pattern as it would be done in the Shoeworkshop of Schönkett & Frau in Weimar.
And what colours could be more colourful and youthful than kermit green and pink?!
Die Laschen wurden in pinker Seide ausgeführt, eingefasst sind sie mit rosafarbenem Ripsband.
The latchets are made from pink silk, bound in rose-coloured ribbon.
Die fertigen Schuhblätter aus faconierter Seide und aufgeleimtem Leinen
The shoes' uppers from figured silk and linen
Der erste Versuch für die Absatzfarbe gelang leider etwas zu Pink, also folgte noch eine zweite Schicht, um den Farbton des Einfassbandes zu treffen.
The first attempt on pink heels was a tad too pink, I added a second layer in rose, which matches the ribbon much better.
Das Ergebnis waren modische Schuhe, die keine junge Dame unter ihren langen Röcken verstecken mußte.
The result was a pair of fashionable shoes, which no lady should hide under her skirts.
Die Quartiere sind minimal höher geschnitten. Die Absätze dafür schmaler.
The back is slightly higher. The heels are cut much smaller.
Und hier darf das Schuhlabel nicht fehlen!
Of course the shoe label should not miss!

Jetzt wird es aber Zeit für die Schuhschnallen!
Now it's time again for the buckles!
Auch hier legen sie einen glänzenden Auftritt hin!
A magnificent appearance!
Für mich war es sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich der gleiche Schnitt des Schublatts ausgeführt werden kann. 
Andere Stoffe, Farben und andere Absätze und man erhält zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe.
It was interesting to see how the same pattern could result in two different pairs of shoes
with just fabrics, heels and colours. 
Da ich nicht mehr zur jugendlichen Zielgruppe gehöre, schlägt mein Herz ein wenig höher für die schwarzen westphälischen Schuhe, aber die grünen Schuhe unter einem weißen Kleid sind schon ein waherer Hingucker!
As I'm actually not counting myself to the young ladies anymore, I prefer the black westphalian shoes, but I have to admit that the green shoes, peeking out from under a skirt, are real eyecandy!
Glücklicherweise muß ich mich nicht entscheiden, sondern kann mir sozusagen beide leisten.
Lucky me, I do not need to choose between them, but can wear both ;)
Und wie läuft es sich darin eigentlich?
Üblicherweise verbringe ich den größten Teil des Tages barfuss oder zumindest bestrumpft, daher waren selbst diese kleinen Absätze mal etwas neues für mich. Man läuft sich sehr schnell ein und ich bin schon gespannt wie sich die Schuhe künftig auf dem Weimarer Pflaster schlagen.
Ich werde sicherlich ausführlich darüber berichten.
Und nun geht es vorerst zurück in die Werkstatt, denn da wartet ein sehr modisches Paar der 1790er ganz ohne Schnallen aus dem Journal des Luxus und der Moden darauf wiederentdeckt zu werden.
And how do they feel on the foot?
Usually I spend most of the day barefoot or in socks, therefore these heels were something new to me. Gladly it's something to get used to quickly and I'm curious on learning how they'll work on the Weimarian cobblestone and gravelled roads.
I will certainly let you know.
And now it's back to the workshop for me, there's a 1790s highly fashionable pair of shoes waiting to be discovered again.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Novität der Michaelis-Messe zu Leipzig: rosa Frauenzimmer-Schuh aus Leder nach englischem Vorbild

"Madame, Ihre Bestellung wurde geliefert."
"Madame, your order has been delievered."
Aber mal ehrlich, wie kam eigentlich der Frauenzimmerschuh in den 1790er Jahren an den Fuß der Dame?
Messen, wie zum Beispiel die oben erwähnte berühmte jährlich stattfindende Michaelismesse in Leipzig im September, und Jahrmärkte waren eine gute Gelegenheit neue Moden kennenzulernen und auch bereits gefertigte Schuhe zu erwerben, aber üblicherweise wandte sich Madame an den örtlichen Schuhmachermeister. Lebte sie in einer größeren Stadt, konnte sie gar bei einem sogenannten Frauen-Schuster ihre Bestellung aufgeben.
Dazu fand sich Madame zumeist vor Ort ein, um zunächst ihren rechten Fuß mit einem papierenen Band und einer Holzschieblehre ausmessen zu lassen. Von ihren Maßen fertigte der Schuhmacher einen einzigen Leisten, welcher nicht nur dem Fuß, sondern auch der neuen Schuhmode entsprach.
Aber werfen wir doch einen Blick in eine solche Werkstatt:
Seriously, how does a shoe made it's way to the foot of a lady in the 1790s?
Trade fairs, for example like the above mentioned famous annual Michaelsmas in Leipzig in September, or other fairs always have been a good opportunity to learn more about the latest fashions and even purchase readymade shoes, but usually Madame would prefer to visit the local shoe maker. If she happened to live in a big city, she could even shop at a specialized shoemaker for ladies.
Generally madame would choose to pay a visit in the shop to have her right foot measured with a paper tape and a wooden calliper. Having her foot's measurements the shoemaker first created a single last, which did not only match her feet, but also the desired fashion.
At this point we might have a peek into the shoemakers workshop:
1791, Johann Peter Voit, Faßliche Beschreibung der gemeinnützlichsten Handwerke und Künste (Quelle/source: googlebooks)
Dargestellt wird das Maßnehmen des Schuhmachers am schwarzbestrumpften Fuß der Dame. Im Hintergrund an der Wand sieht man die Leisten, wie damals üblich immer nur einer. Frauenzimmerschuhe konnten aus Leder oder "Zeug" (also verschiedenen Stoffen) hergestellt werden, wobei das Schuhblatt gar von der Kundin selbst mitgebracht werden konnte, dazu findet sich auch ein erläuternder Text in den Quellen:
Depicted is the measuring of the black-stockinged foot of the lady. In the background is a shelf with all the lasts, as it was common back then always only one for both feet.
Female shoes could be made of leather or fabric, where the uppers could even be contributed by the female costumer, this is well-described in the following passage:
1791, Johann Peter Voit, Faßliche Beschreibung der gemeinnützlichsten Handwerke und Künste (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
Gefärbtes Leder wird zu Frauenzimmerschuhen und zu Pantoffeln genommen; dahin gehören nun rother, grüner, gelber, blauer Safian, roth und paillegelb, auch blau und weisses Taffentleder, rauhes Kalbleder von den Weiß-und Sämischgerbern, ingleichen allerhand weisse, farbige und bunte Ledersorten. Jetzt sind reiche, gestickte, barchentne und seidene Frauenzimmerschuhe Mode, wozu man die Blätter im Kramladen kauft.
Translation:
Coloured leather is used for ladies' shoes and mules; as were red, green, yellow, blue moroccan leather, red, straw yellow, also blue and white soft leather, raw calf hide from the tanner, and also plenty white, coloured and painted leathers. Currently rich, embroidered, fustian and silk ladies' shoes are fashionable, where the uppers are bought in corner shops, general stores or rummage shops.

Auf diese Art und Weise wurde ein Schuh zu einem sehr individuellen Stück, das bis ins Detail den Vorstellungen der Kundin entsprechen konnte.
Besonders in England waren lederne bemalte Schuhe zur Mitte der 1790er sehr beliebt, wobei die Muster bisweilen für den heutigen Betrachter äußerst modern wirken: von Blümchen und Punkten über geometrische Muster ist in den Museen beinah alles zu finden, was das Frauenherz vor über 200 Jahren höher schlagen ließ und auch heute noch für Entzückung sorgt.
This way a shoe turned into quite an individual piece of fashion, as it could be fulfilled very detailed after the customer's delight.
Especially in England painted leather shoes were highly popular in the mid 1790s, while the patterns are still appealing to the modern eye: from flowers and dots to geometrical patterns, a wide range still to find in the museums and with the ability to raise the heart rate as much today as 200 years ago.

Und auch ich bin dem Charme dieser Schuhe erlegen, aber leider konnte ich nicht einfach zum örtlichen Schuster mit meinem Schublatt aus dem Kramladen und mir den Traum erfüllen, also verschwand ich - den heiligen Crispin um Beistand anrufend - in meiner Werkstatt, um zunächst einen Leisten mit dieser markanten Spitze herzustellen. Der Originalleisten in meiner Sammlung, mit dem ich zuvor den Pantoffel hergestellt habe, half mir dabei sehr...dennoch bedeutete es einige Stunden Schleifen und zig Schuhprobestücke aus Papier.
I also succumbed to the charms of these shoes, but unfortunately I could not just visit the local shoe maker with an upper from the next corner shop to realize my dream, hence I went into my own workshop - while calling St.Crispin for guidance - to build a last with the distinctive pointy toe. The original last in my collection, from which I made the mules recently, helped me a lot...nevertheless it meant hours of sanding and quite a number of paper shoe samples.
Der fertige Leisten wirkt recht zierlich und schmal, aber mit der Spitze misst er beinah 26 Zentimeter. Überhaupt führt den Betrachter das Aussehen der Schuhe oftmals in die Annahme, dass die Schuhe (und somit auch die Füße der Damen) äußerst klein waren, und sicherlich galt ein zierlicher Fuß damals als Ideal (dazu an anderer Stelle demnächst hoffentlich mehr), aber dank der detaillierten Auflistung der Museumsbestände ist zu erkennen, dass die meisten Schuhe durchaus heute gängigen Größen entsprachen.
The finished last looks rather dainty and small, but with the pointy toe piece it measures 10 1/8 inch.
Actually the shape of the shoe often misleads to think, that shoes (and the feet of the ladies) commonly have been much smaller, and most certainly a petite foot meant an ideal (more about that hopefully soon in another blog post), but due to precise museum's data it is revealed, that most shoes conform with today's sizes.

Nachdem der Leisten gefertigt war, folgte das Schuhblatt. Wie bei den Originalen kam sehr dünnes Leder zur Verwendung (mein alter Lederblouson aus den 80ern lässt grüßen), welches entsprechend der englischen Vorbilder gefärbt und bemalt wurde.
After the last was finished, I made the uppers. Following the originals I've chosen a very fine and thin leather (taken from my old leatherjacket from the 1980s), which was painted and then coloured according to the museum's pieces.

Wie in historischen Quellen beschrieben, wurde das feine Leder mittels Stärkekleber auf das Leinenfutter aufgeklebt, um dem Schuh mehr Stabilität zu geben. Die Nähte und der obere Rand wurden mit einem Band eingefasst. Im historischen Kontext waren diese Näharbeiten zumeist die Aufgabe für die Frau (oder die Töchter) des Schuhmachers.
Like described in historical sources, the thin leather was added to the linen with glue, to give more stability to the shoe itself. The seams and the upper edge were finished with a ribbon. Historically this sewing was usually done by the wife (or daughters) of the shoe maker.
Die Schuhblätter auf der Innensohle befestigt. 
Da ich durch die Verwendung von Kunstledersohlen, die nicht vernäht werden können, vom Original abweiche, gestaltet sich auch die Konstruktion ein wenig anders. Im Netz sind zahlreiche Anleitungen für die Konstruktion im Wendeschuhverfahren zu finden, weshalb ich das an dieser Stelle nicht weiter erläutere.
The uppers are attached to the insole.
As I use faux leather soles, which cannot be stitched, I therefor differ from the original construction. There are plenty of tutorials in the worldwideweb for turnshoe construction, thus I won't go into detail here.

Nachdem die Schuhe auf die Innensohle aufgeklebt wurden, habe ich zwei verschiedene Sätze Absätze gefertigt, welche anschließend mit Leder bezogen wurden. Da das Fertigen der Absätze bisweilen eine Kunst für sich war, gab es in größeren Städten auch Stöckelmacher, die sich auf die Herstellung spezialisiert hatten.
After attaching the uppers to the insole, I've done two sets of heels, which were then covered with leather. As the process of heel making is rather an art of it's own, there also have been heel makers (Stöckelmacher) in larger cities, which have specialized in this craft.
Die Entscheidung fiel schließlich auf die linke Absatzvariante. Nachdem diese an beiden Schuhen befestigt war, folgte schließlich noch das Anbringen der Laufsohle und der beliebten Pompons...
The decision was made for the left heel style. After these were attached to the shoes, finally the outer sole was assembled and the popular pompom decororation...

...und dann konnten die Schuhe, wie eingangs im Bild gezeigt, abgeholt oder geliefert werden.
...and then the shoes were ready to be fetched or delievered, like shown in the photo at the opening of this blogpost.
J.D.Felgenhauers Novität: bemalte rosa Frauenzimmerschuhe. Kein Wunder, dass die Deckel von den Schachteln gerissen wurden - ob begleitet von dem heute verbreiteten Kreischen sei dahingestellt.
J.D. Felgenhauer's novelty: coloured pink lady's shoes. No wonder that the lid was ripped of from the box - whether with a sigh or squeeze, we do not know.
Gut, ein bisschen geseufzt hat Madame dann schon bei dem Anblick von diesem Traum in rosa.
Well, a bit of a sigh was heard from Madame, when she first glanced at this pink dream.
Gut besohlt und geschmückt.
Well soled and adorned.
Auch die (Kunstleder-)Sohle ist ein Hingucker.
The (faux leather) sole is eye candy as well.
Selbst beim Umdrehen und Abschiednehmen macht Madame fortan Eindruck.
Even with turning around and walking away Madame will leave a lovely impression.
Auf Felgenhauers Modelle ist modisch einfach Verlass.
You can always rely on Felgenhauer's fashionable shoes 

Ich bin wirklich sehr zufrieden mit meinem ersten Paar Schuhen und sie waren ein gutes Lehrstück. Beim nächsten Paar weiß ich genau, worauf ich zu achten habe und wo Verbesserungen vonnöten sind. Zum Beispiel ist dieses feine, weiche Leder sehr viel nachgiebiger als man es von modernen Schuhen gewohnt ist und es schadet nicht die hintere Naht kurviger zu schneiden, ein Band in die obere Kante einzufügen (wie man es auch bei vielen Originalen sieht).
Während man beim modernen Schuhkauf eher eine halbe Nummer größer wählt, ist es hier umgekehrt, denn das feine Material und dazu der gleiche Leisten geben dem Fuß gut nach.
Überhaupt sind und waren diese Schuhe zumeist nur ein Saisonvergnügen, denn die feine Spitze stößt schnell an und es empfiehlt sich auf dem Kopfsteinplaster Überschuhe zu tragen. 
I'm truly happy with my first pair of shoes and they've been a good teacher. 
With the next pair I now know what to consider and improve. For example this fine leather is much more pliable than we are used from modern shoes and it is recommended to have a more curved back seam and a ribbon along the top (like seen in original shoes). 
While it's usually good to choose half size up in modern shoes, it's quite the contrary here, because the thin and smooth material on a straight last widens. 
Actually these shoes are and were always meant as a seasonal fun and fashion, as the pointy toe is prone to get in trouble, hence wearing overshoes on cobbled streets might be reasonable.

Dennoch kann ich es kaum abwarten sie zu tragen, auch wenn man sie unter den herrlichen Kleidern vielleicht nicht immer sieht!
Nevertheless I can't wait to wear them, although they're usually hidden under the huge dresses.

Aber Felgenhauers Schuhe machen die Füße einfach schöner!
But Felgenhauer's shoes make feet so pretty!


Und wer auch gerne ein individuelles Paar Schuhe sein Eigen nennen möchte, sich aber scheut selbst in der Werkstatt zu verschwinden, dem bietet sich die Möglichkeit ein bisschen in die Zeit um 1800 einzutauchen und ein Paar nach eigenen Wünschen bei Charos Atelier Angelica Absenta zu bestellen:
If you'd love to have your own pair of individual shoes, but are afraid to assemble them in your own workshop, there's a wonderful possibility to go back in time into around 1800 and order them after your very own desire at Charo's Atelier Angelica Absenta:
Atelier Angelica Absenta

Freitag, 21. September 2018

¡Hola! Un retrato femenino con Schnürleib

Eigentlich bin ich immer noch dem Hl.Crispin verpflichtet und eifrig in der Pantoffelmacherwerkstatt (und am Schreibtisch) unterwegs, als mich Mme.R. vom Pavillon de la Paix auf einen Fund hinweist, der mich unverzüglich ins Schwärmen und Staunen versetzt - und diese ausgelöste Euphorie muß ich nun einfach teilen.
Im Museo del Prado in Madrid existiert eine kleine und feine Miniatur, welche ein Herz sicherlich schon vor zweihundert Jahren hat höher schlagen lassen.
Actually I'm still on a mission to please St.Crispin and quite busy making mules in my mule-maker-workshop (and at the desk), when Mme R. from Pavillon de la Paix pointed me to an amazing find, which catapulted me into awe and exictement - and I simply have to share this euphoria.
There's a fine miniature in the Museo del Prado in Madrid, which probably have raised the heart rate already 200 years ago.

1810, Retrato femenino, atribuida a Luis de la Cruz y Rios (Quelle/source: Museo del Prado Madrid)
"...aber, Moment mal!" Wird sicherlich so mancher denken, nachdem ein Seufzer ob der Schönheit der Unbekannten getan ist, "...das sieht aus wie ein Bernhardtscher Schnürleib!"
Tatsächlich! Diese - sicherlich persönlich gedachte - Miniatur beweist einmal mehr, wie sich die Damen unter ihren wundervollen Roben kleideten.
"...wait, what?!" Some of you might exclaim after a sigh is done to compliment the beauty of the unknown sitter, "...that looks like a pair of Bernhardt's short stays!"
Indeed! This - probably very personal - miniature proofs how women used to dress under their gowns.

Ob J.S. Bernhardt diese Art des Schnürleibs bis nach Spanien bekannt machte, oder ob es sich um ein allgemein weitverbreitetes Kleidungsstück handelte, wird noch zu erforschen sein, aber die Funde mehren sich.
Whether Bernhardt's book was also known in Spain or it was a common piece of garment will hopefully one day be cleared by more research, for now we can see that there are more and more finds.
Schnitt Fig.C und der dazugehörige Text aus J.S.Bernhardts Buch und den daraus resultierenden Schnürleibstudien führen jedenfalls zu einem Kleidungsstück, welches dem der Miniatur äußerst ähnlich ist. Bis hin zu den schmalen Trägern und der unverkennbaren Silhouette.
Patron Fig.C and the accompanying text from J.S.Bernhardt's book and the resulting Short Stays Studies reveal a garment, which is pretty close to the one in the miniature. On point to the very small shoulder strapes and the overall famous Bernhardt stays silhouette.

J.S.Bernhardt empfiehlt Fischbein oder einen Blankscheid zu diesem Schnürleib.
J.S. Bernhardt recommends baleen or a busk for these stays.

Besser kann ein Wochenende nicht beginnen.
Mit neuem Elan und in der Gewissheit, dass man täglich dazulernt (und dieser Winter sicherlich voller spannender Forschung werden wird!), verabschiede ich mich vorerst wieder unter den Pantoffel...
There's no better way to start into a weekend. 
With new verve and the certainity, that there's something new to learn every day (and that this winter will be filled with exciting research), I return to mule-making for now...

Donnerstag, 13. September 2018

"... und senden Sie mir 1 Paar blaue Frauenzimmer Pantoffeln von bemahltem Leder!"

Wenn man in diesem Sommer ein wenig mit dem Kopf in den Wolken gesteckt hat, sollte man sich vergewissert haben auch auf soliden Füßen zu stehen - kurz: nach einer ausgedehnten sommerlichen Auszeit fiel mein Augenmerk nach Jahren der Missachtung mal wieder auf passendes Schuhwerk.
Also kramte ich in meiner kleinen Werkstatt nach der Kiste, die ganz weit hinten auf einem Schrank verstaut war und zum Vorschein kam ein wunderbarer Leisten, den mir der Zufall auf einem Antikmarkt in die Hände gespielt hatte (und der zudem noch genau meiner Schuhgröße entsprach), Lederreste aus alten abgetragenen Handschuhen, die mir Ute von Schneiderherz großzügig zugesandt hatte (Erinnerst Du Dich überhaupt noch daran?!) und festes Sohlengummi.
Da man mit jedem neuen Handwerk erstmal klein anfangen sollte, um die Handgriffe und Vorgehensweise zu verstehen, entschied ich mich für ein Paar wundervolle Pantoffeln aus der Sammlung des Rijksmuseums in Amsterdam:
If you have - like me - spent the past summer with your head in the skies, it was highly recommended to have your feet firmly on the ground - in short: after a long hiatus during summer I eventually remembered my attempts at shoemaking, which I have neglected for quite a while.
Hence I searched for a small box in my workshop, high up on a shelf, which contained an amazing period straight last from an antique shopping spree (in exactly my size), leather pieces from old worn and torn gloves, which were generously given to me years ago by Ute from Schneiderherz and strong soles made of rubber.
As I usually start each new craft with easy-to-assemble pieces, to understand the process, I decided on a lovely pair of mules from the Rijksmuseum in Amsterdam:
1775-1800, Muiltje van gebatikte Katoen BK-1973-496-B (Quelle/source: Rijksmuseum Amsterdam)
Statt des bemalten Baumwollstoffes entschied ich mich allerdings dazu Leder zu bemalen und zwar mit den geometrischen Mustern, die man auf den Schuhen der 1790er so häufig sieht.
Neben Material aus Altbestand entschloss ich mich in zwei Punkten auf Authenzität zu verzichten: die Schuhsohlen sind aus festem Gummi, das Leder im Aussehen und der Haptik sehr nahe kommt, und die Schuhe sind geklebt und nicht genäht. 
Zudem ist mein Leisten nicht aus den 1790ern, sondern ein paar Jahre/Jahrzenhnte später entstanden, aber für erste Gehversuche in einem neuen Handwerk (dessen Erfolg noch ungewiss war), wollte ich nicht erst in mühevoller Kleinarbeit einen neuen Leisten fertigen.
Instead of the coloured cotton, I decided to paint leather with a geometrical pattern common for the 1790s shoes in many collections.
I used material from old stock, but went away from authenticity in two things: the shoe soles are made of leather like rubber material and the mules are glued and not sewn.
Also the straight last isn't from the 1790s, but a tad later, still I felt it okay for the first few steps into a new craft, which outcome was quite uncertain.

Es stellte sich heraus, das Pantoffel-machen ist ein herrliches Vergnügen!
Nachdem das erste Paar fertiggestellt war, vertiefte ich mich noch ein wenig in die Geschichte der Schuhmacherei und Schusterei und Pantoffelmacherei der 1790er Jahre.
In großen Städten gab es neben den Schuhmachern auch spezialisierte Pantoffelmacher, allerdings war es ihnen versagt auch Schuhe zu fertigen, während Pantoffeln zum Repertoire der Schuhmacher zählten. 
Für die kleine Herstellermarke, welche noch so viele Schuhe in historischen Sammlungen ziert, entschied ich mich der Werkstatt des Schuhmachermeisters Johann David Felgenhauer wieder Leben einzuhauchen...und gibt es einen passenderen Namen für einen Schuhmacher?!
I found out that mule-making is such a delightful pastime! 
After the first pair was done, I delved deeper into the history of shoe-making, shoe-mending and mule-making of the 1790s.
There have been specialized mule-makers in the bigger German towns, but they weren't allowed to make shoes, while mules were part of the repertoire of shoemakers.
For the small shoe label with the maker's name, which is seen on so many shoes in historical collections, I decided to breathe new life to the shoe workshop of shoemaker Johann David Felgenhauer.
1799, Dresden zur zweckmäßigen Kenntniss seiner Häuser und deren Bewohner (Quelle/source: SLUB Dresden)
Einen weiteren tollen Fund bescherte mir durch Zufall Mme du Jard mit einer Quelle, in der detailliert über die Arbeit der Schuhmacher berichtet und zudem noch die Kosten einer Schuh- und Pantoffelanfertigung in Dresden aufführt wird.
Another great find was done by Mme du Jard, who kindly shared a link with a detailed text about the work of shoemakers and the costs/prices in Dresden for shoes and mules.
1779, Policey-und Cameral-Magazin nach alphabetischer Ordnung (Quelle/source: googlebooks)
Vor dem geistigen Auge weben sich die Fäden zu einer Geschichte, die ihren Anfang auf der berühmten Ostermesse in Leipzig nimmt, wo der Dresdener Schuhmachermeister Felgenhauer seine Pantoffeln vorgestellt hat.
Selbstverständlich ist die Damenwelt entzückt und die kleinen feinen Schuhe finden ihren Weg in die besten Haushalte der Stadt und von dort in die umliegenden Städte - dem Journal des Luxus und der Moden sei Dank - bis nach Weimar und schließlich nach Westfalen!
Imaginations starts to weave a story, which took it's beginning at the Easter Fair in Leipzig, where the Dresden shoemaker Felgenhauer introduces his new mules to the public.
The ladies are certainly delighted and the little shoes find their way into the best houses in town and in the neighbouring cities and - with the help of the Journal des Luxus und der Moden - to Weimar and finally Westphalia!
Felgenhauer Pantoffeln im Hause Schiller, im Hause Goethe und im Hause Kirms Krackow
Felgenhauer’s mules in the Schiller House, the Goethe House and the Kirms Krackow House
Die kleinen Pantoffeln schleichen sich auf klipp-klapp Sohlen in die gute Stube von Charlotte Schiller an der Esplanade in Weimar, auch im Haus am Frauenplan werden sie von Christiane Vulpius getragen und selbstverständlich fehlen sie auch nicht im Kirms Krackowschen Haus und Garten...ein Modetrend entsteht und die ortsansässige Modenhändlerin Mad.Oels kann sich vor lauter Nachfrage kaum retten!
The lovely mules sneak on clipp-clapp soles into the home of Charlotte Schiller at the Esplanade in Weimar, they are also worn in the house at the Frauenplan by Goethe's favourite Christiane Vulpius and of course they are seen in the Kirms Krackow house & garden...a fashion trend is spurring up and the local milliner shop owner Mad.Oels is overrun by demand!
…wenn das Journal des Luxus und der Moden heutzutage veröffentlicht hätte
...if the Journal des Luxus und der Moden would have published nowadays
Und was in Weimar die Mode beherrscht, darf in Westphalen nicht fehlen...also erging eine Bestellung und die Schuhe wurden mit großer Ungeduld erwartet!
An what is fashionable in Weimar, should not be missed in Westphalia...thus an order was made and the shoes were expected with great impatience!

Ein Paar Frauenzimmer Pantoffeln in blauem Leder und ein Paar in grünem Seidenzeugs
A pair of mules in blue leather and one in green silk


Fortan stehen die begehrten Frauenzimmerpantoffeln nicht nur am Bett von den Damen Schiller, Vulpius und Kirms, sondern auch in der westphälischen Provinz
From now on the desired mules are not only displayed in the bed chamber of the ladies' Schiller, Vulpius and Kirms, but also in Westphalia

So sollte jeder Morgen beginnen: mit Blick auf die Pantoffeln und Sophie!
This is how each morning should begin: with a glance of new mules and Sophie!
Aber selbstverständlich werden die Schuhe auch getragen! Und ich muß sagen, es ist ein seltsames Gefühl Pantoffeln, die auf gleichem Leisten gefertigt sind, zu tragen.
Aber das feine Leder umschmeichelt den Fuß recht schnell und auch die Mulde auf der Sohle über den Absätzen (siehe Original)  wird sich nach längeren Tragen zeigen.
But of course these mules are also worn! And I have to admit it feels strange at first to wear straight lasted shoes.
But the fine leather quickly embraces the feet and the little dent on the sole over the heels (see original) will show after some wearing.
Morgenstund hat Gold im Mund und Felgenhauers Frauenzimmer Pantoffeln an den Füßen
Praise the early mornings with Felgenhauer’s mules at your feet


Da nun der Herbst beginnt und ich genügend Zeit finden werde die Pantoffeln im Haus zu tragen, werde ich sicherlich demnächst noch einen kleinen Bericht über den Tragekomfort nachschieben können...und weitere Schuhe sind geplant. Ein Leisten mit spitzer Kappe ist bereits gefertigt und ich hoffe, bald wieder etwas aus dem Hause Felgenhauer vorstellen zu dürfen!
Für all jene, die auch schon lange von einem indivduellen, handgefertigten Paar Schuhen träumen, sich aber nicht an das Schuhmacherwerkzeug trauen, das Atelier Angelica Absenta erfüllt alle Schuhwünsche 💓
As autumn is about to be our host I will find enough time to wear the mules around the house, and hopefully I'll be able to add more about the comfort of wearing them...more shoes are planned. I've already carved a straight last with pointy front for the next Felgenhauer model.
For all, who dream about their own individual and handmade pair of shoes for quite a while, but do not dare to assemble them by themselves, the Atelier Angelica Absenta makes shoe dreams come true 💓